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Online-Nachhilfe eröffnet jungen Chinesen aus den ärmeren Regionen neue Perspektiven

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 14.04.2020 Matthias Müller, Peking

In China existiert ein Ungleichgewicht: Die guten Lehrer unterrichtet in den wohlhabenden Städten. Das Gros der Schüler lebt dagegen in den ärmeren Regionen. Die Digitalisierung bietet eine Lösung für diesen Missstand.

Nachhilfe per Handy: Kinder aus benachteiligten Regionen erhalten digitalen Zugang zu qualitativ hochstehenden Bildungsangeboten. ; Tyrone Siu / Reuters © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Nachhilfe per Handy: Kinder aus benachteiligten Regionen erhalten digitalen Zugang zu qualitativ hochstehenden Bildungsangeboten. ; Tyrone Siu / Reuters

Chinas Wirtschaft leidet unter den Folgen der Covid-19-Krise. Die Regierung unternimmt viel, um die kleinen und mittelständischen Firmen, wo die grosse Mehrzahl der Chinesen beschäftigt sind, zu retten. Aber auch diese Krise wird Gewinner hervorbringen. «China kreiert derzeit die Wirtschaft von morgen», sagt der an der IMD Business School in Lausanne lehrende Mark Greeven. Experten wie der Niederländer, der den Lehrstuhl für Innovation und Strategie inne hat, sind sich sicher, dass der wirtschaftliche Stillstand in den vergangenen Wochen der Digitalisierung in China einen zusätzlichen Schub verliehen haben wird.

Dem Nachwuchs soll es besser gehen

Zu den Gewinnern der Krise zählen noch junge Firmen wie Tomorrow Advancing Life (TAL), New Oriental, Koolearn oder Zuoyebang, welche die Notlage genutzt haben, um die Online-Nachhilfe unter Schülern populärer zu machen: Laut Felix Liu, der als Analytiker für die UBS von Schanghai aus den Markt verfolgt, hat die gesamte Online-Nachhilfe-Branche im Februar, als alle Bildungseinrichtungen geschlossen waren, um 107 Prozent gegenüber dem Vormonat zugelegt; 2019 hatte sich das Wachstum im Vergleich mit dem Vorjahr noch auf 34 Prozent belaufen.

Die Anbieter haben die Gunst der Stunde genutzt und den Nachwuchs sowie deren Eltern mit kostenlosen Nachhilfestunden im Internet geködert. TAL hat auf dem chinesischen Twitter-Pendant Weibo mit dem Slogan geworben, die Schüler müssten für ein paar Stunden Unterricht per Live-Streaming nichts zahlen, um die negativen Auswirkungen des Covid-19-Ausbruchs auf die schulische Leistung zu minimieren.

Die Aktion kam gut an. Anfang Februar soll das Plus bei den wöchentlichen aktiven Nutzerzahlen von TAL gegenüber dem Vormonat 387 Prozent betragen haben, heisst es in Branchenkreisen. Diese positive Entwicklung spiegelte sich im Börsenkurs. Die Aktie legte an der Börse in New York zwischen dem 23. Januar, als die Hauptstadt der zentralchinesischen Provinz Hubei, Wuhan, abgeriegelt worden war, und dem 21. Februar, als der Valor einen Höchststand erreicht hatte, um annähernd 23 Prozent auf Dollar 59.47 zu.

Allerdings ist TAL jüngst in die Schlagzeilen geraten, nachdem bekannt worden war, dass ein Mitarbeiter die Zahlen für einen neuen Geschäftsbereich, der annähernd 4 Prozent zum Umsatz beiträgt, gefälscht haben soll. Das Unternehmen erstattete umgehend Anzeige, und der Angestellte befindet sich seitdem in Polizeigewahrsam. Der Aktienkurs sank daraufhin am 8. April um mehr als 7 Prozent auf Dollar 52.06.

Nachhilfe für die Kinder spielt in der wettbewerbsorientierten chinesischen Gesellschaft eine grosse Rolle. «Aus ihnen soll eines Tages mal was werden», lautet der Wunsch vieler Eltern. Statt wie in den westlichen Gesellschaften den Heranwachsenden nach der Schule Zeit zur individuellen Entwicklung zu gewähren, geht in China am Nachmittag der Drill weiter.

Die Eltern lassen sich die Zukunft des Nachwuchses etwas kosten und stellen die eigenen Ansprüche zurück. Kinder sind teuer. Trotz der Lockerung der Ein-Kind-Politik im Herbst 2015 gibt es denn auch keine Anzeichen, dass die Geburtenrate in den kommenden Jahren wieder zunehmen wird. China steht vor einer grossen demografischen Herausforderung.

