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Wie die Queen ihr Volk eint

BZ BERNER ZEITUNG-Logo BZ BERNER ZEITUNG 06.04.2020

Am Sonntagabend hat Königin Elizabeth II. die Briten auf den Umgang mit der Coronakrise eingeschworen. Die TV-Ansprache gilt schon jetzt als historisch – und ist eine von wenigen Ausnahmen.

Am Sonntagabend hat Königin Elizabeth II. sich in einer TV-Ansprache an das britische Volk gewendet. © Foto: AFP Am Sonntagabend hat Königin Elizabeth II. sich in einer TV-Ansprache an das britische Volk gewendet.

Da sitzt sie in der Halbnah-Aufnahme, die Hände im Schoss gefaltet, vom Schreibtisch ab- und der Kamera zugewandt. Nur ein einziger Kameramann durfte aus Sicherheitsgründen die Queen bei ihrer historischen Rede filmen: in Schloss Windsor, dem Ort, an den die 94-Jährige mit ihrem Mann gereist war, um dem Coronavirus zu entkommen. Viel war in Grossbritannien zuletzt darüber spekuliert worden, wann und mit welchen Worten sich die Monarchin an ihr Volk wenden würde.

In Zeiten, in denen selbst der Papst ein ausserplanmässiges «Urbi et orbi» spricht, um allen Gläubigen den göttlichen Segen auszusprechen, versuchen Monarchen, Staats- und Regierungschefs überall auf der Welt, sich mit der richtigen Mischung aus Hoffnung und Durchhalteparolen an ihre Bevölkerungen zu wenden. Für die Queen ist es – abgesehen von den jährlichen Weihnachtsbotschaften – erst die fünfte Fernsehansprache ihrer 68-jährigen Regentschaft. Und anders als in der vergangenen Weihnachtsansprache ist da kein Orchester in militärischen Ausgehuniformen, das ihr einleitend die Hymne spielt, keine Familienfotos schmücken den Mahagoni-Schreibtisch.

Die Königin präsentiert sich als Frau in Isolation, allein an einem kleinen Tisch mit roten Blumen in einer Porzellanvase. Dass sie und ihr Mann Prinz Philip selbst zur Risikogruppe gehören, die zwölf Wochen lang isoliert bleiben soll, dass ihr eigener Sohn Prinz Charles positiv auf das Virus getestet worden war, über all diese persönlichen Dinge spricht Elizabeth II. nicht.

Stattdessen dankt sie mit routiniert ruhiger Stimme den Menschen im Gesundheitssystem für ihren Einsatz und der Bevölkerung, die zu Hause bleibt, um bei der Eindämmung der Pandemie zu helfen. Die Queen im Homeoffice weiss um die Macht der Bilder. Sie kleidet sich elegant, aber dezent. Mit einem unifarbenen Kleid, so frühlingshaft-frisch und hoffnungsvoll wie ein heller Grünton es gemäss der Farbpsychologie eben zu vermitteln vermag. Schaut her, das wird wieder, sagt das Bild, das sie erzeugen möchte. «Bessere Tage werden zurückkehren: Wir werden wieder bei unseren Freunden sein. Wir werden wieder bei unseren Familien sein, wie werden uns wiedersehen», sagt sie wörtlich.

Ihr Premier Boris Johnson hatte vor einigen Wochen, in seiner bekannt bollerigen Art, längst Vergleiche zu Kriegszeiten gezogen. In einer Pressekonferenz verfiel er in den Duktus des Militaristischen, gab den Feldherren, der von Kampf und Sieg über einen «tödlichen Feind» sprach, der so agieren wollte, wie es «jede Regierung in Kriegszeiten» tun müsse.

Elizabeth II. erinnert an ihre Radioansprache im Zweiten Weltkrieg

Die Queen hingegen fühlt sich erinnert an Zeiten, in denen sie selbst als 14-Jährige anderen Kindern in einer Radioansprache Mut zusprechen sollte. 1940 wandte sie sich gemeinsam mit ihrer Schwester an die vor dem Krieg in alle Welt evakuierte Jugend. «Auch heute werden viele wieder ein schmerzhaftes Gefühl der Trennung von ihren Lieben verspüren. Aber jetzt wie damals wissen wir tief im Inneren, dass es das Richtige ist», sagt sie am Sonntagabend rückblickend.

Diesmal aber sei die Herausforderung eine andere – und in ihrer bedacht formulierten Rede fällt weder das Wort Krieg noch das Wort Corona. «Dieses Mal arbeiten wir gemeinsam mit allen Nationen auf der ganzen Welt zusammen und nutzen die grossen Fortschritte der Wissenschaft und unser instinktives Mitgefühl, um zu heilen.»

