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Neuer Glücksspielstaatsvertrag: Onlinecasinos sollen bald legal werden – Suchtexperte fordert Nachbesserungen

stern-Logo stern 22.01.2020 Daniel Wüstenberg
Onlinepoker soll nach dem neuen Glücksspielstaatsvertrag künftig bundesweit erlaubt sein © Picture Alliance/Axel Heimken / DPA Onlinepoker soll nach dem neuen Glücksspielstaatsvertrag künftig bundesweit erlaubt sein

Es ist eine Zeitenwende: In Deutschland sollen erstmals Glücksspiele im Internet umfassend und bundeseinheitlich geregelt werden. Die in Zukunft legalen Anbieter von Online-Casinos, Poker und Sportwetten müssen eine Reihe von Auflagen erfüllen. Das sagt ein Experte zu den neuen Regeln.

Millionen Zocker in Deutschland können ihrem Hobby in Zukunft wahrscheinlich legal nachgehen – Spielsüchtige ihrem Verlangen allerdings auch.

Die Bundesländer haben sich nach jahrelangen Diskussionen auf einen neuen Glücksspielstaatsvertrag geeinigt, durch den Angebote wie Onlinecasinos und Pokerseiten im Internet erlaubt werden. Bisher durften nur Spieler aus Schleswig-Holstein am Computer oder Handy um Geld spielen. 

Der neue Staatsvertrag soll voraussichtlich im Juli 2021 in Kraft treten, wenn alle Ministerpräsidenten und Landesparlamente zustimmen. Der stern erfuhr aus Verhandlungskreisen Details aus dem Entwurf des neuen Regelwerks. Ziel des Vertrags ist es wie bisher, den Spieltrieb in der Bevölkerung in geordnete Bahnen zu lenken und gleichzeitig Spielsucht sowie Betrug zu bekämpfen.

Glücksspielmarkt wird neu geordnet

Im Kern erkennen die Länder die gesellschaftliche Realität an. Denn trotz Verbots sorgen die Deutschen schon jetzt für einen Umsatz von geschätzt bis zu 3,8 Milliarden Euro im nicht regulierten Glücksspielmarkt – fast ein Viertel des Gesamtumsatzes. Die entsprechenden Angebote werden nun in die Legalität geholt, müssen im Gegenzug jedoch Auflagen erfüllen.

Auch in der Onlinewelt müssen Glücksspiele (Lotterien, Sport- und Pferdewetten, Casinospiele wie Roulette, Poker, virtuelle Automatenspiele) von den Behörden der Bundesländern genehmigt werden. Die Anbieter müssen dazu unter anderem ...

  • ... verhindern, dass Minderjährige teilnehmen.
  • ... Teilnehmer mit einer Sperrdatei abgleichen und gegebenenfalls vom Mitspiel ausschließen.
  • ... auf das Anbieten von illegalem Glücksspiel (auch durch Schwester-, Tochter- oder Mutterunternehmen) verzichten.
  • ... ihren Sitz oder einen Bevollmächtigten in Deutschland haben.
  • ... über ausreichend Kapital zur Gewinnauszahlung verfügen.
  • ... verhindern, dass ein Spieler "anbieterübergreifend" monatlich mehr als 1.000 Euro auf seine Spielkonten einzahlt.

Um die Regeln durchzusetzen und Spieler vor Spielsucht zu schützen, soll eine zentrale Glücksspielbehörde in Zukunft eine Spielerdatei führen, auf die die Glücksspielanbieter Zugriff haben, zum Beispiel um die Einhaltung des Einzahlungslimit zu prüfen. Ein "automatisiertes System" soll der Früherkennung von glücksspielsuchtgefährdeten Spielern dienen.

Der neue Glücksspielstaatsvertrag dürfte die Anbieter freuen. Sie können in Zukunft ihre Millioneneinahmen legal erwirtschaften – und auch die Spieler müssen nicht mehr kriminell werden.

Suchtforscher Gerhard Meyer von der Uni Bremen begrüßt grundsätzlich, dass die Bundesländer das Thema angehen. "Wir brauchen ein legales Glücksspielangebot im Internet. Das ist Fakt", sagt er im Gespräch mit dem stern. Meyer beschäftigt sich seit mehr als drei Jahrzehnten mit den Ursachen und Auswirkungen von Glücksspielsucht. Allerdings geht dem Forscher der Entwurf nicht weit genug. "Ich wünsche mir, dass auch Erfahrungen aus dem Ausland in den neuen Glücksspielstaatsvertrag einfließen."

So habe die Aufsichtsbehörde in Großbritannien Zahlungen per Kreditkarte verboten, da diese zu einem hohen Anteil von Spielsüchtigen stammten. In Norwegen gebe es eine Spielerkarte, die für die Teilnahme an Glücksspielen online wie offline vorgelegt werden müsse und auf der Verlustlimits und Sperrverfügungen gespeichert seien. "In Deutschland könnten Sie einfach in der Spielbank, Spielhalle oder Wettannahmestelle weiterspielen, wenn ihr Online-Limit aufgebraucht ist", so der Wissenschaftler weiter.

Entscheidend für den Erfolg bei der Bekämpfung der Spielsucht ist Meyer zufolge, dass die neuen Regeln konsequent durchgesetzt werden. Er fordert, dass in die zu schaffende Glücksspielbehörde auch Suchtexperten einbezogen werden. Außerdem müsse dafür gesorgt werden, dass Glücksspiel nicht einer schleichenden Normalisierung unterliegt. "Ein Werbeverbot halte ich für sinnvoll und notwendig, allerdings wegen der starken Lobbyarbeit der Anbieter leider nicht für realistisch."

Neue Regeln für Glücksspielwerbung

Im vorliegenden Entwurf des Glücksspielstaatsvertrages wird die Werbung für Onlinecasinos und Co. neu geregelt, allerdings nicht verboten. So soll in Zukunft Werbung für virtuelle Automatenspiele, Onlinepoker und Onlinecasinospiele nur zwischen 21 und 6 Uhr im Fernsehen und Radio untersagt werden. Dazu darf die Werbung grundsätzlich nicht den Eindruck vermitteln, Glücksspiele seien durch den Spieler beeinflussbar oder eine Lösung für finanzielle Probleme.

Die Länder haben lange um eine Neuregelung des deutschen Glücksspielmarktes gerungen. Diese ist notwendig, weil es in den vergangenen Jahren massive Veränderungen gegeben hat mit einem Boom von bisher nicht regulierten Glücksspielen im Internet. Der milliardenschwere Glücksspielmarkt in Deutschland war in den vergangenen Jahren in eine Schieflage geraten. Der Schwarzmarkt boomt, vor allem staatliche Lotterien verlieren Erträge – und der Staat hohe Steuereinnahmen. Bisher nicht reguliert und damit zum Schwarzmarkt zählen Glücksspielangebote, die nicht über eine deutsche Konzession, wohl aber über eine aus einem anderen EU-Mitgliedstaat verfügen. Nach deutschem Recht sind sie bisher illegal. Ein Großteil dieser Angebote wie Online-Casinos und Online-Poker wird allerdings faktisch weitgehend geduldet.

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