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Zukunft mit zweiter Tramachse in Bern

BZ BERNER ZEITUNG-Logo BZ BERNER ZEITUNG 09.09.2020

Die Regionalkonferenz Bern-Mittelland plant die ferne Mobilitätszukunft. Eine Kernfrage: Wird Köniz künftig mit Tram oder RBS erschlossen?

Für die Regionalkonferenz Bern-Mittelland stösst die heutige Tramachse durch die Marktgasse an die Grenzen ihrer Kapazität. © Foto: Archiv/Franziska Rothenbühler Für die Regionalkonferenz Bern-Mittelland stösst die heutige Tramachse durch die Marktgasse an die Grenzen ihrer Kapazität.

Die Regionalkonferenz Bern-Mittelland, der 77 Gemeinden der Agglomeration Bern angehören, will das ÖV-Netz in der und um die Stadt Bern, massiv ausbauen. Praktisch auf allen Achsen drohten bis 2040 schwere Kapazitätsengpässe, hielten der Ostermundiger Gemeindepräsident Thomas Iten (parteilos), Präsident der Kommission Verkehr, und Martin Moser, Fachbereichsleiter Verkehr, vor den Medien fest. Die Regionalkonferenz legt erstmals eine langfristige Netzstrategie für den ÖV-Ausbau vor, die nun bis Ende Oktober in einen Mitwirkungsprozess geht.

Natürlich neigt man dazu, Verkehrsstrategien als Sandkastenspiele von Ingenieuren abzutun für eine Zukunft, die man vielleicht gar nicht mehr erleben wird. «Infrastrukturprojekte haben aber einen Planungshorizont, der gut und gerne 20 Jahre betragen kann», gibt Thomas Iten zu bedenken.

Daraus folgt: Richtungsentscheide fallen oft zu einen Zeitpunkt, in dem sich höchstens Experten mit dem Thema befassen mögen. Und so können Strategien eine Wirkung entfalten, bevor sich das die Öffentlichkeit richtig bewusst ist.

Mindestens 1,5 Milliarden Franken

Die ÖV-Netzstrategie der Regionalkonferenz geht von einem prognostizierten Wachstum in allen Bereichen aus. Bis 2040 sollen in der engeren Agglomeration im Vergleich zu heute 40’000 Personen mehr leben und zusätzlich 15’000 Arbeitsplätze angesiedelt werden. Einleuchtend, dass damit auch die Pendlerzahlen anschwellen. Würde man, wie es die Regionalkonferenz nun vorschlägt, die ÖV-Kapazitäten dieser Entwicklung anpassen, kommt man gemäss einer groben Abschätzung auf einen Finanzbedarf von mindestens 1,5 Milliarden Franken.

Aus den zahlreichen Ausbauvorschlägen der Regionalkonferenz stechen zwei heraus, die wohl die politische Debatte befeuern werden. Das erste: «Die Umsetzung einer zweiten Tramachse ist mit höchster Priorität zu verfolgen», steht in der Netzstrategie. Spätestens mit der Einführung des Trams Ostermundigen werde die innerstädtische Achse zwischen Hirschengraben und Zytglogge hoffnungslos überlastet sei. Also sei eine Entlastungstramstrecke zwischen Inselareal und Wyler die beste Option. Ob die Linie östlich des Bahnhofs dereinst vom Bollwerk aus über die Lorrainebrücke oder via Speichergasse zur Kornhausbrücke geführt würde, lässt die Regionalkonferenz offen.

RBS bis nach Köniz?

Der zweite Vorschlag mit Aufregerpotenzial betrifft die ÖV-Verbindung vom Bahnhof Bern nach Köniz. Für Thomas Iten und Martin Moser ist klar: Mit Bussen, selbst wenn es Doppelgelenkfahrzeuge sind, ist der Nachfrage auf der Linie 10 nicht beizukommen. Was bedeutet: Entweder legt man eine modifizierte Version des 2014 vom Volk abgelehnten Tramasts nach Köniz auf. Oder man baut auf eine Verlängerung der RBS-Geleise vom Tiefbahnhof, der derzeit ausgebaut wird, via Insel nach Köniz, wo sie mit der S-Bahn-Linie 6 nach Schwarzenburg verknüpft würden.

Welche Variante er vorziehen würde, will Thomas Iten nicht sagen. Eine Zweckmässigkeitsbeurteilung, die der Kanton derzeit für die Erschliessung des Inselareals durchführt, dürfte im Frühjahr 2021 etwas mehr Klarheit bringen.

Unbestritten ist schon heute, dass eine RBS-Trasseeverlängerung allein rund eine Milliarde Franken verschlänge. Dafür würden Bundessubventionen aus den Agglomerationsverkehrsprogrammen beantragt, die allerdings wohl frühestens für die Periode zwischen 2050 und 2055 gesprochen würden.

Obschon es sich um eine ferne Zukunftsvision handelt, hält es Thomas Iten für wichtig, dass sich die Agglomeration Bern früh geeint hinter allfällige Ausbauschritte stelle. Denn beim Ringen um das Geld aus den Bundestöpfen hat Bern nicht die beste Position. Gemäss Prognosen werden die Grossregionen Zürich und Genf-Lausanne deutlich stärker wachsen als Bern und deshalb auch ein grösseres Gewicht haben, wenn es um die Verteilung geht.

Folgen von Corona?

Auch in Bern selber ist jedoch nicht davon auszugehen, dass die nun vorliegenden wachstumsorientierten Vorstellungen der Regionalkonferenz ohne Widerspruch durchgehen. Auch wenn es den ÖV betrifft. Erst letzte Woche präsentierte die «Mobilitätskonferenz», eine verkehrspolitische Initiative linker Parteien und Gruppen bis hin zu den Grünliberalen, ihre Prioritäten. Sie plädieren für ein Wegkommen von der nachfrageorientierten Ausbaustrategie zu einer Verkehrspolitik, die dezidierter auf Langsamverkehr und kurze Wege setzt – auch als Beitrag zu einer Mobilitätsinfrastruktur, die resistenter ist gegen Krisen wie diejenige, die vom Coronavirus ausgelöst wurde.

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