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Die Geschichte der schnellsten Schweizerin

BZ Berner Zeitung-Logo BZ Berner Zeitung 06.07.2018 Christof Gertsch
Ein paar Sekunden Vollgas © Bereitgestellt von Berner Zeitung Ein paar Sekunden Vollgas

Sie war ein ungeschliffener Diamant. Jetzt ist die Mujinga Kambundji auf dem Weg an die Weltspitze.

Es ist eine der vertrautesten Szenen, die der Sport hervorbringt, gewöhnlich und fesselnd zugleich: Sprinterinnen und Sprinter am Start. Wie sie zur Vorbereitung die Arme schütteln und die Oberschenkelmuskeln lockern, wie sie in die Hocke gehen, die Beine nach hinten werfen und sorgfältig die Füsse in den Startblock legen, wie sie den Blick über die Bahn schweifen lassen, den Kopf wieder senken, den Atem verlangsamen und jede Faser ihres Körpers anspannen – und wie sie schliesslich lospreschen, kaum ist das Kommando erklungen: Das wiederholt sich jeden Tag zahllose Male überall auf der Welt, wird auf Pausenplätzen imitiert, in Turnhallen geübt, an Wettkämpfen exerziert, immer genau gleich.

Fast immer. Denn etwas war anders, als sich an einem Freitagabend im März die schnellsten Frauen der Welt aufreihten, um an den Hallenweltmeisterschaften in Birmingham um die Medaillen über 60 Meter zu laufen, die kürzeste Disziplin der Leichtathletik.

Der Unterschied war der: Unter den acht Frauen, die sich für den Final qualifiziert hatten, befand sich eine, die nicht, wie alle anderen, aus Ländern stammte, die im Sprint auf eine grosse Tradition zurückschauen. Die Frau auf Bahn 5, die sich hier mit Weltmeisterinnen und Olympiasiegerinnen mass – sie kam nicht wie ihre Gegnerinnen aus Jamaika, Trinidad & Tobago, der Elfenbeinküste, Frankreich, den Niederlanden. Mujinga Kambundji war aus der Schweiz hergereist, aus Köniz BE, und hatte gerade die schlimmste Krise ihrer Karriere überstanden.

Dass eine Schweizerin im Sprint Weltklasse wird, ist eigentlich so unwahrscheinlich wie die Chance, dass im Loch Ness tatsächlich ein Monster schwimmt. Der Sprint ist eine der ältesten Disziplinen überhaupt und unter allen Sportarten jene mit den niedrigsten Einstiegshürden. Ob in der texanischen Steppe, im Urwald hinter Kingston, in den Höhen von Addis Abeba: Wem das schnelle Laufen liegt, dem sind erst einmal keine Grenzen gesetzt, selbst wenn man ein Leben ohne Privilegien führt. Zum Sprinten sind nicht einmal Schuhe nötig. Das macht diesen Wettkampf so umworben, das Niveau an der Spitze so hoch. Nie seit der Neuzeitpremiere der Olympischen Spiele hatte jemand aus der Schweiz auch nur den Hauch einer Chance.

Dann kam Kambundji, Jahrgang 1992, die zweitälteste von vier Schwestern, die Mutter Schweizerin, der Vater Kongolese. Von ihr, sagte die Mutter einmal, habe Mujinga das Chaotische, Flexible und Verlässliche, vom Vater den kräftigen Körperbau, das sportliche Talent und den Ehrgeiz.

Ein paar Sekunden Vollgas, das ist ihr Ding: Mujinga Kambundji (r) und Simone Facey (l) messen sich in London, 2017. Foto: Getty Images

Mujinga Kambundji war noch ein Kind, als ganz Köniz schon wusste, wer sie ist: die, die allen davonrennt. Sie rannte und spielte, sah im einen dasselbe wie im anderen, aber hatte, so bald ein Startschuss ertönte, eine grössere Ernsthaftigkeit als jede ihrer Mitstreiterinnen. Sie rannte nicht des Rennens wegen, sondern weil sie siegen wollte, eigentlich bewegte sie sich nicht einmal wahnsinnig gern, ging nicht gern wandern, nicht gern spazieren, war eine Sprinterin durch und durch. Ein paar Sekunden Vollgas: Das war ihr Ding.

Sie hatte, als sie eine Anfängerin war, keinen Schimmer von Weltmeisterschaften oder Olympischen Spielen, und sie wusste auch nicht, dass das, was sie tat, für so viele Menschen auf der Welt ähnlich wichtig war. Sie rannte einfach, immer schneller, rannte die 100 Meter so schnell wie kein anderes Mädchen in Köniz, schmiss den Blockflötenunterricht, rannte die 100 Meter so schnell wie kein anderer Teenie in Bern, schmiss das Kunstturntraining, rannte die 100 Meter so schnell wie keine andere Frau in der Schweiz.

Grösser als der Erfolg war nur noch das Interesse, das sie von da an auf sich zog.

12,80 Sekunden im Jahr 2006. 12,17 Sekunden im Jahr 2007. 12,02 Sekunden im Jahr 2008. 11,66 Sekunden im Jahr 2009. 11,53 Sekunden im Jahr 2011. 11,50 Sekunden im Jahr 2013.

Die schnellste Frau der Schweiz zu sein – das hiess im internationalen Vergleich lange so gut wie nichts. Die 11,33 Sekunden, die Kambundji am 14. Juni 2014 in Genf benötigte, um den Landesrekord über 100 Meter zu unterbieten, den dreizehn Jahre lang Mireille Donders gehalten hatte, eine andere Bernerin – diese Zeit reichte noch nicht einmal für die Top 100 der Jahresweltbestenliste.

Doch es war auch bloss der Anfang. Im selben Jahr nahm Kambundji an den Heimeuropameisterschaften in Zürich teil, stiess mit einer Halbfinalzeit von 11,20 Sekunden in den Final vor und wurde Vierte. Grösser als der Erfolg war nur noch das Interesse, das sie von da an auf sich zog.

Sie feiern nach dem 100m Final in Holland, 2016: Dafney Schippers (m., Gold), Ivet Lalova-Collio (l., Silber) und Mujinga Kambundji (r., Bronze). Foto: Getty Images

Als sie vier Tage nach dem 100-Meter-Rennen zur Staffel über 4 x 100 Meter antrat und im ausverkauften Letzigrundstadion schon beim Start den Stab fallen liess, den sie nach Abschluss ihrer Teilstrecke an die nächste Läuferin hätte übergeben sollen – da schloss das Schweizer Sportpublikum sie ins Herz. In den Kommentarspalten hagelte es nicht Häme wie sonst immer, wenn eine Sportlerin unter den Erwartungen bleibt, stattdessen überschüttete man Kambundji mit Trost und Zuneigung: «Du bist die Beste!», «Kopf hoch, das kann jeder passieren!», «Deine beste Zeit kommt noch!»

Wie sie vor Entsetzen das Gesicht in den Händen vergrub und sich bei den Zuschauern so schüchtern und reuevoll für das Missgeschick entschuldigte – das war hinreissend. Und es hatte, nebenbei, die fast schon absurde Konsequenz, dass sie ein Jahr später mit dem Berner Kommunikationspreis ausgezeichnet wurde, der sonst an Professorinnen, Stadtpräsidenten und Musikerinnen geht. Der Grund, wie es an der Ehrung hiess: ihre «sympathische und authentische» Krisenkommunikation.

Kann ich das, wovon ich träume?

Die 11,20 Sekunden von Zürich waren ihr Durchbruch, aber sie bedeuteten auch, dass Fortschritte fortan nicht mehr im Zehntel-, sondern bloss noch im Hundertstelsekundenbereich zu erzielen waren.

11,19. 11,17. 11,07. Alles im Jahr 2015, dann war Schluss, weiter gings nicht. Sowohl an den Olympischen Spielen 2016 als auch an den Weltmeisterschaften 2017 war im Halbfinal Endstation, und Kambundji fing an, sich die für eine Sportlerin vielleicht schmerzhafteste aller Fragen zu stellen: Wars das?

Es kam der Herbst 2017, und mit ihm kamen das Ende der Saison 2016/17 und der Anfang der Saison 2017/18, aber die Frage blieb: Waren Finalplätze an Europameisterschaften und Halbfinalplätze an Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen das Grösste, wozu sie fähig war?

Man glaubt gar nicht, wie viel Koordinationsaufwand eine Karriere erfordert.

Mujinga Kambundji gehört zu jenen Menschen, die sich einen Kopf über alles Mögliche machen. Wenn sie ein neues Bett geliefert bekommt und die Monteure sich für halb sechs ankündigen, dann aber eine Viertelstunde früher auf der Matte stehen, ärgert sie sich noch tagelang, dass ihr die Zeit zum Staubsaugen fehlte, «der Boden war mega dreckig», sagt sie dann, «ich schämte mich so». Sie spricht Berndeutsch wie viele junge Bernerinnen, breit und schnell zugleich, immer auf Achse.

Sport ist ihr Beruf, doch das Training nimmt höchstens die Hälfte des Tages in Anspruch. Man glaubt gar nicht, wie viel Koordinationsaufwand eine Karriere erfordert, wenn man nicht wie ein Fussballer, ein Radprofi oder ein Formel-1-Fahrer bei einem Team angestellt ist, das einem so ziemlich alles abnimmt: Flugbuchungen, Arzttermine, Materialpflege. Eine Einzelsportlerin organisiert alles selbst, es ist ein Balanceakt mit zahllosen Ansprechpartnern, Vereinen, Verbänden, Veranstaltern, ein ständiges Abwägen: Wofür reicht die Zeit?

Man erhält auch nicht einen regelmässigen Lohn wie Teamsportler, sondern sucht sich die Unterstützer selbst, vielleicht gibts etwas Geld vom Verband, vielleicht hat man, wie Kambundji, ein paar Sponsoren. Aber Sponsoren zu haben bedeutet, dass man ihnen eine gewisse Anzahl Tage pro Jahr zur Verfügung steht, für Fotoshootings, Autogrammstunden, Podiumsgespräche. Hinzu kommen die Medientermine. Man kann als Einzelsportlerin noch so gut sein – ohne Publizität hat kein Sponsor auch nur das geringste Interesse.

Beim Citius Leichtathletik Meeting über 100m: Gewinnerin Mujinga Kambundji (r.) und Imani Lara Lansiquot (l.), Bern 2018. Foto: Keystone

Und mit all diesen Zusatzbelastungen verhält es sich nun eben so: Wenn es im Sport läuft, kommt Kambundji recht gut klar damit, kleine Stressmomente wie bei der Lieferung eines neuen Betts ausgenommen. Aber wenn sie im Sport feststeckt, ist ihr auch alles andere zu viel.

Genau so oder noch ein bisschen schlechter fühlte sie sich, als sie im Herbst 2017 entschied, das System aufzulösen, dem sie vier Jahre vertraut hatte: Sie kündigte ihrem Trainer die Zusammenarbeit. Das sorgte für ein kleines Beben in der Leichtathletikszene, denn bei dem Trainer handelte es sich um Valerij Bauer, einen Meister seines Fachs, 2010 hatte er eine seiner Sprinterinnen zum Europameistertitel über 100 Meter geführt. Auch Kambundji hatte er weitergebracht, von 11,50 auf 11,07 Sekunden, aber er hatte so exakte Vorstellungen davon, was funktioniert und was nicht, dass Kambundji mit eigenen Trainingsinputs immer öfter auflief.

Sie wollte weniger Gewichte stemmen, weil sie fand, dass sie zu viel Kraft zugelegt hatte und schwerfällig geworden war, und sie wollte längere Serien laufen, weil sie sich nicht bloss über 60 und 100, sondern auch über 200 Meter etwas versprach (die 60 Meter werden im Winter in der Halle gelaufen, die 100 Meter im Sommer im Freien). Weder das eine noch das andere passte zu Bauers Trainingsphilosophie.

Zurück zu den Anfängen

Die Idee, sich von Bauer zu trennen, war über viele Wochen gereift, aber was danach folgen sollte – darüber hatte Kambundji noch nicht nachgedacht. Jemand aus ihrem Umfeld empfahl ihr, es mit Henk Kraaijenhof zu versuchen, einem Niederländer, dessen beste Zeit eine Weile zurücklag. In den Neunzigerjahren hatte er Merlene Ottey betreut, eine der erfolgreichsten Sprinterinnen der Geschichte. Kambundji reiste zu ihm nach Amsterdam, man tauschte Trainingsideen aus, nahm die Arbeit auf – und stellte bald fest, dass man sich nicht einmal in den gröbsten Zügen einig war, schon gar nicht darin, wie viel Kambundji Kraaijenhof bezahlen sollte.

