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ESC-Alternative bei Pro7 und der ARD: So liefen die Ersatz-ESC-Shows

Tagesspiegel-Logo Tagesspiegel 17.05.2020 Jan Freitag

Weil der ESC dieses Jahr dank Corona ausfällt, hatten ARD und ProSieben am Samstag Ersatzshows organisiert. Die Gewinner kamen aus Litauen und Spanien.

Kate Hall tritt für Dänemark in der Show «Free European Song Contest» auf. Der Songwettbewerb wurde live bei ProSieben ausgestrahlt. © Foto: dpa Kate Hall tritt für Dänemark in der Show «Free European Song Contest» auf. Der Songwettbewerb wurde live bei ProSieben ausgestrahlt.

Manchmal, selten zwar, aber falls doch, mit Getöse, vollendet sich die „Tagesschau“ im nachfolgenden Show-Programm. Am Samstag zum Beispiel musste Linda Zervakis mal wieder die Nachricht verlesen, dass bundesweit gegen die Vernichtung des deutschen Volkes durch Bill Gates demonstriert wurde, da fütterte ProSieben den verschwörungstheoretisch angedickten Reichbürgerwahn mit einem Alternativprogramm für den ausgefallenen European Song Contest, bei dem die Hälfte der Kandidaten, kein Scherz: Deutsch sangen.

Okay, nach dem Ausfall des echten Grand Prix ersetzte ihn Stefan Raab bei seinem alten Arbeitgeber durch ein Surrogat nach Privatfernsehart, dessen Teilnehmer meist aus Passdeutschen ausländischem Blut wie Eko Fresh, Vanessa Mai, Sarah Lombardi bestanden.

Dennoch war es irritierend, wie unter den Fahnen Kasachstans, Bulgariens, Polens und der Türkei, Italiens, Kroatiens, Bulgariens, sogar Israels Titel von „Du bist genug“ bis „Alles auf Hoffnung“ vollführt und dabei vom infantilen Off-Sprecher auch noch mit rassistischen Klischees über Autodiebe, Faulpelze oder eine Spaßpartei namens PiS angekündigt wurden. Selten war die Simulation der Unterhaltungsnormalität im Ausnahmezustand bizarrer.

Obwohl: nicht nur bei ProSieben. Als die Moderator/in Conchita Wurst mit dem notorischen Steven Gätjen im Smoking relativ seriös gekleidet durch vier Stunden Live-Show aus Köln-Mühlheim führte, lud die notorische Barbara Schöneberger parallel im Ersten eher karnevalistisch gekleidet zum „Eurovision Song Contest 2020 – das deutsche Finale live aus der Hamburger Elbphilharmonie“.

Längerer Titel, ähnlicher Aberwitz: Wie derzeit üblich, musste auch die ARD ohne Saalpublikum auskommen, was formell zu angenehm formatfremder Stille führte. Dummerweise wurde sie andauernd von der völlig überdrehten Moderatorin zersägt.

Während sich der Kommentar-Veteran Peter Urban also um Sachlichkeit bemühte, riss Schöneberger Zoten über Domestos-Shots oder mehr Pfeifen in der Elphi-Orgel „als im deutschen Bundestag“, was angesichts der Umsturzdemos vom Nachmittag noch bedenklicher war als ProSiebens Polenwitze.

Die „Super-Show“ des eigenen Kanals

Dafür hatte die ARD echte ESC-Teilnehmer auf oder vor der vergleichsweise kleinen LED-Wand, wo sie ihre offiziellen Beiträge vortrugen.

Wegen der Reisebeschränkung sangen sieben der zehn Halbfinalgewinner vom Samstag ihren Schlagerpop von der Videoleinwand. Aber selbst, wenn andere wie Ben & Tan aus Dänemark, das isländische Trio Daði og Gagnamagnið oder – außer Konkurrenz – der Deutsche Ben Dolic in die heiligste Halle hanseatischer Selbstüberschätzung gereist kamen, war die Atmosphäre nie auch nur annähernd so aufgebläht wie bei der kommerziellen Konkurrenz.

Deren 16 Solisten und Bands stammen wie der hiesige Überraschungskandidat Helge Schneider vorwiegend aus Deutschland und qualifizieren sich eher durch eingewanderte Eltern für ausländische Acts.

Dafür aber sprangen sie live on stage durch Abermillionen LED-Lampen, die zumindest den Anschein üblicher TV-Shows solcher Größenordnung vermittelten. Weil die Form also nicht halb so gefaked war wie der Inhalt, zeigte sich #FreeESC verglichen mit den Geisterspielen der Fußballbundesliga Stunden zuvor gewissermaßen als spiegelbildliche Entsprechung unserer verdrehten Scheinrealität.

Daran konnten auch „the votes“ der beteiligten Länder nichts ändern, bei denen die entertainmenterfahrene Heidi Klum als deutsche Jurorin realitätsfern die „Super-Show“ des eigenen Kanals loben durfte.

Doch als Lukas Podolski die erratische Stimmabgabe Polens aus seiner Küche im türkischen Antalya verlas und Bully Herbig die des Mondes, für den „Masked Singer“ Max Mutzke im Astronautendress angetreten war, vom „Traumschiff Surprise“, zerfiel Stefan Raabs Statement im Vorfeld zu PR-Konfetti. #FreeESC, hatte der Organisator versichert, sei ein „echter Musikwettbewerb, leidenschaftlich progressiv, aber back to the roots“.

Zwei Stunden, nachdem Barbara Schöneberger in der Elbphilharmonie nach Unterbrechungen durch die „Tagesschau“ und das „Wort zum Sonntag“ Litauen zum Sieger gekürt hatte, bekam Nico Santos in der Mehrzweckhallte nach Reklameblöcken inklusive verloster SUVs die ProSieben-Trophäe verliehen, wiederholte den spanischen Siegersong auf Englisch und bedankte sich auf Deutsch. Kein Wunder: Santos heißt eigentlich Wellenbrink, kommt aus Bremen, lebt in Köln, wohnte aber irgendwann mal auf Mallorca. Back to the roots.

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