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Argentinien: Ein Land verfällt dem Rinder-Wahn

KURIER-Logo KURIER 29.10.2018 Hermann.Sileitsch

Die Agrar-Exporte sollen Argentinien aus der Krise führen – das hat einen hohen Preis, sagen Kritiker.

© REUTERS/ENRIQUE MARCARIAN

Die gewaltigen Sojafelder und Rinderherden fordern ihren Tribut: Seit 2008 wurden in Argentinien 2,4 Millionen Hektar Wald vernichtet, zwei Mal die Fläche Oberösterreichs. Warum tut die Regierung nichts dagegen?

„Es gibt durchaus Gesetze, die den Primärwald schützen sollen“, sagt Juan Carlos Figueredo. Sie helfen aber wenig: „Es kommt günstiger, Strafen für die Abholzung zu zahlen. Die Gewinne aus den Fleisch- und Soja-Exporten sind weit höher.“ Der Argentinier, Projektpartner der Entwicklungsorganisation Welthaus (Diözese Graz-Seckau), setzt sich seit Jahrzehnten für die indigene Bevölkerung und Kleinbauern ein.

46-119684820: Sozialaktivist Juan Carlos Figueredo (INCUPO) © Sileitsch-Parzer Hermann Sozialaktivist Juan Carlos Figueredo (INCUPO)

Er warnt, dass das Mercosur-Abkommen, das die EU derzeit mit Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay verhandelt, die Lage verschärfen würde. „Diese Verträge berücksichtigen nur Zoll- und Handelsfragen, lassen hingegen Umweltschutz, Menschenrechte oder die Schaffung von Arbeitsplätzen völlig außer Acht.“

Exporte gegen die Krise

Der Gewinner sei, wer am billigsten produziert: die Agroindustrie. Oder Großkonzerne wie die chinesische Cofco (34 Mrd. Dollar Umsatz), die in 28 argentinischen Mega-Kühlhäusern Fleisch für den Export einfriert.

Die Südamerikaner sind selbst eine Agrarsupermacht. Laut UNO produziert Argentinien so viel Nahrung, dass 400 Millionen Menschen davon leben könnten – bei nur 44 Millionen Einwohnern. Das viele Soja und der Mais werden aber verfüttert oder zu Geld gemacht. Figueredo: „Das Fleisch geht nicht dorthin, wo Hunger herrscht, sondern wo am meisten bezahlt wird. Also in den Export.“

46-87814752: Murial © AP/Natacha Pisarenko Murial

Nach der nationalistischen Kirchner-Ära setzt der liberale Präsident Mauricio Macri alles auf die Exportkarte. Die Krise hat das nicht verhindert; Argentinien musste den IWF um einen 56-Milliarden-Dollar-Kredit anbetteln.

Verlierer seien die rund 300.000 Familienbetriebe. Dabei würden diese mit nur 13 Prozent der Ackerfläche 70 Prozent des Maniok, Ziegenfleisches und Gemüses sowie 50 Prozent des Schweinefleisches erzeugen.

Bei Gesprächen in Österreich mit Unis und Bauernverbänden plädierte Figueredo deshalb für eine andere Art von Handelsbeziehungen: „Österreich hat hohe Umweltstandards in der Viehzucht, großes technologisches Wissen und die geeigneten Maschinen und Werkzeuge. Das wäre für unsere indigene Bevölkerung und die Kleinbauern sehr nützlich.“

46-107824681: Die berühmten Iguazu Falls an der Grenze Argentiniens zu Brasilien, wo die Guarani leben © AP/Jorge Saenz Die berühmten Iguazu Falls an der Grenze Argentiniens zu Brasilien, wo die Guarani leben

Und es sei auch für Österreichs Rinderbauern besser, denn im Wettbewerb mit der Mercosur-Agroindustrie zögen diese unweigerlich den Kürzeren.

Angst vor Preisverfall

Aber was ist mit den Herden und den Gauchos in den Weiten der Pampa? Werner Habermann, Geschäftsführer der österreichischen ARGE Rind, lacht laut auf: „Ja, dieses Idyll wird gerne vermittelt.“ So erleben argentinische Rinder allerdings nur die ersten Lebensmonate.

Danach werden sie gedrängt in Mastparzellen (Feedlots) gemästet – anders kämen die marmorierten Steaks, die der Kunde liebt, gar nicht zustande. „Qualitativ ist das Fleisch top, so ehrlich muss man sein“, sagt Habermann.

Cows feed inside a cattle pen at a feedlot in Magdalena, south of Buenos Aires © REUTERS/ENRIQUE MARCARIAN Cows feed inside a cattle pen at a feedlot in Magdalena, south of Buenos Aires

Allerdings wird mit ungleichen Waffen gekämpft. So kommt in Südamerika bei Futtermais massiv Glyphosat zum Einsatz, sagt Figueredo. Sogar das in der EU seit 2007 verbotene hochgiftige Herbizid Paraquat ist erlaubt, obendrein wird fast nur genmanipuliertes Soja angebaut.

Billige Futtermittel, günstige Agrarflächen, niedrige Löhne – und Ställe werden gar nicht gebraucht: deshalb ist Rinderzucht in Südamerika viel günstiger. Die Produktionskosten für ein Kilogramm Fleisch betrügen in Brasilien 3,08 Euro und in Argentinien 4,01 Euro – in Österreich seien es 5,17 Euro.

Französische Bauern demonstrierten im Februar 2018 in Rouen gegen das geplante EU-Abkommen mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten © APA/AFP/CHARLY TRIBALLEAU Französische Bauern demonstrierten im Februar 2018 in Rouen gegen das geplante EU-Abkommen mit den südamerikanischen Mercosur-Staaten

Heimische Bauern haben zudem den Verdacht, dass die Schlachtkörper fallweise mit Chlorgas oder Röntgenstrahlen für den Überseetransport haltbar gemacht sind. Nachweisen lasse sich das kaum.

Österreich ist bei Rindfleisch auch Nettoexporteur – die Bauern fürchten einen Preisverfall, wenn durch den Mercosur-Pakt mehr Rindfleisch nach Europa kommt. Noch bedrohlicher sei jedoch der Brexit: Irland produziert neun Mal mehr Rindfleisch, als es verbraucht. Den Großteil kaufen die Briten. Sollte sich das wegen der künftig anfallenden Importzölle ändern, droht ein Überangebot in der EU – und Preisverfall von bis zu 20 Prozent.

Weltmeister im Steak-Essen

Ein ungleiches Match: Die Südamerikaner bewegen sich mit ihren Herden in anderen Dimensionen. Während Österreich insgesamt 1,91 Millionen Rinder zählt, kommt Argentinien auf 53,5 Millionen und Brasilien sogar auf 214 Millionen Tiere. 

Der EU-weite Rinderbestand sind nur 88,4 Millionen Tiere. Argentiniens Fleischproduktion  betrug zuletzt 2,65 Mio. Tonnen, jene von Brasilien 9,3 Mio. Tonnen. Österreich nimmt sich mit 221.000 Tonnen relativ bescheiden aus.

Klarer Weltmeister sind die Argentinier mit 60 Kilo jährlichem Pro-Kopf-Verbrauch im Rindfleisch-Essen. Zum Vergleich: Österreich kommt auf ungefähr 17 Kilogramm.

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