Das war Ende 2017. Kambundji wusste, dass es richtig gewesen war, Bauer zu verlassen und die Zusammenarbeit mit Kraaijenhof nicht zu vertiefen. Aber das half ihr jetzt auch nicht weiter. Die ersten Rennen der neuen Saison standen unmittelbar bevor, und sie war allein. Wer ihr in jener Zeit begegnete, erkannte sie kaum wieder, sie wirkte niedergeschlagen und müde. Wenn sie lachte, dann bloss, weil das zu ihrem Wesen gehört und sie sich zusammenriss.

Die Frage ist: Holen wir Hilfe? Und wenn ja: bei wem?

Egal, wie sie sich entscheiden würde: Ihr war klar, dass sie unter Beobachtung steht. Die Leichtathletikszene, die überrascht ihre Trennung von Bauer zur Kenntnis genommen hatte; die Sponsoren, die für ihr Geld auf eine Gegenleistung hofften; die Kommentarspaltenschreiberinnen, deren Zuneigung auch eine Erwartungshaltung einschloss – jemand, der vom Sport lebt, gehört nie nur sich selbst.

Wir alle kennen den Moment, in dem wir nicht mehr weiterwissen. Der Moment, in dem sich der Weg, den wir gewählt haben, als Sackgasse entpuppt und unsere einst so grosse Überzeugung einer wachsenden Unsicherheit weicht. Die Frage ist: Holen wir Hilfe? Und wenn ja: bei wem? Mujinga Kambundji suchte Rat bei dem Menschen, von dem sie geglaubt hatte, sie würde seinen Beistand nie mehr brauchen: Jacques Cordey.

Cordey, ein 56-jähriger Gemeindeangestellter, der an seinem Wohnort den freiwilligen Schulsport verantwortet und die jährliche Sportlerehrung organisiert, ist so ziemlich das Gegenteil der Startrainer Bauer und Kraaijenhof. Er nennt sich selbst einen Feierabendtrainer, und das ist eigentlich noch eine Übertreibung, denn inzwischen steht Cordey höchstens noch zweimal pro Woche auf der Tartanbahn, meistens dienstags und donnerstags, wenn er Talente aus der Region in Lauftechnik schult.

Sie war der ungeschliffene Diamant, nach dem sich jeder Trainer sehnt: Mujinga Kambundji, 2018. Foto: Keystone

Wie Kambundji stammt Cordey aus Köniz BE, sein Haus steht in der Nähe ihres Elternhauses. Er war selbst Sprinter, aber weiter als in den Final von Schweizer Meisterschaften brachte er es nie. Dann arbeitete er ein halbes Leben lang als Math-, NMM- und Turnlehrer und zog mit seiner Frau zwei Kinder gross, und wenn es die Zeit zuliess, kümmerte er sich um sein liebstes und eigentlich einziges Hobby. Er war ein Trainer, wie es Tausende gibt in der Schweiz, auf Leuten wie ihm gründet das hiesige Sportsystem, sie investieren Unmengen von Zeit und werden dafür nur unzureichend oder überhaupt nicht mit Geld entlöhnt. Sie tun es, weil ihr Herz es will.

Cordey wurde Kambundjis Trainer, als er mit Leichtathletik kaum noch etwas am Hut hatte. Das war 2008, sieben Jahre zuvor hatte Mireille Donders ihre Karriere beendet, die Frau, deren Landesrekord Kambundji später knacken sollte. Cordey war bis zuletzt ihr Trainer gewesen. Als sie aufhörte, zog auch er sich zurück, längst hatte sich der Aufwand nicht mehr mit dem Berufs- und Familienleben vereinbaren lassen.

Nun begegnete er eines Abends bei einem Spaziergang im Quartier aber Kambundjis Mutter, und die erzählte ihm, dass Mujingas Trainer schwer erkrankt sei und sich nicht länger um sie kümmern könne. Cordey empfand eine Art Verpflichtung, und vor allem fühlte er sich geehrt, dass er gefragt wurde, ob nicht vielleicht er übernehmen könne. Mujinga Kambundji – sie war der ungeschliffene Diamant, nach dem sich jeder Trainer sehnt.

Es ist ein abgedroschenes Klischee, dass die Beziehung eines Trainer zu seiner besten Schülerin der eines Vaters zu seiner Tochter gleicht.

Fünf Jahre lang sollte Cordey ab da an ihrer Seite stehen, in einer Zeit, da dem Sport alle möglichen Dinge in die Quere kommen können: Schule, Freundschaften, Rebellion. Aber er fand eine gute Balance, war meistens rücksichtsvoll und selten zu fordernd.

Cordey organisierte Kambundji Nachhilfe, weil er den Eindruck hatte, dass sie nicht so der Gymityp ist (was er ihr erst sagte, als sie die Matura bestanden hatte), und wenn er glaubte, es sei nötig, erinnerte er sie an den Arzttermin am Nachmittag oder daran, dass sie ihre Einträge im Meldesystem der Anti-Doping-Behörden noch aktualisieren muss (vielleicht tat er das einmal zu oft, jedenfalls herrschte sie ihn irgendwann an: «Du musst mir nicht alles zehnmal sagen, einmal reicht!»).

Sie haben sich nie ganz aus den Augen verloren, auch nicht nachdem sich Kambundji im Herbst 2013 für die jährliche Saisonbesprechung in sein kleines Büro gesetzt und ihm gesagt hatte, dass sie weiterziehen müsse. Zu einem Trainer, der mehr Zeit für sie habe, und an einen Ort mit schnelleren Teamkolleginnen und idealeren Trainingsbedingungen: zu Valerij Bauer nach Mannheim.

Davon, wie diese Trennung vonstattenging, gibt es zwei Versionen: Kambundji sagt, Cordey sei enttäuscht gewesen, aber mit der Zeit habe er sich gefangen und ihr den Entscheid nicht mehr übel genommen. Cordey sagt, er habe es bei seiner Arbeit mit ihr nie auf etwas anderes angelegt, als sie zur Selbstständigkeit zu erziehen und bereit zu machen für den nächsten Schritt. Sicher ist: Ein Trainer wie Cordey, der nicht einen übermässigen Teil seines Selbstwerts aus dem Erfolg seiner Athleten zieht und es nicht allzu persönlich nimmt, wenn ein Athlet ihn verlässt – nach so einem Trainer kann man lange suchen.

Sie zählt zu den Favoritinnen über 100 Meter: Mujinga Kambundji, im Mai 2018. Foto: Keystone

Es ist eines der abgedroschensten Klischees der Welt, dass die Beziehung zwischen einem Trainer und seiner besten Schülerin der eines Vaters zu seiner Tochter gleicht. In diesem Fall ist die Dynamik aber unübersehbar. Cordey wollte Kambundji trainieren – und wusste gleichzeitig, dass er sie eines Tages ziehen lassen müsste. Kambundji wusste, dass sie Cordey alles zu verdanken hat – und dass trotzdem der Tag kommen würde, an dem er ihr nichts mehr beibringen kann.

Cordey hörte nie auf, Kambundjis Werdegang zu verfolgen. Die anderen Leichtathleten, all die Stars – die konnten ihm gestohlen bleiben. Aber für sie setzte er Himmel und Hölle in Bewegung, loggte sich, wenns sein musste, im Internet in irgendwelche Piratenstreams oder nahm den Laptop in die Ferien mit, und wenn ihm bei einem Rennen etwas Sorgen bereitete, eine technische Ungenauigkeit oder eine ungewöhnliche Schlappheit, schrieb er ihr eine Whatsapp-Nachricht. Er nahm ihr nicht übel, dass sie ihm oft erst Tage später antwortete, «sorry, schreibe ich erst jetzt!», dazu das Äffchen-Emoji mit den Händen vor den Augen. Er wusste, dass das ihre Art zu kommunizieren ist.

