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Die Moritat von Mackie Messer: Song von Bertolt Brecht und Kurt Weill

DER SPIEGEL-Logo DER SPIEGEL 10.02.2020 Hans Hielscher

"Und der Haifisch, der hat Zähne..." - mit der "Dreigroschenoper" schufen Bertolt Brecht und Kurt Weill 1928 ihren berühmtesten Gassenhauer. Dabei verdankten sie den Song wohl nur der Eitelkeit eines Schauspielers.

© Imagno/ Österreichisches Theatermuseum/ Hulton Archive/ Getty Images

Im Sommer 1928 probten der Komponist Kurt Weill und der Dichter Bertolt Brecht am Berliner Schiffbauerdamm-Theater ihre "Dreigroschenoper", als der damals populäre Schauspieler Harald Paulsen das Produktionsteam bedrängte: Als Darsteller des Protagonisten Mackie Messer müsse er schon am Anfang herausgestellt werden, deshalb wünschte er sich eine zusätzliche Szene. Weill und Brecht fanden die Idee nicht schlecht und schufen für ihr bereits abgeschlossenes Werk noch einen Eröffnungssong. In einer Schauer-Ballade wurden die Untaten des kaltblütigen Mörders Mackie erzählt. Freilich wurde die Mackie-Messer-Moritat bei der Premiere am 31. August nicht von Paulsen gesungen. Die Autoren hatten sich die zusätzliche Figur eines Bänkelsängers ausgedacht, und den spielte Kurt Gerron, ein schwergewichtiger Schauspieler, der zudem den korrupten Polizeichef Tiger Brown darstellte.

Diesen Eröffnungssong hatte es im historischen Vorbild zur "Dreigroschenoper" nicht gegeben, ansonsten aber war das Stück von der "Beggar's Opera" der Briten John Gay und Christoph Pepusch aus dem Jahr 1728 inspiriert. Sie handelt von dem Gangster Maceath (Mackie Messer), der die Tochter Polly des Bettlerkönigs Peachum heiratet. Weill und Brecht übertrugen die Story aus der Feudalzeit ins 20. Jahrhundert.

Brechts Bettler erinnerten an Kriegskrüppel und Arbeitslose, die Gangster an skrupellose Kapitalisten. Damit wurde das 200 Jahre alte Stück ein "zynischer Lobgesang auf die Habsucht und Gier der Bürger in den goldenen Zwanzigern", schrieb der Autor Dietrich Schulz-Köhn. Er wunderte sich über den Applaus des Publikums, das im Jahr vor dem Schwarzen Freitag 1929 den "Frontalangriff auf sich selbst" feierte.

Die "Dreigroschenoper" lief am Schiffbauerdamm über 400 Mal. 19 Theater in Deutschland nahmen sie in ihr Programm. Das Werk wurde in 18 Sprachen übersetzt und 10.000 Mal an europäischen Theatern aufgeführt. Nur eine Inszenierung in den Vereinigten Staaten floppte. In Deutschland hatte 1931 eine Verfilmung mit Rudolf Forster als Mackie und Ernst Busch als Moritatensänger Premiere. Die Brecht-Weill-Oper wurde zum Hit der Weimarer Republik. Die Schauspieler Kurt Gerron und Harald Paulsen brachten Schallplatten mit dem Mackie-Messer-Lied auf den Markt; man konnte es im aufkommenden Rundfunk hören.

Als Hitler im Januar 1933 die Macht übernahm, war schlagartig Schluss mit Mackie Messer. Die "Dreigroschenoper" wurde verboten. Ihre Schöpfer und Protagonisten mussten Konsequenzen ziehen. Der eigentlich als links geltende erste Mackie-Messer-Darsteller Harald Paulsen ging mit der Zeit und trug bei der Kundgebung am 1. Mai 1933 als Vertreter der Schauspielerzunft plötzlich die Hakenkreuzfahne. Der erste Interpret der Mackie-Messer-Moritat, Kurt Gerron, erhielt als Jude Berufsverbot: keine Jobs mehr als Schauspieler, Regisseur oder Produzent.

Die bei den Nazis als "Kulturbolschewisten" geltenden Autoren Weill und Brecht mussten aus Deutschland flüchten. Der Musiker ging über Paris nach Amerika; der Dichter endete dort nach einer jahrelangen Odyssee über Prag, Dänemark, Finnland und die Sowjetunion. Nie wieder zurück nach Deutschland wollte der als Sohn eines Kantors in Dessau geborene Weill; er wurde 1943 amerikanischer Staatsbürger. Brecht hatte als bekennender Kommunisten-Sympathisant Ärger mit den US-Behörden und ging nach Kriegsende in die DDR.

Die beiden Künstler lebten noch in Amerika, als ihre Dreigroschenoper im befreiten Deutschland ihre Wiederauferstehung erlebte - am 15. August 1945 im zerstörten Berlin. Wolf von Eckhardt, ein Emigrant, der damals als US-Soldat in seine Geburtsstadt zurückkehrte, beschrieb, wie er "zwischen Ruinen, unter denen noch Leichen lagen", das Theater suchte, in dem das Stück aufgeführt wurde. Er folgte Leuten "über Schuttberge zu einem tunnelähnlichen Eingang" und fand so das teilzerstörte Hebbel-Theater am Halleschen Ufer.

"Die Schauspieler brauchten sich nicht zu schminken, um wie Bettler auszusehen", erinnerte sich von Eckhardt, "sie waren wirklich ausgezehrt und verhärmt und konnten in ihrer zerlumpten Straßenkleidung auftreten." In der Pause erfuhr der zutiefst erschütterte Ex-Berliner, dass einige der Darsteller gerade erst aus Konzentrationslagern zurückgekehrt waren. Nach der Berliner Aufführung inszenierten mehrere Theater in Deutschland die "Dreigroschenoper".

Leonard Bernstein holte Mackie Messer nach Amerika

Für ihren Spätzünder-Erfolg in Amerika sorgte Leonard Bernstein. Der aufstrebende Komponist und Dirigent beauftragte 1952 seinen Kollegen Marc Blitzstein, die "Three Penny Opera" für die Vereinigten Staaten zu bearbeiten. Blitzstein verlegte die Handlung ins New York von 1870 und schrieb den Text in amerikanischen Slang um. Der hochbegabte Musiker und Autor hatte in Berlin studiert; er erkannte im Schaffen von Brecht und Weill amerikanische Elemente wie Gangster-Folklore, Blues- und Jazzthemen.

Unter Bernsteins Leitung wurde das amerikanisierte deutsche Werk an der Brandeis University im Bundesstaat Massachusetts produziert und mehrfach getestet. Die "Three Penny Opera" passte ins populäre Musical-Format und hatte am 10. März 1954 in New York Premiere. Dort lief sie 96 Mal, weil das Theater De Lys nur für drei Monate zur Verfügung stand. Auf Drängen von Kritikern und Publikum gab es im folgenden Jahr eine Neupremiere; nun wurde die "Three Penny Opera" bis zum Dezember 1961 noch 2611 Mal gespielt und brach den bis dahin bestehenden Rekord des am längsten am Broadway laufenden Musicals. Weills Frau Lotte Lenya verkörperte die Spelunken-Jenny, diese Rolle hatte sie schon bei der Uraufführung in Berlin gespielt.

Zum Welterfolg wurde Mackie Messer als "Mack The Knife"

Die zum Auftakt des Stückes dargebotenen Moritat von Mackie Messer hieß in der amerikanischen Version "Mack The Knife". Bearbeiter Marc Blitzstein fand für Brechts Text knallige einsilbige Worte - und schuf damit eine wunderbare Vorlage für Jazzimprovisationen. Tatsächlich nahm Louis Armstrong das Stück schon 1955 in das Repertoire seiner All Star Band. Seine Stimme und Trompete und die Instrumente seiner Musiker machten den üblicherweise mit Leierkasten-Begleitung dargebotenen Song zur Swingnummer. Sie wurde von Jazzgrößen wie Duke Ellington, Coleman Hawkins und Oscar Peterson gecovert. Ella Fitzgerald scattete 1960 über "Mack The Knife" in der Berliner Deutschland-Halle. Im Jahr vor dem Mauerbau waren unter 12.000 Fans 5000 Besucher aus dem Osten. "Ms. Fitzgerald brachte den Song zurück zu seinem Geburtsort", schrieben amerikanische Journalisten.

Der Konzertmitschnitt "Mack The Knife - Ella in Berlin" wurde 1962 mit einem Grammy ausgezeichnet. Die Jazz-Diva nutzte eine Darbietungsart, die ihr Kollege Bobby Darin erfunden hatte. In seiner 3,5 Millionen Mal verkauften Fassung von "Mack The Knife" wechselte Darin bei jeder Strophe in chromatischer Folge die Tonart und schaffte damit eine dramatische Steigerung.

Darin ging fünf Tonarten höher, Ella schaffte elf. Die Sängerin imitierte zuweilen Armstrongs Raspelstimme und erfand neue Textzeilen. Als die Blitzlichter eines Fotografen die an einer Augenkrankheit leidenden Küstlerin quälten, sang Ella Fitzgerald nach der Melodie "Und der Haifisch, der hat Zähne": "All these flashlights hurt my eyes, dear".

Die McDonald-Kette nutzte "Mack The Knife" als Werbesong

Die Mackie-Messer-Ballade ist möglicherweise das am meisten gecoverte deutsche Lied. In der Liste von Interpreten außerhalb des Jazz-Genres finden sich Bing Crosby, Frank Sinatra, Marvin Gaye, The Doors, Sting, Robbie Williams, ebenso Hildegard Knef, Ute Lemper, Udo Lindenberg und Heino. Rammstein nutzte den Mackie-Messer-Text für das Lied "Haifisch". McDonald's machte für eine Werbekampagne in den Achtzigerjahren aus "Mack The Knife" "Mac tonight". Und wie bei vielen anderen Erfolgsstücken gab es auch um die Mackie-Messer-Moritat einen Plagiatsvorwurf: 2007 behauptete die Tochter des Komponisten Albert Niklaus, die Melodie sei einem Werbesong ihres Vaters von 1927 entnommen. Die Anschuldigung wurde schnell als haltlos erkannt.

Tragisch verlief hingegen das Schicksal jenes Mannes, der die Mackie-Messer-Moritat bei der Uraufführung der Dreigroschenoper gesungen hatte. Kurt Gerron war nach dem Berufsverbot in Nazideutschland ins Exil in die Schweiz gegangen und später in die Niederlande. Dort wurde er nach dem Einmarsch der Deutschen interniert und wie viele holländische Juden ins KZ Theresienstadt verschleppt.

Im Konzentrationslager musste der einst gefeierte Ufa-Mann Regie führen beim Propagandafilm "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt". Der Streifen sollte der Welt vorgaukeln, dass die internierten Juden in geordneten Verhältnissen leben und nach der Arbeit Zeit für ihre Hobbys haben. Der Fake-Film zeigt fröhliche Menschen mit Stern an der Kleidung, die in einer Bibliothek lesen, gärtnern, Theater spielen oder musizieren. Nach seiner Fertigstellung im Herbst 1944 wurde Kurt Gerron nach Auschwitz transportiert und dort umgebracht. Er war 47 Jahre alt.

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