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"Großkatzen und ihre Raubtiere" bei Netflix: Der "Tiger King" und seine Opfer

GQ-Logo GQ 01.04.2020 Felix Reek
entertainment-serie-tiger-king-aufm.jpg © Netflix entertainment-serie-tiger-king-aufm.jpg

Seit Tagen blickt den Kunden von Netflix ein seltsamer Typ entgegen, wenn Sie die App starten. Blondierter Vokuhila, tätowierter Kajal, Baseball-Cap, Tattoos, Piercings. Eine Art White-Trash-Hillbilly-Version von Robert Geiss. “Großkatzen und ihre Raubtiere” heißt die siebenteilige Doku-Serie wenig spektakulär in Deutschland. Im Original klingt das gleich ganz anders: “Tiger King: Murder, Mayhem and Madness”. Ein Titel, so plakativ wie untertrieben.

“Großkatzen und ihre Raubtiere” taucht ein in eine Welt, von der viele nicht einmal wussten, dass sie existiert: den Handel mit exotischen Wildtieren. Vor allem Raubkatzen sind begehrt. Weltweit leben mehr dieser Tiere in Gefangenschaft als in ihrer natürlichen Umgebung. Großkatzen sind auch die Leidenschaft von Joseph Schreibvogel, der sich selbst Joe Exotic nennt. In Oklahoma hält er mehrere hundert von ihnen in einer Art Tierpark. Wobei die Zustände eher an die Trailer-Parks der USA erinnern. Alles ist heruntergekommen und verwahrlost. Das Fleisch für seine Tiere stammt von überfahrenen Kühen oder abgelaufenen Discounter-Waren, die in Lastwagen herangekarrt werden. (Lesen Sie auch: “The Outsider” - lohnt sich die neue Sky-Serie nach Stephen King?)

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Hier im “Greater Wynnewood Exotic Animal Park” versammelt er eine seltsame Mannschaft der Ausgestoßenen. Ehemalige Obdachlose, Ex-Sträflinge, Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben und deswegen rund um die Uhr für einen Hungerlohn arbeiten. Oder mit ihm zusammenleben. Zwei junge Männer hat er mir Crystal Meth gefügig gemacht und geheiratet. Gleichzeitig.

Tiger King und Catwoman

Klingt noch nicht obskur genug? Moment. Seine Nemesis ist Carole Baskin, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, Wildtiere zu befreien. Sie lebt in einer Villa, vollgestopft mit Katzenstatuen und Möbeln im Leo-Look. Selbst ihre Kleidung zieren Catprints. Ganz oben auf ihrer Liste: Joe Exotic, dem sie die Misshandlung der Tiere vorwirft. Er wiederum ist überzeugt, dass sie ihren millionenschweren Ehemann, der spurlos verschwunden ist, umgebracht hat und an seine Tiger verfütterte. Womit er nicht der einzige ist, änderte sie in seinem Testament doch den Passus “nach meinem Tode” in “im Falle meines Verschwindens”. Äußerst ungewöhnlich, konstatiert auch der Anwalt des verschollenen Ehemannes.

Über Jahrzehnte liefern sich die beiden den wohl größten Kleinkrieg aller Zeiten. Carole Baskin mit Hilfe ihrer Millionen Follower in den sozialen Medien, Joe Exotic mit seiner eigenen Doku-Show im Internet und seinen Country-Alben. Genau, denn Sänger ist er auch noch. Und Zauberer. Hinzu kommen noch ein Wildtiere liebender Drogenkönig, der die Vorlage für “Scarface” lieferte, ein Großkatzen-Züchter, der mit drei bis neun Frauen, wer weiß das schon, liiert ist, und ein abgehalfterter Reality-TV-Produzent, der in Joe Exotic all seine Träume wahr werden sieht. (Lesen Sie auch: “Ozark” Staffel 3 - alle gegen alle)

Geschichten, die man sich nicht ausdenken kann

Es ist kein Wunder, dass in den USA “Großkatzen und ihre Raubtiere” gerade die Serien-Sensation ist. In einer Zeit, die selbst wie eine dystopische Fiktion erscheint, ist sie der perfekte Eskapismus. Weiter weg von der Wirklichkeit als in “Tiger King” geht es nicht. Selbst der abgebrühteste Reality-TV-Sender hätte diese Geschichte als zu überzogen abgelehnt. Nur ist sie wirklich so passiert.

Dass Joe Exotics Leben nun doch verfilmt wird, verdankt er vor allem seinem Ego. Der Großkatzen-Besitzer ließ sich rund um die Uhr filmen, er sah sich zu Höherem bestimmt, sammelte Material für sein eigenes Biopic. Diese Aufnahmen bilden nun einen großen Teil von “Großkatzen und ihre Raubtiere”, ergänzt durch Interviews mit allen Beteiligten. Was auch das größtes Manko der Dokumentation ist: “Großkatzen und ihre Raubtiere” bleibt immer an der Oberfläche. Wer Joe Exotic wirklich ist, erfahren wir nie. Er bleibt die Person, als die er gerne wahrgenommen werden will, die er selbst geschaffen hat. Der “Tiger King”, der auf einem Thron in seinem Raubtiergehege Audienzen gibt.

Sein Ziel hat er auf jeden Fall erreicht: Er ist berühmt. Nur wohl nicht ganz so, wie er es sich vorgestellt hat. Im Januar wurde Joe Exotic zu 22 Jahren Haft verurteilt. Neben diversen Vergehen gegen artgerechte Tierhaltung, soll er einen Auftragsmörder engagiert haben, um seine Gegenspielerin Carole Baskin aus dem Weg räumen zu lassen. (Lesen Sie auch: “ZeroZeroZero” bei Sky - die globale Sucht nach Kokain)

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