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Ein Schnellschuss mit vielen Fragezeichen

Basler Zeitung-Logo Basler Zeitung 16.04.2020

Die geplante neue Ausländerregel im Schweizer Eishockey hat das Potenzial, die Schere zwischen Top- und Keller-Teams noch weiter zu öffnen.

Wenn ein Schweizer geht, soll ein Ausländer kommen: Gaëtan Haas, hier im April 2019 noch als SCB-Spieler, verschwindet hinter dem Vorhang. © Peter Klaunzer/Keystone Wenn ein Schweizer geht, soll ein Ausländer kommen: Gaëtan Haas, hier im April 2019 noch als SCB-Spieler, verschwindet hinter dem Vorhang.

In der letzten Saison wurde wegen des Coronavirus zwar kein Meister gekrönt. Aber 2019/20 dürfte dennoch die vielleicht ausgeglichenste und spannendste Qualifikation unserer Eishockeymeisterschaft gewesen sein. Zwei Mal hintereinander verpasste nun der Titelverteidiger das Playoff. Und die Rapperswil-Jona Lakers, die zwei Mal nacheinander (abgeschlagen) Letzte waren, schafften es letzte Saison dennoch, zumindest in Heimspielen immer wieder Gegner grösseren Kalibers zu dominieren. Das ist mehr Ausgeglichenheit, als die allermeisten Ligen offerieren können – inklusive der NHL, dem Mass aller Dinge im Eishockey.

Ändert dieser Trend aber bereits wieder und öffnet sich die Schere zwischen Top- und Keller-Teams? Die neue Ausländerregel, die am 27. April in der Ligaversammlung finalisiert und beschlossen werden wird, könnte dazu ungewollt beitragen. Im ersten Moment tönt sie simpel und nicht einmal unfair: Spieler mit gültigem Vertrag bei einem NL-Verein, die nach Nordamerika wechseln, dürfen vom Schweizer Club mit einem Import ersetzt werden. Dieser belastet dann weder das Ausländerkontingent (maximal 4 dürfen aufs Matchblatt) noch jenes der Ausländerlizenzen, die ein Club pro Saison lösen darf (maximal 8).

Zusatzregel zum Abkommen mit der NHL

Diese Regel ist ein Zusatzartikel zum historischen Transferabkommen, das die Schweiz ebenfalls ab der Saison 2020/21 mit der NHL eingehen wird. Dieses besagt, dass, wie bereits seit Jahren üblich in allen anderen europäischen Top-Ligen ausser Russlands, auch für die Schweizer Clubs Entschädigungen aus der NHL fällig werden, wenn die beste Hockeyliga der Welt Spieler abwirbt. Die Summen sind vergleichsweise klein, aber es ist immer noch mehr Geld als das, was bislang floss: nämlich nichts.

Gleichzeitig dürfen damit die NHL-Clubs aber ab sofort neu auch Spieler aus der Schweiz abwerben, die keine NHL-Ausstiegsklausel in ihren Verträgen haben – diese Klauseln wird es in Zukunft also gar nicht mehr geben. Für die Planungssicherheit der Schweizer Clubs müssen die NHL-Verträge bis am 15. Juli unterschrieben sein, für frisch im aktuellen Sommer gedraftete Junioren gilt der 15. August als Stichdatum. So viel zur Theorie. Denn im «Corona-Sommer» ist schliesslich kaum etwas klar: Wann und ob die aktuell unterbrochene NHL-Saison 19/20 zu Ende gespielt wird, wann der Draft 2020 stattfindet und wann die Spielzeit 20/21 in Nordamerika beginnt. Sogar von einem Start erst im November wird bereits gemunkelt.

Wo jubelt er nächste Saison: Pius Suter, hier als Topskorer der ZSC Lions am Samstag, 29. Februar 2020, dem letzten Spiel der Saison 19/20. © Walter Bieri/Keystone Wo jubelt er nächste Saison: Pius Suter, hier als Topskorer der ZSC Lions am Samstag, 29. Februar 2020, dem letzten Spiel der Saison 19/20.

Diese Datum-Unsicherheit ist allerdings bei weitem nicht das einzige Problem. Und damit zurück zur Schweiz und ihrer geplanten speziellen und einmaligen Zusatzregel mit den Ausländern, die Schweizer Spieler ersetzen können. Von dieser Zeitung durchgeführte Nachfragen bei diversen NL-Clubs und ihren Sportchefs und CEOs zeigen zum Einen, dass zehn Tage vor der Verabschiedung dieser neuen Regel noch diverse Fragezeichen offen sind und dass einige Punkte je nach Manager unterschiedlich interpretiert werden. Das lässt einen Schnellschuss erahnen. Zum anderen lädt die Regel findige Geister ein, Schlupflöcher und mögliche Mauscheleien zu suchen – und zu entdecken.

Maximal zwei Jahre Ersatz pro Spieler

Aber schauen wir zunächst mal, was möglich oder wahrscheinlich ist: Je nach Definition, und da sind sich beim einen Fall eben nicht alle kontaktierten Manager einig, könnten zum Beispiel folgende beiden Spieler 2020/21 mit einem zusätzlichen Ausländer ersetzt werden, sofern sie dann auch in einer NHL-Organisation spielen: Gaëtan Haas beim SC Bern und Pius Suter bei den ZSC Lions. Der Grund: Beide haben bei ihrem Schweizer Club einen gültigen Vertrag für 20/21. Und sollte Suter sich in Nordamerika festsetzen, dürften die ZSC Lions ihn auch 21/22 mit einem «Gratis»-Ausländer («gratis» im Sinne von ohne Belastung des Ausländerkontingents) ersetzen: Der Mittelstürmer verfügt bei den Zürchern über einen Vertrag bis sogar 2023.

Für eine mögliche dritte Saison in Übersee könnten die Lions Suter aber nicht durch einen Import ersetzen: Ein Spieler, und diesen Punkt bestätigen alle befragten Manager, darf laut neuer Regel maximal für zwei Jahre von einem Import ersetzt werden. Sollte also zum Beispiel Tristan Scherwey (Vertrag beim SCB bis 2027) ebenfalls den Sprung nach Nordamerika wagen und sich dort festbeissen, dürfte Bern ihn nicht sieben, sondern nur zwei Jahre lang mit einem Import-Spieler ersetzen.

Bloss ein Vorbote der generellen Lockerung?

Hier stellen sich bereits ein paar Fragen: Warum müssen es gleich zwei Saisons sein, in der ein und derselbe Spieler durch einen «Gratis»-Söldner ersetzt werden darf? Warum darf eine unlimitierte Anzahl Spieler pro Club durch einen Import ersetzt werden? Wenn im Extremfall (ja, es ist weit hergeholt, aber nicht ausgeschlossen) beim SCB Haas, Vincent Praplan und Scherwey Angebote aus Nordamerika für 2020/21 erhalten und diese annehmen, dürften die Berner nächste Saison sieben Ausländer einsetzen.

Wie erklärt man dem gemeinen Fan, dass die Mannschaft, die zuletzt drei von vier Titeln holte, mit sieben Ausländern spielt, das zuletzt zweifache Schlusslicht aber mit nur mit deren vier? Sind es nicht vorwiegend die Top-Teams, denen Abgänge Schweizer Spieler in die NHL drohen? Von den Lakers beispielsweise wechselte in den letzten 20 Jahren noch nie einer direkt in die beste Liga.

Und wo bleiben in solchen Gedankengängen generell die Rollen für junge Spieler, wenn immer mehr Ausländer erlaubt sind? Wird die Regel «missbraucht», um «gratis» einen ausländischen Goalie zu verpflichten? Es steht schliesslich nirgends, dass ein Abgang eines Schweizer Stürmers auch mit einem Import-Stürmer kompensiert werden muss.

Oder ist diese Spezialregel bloss ein Vorbote einer generellen Lockerung für die Anzahl Imports? Einige Manager plädieren im Falle einer möglichen Aufstockung der National League von 12 auf 13 Teams ab 2021/22 (auch das ist ein Traktandum am 27. April) dafür, früher oder später fix bis zu acht statt vier Ausländer zu erlauben.

Immerhin eine wichtige Frage ist bereits geklärt: Wenn der Schweizer Spieler sein Nordamerika-Abenteuer abbricht und mitten in der Saison zum Schweizer Team zurückkehrt (wie zum Beispiel Ambris Michael Fora vor zwei Jahren), darf der NL-Club keinen zusätzlichen Import-Spieler mehr aufstellen. Was mit dem (ungewollt) überzähligen Ausländer dann passiert, ist das Problem des Clubs.

Ein paar (absurde) Ideen

Wir erwähnten die Schlupflöcher und mögliche Mauscheleien. Die ZSC Lions zum Beispiel könnten sich auf relativ einfache Art und Weise nicht bloss einen fünften (für Suter), sondern gar einen sechsten Import für 20/21 erlauben. Während Pius Suters Wechsel nach Nordamerika wegen der ganzen Ungewissheit rund um das Coronavirus und dessen Einfluss auf die NHL nur als wahrscheinlich gilt, ist jener von Tim Berni beschlossene Sache.

Der Verteidiger wurde 2018 von Columbus gedraftet und wird ab 2020/21 Teil der NHL-Organisation sein. In der Schweiz lief sein Vertrag beim ZSC diesen Sommer aus. Die Lions könnten ihm nun pro forma ebenfalls einen Vertrag für 20/21 anbieten. Berni würde zwar nicht mehr für die Zürcher spielen, dieser Vertrag würde den Lions aber einen zusätzlichen Import für 20/21 ermöglichen.

Und spinnen wir dieses absurde Spiel noch ein bisschen weiter: Warum sollen nicht die Rapperswil-Jona Lakers nun Berni einen mässig dotierten Vertrag für 20/21 anbieten? Es wäre ein Win-Win: Der Spieler erhält ein kleines Handgeld, ohne dass er für die Lakers spielen muss, diese wiederum dürfen dafür 20/21 einen fünften Ausländer einsetzen.

Keiner der befragten NL-Manager konnte einen Weg aufzeigen, wie solche Spielereien sicher verhindert werden sollen mit der neuen Regel. Einige meinten, die Regel sei durch «bereits laufenden Vertrag in der Schweiz» definiert, andere interpretierten sie bloss mit «gültiger Vertrag in der Schweiz». Ein kleiner, aber feiner Unterschied.

Und wer es ganz absurd haben will, für den sei noch diese Spinnerei hier: Lugano (oder sonst irgendein Club) nimmt Berni, Damien Riat (wechselt ab 20/21 von Biel in die NHL-Organisation Washingtons), Tobias Geisser (der Zuger hat einen laufenden Vertrag ebenfalls bei Washington, spielte zuletzt für den EVZ, könnte nächste Saison wieder zurück zu Washingtons AHL-Farmteam in Hershey wechseln) für jeweils eine Saison unter Vertrag, natürlich ebenfalls ohne Absicht, diese drei Spieler auch einsetzen zu wollen. Das hiesse dann sieben Ausländer für die Tessiner 20/21. Einfach so – ohne auch nur einen Spieler wirklich «verloren» zu haben. Dieses Vorgehen wäre nicht verboten. Oder doch? Auch hier gilt derzeit, nur elf Tage vor der definitiven Verabschiedung der Regel, je nach dem, wen man zu diesem «teuflischen» Plan befragt: Definitionssache.

Mindestens 50 NL-Spiele sind nötig

Natürlich wird es nicht gerade so bunt zu und her gehen. Die Clubs hoffen in einer Art Gentleman’s Agreement darauf, dass keiner der Konkurrenten zu so einem ganz und gar nicht Gentleman-liken Spiel ansetzt. Schon nur, falls die Lions die Berni-Karte spielen, dürfte für grossen Unmut beim Rest sorgen, so nachvollziehbar dieser Schritt des ZSC auch wäre: Berni spielte die letzten fünf Jahre schliesslich in der Lions-Organisation.

