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Wohin mit dem Schweizer Atommüll – vielleicht ins Zürcher Weinland? Weshalb die Nagra dort bohren lässt

Neue Zürcher Zeitung-Logo Neue Zürcher Zeitung 28.06.2020 Reto Flury (Text), Karin Hofer (Bilder)

Nach zwei Jahrzehnten führt die Nagra im Zürcher Weinland wieder Sondierbohrungen für ein Atommülllager durch. Bald will sie sich für einen Standort entscheiden, doch einige Stimmen mahnen zu Vorsicht.

Mitarbeiter einer Spezialfirma fertigen Zement an, um das Bohrloch in Marthalen zu verfestigen. Karin Hofer / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Mitarbeiter einer Spezialfirma fertigen Zement an, um das Bohrloch in Marthalen zu verfestigen. Karin Hofer / NZZ

Fotokameras sind auf dem Bohrplatz ebenso wenig willkommen wie jedes andere elektronische Gerät. Nicht weil das deutsche Bohrunternehmen Daldrup das Licht der Öffentlichkeit scheut, sondern als Teil der Sicherheitsvorkehrungen. Hierzu gehört auch das Schild mit der Aufforderung an die Besucher, die Autos doch bitte rückwärts zu parkieren – nach dem Vorbild der Mitarbeiter, die auf der Bohrstelle tätig sind.

Seit Februar fördert die sonst vorwiegend im Erdölgeschäft tätige Firma in Marthalen Gesteinsproben zu Tage. Den Auftrag für die Sondierbohrung hat sie von der Nationalen Genossenschaft für die Endlagerung radioaktiver Abfälle (Nagra). Inzwischen ist man rund 950 Meter tief in den Untergrund vorgedrungen.

Es sind Regionen, in denen Gas austreten kann, und die seltsam anmutenden Sicherheitsregeln sind gemacht für den äusserst unwahrscheinlichen Fall, dass eine grössere Menge austritt. Darum wird jeder Apparat, der nur ein Fünklein sprühen kann, auf die nahe Besucherterrasse verbannt, und deshalb werden die Wagen so abgestellt, dass man zügig das Weite suchen könnte.

Die Bohrstelle, auf der im Zweischichtbetrieb rund um die Uhr gearbeitet wird, liegt knapp einen Kilometer ausserhalb von Marthalen neben Getreidefeldern und einer Bio-Schweinezucht, deren Ausdünstung die Szenerie nicht wenig mitprägt. Lärmig ist es indessen nicht, obwohl an diesem Nachmittag auf dem Platz mit Bohrturm, Lagerflächen für Rohren und Bürocontainern durchaus Betrieb herrscht.

Im Schritttempo ist ein orangefarbener Lastwagen einer Spezialfirma auf das Gelände gerollt und liefert Zement zur Verfestigung des Bohrlochs. Im Hintergrund brummt ein Hydraulikaggregat, während ein Angestellter im «Doghouse» den Druck, die Temperatur und die Durchlässigkeit im Erdinnern überwacht, wie sie ihm auf Anzeigen gemeldet werden.

Auf dem Platz herrscht viel Betrieb, obwohl der am orangen Turm hängende Bohrer an diesem Nachmittag stillsteht. ; Karin Hofer / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Auf dem Platz herrscht viel Betrieb, obwohl der am orangen Turm hängende Bohrer an diesem Nachmittag stillsteht. ; Karin Hofer / NZZ Am Rand lagert Bohrgestänge, bis es zum Einsatz kommt. Karin Hofer / NZZ © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Am Rand lagert Bohrgestänge, bis es zum Einsatz kommt. Karin Hofer / NZZ

Dort, in rund 580 Metern Tiefe, liegt der Grund für die Bohrung – eine zirka 104 Meter mächtige Schicht aus Opalinuston. Das Sediment, entstanden vor rund 173 Millionen Jahren im Jurameer, gilt wegen seiner Wasserundurchlässigkeit und Quellfähigkeit als geeignetes Wirtgestein für ein Atommülllager. Dessen Bau und Betrieb ist der Zweck der Nagra, seit sie vor bald fünf Jahrzehnten gegründet worden ist.

