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Dieser Scheunenfund ist eine kleine Sensation

WELT-Logo WELT 19.11.2018

VW Samba-Bus Scheunenfund © Martin Dreher VW Samba-Bus Scheunenfund

Es gibt keine Scheunenfunde mehr? Dieser Samba-Bulli tauchte nach 30 Jahren Standzeit in Hannover auf – im Originalzustand. Die VW-Szene glaubte zuerst an einen Scherz, doch das Wrack ist echt.

Nüchtern betrachtet, also ohne die rosarote Brille eines Oldtimer-Enthusiasten, wäre dieser heruntergekommene VW Bus ein Fall für den Autofriedhof. Der Motor läuft nicht, der Innenraum ist verfallen, aber was noch schwerer wiegt: Die Karosserie ist großflächig von Korrosion zerfressen, einige Blechteile sind knusprig wie Blätterteig.

"Es gibt sicherlich nicht wenige Leute, für die dieses Fahrzeug nur noch ein Haufen Schrott ist", räumt Martin Dreher ein. Doch der 29-Jährige aus Südbrandenburg hat sich nicht irgendeinen automobilen Pflegefall angeschafft, sondern einen VW Bus T1, Sondermodell "Samba". Und ein Samba-Bus gehört nun einmal zu den Klassikern, für die sich jeder Neuaufbau lohnt – sei die Grundsubstanz noch so ruinös.

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Während andere Klassiker in die Schrottpresse gehen, weil sich ein Neuaufbau wirtschaftlich nicht mehr lohnt, werden Samba-Instandsetzer gerade erst warm. Im restaurierten Zustand kosten die begehrten Bullis inzwischen weit über 100.000 Euro. Die Rendite bei einem gelungenen Neuaufbau ist also fett.

Nur echt mit 23 Fenstern – oder später mit 21 Fenstern: Die T1-Sonderedition Samba wurde 1951 auf der ersten Nachkriegs-IAA in Frankfurt am Main vorgestellt. Die Edelausführung verfügte über ein Faltschiebedach und neun Sitze. Vom normalen T1 Transporter unterschied sich der Fensterbus außerdem durch verchromte Radkappen, das polierte VW-Emblem auf der Front sowie eine zweifarbige Lackierung. Zudem war der Innenraum nicht ganz so spartanisch ausgestattet.

Bei dem Bulli in Brandenburg handelt es sich um einen späten Samba von 1965. Der hat zwei Fenster weniger, da die Heckklappe größer geworden war. 1967 sollte die Produktion des T1 enden und das Nachfolgemodell T2 auf den Markt kommen.

Martin Dreher hat alle Papiere zur Fahrzeughistorie seines Samba vorliegen. Danach wurde der T1 im September 1965 vom VW-Werk in Hannover nach Braunschweig ausgeliefert. Und diente fortan einer Hausfrau als Vehikel. So steht es im Kfz-Brief, in dem damals noch die Berufe der Fahrzeugeigentümer mit angegeben wurden.

Samba-Bus-Scheunenfund © Martin Dreher Samba-Bus-Scheunenfund

Nach über 30 Jahren endete der Dornröschenschlaf

Als Lackierung hatte die Dame die schmucke Kombination aus Tizianrot und Beige-Grau gewählt und einige Extras geordert: eine Standheizung, ein sogenanntes "Lenkanlaßschloß" sowie Rammschutzstoßstangen. In den Folgejahren sollte der Samba einige Male den Besitzer wechseln, aber stets in Niedersachsen bleiben. 1987 ging der 1,5 Liter große Boxer-Vierzylinder dann in den zeitweiligen Ruhestand. Der Bus wurde am 23. Februar abgemeldet, für sechs D-Mark, wie aus der noch vorhandenen Abmeldebescheinigung hervorgeht.

Vor Kurzem wurde der Bulli nun aus seinem langen Dornröschenschlaf erweckt, nach über 30 Jahren Standzeit in einer Halle in Hannover. Der Besitzer hatte sich entschlossen, sich von dem Bus zu trennen. Er schenkte das Fahrzeug seinem Neffen, einem Kfz-Mechaniker aus Berlin. Der aber konnte nichts mit dem Bulli anfangen und erkundigte sich bei ein paar VW-Spezis, was man denn für solch ein Samba-Wrack im Zustand 5 verlangen könne.

Wie sich herausstellte, erstaunlich viel Geld. Denn das Besondere an dem Bulli-Wrack ist, dass es sich um einen unverbastelten Samba im weitgehenden Originalzustand und im Erstlack – nur an einigen wenigen Stellen wurde mal geschweißt und überlackiert – handelt. Dazu kommt die umfassende Fahrzeughistorie.

"Solche Fahrzeugfunde gibt es eigentlich gar nicht mehr auf dem Markt", sagt Lucas Kohlruss. Der Berliner hat sich mit seiner Firma Old Bulli Berlin auf die Vermarktung von historischen VW Bussen spezialisiert. Die meisten T1 und T2 sind längst aufgestöbert. Nur in Nordamerika findet Kohlruss ab und an noch ein gut erhaltenes Exemplar.

Samba-Bus-Scheunenfund © Martin Dreher Samba-Bus-Scheunenfund Samba-Bus-Scheunenfund © Martin Dreher Samba-Bus-Scheunenfund

Gekauft für einen hohen fünfstelligen Betrag

Ein Samba, der in Deutschland erstausgeliefert wurde und auch hier geblieben ist – solch ein Fund sei schon etwas ganz Besonderes, meint Kohlruss. Zumal die Zahl der Blender wächst: Inzwischen wird gewöhnlichen T1-Transportern ein Fensterdach aufgeschweißt. Dann werden die Fakes als originale Samba verkauft. Andere Exemplare sind überteuerte Umbauten aus Brasilien, wo der T1 ebenfalls gebaut wurde.

In der VW-Szene verbreitete sich die Nachricht von dem Samba aus Hannover wie ein Lauffeuer. Manche hielten das Gerücht von dem Samba-Bulli mit kompletter Historie für einen Scherz. Martin Dreher rief trotzdem prompt bei dem Verkäufer an, weil er schon seit langer Zeit nach einem Samba suchte.

Bei der Fahrzeugbesichtigung zeigte sich, dass die Nachricht von dem Scheunenfund kein Fake, sondern die Substanz echt war. Dreher fackelte nicht lange und kaufte den Fensterbus für einen hohen fünfstelligen Betrag.

Für die Kaufsumme hätte sich der Brandenburger auch einen Neuwagen in der oberen Mittelklasse gönnen können. Doch er entschied sich für den Samba mit der Zustandsnote 5. Nun will sich der 29-Jährige in Ruhe nach einem Fachbetrieb umsehen, der seinen geliebten Bus restaurieren soll.

Danach soll das Wrack wieder wie aus dem Ei gepellt aussehen, so wie bei der Auslieferung im September 1965. Klingt nach einem ambitionierten Restaurierungsprojekt. Andererseits hat gerade der Herbst angefangen. Also die perfekte Zeit, um solch ein Wiederbelebungsprojekt zu starten.

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