Und immerhin haben die Clubs bereits so gut wie beschlossen, dass Spieler, die durch einen Import ersetzt werden dürfen, einen gewissen Standard erfüllen müssen. Die meisten Manager sprechen von 50 NL-Partien, die der Spieler bereits absolviert haben muss. Damit soll das absurde Beispiel verhindert werden, dass in der NHL gedraftete Schweizer Junioren, die nach Nordamerika wechseln, bevor sie überhaupt je Männerhockey in der Schweiz spielten, bei uns mit einem Import ersetzt werden dürfen. Immerhin.

Einer der potenziellen Spieler, die in der National League mit einem Import ersetzt werden könnten: Benjamin Baumgartner, Österreicher mit Schweizer Lizenz und Stürmer beim HC Davos. © Gian Ehrenzeller/Keystone Einer der potenziellen Spieler, die in der National League mit einem Import ersetzt werden könnten: Benjamin Baumgartner, Österreicher mit Schweizer Lizenz und Stürmer beim HC Davos.

Doch auch bei dieser 50-Spiele-Regel lassen sich Fragen stellen: Ist es «moralisch» vertretbar, beim EVZ den 21-jährigen Geisser (sofern Zug ihn unter Vertrag für 20/21 nimmt und der Spieler bei Washington seinen Vertrag bis 2022 erfüllt) mit einem Import zu ersetzen? Oder den 19-jährigen Benjamin Baumgartner in Davos? Der Österreicher mit Schweizer Lizenz und NL-Vertrag bis 2021 könnte den HCD verlassen, falls er im NHL-Draft 2020 gezogen wird.

Fragen über Fragen

Es bleiben Fragen über Fragen: Sollte diese Regel, wenn überhaupt, nicht nur für Top-Shots wie Suter oder Haas eingeführt werden? Und macht es wirklich Sinn, Haas hin oder her, wenn ein SCB einen Schweizer Spieler, der die National League 2019 verliess, nun plötzlich auch 2020/21 mit einem Import ersetzen darf?

Wenn er das wirklich darf, weil so genau scheint man das im Moment ja nicht zu wissen …

Ist diese ganze «Ausländer-für-Schweizer-Regel» grundsätzlich überhaupt sinnvoll, zumindest unter sportlichen Aspekten? Hätte es nicht gereicht, sie bloss auf die Torhüter-Position anzuwenden? Denn wenn einem Club am 15. Juli der eingeplante Nummer-1-Goalie an die NHL verloren geht, ist es eine wirklich spezielle Ausnahme-Situation, die nach einer Ausnahme-Regelung schreit.

Und wenn wir über die kommende Saison hinaus blicken: Welche Folgen wird diese Regel für das Schweizer Eishockey in baldiger Zukunft haben? Werden 7-Jahres-Verträge wie jener Scherweys mit Bern plötzlich nicht mehr so aussergewöhnlich sein, da sich die Clubs absichern wollen?

Doch egal, wie man es dreht und wendet: Der Eindruck eines Schnellschusses bleibt haften. Und um mit einer weiteren (nicht ganz) fiktiven Story aus Absurdistan zu schliessen, sei noch dies hier erwähnt: Als Daniel Steiner, klarer Leistungsträger bei Langnau, 2009 nach Nordamerika aufbrach, hätte er mit dieser neuen Regel nicht mit einem Import-Spieler ersetzt werden dürfen, selbst wenn er bei seinem Schweizer Club noch einen laufenden Vertrag gehabt hätte: Denn Steiner unterschrieb damals einen Vertrag direkt mit Farmteams in tieferen Ligen (zuerst ECHL, dann AHL), es waren Kontrakte ohne NHL-Bezug. Und das wäre eben die Voraussetzung, dass einerseits die NHL Abfindungen an die Schweiz zahlt und andererseits der Spieler mit einem Import ersetzt werden darf.

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