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Angst vor den Ruinen – die Bauflation erreicht die Städte

WELT-Logo WELT 07.07.2022 Andreas Macho
Städte und Gemeinden haben Schwierigkeiten, ihre Bauprojekte abzuschließen Quelle: Bloomberg/Krisztian Bocsi © Bloomberg/Krisztian Bocsi Städte und Gemeinden haben Schwierigkeiten, ihre Bauprojekte abzuschließen Quelle: Bloomberg/Krisztian Bocsi

Thorsten Kaatze, Helm und gelbe Neonweste über dem Anzug, steuert an diesem Juni-Tag durch sein Problemgebiet: zwei Rohbauten gleich hinter dem Hauptgebäude des Universitätsklinikums Essen. „Jeden Tag“, sagt Klinik-Vorstandsmitglied Kaatze, müsse er „Lösungen“ finden, um diese Gebäude „im Zeitplan fertig zu bekommen“.

Doch das ist kaum noch zu schaffen. Die Probleme von Kaatzes liegen verteilt um die staubige Betonfläche, die einmal das Foyer der Spezialabteilung „Nuklearmedizin“ werden soll. Um 30 Prozent und mehr seien die Kosten für einzelne Gewerke auf der Baustelle gestiegen. „Wir sind froh, dass unsere Rohbauten stehen“, sagt Kaatze. Denn Stahlbeton ist auf manchen Baustellen gar nicht mehr verfügbar.

Ansonsten kann am Universitätsklinikum Essen nicht mehr alles gebaut werden wie geplant. Für ein neues Modulgebäude etwa will das Land wegen gestiegener Kosten die Mittel nicht freigeben, obwohl ein Angebot vorliegt, das den Preisanstieg berücksichtigt. „Klar, dass wir einen höheren Eigenanteil tragen müssen“, so Kaatze. Es ist trotzdem schwierig.

Gerissene Lieferketten, Materialengpässe und die massiv gestiegenen Kosten für Baustoffe machen viele Projekte gerade zu Hochrisikovorhaben. Wie teuer ein Bau am Ende wird, kann angesichts der ständig steigenden Materialkosten kaum jemand vorhersagen. Betroffen sind große Firmen genauso wie private Häuslebauer. Wer die Preisrallye nicht mitgehen kann, kann eben nicht bauen.

Besonders zu leiden haben die öffentlichen Auftraggeber der Länder und Kommunen – und damit letztlich auch das Gemeinwohl. Die oft klammen Haushalte und die komplizierten Ausschreibungsverfahren machten Bauprojekte für sie schon vor der Materialkrise zur Herausforderung. Durch die unkalkulierbaren Kostensteigerungen können viele Bauvorhaben nicht mehr verwirklicht werden.

Die Folgen sind quer durch die Republik zu beobachten: Im brandenburgischen Cottbus kann ein Grundschulzentrum nicht fertig gebaut werden, im niedersächsischen Haren ist der Bau des neuen Hallenbads verschoben worden. In Hamburg gerät ein zu zwei Dritteln von der Stadt finanzierter Krankenhausneubau weiter in Verzug.

Angst vor der Bauruine

Interessenverbände beobachten die Entwicklung mit Sorge. Tim-Oliver Müller, Chef des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie, sieht „angesichts der Preissteigerungen von bis zu 50 Prozent eine große Zurückhaltung der Kommunen“. Man konzentriere sich darauf, laufende Vorhaben zu Ende zu bringen. „Keiner möchte eine Bauruine stehen haben“, sagt Müller.

„In Städten und Gemeinden müssen Projekte gestoppt oder können nicht wie geplant weiterbetrieben werden, weil man die finanziellen Folgen nicht abschätzen kann“, sagt Gerd Landsberg, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Städte- und Gemeindebunds (DStGB). „Große Sorgen“ bereitet Landsberg die Entwicklung auch mit Blick auf den kommunalen und sozialen Wohnbau. Auch der droht deutlich geringer als geplant auszufallen.

Krankenhaus-Vorstandsmitglied Kaatze ist unterdessen im Rohbau der Kinderklinik am Universitätsklinikum Essen angelangt. Durch das fensterlose Loch in der Mauer blickt er auf das alte Klinikgebäude gegenüber: ein Bau von 1931 mit scheckiger Fassade.

Der Lift darin ist so alt, dass es keine Ersatzteile mehr dafür gibt. „Im neuen Kinderklinikum sind die Zimmer endlich groß genug, dass die Eltern bei ihren Kindern übernachten können“, sagt Kaatze.

Aufwendige Auftragsvergabe

Doch dafür muss das Krankenhaus erst einmal fertig werden. Zehn Wochen lang konnten die Fenster nicht eingebaut werden, weil der Fensterhersteller wegen fehlender Aluminiumteile nicht liefern konnte. Die Firma zu wechseln war keine Option für Kaatze. Dafür hätte er erneut eine öffentliche Ausschreibung machen müssen. „Mit dieser hätten wir die Fenster auch nicht schneller bekommen“, sagt er.

Die Knappheit ist nicht das einzige Problem. Die Auftragsvergabe für öffentliche Bauten an sich ist schon aufwendig. „Allein für den Bau einer Schule schreibt das Vergaberecht vor, dass das Projekt in zahlreiche Baulose zerlegt werden muss“, sagt Bauindustrie-Verbandschef Müller. „Dadurch muss eine Kommune Hunderte Einzelverträge ausschreiben und verwalten.“ Die Folge: Baufirmen bevorzugen oft private Auftraggeber, die solchen Zwängen nicht unterliegen.

Müller fordert, das Vergaberecht zu flexibilisieren. Außerdem sollten Materialkosten offengelegt werden. „Durch die Preissteigerungen ist auch das Misstrauen zwischen Auftraggebern und Baufirmen gestiegen.“ Mit einem „Open Book Verfahren“ hingegen könnten Auftraggeber sehen, dass die Baufirma nur die tatsächlichen Kosten ohne Zuschläge abrechnet.

Auch DStGB-Hauptgeschäftsführer Landsberg sieht in den Vergabeverfahren eine wesentliche Hürde. „Das Vergaberecht wurde im Laufe der Jahre mit Vorschriften überfrachtet“, sagt er und wünscht sich ein Beschleunigungsgesetz, wie es die Bundesregierung für Flüssiggas-Terminals auf den Weg gebracht hat. „Was für Flüssiggas-Terminals gilt, soll auch für unsere kommunale Infrastruktur gelten“, so Landsberg.

Verschlimmern könnte sich die Lage auch im kommunalen Wohnungsbau. Die Bundesregierung hat den Bau von 400.000 Wohnungen verkündet. „Diese politischen Ziele werden wir nicht oder nicht so erreichen, wie es skizziert wurde“, so Landsberg. Statt sich auf den Neubau von Wohnungen zu konzentrieren, rät Landsberg der Politik zu pragmatischen Maßnahmen.

„In Deutschland herrscht Wohnungsnot. Gleichzeitig stehen 1,5 Millionen Wohnungen, überwiegend in abgelegenen ländlichen Regionen, leer. Man sollte überlegen, ob man Menschen ein interessantes Angebot machen kann, dass sie dort hinziehen“, so Landsberg – etwa mit besserer Verkehrsanbindung.

Kaatze hat unterdessen seinen Baustellenhelm und die gelbe Neonweste abgenommen. Er steht vor dem Rohbau und spricht von der Zeit, wenn die Kliniken endlich fertig sein werden.

Dann nämlich kommt das nächste Knappheitsproblem: Wann die medizinischen Geräte in die Gebäude kommen werden, sei noch nicht klar. „Der Chipmangel hat die Wartezeiten auch hier erhöht“, erzählt Kaatze. Aus der Mangelwirtschaft gibt es derzeit offenbar kein Entkommen.

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