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150 Millionen tote Schweine – jetzt droht die globale Fleisch-Inflation

WELT-Logo WELT 21.05.2019 Johnny Erling
Tierseuchenpräventions-Übung: In der Praxis hat China jedoch große Probleme, der Seuche Herr zu werden Quelle: picture alliance / dpa © picture alliance / dpa Tierseuchenpräventions-Übung: In der Praxis hat China jedoch große Probleme, der Seuche Herr zu werden Quelle: picture alliance / dpa

Der Lastwagenfahrer kam vom Lande. Er hatte es eilig, als er vor der Lichtschranke eines großen Futtermittelwerks in Ostchinas Provinz Shandong auf das Signal zur Einfahrt wartete. „Er brauste dann mit Vollgas durch die Sicherheitsschleuse“, beobachtete kopfschüttelnd Uwe Trillmann, Produktmanager bei der VzF Uelzen, einem der größten Dienstleistungsunternehmen rund um die Vermarktung von Schwein und Rind. „Alles dauerte nur Sekunden.“

Eigentlich hätte das Fahrzeug, das Schweinehöfe der Umgebung mit Futter beliefert, erst mit Hochdruckreinigern vom Straßenschmutz befreit werden müssen, bevor es im Schritttempo zur Desinfektion durch die Abspritzanlage fahren dürfte. So verlangen es Chinas Vorschriften.

„Die Schutzanlagen der Großbetriebe sind tipptopp. Aber die Fahrer wissen es nicht besser,“ sagt der Berliner Jochen Noth, Berater für Tierwirtausbildungsprogramme, der die Szene mit ansah. „Keiner übt hier Aufsicht aus.“

Die deutschen Agrarexperten, die im Binnenland unterwegs sind, um für das Bundesministerium für Forschung und Entwicklung (BMBF) den Grundstein für ein neues Landwirteberufsbildungszentrum in Weifang zu legen, berichteten WELT, wie fahrlässig grundlegende Vorsorgemaßnahmen missachtet würden. Noth: „So kriegt China seine Tierseuche nicht in den Griff.“

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Aber genau das sei Gebot der Stunde für die Stabilität des Landes und seiner Preise, fordert selbst die Pekinger Regierung. China, wo die meisten Hausschweine der Welt – 700 Millionen jährlich bei einem Bestand von mehr als 430 Millionen Tieren – gezüchtet und konsumiert werden, wird seit neun Monaten von der schlimmsten Tierepidemie seit Jahrzehnten heimgesucht.

Der für Schweine tödliche Virus des Afrikanischen Schweinefiebers (ASF), gegen den es keinen Impfstoff gibt, hat die Seuche vergangenen August in Nordostchina ausgelöst. 131 seither gemeldete Ausbrüche und unzählige infizierte Zuchthöfe in allen Teilen des Landes wurden isoliert und ihre Schweinebestände gekeult.

Doch das wirkliche Ausmaß der Krise wird offiziell heruntergespielt. Und die Medien, die für Aufklärung sorgen könnten, berichten nach einheitlichen Vorgaben.

China beschwichtigt

Meng Wei, Sprecher der Reform- und Entwicklungskommission NDRC, die auch für Preisstabilität zuständig ist, beschwichtigte Ängste vor Inflation: Die Schweinefleischpreise, die sich Anfang Mai um weitere 14,6 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat verteuerten, sollten „nicht überbewertet werden“. Sie wirkten sich nicht auf die Stabilität der Verbraucherpreise (CPI) aus. Es gebe ausreichend Geflügel, Fisch und Eier als Alternativen.

Regierungsbeamte sagten auf dem „Sechsten Global Pig Forum“ am Wochenende in Wuhan, an dem auch die Deutschen teilnahmen, dass sie alles im Griff hätten. Vizeleiter Chen Guanghua vom Landewirtschaftsministerium nannte als Zahl aller bisher zwangsgetöteten Schweine 1,12 Millionen Tiere.

Die wirkliche Zahl dürfte hundertfach höher liegen. Agrarspezialisten der niederländischen Rabobank schrieben in ihrer jüngsten Studie, sie erwarteten „in China 2019 Produktionseinbußen bei Schweinefleisch zwischen 25 bis 35 Prozent des Bestandes“. Seit vergangenem August hätten sich in allen 31 Provinzen des Landes bis auf die Insel Hainan geschätzte „150 bis 200 Millionen Schweine infiziert, so viel wie das gesamte jährliche Schweinefleischangebot in Europa ausmacht.“

Auch Trillmann, der sich auf Auskünfte von Fachkollegen auf der Wuhaner Konferenz und Betriebsbesuche stützt, schätzt 160 bis 180 Millionen infizierte Tiere. Da Chinas Schweinebestand die Hälfte der Weltpopulation ausmache, könne das zu einem 20-prozentigen Rückgang des Weltangebots führen. „Die Entwicklung ist dramatischer als alles, was ich bei meinen 15 China-Besuchen seit 2008 gesehen habe.“

Selbst wenn es Peking gelingen würde, die Ausbreitung der Schweinepest zu stoppen, werde das Land fünf bis sieben Jahre brauchen, um sich wieder auf den Stand aus dem Jahr 2018 erholen zu können.

