Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Bitte vergesst nicht, zwischen all den Corona-Hiobsbotschaften auch mal wieder Spaß zu haben!

Business Insider Deutschland-Logo Business Insider Deutschland 14.04.2020 Laura Lewandowski
© Bereitgestellt von Business Insider Deutschland

Die Corona-Krise deckt auf, was im System Relevanz hat: Die Menschen schenken klassischen Medien wieder mehr Vertrauen, ehren Krankenschwestern, die unsere Gesellschaft vor dem Kollaps bewahren und würdigen Ärzte mit Applaus. Gerade als Journalistin erfreut mich dieser „Wake-up-Call“. Wir scheinen wieder zu realisieren, wie wichtig fundierte Quellen sind. Unser aller Interesse an Politik und Wirtschaft wächst — nicht, weil wir müssen, sondern wollen.

Die journalistischen Angebote der Medienhäuser profitieren als eine der wenigen von der Krise. Mehr als 120 Millionen Besuche verzeichnete die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ allein im März auf ihrer Website — eine Steigerung von 80 Prozent — und gewann innerhalb von einer Woche über 10.000 neue Abonnenten. Die „Welt“ berichtet von doppelt so vielen Neuabschlüssen und auch ich schreibe mehr Kolumnen denn je. Die Menschen informieren sich mehr und intensiver als je zuvor. Das ist lobenswert, aber tut mir einen Gefallen: Vergesst nicht, zwischendrin mal Spaß zu haben! 

Jiddisch lernen, Webinare belegen, Nachrichten lesen — wann soll ich das alles machen?

„Wissen ist Macht! Lies Artikel, Bücher, Websites. Hör Musik, finde Bedeutung und Inspiration in Podcasts“, sagte Philanthrop und Angel Investor Naval Ravikant in einem Interview, lange bevor Corona uns allen ein Begriff war. Heute scheinen seine Worte aktueller denn je zu sein. Wer in meiner Peergroup etwas anbieten kann, mobilisiert in kürzester Zeit Speaker, um (meist kostenlose) Webinare und Plattformen anzubieten — oder nimmt selbst an einem teil, um sich weiterzubilden. Selbst die New York Times stellte kürzlich ihre Plattform „openculture.com" vor: Wer will, kann sich darüber „Peter und der Wolf“ von David Bowie vorlesen lassen oder Edgar Allen Poe von Iggy Pop, Vorlesungen von Elite-Unis besuchen oder Sprachkurse in Jiddisch belegen. Gratis.

Puh, denke ich mir. Mal schauen, wann in meinem Kalender noch ein Slot frei ist — neben News im Stundentakt lesen, auf dem Fahrrad Podcast-Hören und regelmäßig Börsenkurse checken. Ach ja, arbeiten will ich ja auch noch. Und vielleicht mal kurz die Augen zumachen. Als meine Mutter zum Einkaufen fährt, äußere ich dann plötzlich einen dringenden Wunsch: „Kauf mir einfach nur eine Modezeitschrift. Mein Hirn qualmt!“

Auch schöne Dinge haben noch immer ihre Berechtigung

Wir müssen nicht alles nachholen, was wir an Weiterbildung in den vergangenen zehn Jahren verpasst haben. Hört auf, die Covid-19-Statistik auswendig zu lernen und alle fünf Minuten Nachrichten zu lesen. Zu viel Medienkonsum ist ungesund, stresst und macht erst recht krank. Statt die Zahl der Infizierten runterbeten zu können, müssen wir selbst erst mal wieder runterkommen. Schämt euch nicht, in diesen Zeiten nach neuen Schuhen und Klamotten zu stöbern, nur weil Konsum in Corona-Zeiten verpönt zu sein scheint. Auch schöne Dinge haben noch immer ihre Berechtigung! 

Doch offenbar hadert gerade selbst die Modewelt mit sich. Vogue-Chefin Anna Wintour ist nach eigenen Worten so stolz auf ihre Branche wie noch nie: weil viele Labels derzeit Atemmasken produzieren. Instyle-Chefredakteurin Kerstin Wenig schrieb im jüngsten Editorial: „Die Arbeit an diesem Heft begann Ende Januar, als das Virus noch Tausende Kilometer weit weg schien. Jetzt ist es hier und stellt unseren Alltag auf den Kopf. Stylingtipps? Beauty Tricks? Scheint unwichtig.“ Das mag teilweise stimmen. Aber warum sich jetzt kleinreden? Mit Lippenstiften werden zwar keine Menschenleben gerettet, aber sie lenken uns zumindest ab und verschaffen uns eine dringend notwendige Auszeit von ständigen Hiobsbotschaften.

Alles hat Relevanz, wenn die Nachfrage da ist

Arbeit heißt, dass man etwas Wertvolles macht — egal, ob es bezahlt oder unbezahlt ist“, sagte der niederländische Philosoph und Historiker Rutger Bregman im Interview mit dem Personalmagazin „Haufe“. Er schrieb „Utopien für Realisten“, ein Buch über die Neudefinition von Arbeit. Aber wer in unserer Gesellschaft definiert überhaupt „wertvoll“? 

Ich sage: Alles hat Relevanz, wenn die Nachfrage da ist. In einem Bewerbungsgespräch für eine journalistische Stelle wurde ich mal gefragt, ob ich über das Dschungelcamp berichten würde — "über Menschen, die sich von Kakerlaken berieseln lassen oder Maden essen.“

Ich habe die Sendung allenfalls einmal in Leben geschaut (und falle damit wahrscheinlich unter eine seltene Spezies deutscher Medienkonsumenten). Aber maße ich mir an, der Maßstab zu sein? Nein, denn um mich geht es nicht. Keiner ist per se besser oder schlechter als andere. Oder anders gesagt: Jeder hat Qualitäten, die zum großen Ganzen beitragen. Wie immer kommt es auf die Balance an und den Mehrwert, den wir für uns daraus ziehen. Dieser Mehrwert ist für jeden individuell.

Die „heile Welt" aus der Kindheit sollten wir uns öfter in Erinnerung rufen

Als kleines Mädchen blätterte ich auf der Toilette stundenlang die Frauenmagazine meiner Mutter durch, bis mein Vater genervt gegen die Tür hämmerte. Ich verlor mich in wallenden Kleidern, plissierten Röcken und teuren Schuhe französischer Marken, die ich nicht aussprechen konnte, die aber toll klangen.

Ich träumte von etwas, das damals weit weg schien. Diese Situation ist mir bis heute als eine Art „heile Welt“ in Erinnerung. Eine Zeit in meiner Kindheit, in der alles leicht und unbeschwert schien. Ein Zeit, die ich mir jederzeit ins Gedächtnis rufen kann. Zum Beispiel am Kiosk oder im Internet. Ganz ohne Viren.

Besser, gesünder, nachhaltiger, produktiver und zugleich entspannter. Wir leben in der Ära der Selbstoptimierung. Aber was bringt uns wirklich weiter — und was können wir uns sparen? In ihrer Kolumne „Selbst optimiert“ schreibt Laura Lewandowski regelmäßig darüber, was dabei rauskommt, wenn sie (kluge) Ratschläge umsetzt oder aus eigenen Erfahrungen lernt. Im Leben, bei der Arbeit und überall dort, wo es zählt. Hauptsache selbst optimiert.

Frau-Kopfhörer © 16 Frau-Kopfhörer
| Anzeige
| Anzeige

Mehr von Business Insider Deutschland

Business Insider Deutschland
Business Insider Deutschland
| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon