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Kontoeröffnung per Handy und kein Bargeld – Afrikas wichtigster Finanzplatz ist ein Labor für modernes Banking

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 05.02.2020 Von Claudia Bröll, Kapstadt

Geldgeschäfte im Supermarkt und die «erste Behavioural Bank» der Welt: In Südafrika machen sich innovative Fintech-Unternehmen breit. Wie die Zukunft des Finanzsektors aussehen könnte, lässt sich im Land besichtigen.

Die grossen südafrikanischen Geldhäuser sehen sich einer jungen und äusserst kreativen Konkurrenz gegenüber, die die Bedürfnisse der Kunden ernst nimmt. ; Mike Hutchings / Reuters © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Die grossen südafrikanischen Geldhäuser sehen sich einer jungen und äusserst kreativen Konkurrenz gegenüber, die die Bedürfnisse der Kunden ernst nimmt. ; Mike Hutchings / Reuters

Der Weg von der alten in die neue Bankenwelt ist in Kapstadt nicht weit: Die frühere Standard-Bank-Zentrale im Zentrum ist ein monumentaler Bau mit Säulen, Götterstatuen und einer hohen Kuppel. Man nannte sie einst die «Queen der Adderley Street». Bis heute prangt der Name der Bank in grossen Lettern auf der Fassade. Das kunstvoll geschmiedete Eingangstor jedoch ist fest verschlossen, und ein Sicherheitsmann döst dahinter vor sich hin.

Ein paar hundert Meter entfernt wirbt eine neue Bank um Kunden, aber nicht in einem Prunkbau, sondern in der Filiale der Supermarktkette Pick-n-Pay. Gefrorene Hühnchenteile und Maismehl befinden sich dort gerade im Angebot. Der Geruch von Frittieröl weht vom Imbissstand durch die Gänge, und aus den Lautsprechern dudelt Musik.

Fast übersieht man im Einkaufstrubel den gelb beleuchteten Automaten der Tyme-Bank gleich neben den Kassen. Geld abheben könne man nicht, aber Kunde werden, erklärt eine freundliche junge Frau in schwarz-gelber Uniform, den Farben der Bank. Nur ein Personalausweis- und eine Handynummer seien für die Kontoeröffnung nötig. Danach liessen sich alle Transaktionen über eine Handy-App oder online abwickeln. «No documents. No stress», lautet der Werbeslogan. Tatsächlich spuckt drei Minuten später der Automat eine frisch gedruckte Debitkarte aus. Kredite vergebe die Bank neuerdings auch, sagt die Tyme-Angestellte zum Abschied.

Tyme – die Abkürzung für «Take your money everywhere» – ist eine von drei Digitalbanken, die in Südafrikas Finanzwelt gerade für Wirbel sorgen. Eine zweite, die Discovery Bank, ist ebenfalls seit einigen Monaten aktiv, und eine dritte, die Bank Zero, hat nach mehreren Verschiebungen ihr Debüt für dieses Jahr angekündigt.

Schneller als Apple

Südafrika ist der mit Abstand wichtigste Finanzplatz des afrikanischen Kontinents. Die Banken haben eine lange Geschichte, die teilweise bis in die Zeit des Goldrauschs zurückreicht. Vier Grossbanken – Standard, Absa, First National Bank (FNB) und Nedbank – spielen weiterhin eine führende Rolle. Fast 20 Jahre ist es her, dass sie zum letzten Mal an ihrer Dominanz gerüttelt wurde. Damals drängte Capitec – ein Institut, das sich auf ärmere Kunden konzentriert – auf den Markt. Heute ist sie eine der «Big Five» des Finanzsektors.

Co-Pierre Georg, ein deutscher Bankökonom, beobachtet von der Universität Kapstadt aus das Geschehen. In Südafrika könne man einen Augenschein nehmen, wie Bezahlgepflogenheiten und Finanzgeschäfte in Zukunft aussehen würden, erzählt er. Lange bevor Apple, Google und andere das Bezahlen mit dem Handy möglich machten, hatte man am Kap der Guten Hoffnung schon eifrig «gesnapped» und «gezappered». Snapscan oder Zapper sind zwei lokale Pioniere im Bereich Mobile Payment. Sogar die Verkäufer von Obdachlosenzeitungen an Strassenkreuzungen und Angestellte städtischer Verwaltungen akzeptieren Zahlungen per Handy.