Die Epidemie habe bislang wenig internationale Aufregung ausgelöst, weil sie nur Schweine ansteckt. Für Menschen sei der Virus ungefährlich. Seine Verbreitung verlaufe langsam, weil er sich nicht durch Luft oder Wasser übertragen kann, sondern über Blut und nicht richtig abgekochte Nahrungsmittel. Etwa, wenn Lkw-Fahrer mitgebrachte, infizierte Essensreste entsorgen, die dann in die Futterketten gelangten.

Schweinepestfälle melden seit August auch Chinas Nachbarländer von Kambodscha bis zur Mongolei. Allein in Vietnam mussten seit der ersten gemeldeten Infektion im Februar mehr als 1,3 Millionen Schweine gekeult werden, schreibt die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) am 16. Mai.

Die „endemische Seuche“ habe auch Europa erreicht, wie Fälle in den baltischen Staaten, Polen und Russland bis Belgien zeigten. Den Virus könnten infizierte Wildschweine verbreiten, die selbst resistent sind, sagt Trillmann. Dänemark versucht, sich mit einem Zaun vor kranken Wildschweinen aus Deutschland zu schützen.

Deutschland sei bisher nicht von der Schweinepest betroffen, meldet das Friedrich-Löffler-Institut. Die steigende Nachfrage aus China lässt aber bei uns die Preise ansteigen. In Deutschland lagen sie im März noch auf einem Niedrigstand von 1,36 Euro pro Kilo Schlachtgewicht. Derzeit sind sie auf 1,80 Euro gestiegen. Zudem sollen bisherige chinesische Einfuhrrestriktionen für Fleischimporte aus Deutschland fallen, die etwa Fertigprodukte betreffen.

Denn China braucht große Mengen an Schweinefleisch. Ende April meldete China Daily, dass das Agrarministerium in einem neuen Ausblick für die Landwirtschaft für dieses Jahr Fleischimporte von 1,7 Millionen Tonnen veranschlagt, 40 Prozent mehr als im Vorjahr. 2020 sollen es 2,1 Millionen Tonnen werden. Erwartet wird, dass sich die Preise 2019 um 40 Prozent gegenüber letztem Jahr erhöhen werden.

Hauptlieferanten sind Kanada, Brasilien und Europa. Aus politischen Gründen und wegen seiner eigenen Strafzölle im Handelsstreit mit Washington stornierte Peking gerade Schweinekäufe aus den USA. Laut Bloomberg erhöhte es dafür seine Einfuhren aus Kanada im März auf 33.456 Tonnen, 80 Prozent mehr als im Vorjahresmonat. Um so viel Fleisch exportieren zu können, muss Kanada große Mengen von den USA zum eigenen Verbrauch nachkaufen.

Inzwischen zeigt sich Pekings Führung über ihr Schweinedesaster öffentlich besorgt. Vizepremier Hu Chunhua forderte in einer landesweit geschalteten Telefonkonferenz alle Agrarverantwortlichen auf, die „epidemische afrikanische Schweinepest“ verstärkt zu bekämpfen, wie die Volkszeitung vergangenen Freitag meldete. Die Entwicklung der Schweinefleischproduktion und die Garantie für ein stabiles Marktangebot seien „von unersetzbarer Bedeutung für die wirtschaftliche und soziale Stabilität des Landes.“

Essenreste hoch erhitzen

Kein anderes Lebensmittel beeinflusse Chinas Inflationsraten, aber auch die Stimmung im Volk so stark wie das Grundnahrungsmittel Schweinefleisch, sagte Pekings bekannter Finanzökonom Zhu Ning. Es sei der stärkste Einzelfaktor, der sich auf die Höhe des Verbraucherpreisindex CPI auswirkt. Viele Ökonomen würden scherzhaft CPI eine Abkürzung für „Consumer Pork Index“ nennen.

Um den negativen Einfluss der steigenden Schweinefleischpreise einzudämmen, haben die Statistiker den Anteil der Preise für Schweinefleisch an der von ihnen ermittelten Höhe des CPI von einst mehr als drei Prozent auf 2,35 Prozent gesenkt, meldeten chinesische Finanzwebseiten im April. Eine andere Methode seien die seit 2007 eingerichteten staatlichen Vorratslager mit tiefgefrorenem Schweinefleisch. Peking kann seine nationale Reserve auf den Markt werfen, um die Preise zu drücken.

„Die dramatische Entwicklung wird China erst in den Griff bekommen, wenn der letzte Hinterhofbauer informiert ist und alle wissen, dass Essensreste hocherhitzt werden müssen“, sagt der Uelzener Agrarexperte Trillmann. Peking müsse auch Anreize über angemessene Entschädigungen für Bauern schaffen, damit sie infizierte Tiere sofort melden und keulen lassen.

Auf der Wuhaner Konferenz gab der Agrarbeamte Chen Guanghua an, bislang nur 630 Millionen Yuan (90 Millionen Euro) für Entschädigungen gezahlt zu haben. Kein Wunder, dass die 26 Millionen Schweinezuchthaushalte beim ersten Verdachtsfall ihre Tiere sofort weiterverkaufen oder notschlachten. Die afrikanische Schweinepest wird zur Herausforderung für Pekings Krisenmanagement.

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