Der Markt für Nachhilfe profitiert davon, dass die Eltern bereit sind, für die Zukunft des Nachwuchses tief in die Taschen zu greifen. Laut Berechnungen der UBS hat er 2010 rund 184 Milliarden Yuan erwirtschaftet, was rund 24,8 Milliarden Franken entsprach; dazu trug die Online-Nachhilfe nur 3 Milliarden Yuan bei. Im vergangenen Jahr beliefen sich die Erlöse bereits auf 807 Milliarden Yuan (annähernd 109 Milliarden Franken), wobei der Anteil der Offline-Nachhilfestunden bei 91 Prozent des Umsatzes lag.

Dieses Verhältnis dürfte sich jedoch in den kommenden Jahren auch als Folge der Covid-19-Krise weiter verändern. «Bisher haben die Eltern gegenüber Nachhilfe im Internet noch Vorbehalte gehabt. Die Erfahrungen in den vergangenen Wochen sind jedoch positiv gewesen, weshalb die Online-Nachhilfe in den kommenden Jahren kräftig zulegen wird», sagt Liu. Er geht davon aus, dass bis 2025 der Gesamtmarkt 1831 Milliarden Yuan erwirtschaften wird, wobei der Anteil der Online-Nachhilfestunden dann rund 37 Prozent betragen soll.

Diskrepanz zwischen Lehrern und Schülern

Allerdings werden in dem fragmentierten Markt nicht alle Anbieter von den positiven Entwicklungen profitieren. Jüngst hat die China Association for Non-Government Education eine Umfrage unter 1456 Firmen, die Nachhilfe anbieten, publiziert. Danach erwarten drei von vier Anbietern im ersten Halbjahr des laufenden Jahres einen Einbruch des Umsatzes von mehr als 30 Prozent gegenüber der Vorjahresperiode. Viele Unternehmen leiden darunter, dass ihre Offline-Kurse sistiert worden sind. Liu geht vor diesem Hintergrund davon aus, dass es eine Korrektur vor allem bei den grösseren Firmen geben wird.

Mit der zunehmenden Popularität von Online-Nachhilfe sind auch gesellschaftspolitische Entwicklungen verbunden. In China besteht derzeit ein Missverhältnis zwischen dem Gros der Schüler, welche die primären und sekundären Bildungseinrichtungen besuchen, und den guten Lehrkräften. Während Letztere vorrangig in den wohlhabenderen Tier-1- und Tier-2-Städten wie Peking oder Schanghai arbeiten, leben 85 Prozent oder 162 Millionen Kinder in den weniger reichen und vielmals ländlich geprägten Regionen, betont Liu.

Solch eine Diskrepanz bei den Bildungschancen führt dazu, dass der Nachwuchs aus den weniger privilegierten Familien und Gegenden gegenüber seinen Altersgenossen aus den wohlhabenderen Städten kaum Chance hat. Der soziale Status wird so mangels ungleicher Ausgangsbedingungen zementiert.

Allerdings bietet der Online-Nachhilfeunterricht nun Möglichkeiten, die Diskrepanz zumindest in Teilen zu verringern. So können per Live-Streaming Millionen Kinder aus den ärmeren, nachrangigen Tier-Städten dem Nachhilfeunterricht der guten Lehrer aus den reicheren Regionen folgen und damit ihr Wissen verbessern.

Und auch für die Anbieter sowie dem Lehrpersonal bietet Online und dank der Skalierung grosse Chancen: Statt Nachhilfe vor einer begrenzten Anzahl von Schülerinnen und Schülern abzuhalten, können nun Hunderte oder gar Tausende landesweit den Ausführungen folgen. Dieser Umstand entlastet auch den Geldbeutel der ehrgeizigen Eltern, weil die Teilnahme an solchen Online-Stunden deutlich billiger ist als der stationäre Unterricht. Zudem steigt die Souveränität der Kinder. Sie können jene Lehrer wählen, die ihnen zusagen.

Instabiles Internet als Bürde

Und dennoch ist nicht alles Gold, was glänzt. So schrieb die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua am 3. März, dass in einem im Westen Chinas gelegenen Bezirk mehr als 2000 Kinder an einem Online-Unterricht nicht teilnehmen konnten, weil das Internet nicht funktioniert hatte. Mit derartigen Widrigkeiten müssen die in den ärmeren Regionen lebenden Chinesen oft kämpfen. Solche Meldungen sollten den Zentral- und Provinzregierungen einen Fingerzeig geben, wo nach der Covid-19-Krise investiert werden muss, um die Chancengleichheit zu erhöhen.

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