Nur wenige Stunden nach der Ansprache gilt die Rede bereits als historisch. In den sozialen Medien erhält die Königin grossen Zuspruch. Das Video wurde auf dem Twitteraccount der Royal Family geteilt. Der Text der Hymne, die diesmal im Vorspann fehlt, findet sich in vielen der Reaktionen wieder: «God Save the Queen.»

Ein Überblick über die bisherigen Ansprachen der Queen:

24. Februar 1991: Rede zum Golfkrieg

In ihrer ersten ausserplanmässigen Fernsehansprache musste Königin Elizabeth II. ihre Nation auf einen Krieg einstimmen. Schon damals sieht sie sich in der Rolle, Mut zu geben: dem Volk, aber auch den Streitkräften, auf die die Nation Stolz sei. Sie spricht von ihrer Hoffnung, dass sich die Nation vereinen und für einen schnellen Erfolg beten werde.

Mit dieser Rede trat die Queen in die Fussstapfen ihres Vaters König George IV., der am 3. September 1939 eine historische Rede am Tag der Kriegserklärung an das Deutsche Reich im Zweiten Weltkrieg hielt. Diese Ansprache markiert den Beginn persönlicher Ansprachen von Königen und Kaisern an ihr Volk. In Japan etwa wird die Bevölkerung am 15. August 1945 weinend vor den Radiogeräten sitzen und erstmals die Stimme des Tenno hören, der neun Tage nach dem Atombombenabwurf auf Hiroshima die Kapitulation verkündet.

5. September 1997: Rede zu Dianas Beerdigung

Am Abend vor der Beerdigung von Prinzessin Diana wendet sich die Königin erneut an ihr Volk. Der Tod der beliebten Prinzessin, die in Paris bei einem Autounfall verstorben war, hatte die Monarchie in eine tiefe Krise getrieben. Nach der unglückliche Ehe von Diana mit Prinz Charles wurde Elizabeth II. vorgeworfen, keine Gefühle zu zeigen, weil sie nach dem Tod Dianas in Balmoral Castle in Schottland geblieben war. Das Vertrauen der Briten in die Royals war dramatisch gesunken.

Während andere Reden zuvor aufgezeichnet worden waren, spricht die Königin in dieser Situation live vom Balkon des Buckingham Palace. Es sei nicht leicht, das Gefühl des Verlustes auszudrücken, sagte sie in ihrer bis dahin persönlichsten Ansprache, die sie als «Königin und als Grossmutter» hält, in schwarzem Kleid und mit einer Brille. «Möge jeder einzelne von uns Gott danken für jemanden, der viele, viele Menschen glücklich gemacht hat.»

8. April 2002: Rede zur Beerdigung von Queen Mum

Vor 18 Jahren trauerte Grossbritannien erneut um ein beliebtes Mitglied der Royal Family. Mit 101 Jahren stirbt die Königin Mutter. Und wieder dankt die Queen ihrem Volk für die zahlreichen Beileidsbekundungen. Das Bild ist ein Ähnliches wie bei der Traueransprache zum Tode Dianas.

Aber diesmal zeigt sich die Königin in Trauerkleidung nicht im Palast, sondern einsam vor einem Fenster von Schloss Windsor, im Hintergrund verschwommen ist eine lange Auffahrt zu sehen, kein Blumenmeer, nur eine trauernde Frau, der anzusehen ist, wie sehr der Tod der eigenen Mutter sie mitgenommen hat. Sie schluckt, als sie rückblickend vom langen Engagement und der Lebensfreude ihrer Mutter spricht. Die Zeit, die ihre Mutter erlebte, sei «ein Jahrhundert für dieses Land und das Commonwealth» gewesen. «Nicht ohne Prüfungen und Trauer, aber auch mit aussergewöhnlichen Fortschritten, voller Beispiele für Mut und Dienst genauso wie Spass und Lachen.»

5. Juni 2012: Rede zum Diamantjubiläum als Königin

Erstmals ist es ein fröhlicher Anlass, der die Königin zu einer weiteren ungewöhnlichen Fernsehansprache bewegt. 60 Jahre nach ihrer Thronbesteigung feiert Elizabeth II. ihr Diamantjubiläum als Königin. «Es hat mich tief berührt, so viele tausend Familien, Nachbarn und Freunde in einer so glücklichen Atmosphäre zusammen feiern zu sehen», sagt die Königin, die in der nur etwa einminütigen Rede gleichzeitig allen danken will, die die Feierlichkeiten ausgerichtet haben. «Ich hoffe, dass Erinnerungen an all die glücklichen Ereignisse dieses Jahres unser Leben für viele Jahre erhellen werden.»

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