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Ich vermisse dich, Zürich

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 12.04.2020 Aline Wanner

Vor zwei Jahren bin ich nach Zürich gezogen. In diesem Frühling in der Quarantäne fühle ich mich der Stadt zum ersten Mal richtig nah. Ein Flirtversuch.

An der Limmat beim Unteren Letten gibt es den Sommer umsonst, laut, braun gebrannt. Und in diesem Jahr? ; Karin Hofer / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung An der Limmat beim Unteren Letten gibt es den Sommer umsonst, laut, braun gebrannt. Und in diesem Jahr? ; Karin Hofer / NZZ

Kurz vor acht beginnt die Nacht, und ich gehe raus, um meine Gedanken freizulassen, aus meiner Wohnung, aus meinem Kopf. Ich kaufe in der Migros-Voi-Filiale um die Ecke ein Bier, 1 Franken 80 («mit Kaaarte?» – «Ja, gerne»), warum habe ich das nie zuvor gemacht?

Wie mir Zürich gefalle, fragen sie mich, seit ich hier wohne, etwas mehr als zwei Jahre sind es nun. Gut, sage ich dann, weil ich mich nicht entscheiden kann. Mir fehlt die Vergangenheit, mir fehlen die Verstecke, die Geschichten, die Erinnerungen, die Sommerabende am Zürichsee, die Nächte an der Langstrasse, die Nachmittage auf der Fritschiwiese, mir fehlen die Freundinnen aus dem Kindergarten, die verflossenen Affären, die Alumni von der Uni, mir fehlt die Nähe zu dieser Stadt. Wenn Freunde aus Deutschland kommen, staunen sie, wie teuer alles ist und wie die Wellen, die Alpen und die Anzüge der Anwälte glänzen. Ich aber suche nach dem dreckigen Charme, nach Orten, wo es etwas gratis gibt oder zumindest günstig, nach Lokalen, in denen es noch einen freien Tisch hat, nach Kumpanen, die sich zu mir setzen für ein Bier und nicht wieder weitermüssen.

Ich gehe der Strasse entlang und blicke ins Tram. Wo verstecken sich all die Leute, die sonst nach Hause fahren und auf ihre Handys schauen, die Mütter mit ihren wendigen Kinderwägen, die Alten, die eine zerknitterte Zeitung auffalten?

Nun bin ich gefangen in Zürich, kann nicht weg in meine alte Heimat, kann mich nicht auf Reisen flüchten, auf Reportage oder wenigstens ins Kino. Also bleibe ich hier und lasse mich treiben. Vom Wipkingerplatz aus sehe ich von weitem ein paar Leute, die vor einem Restaurant stehen, das sich in einen Take-away verwandelt hat. Sie tragen dicke Brillen und schicke Jacken, und ich gehe an ihnen vorbei, ein bisschen zu nah, und bin froh, sind sie da. Der Weg führt mich der Wasserwerkstrasse entlang, ich blicke in das Becken im Unteren Letten. Hier ist der Sommer umsonst, laut, braun gebrannt.

Daneben steht ein Haus, in dem ich Yoga übte, als die Welt noch nicht aus den Fugen war, früher für fünf, schliesslich für zehn Franken die Lektion. Man braucht kein Abo zu kaufen und keine Uijayi-Atmung zu beherrschen, und die Lehrerin zündet keine Räucherstäbchen und keine Kerzen an. Ein Geheimtipp, und das soll er auch bleiben.

Ich litt an einem Minderwertigkeitskomplex

Ich setze mich auf einen Stein am Wegrand. Ein paar Jugendliche trinken vor einer geschlossenen Bar Bier aus Dosen und wirken entspannt, können sie doch für einmal dort sein, ohne etwas zu bestellen. Ich öffne meine Flasche Quöllfrisch und denke an früher, wie wir in der Baselbieter Vorstadt heimlich rumgelungert sind auf der Strasse, vor dem Pfarreiheim, am Waldrand. Wir hatten kein Geld, keine Erwartungen und keine Apéroplättchen, dafür ein paar Zigaretten und Lust auf ein bisschen Widerstand. Ich nehme mir vor, nach dem Lockdown, wie die Politiker diese Apokalypse nun nennen, das wieder öfter zu tun, einfach ein bisschen abhängen. Dafür gibt es selbst in Zürich Platz, man muss ihn sich nur nehmen.