Als sie ihm Ende 2017, kurz vor Weihnachten, aber von sich aus eine Nachricht schickte, «Jacqi», so nennt sie ihn, «könntest du mir helfen?» – da sagte seine Frau: «Aha, jetzt, da sie keinen Trainer mehr hat, bist du wieder gut genug für sie.» Cordey schüttelte energisch den Kopf, «so ist es nicht», sagte er. In der Region hatte er seit Jahren den Ruf eines Lückenbüssers, der aushilft, wenn ein Trainer oder ein Athlet nicht weiterweiss. Er versagt kaum jemandem die Unterstützung, selbst wenn er ahnt, dass er bloss die letzte Option ist. Aber mit Kambundji, versicherte er seiner Frau, sei es anders, der Kontakt sei ja nie abgebrochen, «ich bin doch nicht blind».

Die Mujinga, die er kennt, zählt zu den besten Starterinnen der Welt.

Zudem, das merkte er schnell, brauchte sie tatsächlich Hilfe. Anfang 2018 schickte sie ihm ein Video, es zeigte sie beim Starttraining in Südafrika, wohin sie sich verzogen hatte, um auf andere Gedanken zu kommen. «Das ist ja fürchterlich», murmelte Cordey, als er sich das Video anschaute, «das ist überhaupt nicht die Mujinga, die ich kenne.»

Die Mujinga, die er kennt, zählt zu den besten Starterinnen der Welt, aber diese Qualität schien sie in den drei Monaten, seit sie Bauer verlassen und es mit Kraaijenhof versucht hatte, verloren zu haben (oder schon früher, wie Cordey vermutet).

«Das ist ja fürchterlich», murmelte er noch einmal. Er kannte die Trainingspläne, die Kraaijenhof für sie geschrieben hatte, und auch die, die zur Überbrückung ihr Freund für sie erstellt hatte. Jetzt schaute er sich die Papiere noch einmal in Ruhe an und schüttelte den Kopf, zu hohe Umfänge, falsche Abläufe, «das funktioniert so nicht».

Cordey setzte sich an den Computer und verfasste neue Pläne, das Kraft- und Konditionstraining gab Adrian Rothenbühler vor, ein wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bundesamt für Sport, der schon früher für Kambundji tätig gewesen war.

Meist schickte sie ihm abends einfach Videos und erzählte, wie sie sich gefühlt habe.

6 x 60 Meter und Frequenzdrills am Dienstag. Krafttraining am Mittwoch. Drei Serien à 3 x 3 0 Meter mit Gewichtswiderstand und Pausen von zwei oder sechs Minuten am Donnerstag. Zwei Serien à 3 x 60 Meter mit Ausklinken nach 30 Metern und Pausen von drei oder sechs Minuten am Freitag. Kraft- und Sprungtraining am Samstagmorgen. Zwei Serien à 3 x 50 Meter mit 95 Prozent Leistungsfähigkeit und 2 x 120 Meter mit 90 Prozent Leistungsfähigkeit am Samstagnachmittag.

Manchmal schaufelte sich Cordey ein paar Stunden frei und sah Kambundji beim Training zu, meist schickte sie ihm abends einfach Videos und erzählte, wie sie sich gefühlt habe. Zusätzlich zu ihrem mühevollen Start gab ihm ein zweites Problem Rätsel auf: dass sie im fliegenden Laufen, also etwa ab Rennhälfte, stetig langsamer wurde. Erst als er frühere mit aktuellen Videos verglich – auf dem Computer hat er alle Aufnahmen archiviert –, erkannte er, dass die Fehler miteinander zusammenhingen.

In der Startposition machte Kambundji mit ihrem Rücken nicht einen kleinen Buckel, wie es richtig gewesen wäre, sondern ein Hohlkreuz. Und wenn sie aus dem Block sprang, kam es zur unvermeidlichen Gegenreaktion: Statt unten zu bleiben, um optimal beschleunigen zu können, richtete sich der Oberkörper kerzengerade auf, und so geriet sie in ein fortwährendes Korrigieren. Alle Spannung war weg, vor allem die in der Hüfte, von der beim Sprint alles ausgeht.

Kollegen beneideten ihn um das Glück, mit so einer Athletin zusammenzuarbeiten.

