Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

BER-Eröffnung: Wie fliegen, nur ohne abzuheben

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 22.07.2020 Sören Götz

Bald soll der BER eröffnen. Ganz sicher. Als Komparse beim Probebetrieb wird klar: Es fehlt wirklich nicht mehr viel. Auch wenn es an einigen Stellen noch hakt.

Ein Heer von Komparsen flutet die Schalterhalle. Am Ende steigen sie alle nicht in Flugzeuge, sondern in Reisebusse. © Sören Götz für ZEIT ONLINE Ein Heer von Komparsen flutet die Schalterhalle. Am Ende steigen sie alle nicht in Flugzeuge, sondern in Reisebusse.

Glauben Sie an Wunder? Ich schon. Am 31. Oktober wird sich eins ereignen. Dann soll das Synonym für gescheiterte Großprojekte eröffnen, der Pannenflughafen BER. Dann aber wirklich! Weder die Pleite einer Planungsfirma, noch Sprinkler, aus denen es nur tröpfelt, noch andere Baumängel sollen das diesmal verhindern. Im April hat der TÜV tatsächlich die Sicherheitsanlagen genehmigt.

Damit der Betrieb nach geglückter Eröffnung nicht nur irgendwie, sondern möglichst fehlerfrei läuft, findet derzeit der Probebetrieb statt. Erst haben die BER-Mitarbeiter die Abläufe getestet, dann Bekannte von ihnen – wahrscheinlich aus Mitleid. Bei einem der Durchläufe wurde ein Feueralarm ausgelöst, ungeplant wohlgemerkt. Offenbar habe jemand im Putzraum eine Zigarette geraucht, sagte Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup. Die Rauchmelder funktionieren also, das ist doch eine gute Nachricht.

Am Dienstag waren dann erstmals 450 freiwillige Komparsen eingeladen, die Abläufe zu testen. Dafür gab es kein Geld, allein die Neugier trieb die Menschen nach Schönefeld. So auch mich. Ich registrierte mich online gleich für den ersten Termin und war gespannt: Was würde wohl diesmal schiefgehen? 

10:00

Der Probebetrieb hätte eigentlich schon vor drei Monaten starten sollen, wurde wegen Corona verschoben und findet nun aus Hygienegründen mit weniger Komparsen statt als geplant. Die Abstände einzuhalten, ist aber schon im Shuttle-Bus zum Flughafen unmöglich. Es sind zu viele Fahrgäste, um nur jeden zweiten Platz zu besetzen. Ich will schon aussteigen, da gehen die Türen zu. Zuerst stehe ich im Gang, aber weil es ein Reisebus ist, sorgt auch das nicht für ausreichenden Abstand, Masken hin oder her. Also hinsetzen und Luft anhalten.

Wir fahren an der Start- und Landebahn vorbei, wo noch nichts startet und landet. Ein paar Flugzeuge von EasyJet und Ryanair warten darauf, wieder gebraucht zu werden. Bald erreichen wir den Flughafen, ein wuchtiger Betonkasten aus Beton und Glas, der so viel Herzlichkeit ausstrahlt wie der Berliner Hauptbahnhof. Der BER reiht sich ein in die Gebäude, die symbolisieren sollen: Hier ist Hauptstadt, hier ist Weltstadt, arm & sexy war einmal.

10:12

Wir Komparsen registrieren uns – Check-In würde man bei anderen Veranstaltungen sagen, aber der kommt ja erst noch –, erhalten eine grüne Warnweste, einen Ausweis, ein Lunchpaket. Man drückt uns einen Turnbeutel in die Hand, der nach Plastik stinkt, darin die üblichen, unnötigen Give Aways: Kugelschreiber, Schlüsselband. Dabei ist auch ein wiederverwendbarer Kaffeebecher, "um die Umwelt zu schonen", wie ein Mitarbeiter sagt. Viel umweltschonender wäre es natürlich gewesen, die Komparsen einen der fünf Becher mitbringen zu lassen, die sie zu Hause stehen haben. Aber Luftverkehrswirtschaft und Umweltschutz, da ist eben bekanntlich noch Luft nach oben.

Der erste Eindruck vom Innenleben des Pannen-Flughafens: Es sieht alles so aus, als könne es nächste Woche losgehen. Nur das entfernte Dröhnen eines Presslufthammers, die Folien über den Schaltern bei Europcar und der leere Automat auf der Toilette (für Kondome oder Zahnbürsten oder beides?) erinnern daran, dass es noch nicht so weit ist.

Wir ­– 450 Frauen und Männer aller Altersklassen, wochentagsbedingt mit einer leichten Tendenz zu Rentnerinnen und Studierenden – erhalten das Dokument, das unser Schicksal an diesem Tag bestimmt. Darauf steht, wie viele Gepäckstücke sich jeder nehmen soll, ob einen Gepäckwagen dazu und ob Handgepäck oder nicht. Wer sich Handgepäck greifen darf, hat auch die Chance auf das große Los: Waffenattrappen oder Drogenimitate. Was man an Flughäfen eben so dabeihat. Sperrgepäck wie Skier wird auch verteilt.

Recht irrelevant ist, welchen Flug man nehmen soll. Wir werden alle nur in einen Bus steigen, der uns einmal um den Flughafen fährt. Für mich geht es um 13:05 mit EasyJet-Flug EJU9595 nach Friedrichshafen, dann soll ich so tun, als käme ich aus Bournemouth am BER an. In der zweiten Runde soll ich mit Eurowings nach Dubrovnik in Kroatien fliegen und dann lande ich noch mal aus Dublin. Aber heute mal keine Flugscham, es sind ja nur zwei kurze Busfahrten.

Alte Koffer voller Altkleider dienen als Requisiten. © Sören Götz Alte Koffer voller Altkleider dienen als Requisiten.

10:27

Ein Mitarbeiter begrüßt uns: Noch ein paar Minuten Geduld bitte, "dann geht es los mit dem Abenteuer Probebetrieb, dann können Sie im Oktober mit Fug und Recht behaupten, ich war dabei". Er warnt noch, dass die Polizei diese Übung sehr ernst nimmt: wer ein eigenes Klappmesser dabeihabe, riskiere eine Anzeige. Fotos machen ist erlaubt, nur nicht von den Sicherheitskontrollen.

Auf stillstehenden Rollbändern warten schon Koffer und Taschen auf uns, offenbar ausrangierte Modelle, gefüllt mit Altkleidern und mit einem weißen oder gelben X als Teil des Testbetriebs markiert. 

Immer schön Abstand halten: Die Komparsen erobern das Terminal. © Sören Götz Immer schön Abstand halten: Die Komparsen erobern das Terminal.

10:58

Als die Schalterhalle für uns freigegeben wird, strömen wir als ein Heer von grünen Warnwesten über die Rolltreppen nach oben. Ich soll mich für das Speedy Boarding anstellen, darf also als einer der ersten ins Flugzeug, äh in den Bus. Weil alle Komparsen gleichzeitig einchecken wollen, bilden sich auch beim Speedy Boarding lange Schlangen. Dann stellt sich heraus, dass vergessen wurde, einen Schalter nur für die Rollstuhlfahrer einzurichten, also müssen wir uns noch mal neu anstellen. Was die Menschen sonst inbrünstig aufstöhnen lassen würde, sorgt im Testbetrieb für Erheiterung. "Wie im richtigen Leben", sagt eine Frau.

11:30

Wie es Flughafenchef Lütke Daldrup kurz zuvor über Lautsprecher versprochen hat, geht es pünktlich los. Das macht Hoffnung, dass er auch seinen Zeitplan für die Flughafeneröffnung einhalten kann.

Auf dem Boden fehlen Abstandsmarkierungen. Es fällt schwer, nicht wie sonst zu drängeln und den Vordermann den heißen Atem im Nacken spüren zu lassen, weil es dann bestimmt schneller geht.

11:44

Zeit für einen Snack. Das Sandwich mit Frischkäse und Käse ist schon etwas angetrocknet. Ein Komparse bescheinigt einen authentischen Probebetrieb: "Waiting and eating a sad sandwich, that's what travelling is like."

11:59

Es ist nur ein Abschnitt mit Sicherheitskontrollen geöffnet. Die Schlange ist länger, als die Absperrbänder vorsehen. Auch hier keine Abstandsmarkierungen. Wir warten fünf Minuten, dann weist uns eine Mitarbeiterin darauf hin, dass wir uns an der falschen Stelle angestellt haben. Machen wir alles ohne Murren mit. Wir sind ja zum Spaß hier.

Manchmal merkt man doch noch, dass man auf einer Baustelle ist. © Sören Götz für ZEIT ONLINE Manchmal merkt man doch noch, dass man auf einer Baustelle ist.

12:21

Der Ganzkörperscanner hat Problemzonen an mir lokalisiert, auf dem Bildschirm erscheinen vier Fragezeichen. Unangenehm. Nach gründlichem Abtasten und Schuhsohlenzeigen darf ich weiter. Etwas Pseudo-Rauschgift im Handgepäck hätte hier für mehr Action gesorgt.

Hinter der Kontrolle gehen wir erstmals durch einen Bereich, der noch im Bau ist. Es handelt sich offenbar um eine Ecke, in der mal Restaurants stehen sollen. Nichts, was die Eröffnung des Flughafens verhindern sollte. Aber bei diesem Bauprojekt weiß man nie.

Werner und Birgit Starke waren schon beim letzten Probebetrieb 2011 dabei. "Damals gab es noch nicht mal Toiletten", sagt Werner Starke. Da hätten sie sich schon gedacht, dass es schwierig sein würde mit der Eröffnung. Diesmal dagegen ist sich Starke, früher Pilot, sicher: Es wird alles gutgehen.