Kennen Sie das Schindlergut? Ich kannte es nicht. Leicht erhöht, versteckt sich der Park hinter der Kornhausbrücke. Ein bisschen verwinkelt, einige Leute treffen sich heimlich in der Dämmerung, die Pandemie zeigt einem, wer die wahren Verbündeten sind im Leben.

Ich erinnere mich an meine ersten Monate in Basel, nachdem ich vom Land in die Stadt gezogen bin, wie ich mit dem Rad durch mein Viertel fuhr, jeden Tag durch eine andere Strasse, irgendwann kannte ich sie alle, die angesagten Achsen, die Klybeckstrasse, die Feldbergstrasse, die Hammerstrasse, ich lernte, wo sie sich kreuzen, wo man tanzen kann und welcher Türke um 6 Uhr in der Früh noch offen hat. Ich lernte, wo man sich eine Wohnung wünscht und wo man sich eine leisten kann. So kam ich an.

Stampfenbachstrasse, Ecke Kinkelstrasse, die merke ich mir (oder ist das schon zu spiessig hier?), Kreisbüro 6, weiter hoch, vor einem Schulhaus patrouillieren zwei Polizisten. Ich gehe zügig, als wohnte ich ganz nah, in einem dieser alten stolzen Häuser, als würde ich rasch in einem Eingang verschwinden. Es ist dunkel geworden, ich blicke neugierig in die Stuben, in die Küchen, ich schaue den Leuten gerne beim Leben zu.

Am Schaffhauserplatz biege ich in eine Seitenstrasse und entdecke «The New New», Michèle Rotens Secondhandladen. Als sie noch Kolumnen für «Das Magazin» des «Tages-Anzeigers» schrieb, lag Zürich für mich sehr weit weg, als sei es Berlin oder New York, wo sich die Miss Universum auch manchmal rumtrieb. Ich stellte mir vor, wie sie mit ihrem Bock durch breite Strassen fährt und an der Uni alte Klassiker liest. Ich litt, woran alle Schweizer leiden, die nicht seit ihrer Kindheit den Kreis 3 vom Kreis 4 und 5 und 6 unterscheiden können: einem Minderwertigkeitskomplex gegenüber dieser grossen Stadt der Erfolgreichen und Schönen.

Ich sass im Hafen am Dreiländereck, der mir rau und romantisch vorkam, und dachte, kein Ort würde ihm je Konkurrenz machen können. Aber als ich vor ein paar Wochen auf einem Bild in der Zeitung sah, wie nun Barrikaden den Zugang zum Zürichhorn und zur Seepromenade versperren, machte mich das traurig. Was für ein Frühling! Und was wohl die nächsten Monate bringen mögen?

Im vergangenen Jahr verbrachte ich meine Mittage zwischen Mai und September zum ersten Mal und so oft wie möglich in der Badi Utoquai. Der elegante Holzbau erinnert mich an das Leben auf einer schwedischen Insel. Wer im See, der auch das Meer sein könnte, abtaucht, vergisst, was ist, und erst recht, was noch kommen könnte. Man schwimmt weit nach draussen, ohne dass die Strömung einen mitreisst. Ich würde mir die Glarner Berggipfel am Horizont in diesen Momenten am liebsten tätowieren lassen. Mein Kollege sagt: «Es fühlt sich an, als würden wir jeden Tag in die Ferien fahren.» Er hat recht.

«Wir sind Boxer! Wir stehen wieder auf!»