Es war ein kleiner Eingriff, den Cordey vornahm, aber ein wichtiger. Dass er funktionierte, obwohl die Zeit knapp war, liegt erstens daran, dass sich Cordey und Kambundji schon lange kennen – «wir wissen, wie wir ticken», sagen beide –, und zweitens daran, dass sie, wie er sagt, über die «unwahrscheinlich seltene» Fähigkeit verfüge, sich eine Korrektur einmal anzuhören und sogleich umsetzen zu können. So gesehen sind die beiden ein perfektes Duo, denn Kambundji wiederum attestiert Cordey, dass er sich einen Sprint bloss ansehen müsse und schon hundert Dinge erkenne, die zu verbessern wären.

In Cordeys Theorie gibt es fünf Stufen des Fortschritts, die meisten Athleten kommen über die ersten zwei nie hinaus:

  • 1. Du machst etwas falsch – aber merkst es nicht.
  • 2. Du merkst, dass du etwas falsch machst, aber kannst es nicht verbessern. Kambundji, sagt er, bewege sich auf den Stufen drei bis fünf:
  • 3. Du merkst, dass du etwas falsch machst – und kannst es verbessern.
  • 4. Du merkst, dass du etwas richtig machst.
  • 5. Du hast die Bewegungen automatisiert und merkst gar nicht mehr, dass du sie richtig machst.

Als er noch wirklich ihr Trainer war und nicht bloss die Aushilfe, beneideten ihn Kollegen um das Glück, mit so einer Athletin zusammenzuarbeiten. Sie sahen ja, dass er meistens nicht einmal an den Wettkämpfen zugegen war und eine Whatsapp- Nachricht reichte, um ihr Inputs zu geben. Natürlich berücksichtigte Kambundji die Änderungsvorschläge nicht erst im Rennen, sie weiss, dass sie am besten rennt, wenn sie in eine Art Trance gerät und sich im Nachhinein an nichts erinnert. Aber sie hat sich angewöhnt, die Korrekturen ins Aufwärmen zwischen zwei Läufen einzubauen, «dann habe ich etwas, woran ich denken kann, und bin weniger nervös», sagt sie.

Die neuen Trainingspläne und die Technikkorrekturen waren wichtig – aber vielleicht am wichtigsten für Kambundjis Entwicklung in diesen wenigen Wochen bis zu den Hallenweltmeisterschaften war Cordeys pure Anwesenheit.

Sieben Wochen nach dem Video aus Südafrika startete sie erneut in Magglingen und lief das Rennen ihres Lebens.

Während ihrer Zeit bei Bauer war er manchmal fast schockiert gewesen, wie sehr sie, wie er es ausdrückt, zu denken aufgehört hatte. Wenn sie ihm sagte, dass es nicht mehr so gut laufe, und er ihr sagte, dass sie halt für sich einstehen müsse, so habe er es sie doch gelehrt – dann sagte sie: «Es ist der Job des Trainers, mich schnell zu machen.» Cordeys Antwort war Schweigen, aber für sich dachte er: «Hey, das bist doch nicht du! Das ist doch nicht nur Bauers Job, sondern auch deiner.»

Aus diesem Korsett hatte sie sich im Herbst 2017 befreit, und jetzt, da vorübergehend Cordey zu ihr schaute, konnte die Sprinterin wieder aufblühen, die Verantwortung für sich selbst übernimmt. Sie ging auch wieder allein zu den Wettkämpfen, lief zur Vorbereitung auf die Hallenweltmeisterschaften in Magglingen, Berlin, Karlsruhe und Paris, verbesserte ihre Saisonbestzeit über 60 Meter von 7,23 Sekunden auf 7,14 und auf 7,13. Ihr Rekord lag zu dem Zeitpunkt bei 7,11 Sekunden, er war drei Jahre alt.

Sieben Wochen nach dem Video aus Südafrika startete sie erneut in Magglingen, Schweizer Hallenmeisterschaften, und lief das Rennen ihres Lebens, 7,03 Sekunden, Jahresweltbestzeit, winzige elf Hundertstelsekunden über dem Weltrekord aus dem Jahr 1995. «7,03!!! Schweizer Rekord und World lead!!! Ich bin super happy», schrieb sie auf Facebook, dazu ein lachendes Smiley, ein Smiley mit Herzaugen, ein ungläubiges Smiley und viele weitere Smileys.

