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Die Nische als Chance

Süddeutsche Zeitung-Logo Süddeutsche Zeitung 10.05.2020 Von Oliver Hochkeppel

Wie der Hörbuch-Produzent Claus Vester mit seinen "cc-live"-Verlag der Krise trotzt

Im März hätte Claus Vester eigentlich Grund zum Feiern gehabt: Sein Münchner Hörbuch-Verlag "cc-live" in der Kreittmayrstraße wurde zehn Jahre alt. Doch die just im Jubiläumsmonat auf Touren kommende Corona-Krise verhagelte Feierlichkeiten wie Bilanz: "Ich hatte 80 bis 90 Prozent Umsatzrückgang beim Verlag." Waren doch die Buchhandlungen geschlossen, und auch der Online-Gigant Amazon nahm nichts mehr ab - mit Hygieneartikeln und Ähnlichem konnte der Konzern ungleich mehr Geld verdienen und schichtete die Lagerkapazitäten entsprechend um. Ohnehin sind Amazon die Kulturgüter Buch und CD, mit denen er seinerzeit startete, schon seit längerem wohl eher lästig. Downloads versprechen höhere Gewinnmargen und verursachen keine Lagerkosten. Gerade im Hörbuchbereich liegt der Verdacht nahe, dass Amazon die Krise nutzen könnte, die dominierende Marktmacht der hauseigenen "Audible"-Sparte quasi zum Monopol auszubauen. Jedenfalls findet man auf den Amazon-Seiten reihenweise aktuelle Titel, die als CD "derzeit nicht lieferbar", aber sehr wohl per Audible downzuloaden sind.

Ebenso dramatisch waren Vesters Einbußen beim eigenen, schon drei Jahre vor dem Verlag gegründeten Tonstudio "opus-live". Und auch als Sprecher und Synchronsprecher, sein drittes Standbein, war Vester nahezu arbeitslos. Trotzdem bedeutete sein Betriebsjubiläum vorerst die Rettung. Denn zu diesem Anlass hatte Vester schon im vergangenen Herbst ein Produktionsdarlehen bei seiner Bank beantragt und bewilligt bekommen. Das half ihm nun über den Liquiditätsengpass. Kommt hinzu, dass Corona ökonomisch die Kleinen zwar am härtesten trifft, diese andererseits aber am geübtesten im Überlebenskampf sind - was auch Vesters Biografie beweist.

Der 57-jährige Düsseldorfer kam Mitte der Achtzigerjahre zum Theaterwissenschaftsstudium nach München. Schnell wurde er als Regieassistent ein Mann der Praxis, und vor allem die technische Seite faszinierte ihn. Über das Lichtdesign für große Freiluftaufführungen kam er zu seiner ersten Firma, einem Lichtverleih. Als in dieser Zeit Computer und EDV ihren Siegeszug antraten, sah Vester die Verknüpfungsmöglichkeiten. Er baute die computerunterstützte Produktionsleitung an der Hochschule für Film und Fernsehen auf, war ein paar Jahre Multimedia-Redakteur bei der Computerfachzeitschrift "Chip", schrieb Lösungsbücher für die ersten Adventure-Games und begründete die CD-Rom-Produktion bei Ullstein mit.

Vester revolutionierte das bis dahin von den Programmierern selbst eingesprochene Segment, indem er für die Erfolgsreihe "Unser Universum" Herbert Weiker als Sprecher engagierte, den Vester noch aus seiner Zeit am Theater kannte und der bis zu seinem Unfalltod 1997 die deutsche Stimme von "Mr. Spock" war. Von der Zukunft des aufkommenden Internets überzeugt, machte sich Vester im selben Jahr wieder selbständig. Aus der Datenmüllhalde sollte etwas werden, bei dem die Inhalte zählen: "content counts", also "cc-live" nannte er das Unternehmen. Durch den Niedergang von CD-Rom und Internet-Start-Ups landete Vester schließlich bei der Hörbuchproduktion.

Während sein für Sprachaufnahmen ausgelegtes und optimiertes Studio schnell in die Gänge kam, brauchte der mit Krimis ("Father Brown"), Science-Fiction und Frauen-Biografien startende Verlag fünf Jahre, um in die schwarzen Zahlen zu kommen: Indem Vester alles von der Konfektionierung bis zum Vertrieb selbst in die Hand nahm und indem er inhaltlich seine Nische fand. Wegweisend waren dabei seine Hörspiel-artigen Vertonungen der Werke des renommierten Familienberaters Jesper Juul. Empathie ist seither gewissermaßen das Schlüsselwort für die gesellschaftskritische Linie von cc-live. Dafür standen in den vergangenen Jahren nicht zuletzt Vesters selbst eingesprochenen Fassungen der Werke des großen Psychologen und Psychoanalytikers Arno Gruen.

In der Corona-Krise sieht Vester auch eine Chance. Er kommt an Lizenzen, die sonst größeren Verlagen vorbehalten wären, "die sich aber jetzt in einer Art Schockstarre befinden," wie er sagt. So hat er in diesen Tagen Theodor W. Adornos 1967 in Wien gehaltenen, aber brandaktuellen Vortrag "Aspekte des neuen Rechtsradikalismus" und Umberto Ecos Essay-Sammlung "Der ewige Faschismus" herausgebracht, alles gelesen vom BR-Sprecher Axel Wostry. Beides gehört wie Nick Bostroms "Die verwundbare Welt" oder Philip Manows "(Ent-)Demokratisierung der Demokratie" zu den zehn Titeln, die Vester nun zum Zehnjährigen geballt - und teilweise Monate vor dem geplanten Erscheinungstermin - herausbringt, will er doch die Gunst der Stunde nutzen: "Gerade jetzt haben die Leute ja Zeit und Lust, sich mit Stoffen auseinanderzusetzen, die viele aktuelle Fragen betreffen. Unser ganzes Programm trifft diesen Nerv," sagt er.

Auch für die Branche möchte er beim Neustart nach Corona Zeichen setzen gegen das ruinöse Streaming-Dumping. Hat doch der Hörbuch-Markt in den vergangenen Jahren bei der Verbreitung einen enormen Boom erlebt - 30 Millionen Deutsche, obendrein viele junge, nutzen heute regelmäßig Hörbücher -, während die Umsätze mit der Online-Entwicklung stagnierten und zuletzt sogar sanken. Vester will mit Qualität und der Betonung des Hörbuchs als Kulturgut dagegenhalten. Indem er wie beim Kino Sperrfristen setzt: Drei Monate lang sind seine Produktionen nur physisch, erst danach als Download erhältlich. Und indem er seine Hörbücher gegebenenfalls zu einem höheren Preis verkauft als die parallelen Buchtitel: "Dieses Branchengesetz, dass selbst noch Boxen mit zehn oder zwölf CDs nicht teurer als das Buch sein dürfen, ignoriert den Mehrwert des Hörbuchs," sagt er. Aus dem gleichen Grund will Vester als erster die Sprecher prozentual beteiligen: "Sie sind genauso Urheber wie die Autoren. Durch ihr Können und die oft wochenlange Vorbereitung wird beim Hören auf Anhieb verständlich, was sich sonst oft nur nach wiederholtem Lesen erschließt."

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