Jetzt kommt mit den digitalen Banken die nächste Phase. Diese hätten es nicht nur auf die traditionellen Grossbanken abgesehen, sagt der Ökonom Georg, sondern versuchten auch, den internationalen Tech-Konzernen zuvorzukommen. Apple brachte mit Goldman Sachs beispielsweise jüngst eine Kreditkarte heraus, Google bietet in einigen Ländern Girokonten an, Facebook verfolgt die Vision der Kryptowährung Libra. «Die Tech-Unternehmen können nicht nur auf Milliarden von Nutzern als potenzielle Kunden setzen, sondern haben auch immense finanzielle Möglichkeiten», sagt Georg. «In Südafrika wappnet man sich bereits für diese neue Konkurrenz.»

Hohe Bankgebühren

Unzählige Fintech-Startups gibt es mittlerweile in Afrika. Für fast jeden Bedarf programmieren findige Entwickler Apps, von Kleinkrediten für Landwirte bis zu virtuellen Spardosen. Die drei digitalen Banken aber sind von einem anderen Kaliber. Dahinter stecken prominente Wirtschaftsvertreter wie Patrice Motsepe, der einzige schwarze Milliardär Südafrikas und Schwager des Staatspräsidenten. Eines seiner Unternehmen kaufte die Tyme-Bank 2018 von der Commonwealth Bank of Australia.

Die Discovery-Bank wiederum ist Teil des kotierten Versicherungskonzerns Discovery, des grössten Anbieters von Kranken- und anderen Versicherungen. Und die Bank Zero gründet auf einer Idee des umtriebigen Unternehmers Michael Jordaan. Im Alter von 36 Jahren war er einst der jüngste Bankenchef des Landes und trieb bei der First National Bank (FNB) die technischen Innovationen voran. Heute ist er Wagniskapitalinvestor und Weinfarmer. Auf Twitter heizt er seit Monaten die Spannung auf den Start seiner Bank an. Ein Team von Tech-Experten und ehemaligen FNB-Bankern arbeitet mit Hochdruck an neuen Ideen wie einer Kreditkarte, die besser vor Betrug schützen soll.

Die Gründe, weshalb sich digitale Banken ausgerechnet in Südafrika Chancen ausrechnen, sind vielfältig. Vor allem sind die Bankgebühren deutlich höher als in vielen anderen Schwellenländern. Zwar haben mehr als drei Viertel der Bevölkerung ein Bankkonto – mehr als im restlichen Afrika –, aber viele davon sind nicht aktiv, und die Zahl der Transaktionen ist gering.

Die hohen Gebühren ärgern nicht nur Kunden, sie treiben auch die Notenbank um. «Wir müssen eine Verbesserung erreichen», sagte Kuben Naidoo, Vizegouverneur der Reserve Bank, im vergangenen Jahr an einer Konferenz in Kapstadt. Ein Jahr zuvor hatte die Notenbank eine Reihe neuer Banklizenzen herausgegeben. Das vorrangige Ziel der Notenbank bestehe darin, für Sicherheit und Stabilität im Bankenwesen zu sorgen, sagte Naidoo. «Wir wollen aber auch für einen regen Wettbewerb sorgen und mehr Menschen Zugang zu Finanzdienstleistungen ermöglichen.»

Das spielt in Südafrika eine besondere Rolle. Denn 26 Jahre nach dem Ende der Apartheid ist die schwarze Bevölkerung immer noch viel ärmer als die weisse.

Gefährliches Bargeld

Es ist aber nicht nur eine Frage der Gebühren. «Es gibt in Südafrika eine junge Bevölkerung, die moderner Technik gegenüber viel aufgeschlossener ist als jene in Deutschland», sagt Eugen Töws, Repräsentant der Deutschen Bundesbank in Pretoria. Bargeld etwa ist schon lange unbeliebt, weil es Händler, Kunden und nicht zuletzt die Lieferdienste hohen Risiken aussetzt. Es ist daher gang und gäbe, selbst kleine Beträge mit einer Karte zu bezahlen – oder neuerdings mit dem Handy. Die Bundesbank bezeichnet Südafrika denn auch als interessanten Testmarkt. «Im Land kann man sehen, wie sich die Welt des Zahlungsverkehrs in Zukunft entwickeln wird», resümierte der Bundesbankvorstand Burkhard Balz nach einer Stippvisite am Kap.

Die beiden bereits aktiven Digitalbanken haben unterschiedliche Märkte im Blick. Während die Tyme in den Supermärkten ein Massenpublikum umwirbt, hat es die Discovery-Bank auf die Mittelschicht abgesehen. An Flughäfen wirbt sie auf haushohen Plakaten damit, die «erste Behavioural Bank der Welt» zu sein. Sie wolle ihre Kundschaft zu einem «gesünderen» Verhalten in Finanzangelegenheiten bewegen.