Ich erkenne Wipkingen von weitem, Terrain, das es eigentlich zu meiden gilt. Zu viele Kinder, die auf ihren Holztretvelos den Marktständen entlangfahren, während ihre Eltern Weidefleisch vom Hof «poschten». Die Gäste im «Nordbrüggli» schauen ihnen dabei zu, nachdem sie bei der Bedienung einen selbstgemachten Eistee erbeten haben. Wipkingen ist das unangenehme Ende der Aufwertung. In dieser Nacht Anfang April aber hat es wenig Leute auf dem Röschibachplatz. Wer sich auf den kreisrunden Bänken, aus deren Mitte Bäume in den klaren, schwarzen Himmel wachsen, flüsternd gegenübersitzt, hat gerade zwei Meter Abstand. Zum ersten Mal fühle ich mich wohl hier.

Trotzdem würde ich lieber wieder in den Boxklub beim Lochergut auf der anderen Seite der Limmat fahren, wo wir sonst in der Turnhalle schwitzen und es angenehm stinkt und die Leute nach dem Training Zeit haben zum Tratschen, nichts Ergründendes, nur ein bisschen «talk of the town». Nachdem der Bundesrat angekündigt hatte, dass die Sportvereine schliessen müssen, sagte unser Präsident alle Trainings ab und schrieb (uns Journalistinnen und Fotografen und Werberinnen und Grafikern): «Wir sind Boxer! Wir stehen wieder auf!» Ich mag seine lakonische Art. Seither jogge ich jeden Morgen eine Runde um Hönggs Einfamilienhäuser.

Wenn ich vom Kreis 3 kommend (ich habe noch immer nicht verstanden, wo die Grenze zum Kreis 4 verläuft) mit dem Velo über die Hardbrücke in den Kreis 5 (!) fahre, blicke ich auf die Geleise, auf den rohen Beton, im Prime Tower brennt noch Licht. Ich weiss, meistens bleibt es im Konjunktiv, ich könnte jetzt in «Frau Gerolds Garten», in das «Helsinki», in die Bar des Schiffbaus. Es gibt am Escher-Wyss-Platz einen Italiener, der einen Tisch frei hätte, eine Wurstbar, wo es gute Pommes gäbe, einen Koreaner, der mir noch eine Portion schöpfen würde.

Ich gehe durch die Unterführung unter der Rosengartenstrasse durch, die letzte Autobahn der Stadt, die alle irgendwie vom Verkehr beruhigen wollen, aber sie sind sich nicht einig, wie. Darum donnern noch immer die Autos über meinen Kopf hinweg, und ich frage mich, wann und wohin sie verschwinden werden.

So bin ich angekommen.

Ich habe eine Freundin gefunden, mit der ich manchmal an der Ecke Langstrasse/Josefstrasse noch ein bisschen plaudere, bevor wir uns verabschieden. Aber jetzt können wir nirgends mehr hin. Ich gehe nach Hause, das vor mir liegt, viel zu leise, viel zu leer.

Ich vermisse dein Gedränge, deine Geschwindigkeit

Ich verliebe mich immer beiläufig. Ich lerne jemanden kennen und gewöhne mich an seine Art und seine Eigenheiten, ich mache mich gerne über sie lustig, um erst viel später zu merken, was ich vermisse.

Ich vermisse dein Gedränge, Zürich, deine Geschwindigkeit, deine schnoddrige Anonymität (weil in dieser Corona-Krise selbst die Stadt zum Dorf wird, in dem sich alle aufmunternd grüssen), ich vermisse deinen Ehrgeiz, deine Offenheit, deine vielen Versuchungen, all die Läden und Cafés und Theater und Klubs (wo ich, jetzt bereue ich es, viel zu selten bin).

Ich denke, dass du Zuzügerinnen wie mir – denn ohne sie wärst du ja immer leer wie während dieser Pandemie – vergibst, dass sie dich nicht auf Anhieb mögen. Du kannst es dir ja leisten. Du kannst dir alles leisten. Und ich gebe zu: Ich habe eine Schwäche für selbstsichere Arroganz.

Ich komme heim und blicke durch das Stubenfenster. Im Prime Tower ist das Licht aus. Ich vermisse dich, Zürich. Ich bin sicher, du gefällst mir. Wach bald wieder auf.

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