Noch läuft allerdings die Suche nach einer oder zwei Lagerstätten für hochaktive sowie für schwach- und mittelaktive Abfälle. Infrage kommen mehrere Gebiete, neben dem nördlichen Zürcher Weinland sind es die Gegenden im östlichen Aargau und um den Stadlerberg im Zürcher Unterland («Jura Ost» und «Nördlich Lägern» in der offiziellen Terminologie). Daher ist die Tiefenbohrung bei Marthalen nicht die einzige. «Gepikst» hat die Nagra den Untergrund schon im vergangenen Jahr in Bülach und in Trüllikon, und derzeit sind auch am Bözberg Bohrarbeiten im Gang. Weitere sind in Vorbereitung.

Ein grosser Teil der mit den Sondierungen verbundenen Arbeiten findet aber gar nicht vor Ort statt, wie Tim Vietor, der Bereichsleiter Sicherheit, Geologie und radioaktive Abfälle, sagt. Was auf dem Bohrplatz zu sehen sei, sei quasi nur die Spitze des Eisbergs. Denn der Zweck sei die Analyse der entnommenen Gesteinsproben, wobei vor allem der Opalinuston selbst sowie die Schichten darüber und darunter interessierten.

Dazu fräst der Bohrkopf drei Meter lange Stücke heraus, die an der Oberfläche dokumentiert, verpackt und verschickt werden, zum Beispiel an die Universität Bern, in die USA oder nach Japan. Dort werden sie Belastungstests unterzogen, oder die Wissenschafter pressen Porenwasser und Salze aus ihnen heraus. Deren Alter lässt Rückschlüsse darauf zu, wie gelöste Stoffe durch das Gestein wandern können, wobei im Zusammenhang mit Atommüll gilt: je weniger, desto besser. Laut Vietor sind an den Untersuchungen rund dreissig Teams beteiligt.

Überraschungen seien in Marthalen bisher ausgeblieben, sagt Vietor. Erstens sei der Kenntnisstand über den hiesigen Untergrund schon relativ gut, und zweitens habe sich im und rund um den Opalinuston während Jahrmillionen wenig getan. «Es ist eigentlich eine langweilige Geologie. Aber wir suchen das.»

Dass die Geologie des Weinlands relativ gut bekannt ist, geht auf frühere Untersuchungen bei der Standortsuche für ein Atomendlager zurück – nicht zuletzt auf eine ähnliche Bohrung in den Jahren 1998 und 1999 in Benken, einem Nachbardorf von Marthalen. Deren Ergebnisse liess die Nagra in ihren Nachweis einfliessen, dass in der Schweiz die Entsorgung auch von hochradioaktiven Abfällen möglich ist.

Als sie die Unterlagen für diesen sogenannten Entsorgungsnachweis einreichte, ging es aber nicht bloss um die Theorie. Die Nagra wollte auch gleich zur Praxis schreiten und stellte den Antrag, sich für die weiteren Untersuchungen auf das Weinland fokussieren zu dürfen. Doch damit lief sie beim Bundesrat auf. Im Sommer 2006 bestimmte er, dass die Nagra in einem Sachplanverfahren mehrere Gebiete untersuchen, vergleichen und das geeignetste ermitteln soll, und zwar unter Einbezug von Vertretern der Regionen und der Kantone.

Einer von ihnen ist Jürg Grau, der Gemeindepräsident von Feuerthalen und der Vorsteher der Regionalkonferenz Zürich-Nordost seit ihrer Gründung im Jahr 2011. Sie ist in dem aufwendigen Verfahren, in das etliche Gremien eingebunden sind, das Sprachrohr des Weinlands und der angrenzenden Gebiete. Nicht zuletzt dank ihr sei die Situation heute eine ganz andere als bei der Bohrung vor zwanzig Jahren, sagt Grau. Damals hätten sich fast nur die wenigen Atomkraftkritiker der Gegend vertieft mit der Lagersuche auseinandergesetzt. Heute beschäftigten sich die Leute viel mehr mit dem Thema, sagt er. «Ich besuche kaum einen Anlass, an dem ich nicht auf das Lager angesprochen werde.»

Dabei gab es vor ihrem Start nicht wenige Vorbehalte gegenüber der Regionalkonferenz. Zahnlos werde sie sein, oder ein «Kopfnickergremium». Beides stellte sich laut Jürg Grau als falsch heraus. «Wir in Zürich-Nordost sind von allen Regionalkonferenzen wohl sogar die hartnäckigste», sagt er. Man sei sich bewusst, dass man nicht entscheiden könne, aber man stelle gute Fragen und gebe Bemerkungen und Anregungen ab, die bei Bundesbehörden und Experten auf Gehör stiessen.

Als Beispiel erwähnt Grau das Seilziehen um den Standort der «heissen Zelle». Das Szenario der Nagra sah bisher vor, dass die radioaktiven Abfälle dereinst vor den Eingang des Tiefenlagers angeliefert werden und dort in einer Oberflächenanlage von Transportbehältern in kleinere Endlagerbehälter umgepackt werden. Dass dieser heikle Vorgang der Verpackung direkt vor dem Stolleneingang stattfinden muss, ist durch langjähriges, hartnäckiges Bohren der Regionalkonferenz jetzt infrage gestellt. Vor kurzem hat eine Arbeitsgruppe mit Vertretern der Regionen, der Kantone, aus Deutschland und der Nagra begonnen, nach anderen Standorten – auch ausserhalb der drei Regionen – zu suchen.

Bei einer anderen grundlegenden Frage stockt die Debatte: beim Grundwasserschutz. Mehrere Standorte, welche die Nagra für eine Oberflächenanlage im Kanton Zürich vorgeschlagen hat, liegen über dem Rheingrundwasserstrom oder in dessen Einzugsgebiet. Seit Jahren fordert der Kanton, solche Gebiete zu meiden, da sie eine strategische Trinkwasserreserve für rund 1,5 Millionen Menschen darstellten und eine Oberflächenanlage nicht standortgebunden sei. Für Nördlich Lägern liess er unlängst eine Machbarkeitsstudie anfertigen zur Frage, ob die Anlage weg von der heiklen Zone in den Untergrund verlegt werden könnte. Beim Bund drang der Kanton mit seiner Position bisher jedoch nicht durch.

So wenig Thomas Flüeler die stiefmütterliche Behandlung des Grundwasserschutzes nachvollziehen kann, so sehr streicht er die Unterschiede der heutigen Diskussion zu früheren Anläufen der Nagra heraus. Flüeler ist Erdwissenschafter und Risikoanalytiker, beschäftigt sich seit langem mit der Endlagersuche und ist in der Zürcher Baudirektion für das Dossier zuständig. Heute sei mit dem Sachplan ein systematisches Auswahlverfahren mit klar verteilten Aufgaben im Gang. Auch sei das Wissen über die Geologie der Nordschweiz sehr viel besser – und nehme zu, wie die durchgeführte 3-D-Seismik, die Tiefenbohrungen und die Quartäruntersuchungen vor Augen führten.

Das geht nicht zuletzt auf den Druck der Kantone zurück. Eigentlich hätte die Nagra das Gebiet Nördlich Lägern nach der Etappe 2 ad acta legen und nicht mehr näher untersuchen wollen. Die Stellungnahmen auch der kantonalen Fachleute hatten aber zur Folge, dass der Bundesrat im Herbst 2018 beschloss, die Region im Rennen zu lassen.

Wie lange die Suche noch dauert, ist eine offene Frage. Eigentlich will die Nagra in zwei Jahren bekanntgeben, für welche Region sie sich entscheiden und ein Rahmenbewilligungsgesuch ausarbeiten will – gemessen an der Dauer des ganzen Verfahrens also schon ziemlich bald. Allerdings fordern die Kantone vor dem Entscheid neben anderem genügend Zeit, um die Unterlagen mit ihren Experten zu prüfen und in einem Review-Prozess abzuschätzen, ob auf der Basis der vorhandenen Daten und Unterlagen ein Gesuch fachlich Chancen auf eine Bewilligung hat.

Die Bohrarbeiten in Marthalen sollen noch bis Mitte Juli laufen. Wie viele folgen, ist noch nicht klar. Es hänge davon ab, wie gross die Unterschiede seien, die sich bei den Gesteinsproben aus den verschiedenen Gebieten zeigten, sagt Tim Vietor von der Nagra. Seien sie deutlich und führten zu einem klaren Bild, brauche es weniger.

Derzeit scheint aber das Gegenteil der Fall zu sein. Im Frühling teilte die Nagra mit, dass sie für das Zürcher Unterland eine weitere Bohrung plant.

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