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"Wir waren immer unsichtbar, jetzt werden wir gesehen" – eine Supermarktmitarbeiterin berichtet über ihre Arbeit während der Corona-Krise

Business Insider Deutschland-Logo Business Insider Deutschland 19.04.2020 Sophia Ankel
Die Supermarktmitarbeiterin Charlotte Gilgallon. © Bereitgestellt von Business Insider Deutschland Die Supermarktmitarbeiterin Charlotte Gilgallon. Charlotte Gilgallon

Als das Vereinigte Königreich am 23. März wegen der Corona-Krise Ausgangs- und Beschäftigungseinschränkungen verhängte, musste die 22-jährige Charlotte Gilgallon ihren Job viel ernster nehmen, als je zuvor. Gilgallon arbeitet in einer Supermarktfiliale von Sainsbury in Glasgow, Schottland. Das bedeutet, dass sie eine der tausenden von Menschen in Großbritannien ist, die als systemrelevante Arbeiter eingestuft wurden und arbeitet jetzt fünf bis sechs Tage die Woche von 4.00 bis 12.00 Uhr und kommt täglich mit Hunderten von Menschen in Kontakt.

Als Gilgallon im Dezember 2019 ihren Job bei der Sainsbury's-Filiale antrat - dem Monat, in dem in China die weltweit ersten Fälle des neuartigen Coronavirus aufgezeichnet wurden - arbeitete sie zunächst als Kassiererin. Doch als die Befürchtungen hinsichtlich des Coronavirus zunahmen, bat sie darum, zum Online-Einkauf überzugehen, was die Abholung von Artikeln aus den Supermarktregalen zur Lieferung beinhaltet.

Der Job bedeutet für sie: fünf bis sechsmal pro Woche Weckrufe um 3:30 Uhr, damit sie pünktlich um 4:00 Uhr im Supermarkt anfangen kann. Immerhin: sie wohnt nur fünf Minuten zu Fuß entfernt. Während der Arbeit sammelt sie mithilfe eines iPads, auf dem alle an diesem Tag eingegangenen Kundenbestellungen aufgelistet sind, die Produkte in den leeren Gängen ein und verpackt die Einzelbestellungen in Körbe, die dann an die Besteller geliefert werden.

Wenn der Supermarkt um 8 Uhr morgens öffnet und die ersten Kunden in das Geschäft strömen, muss Gilgallon ihr Bestes geben, um sie so weit wie möglich zu meiden, während sie sich weiter durch die Gänge schlängelt, Produkte scannt und gelegentlich Fragen beantwortet.

Gilgallon wäscht sich so oft es geht die Hände. © Bereitgestellt von Business Insider Deutschland Gilgallon wäscht sich so oft es geht die Hände.

Verdoppelte Kapazitäten für Online-Bestellungen

Sainsbury's, eine der größten Supermarktketten Großbritanniens, hat die Anzahl der während des Ausbruchs des Coronavirus verfügbaren Online-Lebensmittelbestellungen nahezu verdoppelt. Trotzdem sind die Geschäfte immer noch an ihre Grenzen gestoßen, bemühen sich, mit Hunderten von Bestellungen pro Tag Schritt zu halten, und priorisieren Slots für ihre am stärksten gefährdeten Kunden.

Während die Anzahl der Kunden, die zu einem bestimmten Zeitpunkt das Geschäft betreten dürfen, geregelt ist und die Mitarbeiter ihre Hände so oft waschen dürfen, wie sie möchten, bleibt Charlotte äußerst vorsichtig, indem sie Handschuhe trägt und diese so regelmäßig wie möglich austauscht.

Sie trägt jedoch keine Gesichtsmaske - nur Kassierer erhalten diese. "Da ich jeden Tag mit vielleicht 300 Menschen in Kontakt komme, kann ich nicht nur an mich selbst denken", sagte sie gegenüber Business Insider. "Ich muss auch an diese Menschen und ihre schutzbedürftigen Familienmitglieder denken."

Die Panikkäufe der Menschen führten sie zum "völligen Zusammenbruch".

Die achtstündigen Schichten sind nicht immer einfach. In den Wochen vor der Sperrung Großbritanniens - etwa Anfang März - eilten die Menschen in Panik in die Geschäfte, um Lebensmittel und Vorräte zu kaufen. Das führte nicht selten zu hitzigen Diskussionen zwischen Kunden und Verkäufern.