Bloss in manchen Artikeln war auch von ihr die Rede.

Die Jahresweltbestzeit hatte nicht lange Bestand, einen Tag später rannte eine Amerikanerin 7,02 Sekunden. Kambundji war froh darum, sie hatte schon befürchtet, als Favoritin an die Hallenweltmeisterschaften zu reisen, dabei ist es ihr lieber, wenn sie nichts zu verlieren hat.

Als sie sich im Internet durch die Vorschauberichte klickte, stellte sie erleichtert fest, dass man von der Jamaikanerin Elaine Thompson als Favoritin sprach, der 100-Meter-Olympiasiegerin, und von der Niederländerin Dafne Schippers und von den Überfliegerinnen Murielle Ahouré und Marie-Josée Ta Lou aus der Elfenbeinküste. Und bloss in manchen Artikeln war auch von ihr die Rede, dann hiess es, ah, da ist noch eine Schweizerin, die 7,03 gelaufen ist. «Das war mir sehr recht», sagt sie.

Die neue Rennordnung

Das Rennen gewann dann Ahouré, Thompson wurde Vierte, Schippers wurde Fünfte. Und Ta Lou und Kambundji? Die rannten fast gleichzeitig über die Ziellinie, ein Unterschied war von blossem Auge nicht erkennbar, der Zielfilm musste entscheiden. Fünf Tausendstelsekunden machten den Unterschied, Ta Lou gewann Silber, Kambundji Bronze, auf Facebook wusste sie sich nur noch mit Grossbuchstaben zu helfen, um dem Unglaublichen Ausdruck zu verleihen.

Am Tag danach, noch in Birmingham, traf sie sich mit Rana Reider, einem Startrainer wie Bauer und Kraaijenhof, auf einen Kaffee. Es war immer klar gewesen, dass die Zusammenarbeit mit Cordey bloss von kurzer Dauer sein würde, in den letzten Wochen hatte sich Kambundjis Interesse für Reider konkretisiert.

Manche nennen ihn einen Diktator, über einen seiner Athleten sagte er einmal: «Wenn er sehr schnell rennt und wir uns auf der Bahn verstehen, er aber denkt, ich sei ein bisschen ein Arschloch, dann ist das mein Job als Trainer.» Reider ist Amerikaner, seine Basis hat er in den Niederlanden, er betreut ein Team aus Topleuten, darunter Schippers, die beste europäische Sprinterin der Gegenwart, der Kambundji gerade ein Schnippchen geschlagen hatte. Kambundji sagte Reider, dass sie sich ihm anschliessen möchte, Reider fragte seine Leute, ob jemand etwas einzuwenden habe. Alle waren einverstanden, auch die direkte Konkurrentin Schippers.

Die 7,03 Sekunden über 60 Meter versprechen einiges.

Seither trainiert Kambundji nach Reiders Plänen, er in den Niederlanden, sie in Bern, sie hören einander jeden Abend. Sie fühlt sich wohl bei ihm, er höre auf sie, sagt sie, und lasse sie mitreden.

Inzwischen hat die Freiluftsaison begonnen, nächste Woche läuft Kambundji an der Athletissima in Lausanne, Mitte August sind die Europameisterschaften. Sie zählt zu den Favoritinnen über 100 Meter, will unter 11 Sekunden laufen, ihre Bestzeit liegt noch immer bei den 11,07 Sekunden aus dem Jahr 2015, aber die 7,03 Sekunden über 60 Meter versprechen einiges.

Jacques Cordey wird sich die Rennen zu Hause am Fernseher ansehen, und aller Voraussicht nach wird er ihr die eine oder andere Whatsapp-Nachricht schicken, und wenn sie grad keine Lust hat, wird sie ihm erst ein paar Tage später antworten. Aber es wird ihm egal sein, er freut sich immer, wenn sie ihm schreibt.

Als sie im März von den Hallenweltmeisterschaften zurückkehrte und ihm von dem Treffen mit Reider erzählte, war er irgendwie froh, das war jedenfalls ihr Eindruck, und sagte: «Es würde für dich keinen Sinn machen, bei mir zu bleiben. Aber du weisst, dass ich immer da bin, wenn du mich brauchst.»

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