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Es geht zur Neige

Süddeutsche Zeitung-Logo Süddeutsche Zeitung 11.07.2020 Von Christina Hertel

Bierzeltwirte und Schausteller haben heuer nicht viel zu lachen: Da wegen der Corona-Pandemie alle Volksfeste abgesagt sind, stehen Männer wie Burkhard Greiner und Edmund Radlinger vor den Scherben ihrer Existenz. Sollten auch die Weihnachtsmärkte ausfallen, ist es wohl vorbei.

Wie hart es ist, Geld zu verdienen, lernte Burkhard Greiner mit zwölf Jahren. Damals drückte ihm seine Mutter ein Tablett mit Brezen und Rettich in die Hand, er sollte es im Bierzelt verkaufen. "Die erste Runde war sofort weg, dann wurde es immer mühsamer", erzählt Greiner am Telefon.

Die Episode ist mehr als 40 Jahre her. Inzwischen ist er derjenige, der andere zum Brezen verkaufen schickt: Burkhard Greiner führt seit fast 20 Jahren seinen eigenen Festzeltbetrieb, zuvor arbeitete er bei seinen Eltern mit. Doch gerade ist er auf der Suche nach einem Job - als Lastwagenfahrer, als Elektriker, als Maler, als irgendetwas, mit dem er sich ein paar Euro dazu verdienen könnte. "Ich bin mir für nichts zu schade", sagt er.

Greiner sucht keine neue Arbeit, weil ihm Bier und Blasmusik plötzlich auf die Nerven gehen würden, sondern weil er nicht weiß, wann er damit wieder Geld verdienen kann. Normalerweise baut Greiner seine Zelte auf sieben verschiedenen Volksfesten im Jahr auf - von Oberbayern bis in die Oberpfalz. Auch in Ismaning und in Unterschleißheim bewirtet er. Die beiden Volksfeste fallen heuer genauso aus wie das jährliche Bürgerfest in Unterhaching oder die Bürgerwoche in Garching. Voraussichtlich wird 2020 in Bayern ganz ohne Bierfeste zu Ende gehen. Denn bis Ende Oktober dürfen in Bayern keine Großveranstaltungen stattfinden, und dann ist für die meisten Wirte die Saison vorbei.

Seit Oktober lebt Greiner von Ersparnissen

"Für mich ist das ein Berufsverbot", sagt Greiner. Das letzte Geld nahm er im vergangenen Oktober ein - seitdem lebe er von Ersparnissen. Wie lange es noch reicht, bis er aufgeben muss? Eine eindeutige Antwort will Greiner darauf nicht geben. "Ich war mein halbes Leben lang mein eigener Chef. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es ist, wieder für jemanden zu arbeiten."

Greiner ist nicht der einzige Festwirt, der momentan nervös ist. Diese Woche gab Familie Heide bekannt, das Bräurosl-Zelt auf dem Oktoberfest nach 83 Jahren nicht mehr bewirten zu wollen. Ein Grund seien die Corona-Krise und das damit verbundene finanzielle Risiko, hieß es. Am Donnerstag demonstrierten Hunderte Schausteller aus ganz Deutschland auf dem Odeonsplatz, weil sie um ihre Existenz fürchten, sollten Volksfeste, Dulten und Märkte noch länger verboten bleiben. Auch Burkhard Greiner und Edmund Radlinger, der seit sieben Jahren das Bierzelt beim Unterhachinger Volksfest betreibt, waren unter den Demonstranten.

"Ich kann gerade dabei zuschauen, wie das, wofür ich mein Leben lang gearbeitet habe, die Isar runter schwimmt", sagt er. Radlinger ist 68 Jahre alt, schon sein Großvater arbeitete als Schausteller. Die vergangenen Monate seien für ihn "Horror" gewesen. Was er für seine Altersvorsorge sparte, habe er nun ausgegeben, sagt er. "Die Vorstellung, mit fast 70 zum Sozialamt zu müssen, ist nicht leicht für mich."

Doch zumindest auf dem Papier ist Radlinger kein armer Mann: Er schätzt, dass sein Betrieb - seine 65 Fahrzeuge, seine Küchengeräte, Toilettenanlagen, seine Fußböden, seine Dekoration - einen Wert von fast zwei Millionen Euro haben. "Doch irgendetwas davon zu verkaufen, wäre keine Rettung, sondern das Ende", sagt er. Seine zehn Mitarbeiter habe er nicht entlassen, sondern in Kurzarbeit geschickt, weil er hoffe, dass die Menschen spätestens im nächsten Jahr wieder in seinen Bierzelten trinken und feiern.

Hoffnungsschimmer ist der "Sommer in der Stadt"

Einen Hoffnungsschimmer in diesem Jahr gibt es aber auch: Den "Sommer in der Stadt", den Ersatz für das abgesagte Münchner Oktoberfest. Bis zum Ende der Sommerferien soll es in vielen Stadtteilen ein Unterhaltungsprogramm mit Fahrgeschäften und Marktbuden geben. Auch Radlinger will Stände aufbauen. Dass das seinen Verlust ausgleichen könnte, glaubt er zwar nicht, "aber moralisch würde es mir sehr viel bringen, wenn sich in meinem Leben wieder etwas bewegt".

Auch bei Siegfried Kaiser steht das Leben still. Eigentlich wäre er gerade in Düsseldorf bei der größten Kirmes am Rhein, doch als er an sein Handy geht, steht er in seiner Halle in Ismaning. Er bringe gerade seine Fahrzeuge auf Vordermann, sagt der 70-Jährige. Denn sein Sohn darf im Olympiapark die grüne Wildwasserbahn aufbauen, die normalerweise auf dem Oktoberfest steht.

Auch bei Kaisers ist die Schaustellerei Familiensache mit einer mehr als 200 Jahre langen Geschichte. Die vergangenen Monate habe er von Reserven gelebt, sagt Kaiser. Nun hoffe er auf einen coronafreien Winter: "Wenn auch keine Weihnachtsmärkte stattfinden, wäre das eine große Katastrophe." Auf dem Rindermarkt in München stellt Kaiser jedes Jahr eine zwölf Meter hohe Pyramide auf, verkauft dort Würste, Steaks und Spieße. In manchen Jahren sei er auf mehr als 20 Volksfesten unterwegs und lebe die meiste Zeit in seinem Wohnwagen.

Dass er nun in seinem Haus in Ismaning festsitzt und nichts anderes tun könne, als seine Fahrzeuge zu warten und zu reparieren, mache ihn nervös - besonders, wenn die Sonne scheint. "Das war für mich schon als Kind das Zeichen, dass wir losfahren", sagt er.

Normalerweise ist auch Walter Dengl mit seiner Band der Münchner Gaudiblosn in der ganzen Welt unterwegs. Ein Prosit der Gemütlichkeit spielt er auf Oktoberfesten von Kopenhagen bis Dubai, dazu kommen Feuerwehrfeste, Faschingsbälle und Sonnwendfeuer rund um München - von Aying bis Oberhaching. Dieses Jahr fällt alles aus, und Dengl vertreibt sich die Zeit damit, ein Ziermäuerchen in seinem Garten in Hohenbrunn zu bauen. Dieses Jahr wird er 61 Jahre alt. "Für die Rente ist das zu früh", sagt er.

Doch ob er im nächsten Jahr mit seinen 20 Musikern auf Tournee gehen wird? Dengl bezweifelt das: "Die Festwirte werden sparen müssen. Und vielleicht müssen wir dann auch ein wenig abspecken." Er könne sich vorstellen, in Zukunft als Duo oder Trio auf der Bühne zu stehen. Für 2021 hat er zwar schon ein paar Anfragen, doch dass die Menschen dann grölend auf den Tischen tanzen und alle vergessen haben werden, dass ein Virus auf der ganzen Welt Hunderttausende tötete, glaubt er nicht.

"Wie soll das gehen, wenn zwischen den Bierbänken vielleicht Plexiglaswände stehen?"

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