Das Konzept folgt dem Bonusprogramm «Vitality» der Mutterfirma aus dem Versicherungssektor. Teilnehmer sammeln Punkte, wenn sie etwa ins Fitnessstudio gehen, viele Kilometer laufen, sich Gesundheitschecks unterziehen oder gesunde Lebensmittel im Supermarkt einkaufen. Die Punkte lassen sich für Rabatte einlösen, beim Kauf von Kaffees, Speisen, Fitnessklub-Mitgliedschaften oder für Mietwagen- und Flugbuchungen.

Fleissige Bonuspunktesammler

Solche Bonusprogramme kennt man mittlerweile auch in Europa. In einem fitnessverrückten Land wie Südafrika aber ist aus dem Punktesammeln ein nationaler Sport geworden. Zeitungen berichten im Nachrichtenteil, wenn sich Regeln ändern. Ganze Firmenbelegschaften nehmen an Stadtläufen teil, um Punkte zu sammeln. In gewissen Schnellrestaurants ist es nicht unüblich, Smoothies nicht mit Geld, sondern mit Gutscheinen zu bezahlen – selbstverständlich mit dem Handy. Datenschutz? Gläserne Versicherungskunden? Bevormundung und Diskriminierung von unsportlichen Menschen? Wer kritische Fragen stellt, erhält als Antwort meist nur ein Achselzucken. Auch in Südafrikas Medien werden solche Themen kaum diskutiert.

Discovery will das Konzept jetzt auch bei der Bank einsetzen und beispielsweise das Sparen und Investitionen in die Altersvorsorge belohnen. In Südafrika ist die Sparquote extrem niedrig, eine gesetzliche Rentenversicherung gibt es faktisch nicht. Gleichsam als Ersatz erhalten die Kunden Rabatte sowie niedrigere Kredit- oder höhere Sparzinsen. Die Discovery-Bank sei eine «voll funktionsfähige Bank», sagte der Discovery-Gründer Adrian Gore in einem Interview, aber sie sei verhaltensbezogen. «Wir versuchen nicht, den Eindruck zu erwecken, dass die Menschen nur noch eine einzige App benötigen.»

Ob verhaltensbezogen oder nicht, bei allen digitalen Banken geht es letztlich um Big Data. Über Online- oder App-Banking gelangen die Anbieter an einen Datenschatz, von dem traditionelle Banken früher nur träumen konnten. «Schon die Handy-Marke gibt Hinweise auf die Kreditwürdigkeit des Besitzers», sagt Georg von der Universität Kapstadt. Auch aus der Schnelligkeit, mit der Nutzer die Maus über den Bildschirm bewegten, liessen sich interessante Schlüsse ziehen. Zusätzlich liefern die Bonusprogramme eine Fülle weiterer Informationen. So hat die Tyme-Bank ihre Bankkarten mit den Loyalitätskarten der Supermarktkette verknüpft. Wer mit Karte bezahlt, erhält doppelte Bonuspunkte beim Einkauf.

Wie erfolgreich die digitalen Pioniere sein werden, muss sich zeigen. Im südafrikanischen Banksektor aber haben sie den Wettbewerb merklich verschärft. Die Tyme-Bank hat nach eigenen Angaben mehr als eine Million Kunden, wobei nicht alle aktiv sind. Bei der Discovery-Bank sind es weniger. Um die Newcomer fernzuhalten, reagierten die traditionellen Banken mit Gebührensenkungen. FNB etwa kam mit einem «Easy Zero»-Konto auf den Markt. Sofort wurde darüber spekuliert, ob sie versuche, ihrem früheren Chef Jordaan mit seiner «Bank Zero» Paroli zu bieten.

Angst vor Arbeitsplatzverlusten

Wie andernorts hat die zunehmende Digitalisierung aber auch eine Kehrseite. Entlassungen und Filialschliessungen sind auch in Südafrika ein grosses Thema. Im September rief eine Gewerkschaft aus Protest zu einem nationalen Bankenstreik auf, der in letzter Minute von einem Gericht gestoppt wurde. Die Arbeitnehmervertreter forderten nicht nur den Arbeitsplatzerhalt, sondern auch Weiterbildungsprogramme. Auch an der Universität Kapstadt stellt der Ökonom Georg ein grosses Interesse an Fintech-Kursen fest.

Die «Queen der Adderley Street» ist derweil noch auf Touristenkarten vermerkt. In der neuen Bankenwelt aber hat sie wohl keinen Platz mehr. Dass im Gebäude jemals wieder ein Finanzinstitut eine Filiale eröffnen wird, gilt als unwahrscheinlich. Vorübergehend war von einem Museum die Rede, aber der Plan wurde aus Kostengründen fallengelassen. So bleibt das monumentale Gebäude vorerst geschlossen – als Denkmal einer fast vergessenen Ära ohne Apps, Bonuspunkte und leuchtende Automaten.

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