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Nie Weltmeister, aber einer der ganz Grossen der Formel 1: Sir Stirling Moss ist 90-jährig gestorben

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 12.04.2020 Herbie Schmidt

Die Motorsportwelt trauert um den britischen Rennfahrer Stirling Moss. Er ist in der Nacht auf Ostersonntag im Alter von 90 Jahren in seinem Heim im Londoner Stadtteil Mayfair gestorben. Von 1955 bis 1958 wurde er viermal WM-Zweiter der Formel 1. Ein Nachruf.

Stirling Moss im Jahr 2013 Leonhard Foeger / Reuters © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Stirling Moss im Jahr 2013 Leonhard Foeger / Reuters

«Wer glauben Sie, dass Sie sind? Stirling Moss?» Diese Aussage durfte sich im Grossbritannien der 1950er und 1960er Jahre so mancher Strassen-Rowdy anhören, der bei zu schnellem Fahren von der Polizei erwischt wurde. Zu dieser Zeit und noch viele Jahre danach galt Stirling Moss als Inbegriff des schnellen Rennfahrers, zumindest auf der Insel. Bis zu seinem offiziellen Rücktritt als Rennfahrer im Jahr 1962 hatte Moss von 529 gefahrenen Rennen 212 gewonnen. Auch später griff er gelegentlich ins Rennlenkrad.

Moss wurde am 17. September 1929 als Kind eines Zahnarztes in London geboren, der seinerseits nebenbei Rennen fuhr und 1924 am 500-Meilen-Rennen von Indianapolis den sechzehnten Platz belegte. Auch Moss’ Mutter fuhr Bergrennen, weshalb es nicht überrascht, dass Sohn Stirling wie seine jüngere Schwester Pat bereits früh an Pferderennen teilnahm und am Motorsport interessiert war. Pat Moss wurde erfolgreiche Rally-Fahrerin.

Das erste Rennen bestritt Stirling Moss mit 19 Jahren am Steuer eines BMW 328, der seinem Vater Alfred gehörte. Sein erstes eigenes Rennauto, einen Cooper 500, kaufte Moss 1948 mit Preisgeldern aus Pferderennen, gegen den Widerstand des Vaters, der in Stirling einen kommenden Zahnarzt sah. Bereits früh gewann dieser erste nationale Rennen in der Formel 3, doch der erste grosse internationale Sieg folgte 1950 am Vorabend seines einundzwanzigsten Geburtstags in einem geliehenen Jaguar XK120 auf dem nordirischen Rundkurs von Dundrod. Auch als Rallyfahrer zeigte Stirling Moss grosses Talent und wurde etwa 1952 Zweiter am Rally Monte Carlo in einem Sunbeam-Talbot.

Das Glanzjahr 1955

Bereits 1953 wurde der damalige Mercedes-Rennleiter Alfred Neubauer auf Moss aufmerksam. Moss hatte als erster Nichtamerikaner die 12 Stunden von Sebring in einem Osca gewonnen. Neubauer wollte ihn in einem schnelleren Auto fahren sehen und ermutigte Moss, für 1954 einen Maserati 250F anzuschaffen. Mit diesem eher unzuverlässigen Wagen gewann der Brite sein erstes Formel-1-Rennen in Oulton Park, das jedoch nicht zur Weltmeisterschaft zählte. In Monza überholte er die unangefochtenen Champions Fangio und Ascari, deren Hauptrivale er vor allem ab 1955 am Steuer eines Mercedes W196 wurde, denn Neubauer nahm ihn umgehend unter Vertrag.

Das Jahr 1955 gilt als eines der wichtigsten in der Karriere von Stirling Moss. In Aintree gewann er den Formel-1-GP von Grossbritannien als erster Brite überhaupt. Juan Manuel Fangio war sein Stallgefährte und grösster Rivale, aber auch sein Freund und Mentor. Im gleichen Jahr gewann Moss die Tourist Trophy, die Targa Florio und die Mille Miglia.

Weltmeister aber wurde Stirling Moss in der Königsklasse des Motorsports nie. 1955 wurde er Zweiter hinter Fangio, doch Mercedes zog sich vom Motorsport zurück, und der Brite stieg wieder in seinen Maserati, mit dem er auch 1956 WM-Zweiter wurde. Das gleiche Schicksal ereilte ihn 1957 in einem Vanwall. 1958 verlor er den Titel knapp gegen Mike Hawthorn aufgrund seiner sportlichen Fairness. Er hatte dem Rivalen geraten, seinen Wagen nach einem Dreher gegen den Verkehr bergab rollend wieder zu starten. Hawthorns Disqualifikation wurde nach der Intervention von Gentleman Moss rückgängig gemacht, dieser war wieder nur WM-Zweiter – der ewige Zweite.

Stehaufmännchen

Auch von Verletzungen wurde der britische Pilot nicht verschont. 1960 verletzte sich Moss am Grand Prix von Belgien in seinem Lotus schwer, pausierte jedoch nur drei Monate. 1962 verunglückte er in Goodwood erneut in einem Lotus und fiel für einen Monat ins Koma. Anschliessend war er ein halbes Jahr halbseitig gelähmt und entschloss sich nach Testfahrten, die seinen eigenen hohen Ansprüchen nicht genügten, zum Rücktritt.

2010 fiel Moss zu Hause in einen Liftschacht, wobei er sich beide Knöchel brach und eine Wirbelsäulenverletzung erlitt. Dennoch stieg er auch danach wieder ins Rennauto, zuletzt im Juni 2011, als er sich für das Le-Mans-Legendenrennen qualifizieren wollte. Er teilte damals mit, er wolle nun endgültig mit der Rennfahrerei aufhören, er habe sich selbst Angst eingejagt. Er war 81 Jahre alt und längst vom britischen Königshaus als Sir geadelt.

Als Stirling Moss bezeichnen britische Polizisten erwischte Raser heute in Zeiten von Lewis Hamilton nicht mehr, doch auch Moss wurde nach privaten Testfahrten in einem Mini 1960 wegen Rasens der Fahrausweis für ein Jahr entzogen.

Anfang 2018 zog sich Stirling Moss nach einem monatelangen Spitalaufenthalt vom öffentlichen Leben zurück und wurde daheim von Krankenschwestern gepflegt. An Feierlichkeiten zu seinem 90. Geburtstag im September 2019 nahm seine Ehefrau Susie ohne ihn teil.

Der ungekrönte Champion ist nun endgültig ins Ziel gefahren. Der Brite verstarb in London nach längerer Krankheit.

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