Gilgallon - gerade aus einem einwöchigen Urlaub zurück - kam zu einem Jonb und zu Kunden zurück, die sie anschrien und den Anweisungen des Personals nicht gehorchten. Sie war so schockiert, dass sie nach Hause ging und einen "völligen Zusammenbruch" hatte, sagte sie.

Im März - dem Höhepunkt des Panikkaufs - verzeichneten britische Supermärkte einen ihrer profitabelsten Monate aller Zeiten und erzielten 10,8 Milliarden britische Pfund (12,42 Mrd. Euro).

"Nach der Sperrung hat sich die Art und Weise, mit der die Kunden uns gegenübertreten, verändert", sagt sie. "Es war sehr seltsam für mich, weil ich plötzlich wertgeschätzt wurde und für meine Arbeit gelobt wurde, und dann, am Donnerstagabend, klatschen die Leute auf ihren Balkonen für uns, und das ist noch nie passiert."

Menschen in ganz Großbritannien haben jeden Donnerstag um 20 Uhr an einem landesweiten "Clap for Carers" teilgenommen, um Gesundheitspersonal, Supermarktpersonal und andere systemrelevante Arbeiter zu ehren.

© Bereitgestellt von Business Insider Deutschland

"Ich bin das Risiko in meinem Haushalt"

Da sie das einzige Familienmitglied ist, das noch zur Arbeit geht, muss sie zusätzliche Schritte unternehmen, um sicherzustellen, dass niemand zu Hause krank wird. Gilgallon lebt mit drei anderen Familienmitgliedern zusammen.

"Ich fühle eine große Verpflichtung, mich jetzt noch mehr zu schützen, weil ich die Verantwortung trage, wenn in meinem Haushalt jemand krank wird ... das erschreckt mich."

Nach dem Duschen versucht Charlotte sich so weit wie möglich zu entspannen. Fernsehshows zu schauen, zu lesen und Hörbücher zu hören, sind einige ihrer Lieblingsbeschäftigungen, um sich zu entspannen.

Es fällt ihr schwer, von ihrem Freund getrennt zu sein, der eigentlich nur 30 Minuten mit dem Auto entfernt wohnt.

"Wir waren immer unsichtbar, jetzt werden wir gesehen"

In einer Zeit, in der das Verlassen des Hauses bedeutet, nicht nur die eigene Gesundheit, sondern auch die anderer zu gefährden, ist es beängstigend geworden, zur Arbeit zu gehen - auch wenn es nur fünf Minuten zu Fuß sind.

Aber trotz des täglichen Drucks geben Charlottes Familienmitglieder, die alle von zu Hause aus arbeiten, ihr nichts als Unterstützung.

"Wir hatten nicht wirklich ein Gespräch darüber, ob ich zur Arbeit gehen würde oder nicht, weil das mein Einkommen ist. Wenn ich also noch Geld verdienen und jetzt sogar Menschen helfen kann, dann sehe ich keinen Grund aufzuhören", sagte sie.

Aber für viele Mitarbeiter, die diese Aufgaben erledigen - von denen viele normalerweise unbemerkt bleiben - war die Verantwortung, die Gesellschaft am Laufen zu halten, überwältigend.

"Ich habe in den letzten drei Jahren meines Lebens immer wieder im Einzelhandel gearbeitet und es ist, als wäre ich die ganze Zeit unsichtbar gewesen, und jetzt sind wir wichtig, jetzt ist jede einzelne Person, die in einem Supermarkt arbeitet, wichtig", sagte Gilgallon.

Sie fügt hinzu, dass sie "nie stolzer" war, als Supermarktarbeiterin an der Front einer Pandemie zu arbeiten.

"Wir leben in einer neuen Welt. Ich habe das Gefühl, dass ich mich in den letzten Wochen sehr verändert habe", sagte sie. "Weil ich währenddessen weiter arbeite, habe ich es aus erster Hand gesehen."

"Und wenn alles wieder so ist, wie wir es früher als normal bezeichnet haben, hoffe ich wirklich, dass die Leute nicht all die Freundlichkeit und das Mitgefühl vergessen, die wir uns gegenseitig gezeigt haben."

Dieser Artikel wurde aus dem Englischen übersetzt und editiert. Das Original könnt ihr hier lesen.

image-8b96b0cc7e74148b104d21aabc07a1baeeac2848 © Charlotte Gilgallon image-8b96b0cc7e74148b104d21aabc07a1baeeac2848
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