12:40

Ich habe mein Gate B03 erreicht. Beim Blick auf das Rollfeld kommt Fernweh auf. Beim Boarding funktioniert das Gerät nicht, das die Tickets einlesen soll, der Mitarbeiter winkt uns durch. Ein bisschen was ist doch noch zu tun.

Ein Hauch von Fernweh kommt am Gate auf. © Sören Götz für ZEIT ONLINE Ein Hauch von Fernweh kommt am Gate auf.

12:53

Der Bus, der am Gate auf uns wartet, riecht und sieht aus, als wäre er gerade erst aus der Produktionshalle gekommen. Aus dem Fenster sieht man Gepäckstücke mit den weißen und gelben X auf Anhängern liegen. Anders als sonst scanne ich nicht panisch nach meinem Koffer, um sicherzugehen, dass er nicht vergessen wurde.

12:59

Ein Mitarbeiter des Probebetriebs steigt in den Bus und verkündet, dass einige Fluggäste noch nicht aufgetaucht seien, aber es nun trotzdem losgehe. Probebetrieb ist knallhart. Wer zu spät kommt, fliegt nicht. Werde ich später auch noch selbst feststellen.

13:02

Der Bus kurvt einmal um die Ecke, durch einen Kreisel, dann entlang des Flughafengebäudes zurück.

"Wir landen wie ein A380 an Gate B16", kündigt der Busfahrer gut gelaunt an. Ich klatsche angesichts der sanften Landung kurz, aber kein Fahrgast in dem ziemlich leeren Bus stimmt ein. "Nun müssen wir sitzen bleiben bis zur Freigabe", sagt der Busfahrer.

13:15

Das Gate ist immer noch zu. "Uns will keiner reinlassen", sagt der Busfahrer. Eine ältere Komparsin beruhigt ihn: "Wir sitzen gut." Dabei scheinen ihr schon die Gesprächsthemen ausgegangen zu sein. Sie redet mit ihren Begleitern schon darüber, wann man den Garten winterfest machen sollte. Für Menschen, die ihr Leben so weit im Voraus planen, ist es wahrscheinlich beruhigend, einen Flughafen so richtig gründlich durchzutesten.

13:31

Ein Mitarbeiter des Probebetriebs steigt in den Bus und verkündet: "Wir haben es geschafft, das Gate zu öffnen." Wäre schon schön, wenn das im Oktober keine halbe Stunde dauern würde. Aber dafür sind wir ja da, willige, entspannte Testpersonen.

13:37

An der Passkontrolle steht eine Reihe von Geräten, die den Ausweis automatisch mit dem Gesicht abgleichen. Eines davon funktioniert nicht, mehrere sind aus Abstandsgründen gesperrt. Die Polizisten springen gerne ein.

Im Gang zur Gepäckausgabe flackern ein paar Schilder, die nicht so aussehen, als sollten sie flackern. Sollte aber auch nicht von der Eröffnung abhalten.

Hier werden bald ein paar Tränen verdrückt: der Ankunftsbereich. © Sören Götz für ZEIT ONLINE Hier werden bald ein paar Tränen verdrückt: der Ankunftsbereich.

13:39

Ich sollte nun eigentlich so tun, als sei ich mit EasyJet aus Bournemouth angekommen. Doch Flug EJU9783 steht nicht an der Anzeigetafel. Eine Mitarbeiterin ist zunächst ratlos und läuft etwas panisch durch den Raum, wir können ihr kaum folgen. Am Gepäckband A1 ist jedoch der Flug nach Bournemouth ausgewiesen. Ich schnappe mir einen Koffer, gehe durch den Zoll in den Empfangsbereich und stelle mir vor, wie sich hier bald Paare in die Arme fallen und Namensschilder hochgehalten werden. Ein Flughafen, so viele Emotionen.

14:12

Nach einer kleinen Pause will ich mich für Runde Zwei einchecken, Flug EW9987 nach Dubrovnik, Abflug 14:45. Am Check-In-Schalter steht kein einziger Komparse an. Der Mitarbeiter sagt, ich sei zu spät zum Check-In. Ich soll Feierabend machen. Habe ich versagt? Etwas irritiert ziehe ich den Koffer, den ich nicht mehr brauche, zum Infopoint. Dort steht schon die Profi-Gärtnerin mit ihren Begleitern, sie haben dasselbe Problem. Die halbe Stunde, die wir im Bus warten mussten, hat offenbar den engen Zeitplan durcheinandergebracht, eine Pause wäre nicht mehr drin gewesen. Da ist es doch gut, dass keiner von uns nun wirklich seinen Flieger nach Kroatien verpasst hat.


Galerie: Deutsche Sagengestalten (dw.com)

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE
ZEIT ONLINE
| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon