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China geht das Fleisch aus – und Deutschland spürt die Folgen

WELT-Logo WELT 26.02.2020 Michael Gassmann
Italien steuert auf eine massive Rezession zu. Grund ist auch der Coronavirus. Die deutsche Wirtschaft sei sehr ansteckungsgefährdet, sagt der Kapitalmarktanalyst Robert Halver im Gespräch mit Dietmar Deffner. Quelle: WELT/Dietmar Deffner © WELT/Dietmar Deffner Italien steuert auf eine massive Rezession zu. Grund ist auch der Coronavirus. Die deutsche Wirtschaft sei sehr ansteckungsgefährdet, sagt der Kapitalmarktanalyst Robert Halver im Gespräch mit Dietmar Deffner. Quelle: WELT/Dietmar Deffner

Kotelett, Würstchen oder Hack vom Schwein stehen bei vielen Deutschen nach wie vor ganz oben auf der Einkaufsliste. Von den rund 60 Kilo Fleisch, die jeder Bundesbürger rechnerisch pro Jahr verzehrt, entfallen allein gut 38 Kilo auf Schweinefleisch. Doch dafür werden die Konsumenten voraussichtlich bald wohl wesentlich tiefer in die Tasche greifen müssen. Grund ist die aktuelle Seuchenlage in China. Sie trifft den Markt gleich doppelt.

Ohnehin hatte die für Menschen ungefährliche Afrikanische Schweinepest seit Monaten einen preistreibenden Einbruch der Produktion bewirkt. Nun zwingen Chinas Maßnahmen zur Eindämmung der Coronavirus-Epidemie, teils verbunden mit der Abriegelung ganzer Städte, die Produktionsziffern in einem zweiten Schlag weiter nach unten. Die ohnehin knappen Fleischvorräte im Land sinken.

Die Folgen für den Weltmarkt sind bis nach Deutschland zu spüren – vorerst in Erzeugerpreisen, die durch die Decke gehen. Derzeit erhalten die Bauern für ein Kilo Schweinefleisch gemessen am Schlachtgewicht im Durchschnitt gut 1,90 Euro von den Verarbeitern. Das sind gut 35 Prozent mehr als vor einem Jahr. Ein so hohes Preisniveau ist sonst allenfalls gelegentlich im Sommer zu beobachten, wenn flächendeckend die Grills angeworfen werden. Im Februar aber habe er einen derartigen Preisboom noch nie erlebt, sagt Tim Koch, Marktexperte des Bonner Agrarinformationsdienstes AMI. Dabei werde es auch bleiben: „Im Moment deutet wenig auf eine Entspannung hin“, so Koch, „denn die Nachfrage aus China bleibt hoch, während das Angebot in Deutschland eher rückläufig ist.“

Schweinefleisch wird teurer – auch wegen der Folgen des Coronavirus © Getty Images/Bruno Guerreiro Schweinefleisch wird teurer – auch wegen der Folgen des Coronavirus

Damit wächst die Wahrscheinlichkeit, dass an den deutschen Fleischtheken bald höhere Preise aufgerufen werden als beispielsweise die 6,97 Euro, die nach dem Fleischpreis-Index des Dienstleisters Caterwings im Schnitt für ein Kilo Hack fällig sind. Zwar halten sich Händler und Fleischer derzeit noch weitgehend mit Preiserhöhungen zurück, denn sie wissen, dass viele Konsumenten die Fleischpreise als einen der wichtigsten Maßstäbe für die generelle Preiswürdigkeit eines Händlers sehen.

In China haben die Verbraucherpreise für Schweinefleisch längst angezogen

Doch in der Fleisch verarbeitenden Industrie wächst der Druck, die steigenden Kosten an die Abnehmer weiterzureichen. Sonst könne die Situation für manche Betriebe existenzgefährdend werden, warnte kürzlich Sarah Dhem, die Präsidentin des Bundesverbands der Fleischwarenindustrie. Schon im vergangenen Jahr waren die Fleischpreise mit einem Plus von 3,07 Prozent deutlich stärker gestiegen als die allgemeine Inflationsrate.

In China haben die Verbraucherpreise für Schweinefleisch längst angezogen. Anfang vergangener Woche lagen sie nach Daten der chinesischen Agrarberatungsfirma Cofeed bei umgerechnet 6,77 Euro pro Kilo. Mit einer Steigerung um 6,5 Prozent in wenig mehr als drei Wochen nähern sie sich rasch dem erst im Oktober erreichten historischen Rekordstand von 7,14 Euro. Dabei hatte das Niveau schon im Januar mehr als doppelt so hoch gelegen wie ein Jahr zuvor.

Die Zahl der mit dem Coronavirus infizierten Menschen im chinesischen Kernland ist nach Angaben der Behörden auf knapp 77.000 gestiegen. Mehr als 2400 Menschen seien gestorben. Die eingeschränkte Beweglichkeit im Lande lässt eine reibungslose Fleischerzeugung nicht mehr zu. „Wegen der Restriktionen beim Transport ist der Erwerb von Schweinen schwierig geworden“, sagte der Analyst Zhao Yuelei der Nachrichtenagentur Reuters.

Quelle: Infografik WELT © Infografik WELT Quelle: Infografik WELT

Straßenblockaden und Abriegelung ganzer Städte erschwerten nicht nur Viehtransporte zu den Schlachthäusern, es fehle vielerorts auch an Personal für die Lastwagenfahrten und die Durchführung der Schlachtungen. Viele Schlachtbetriebe fahren die Produktion nach Beobachtung von Marktkennern deshalb nach dem Ende der Feiern zum chinesischen Neujahr erst mit Verspätung hoch. Nach einer vorübergehenden Entspannung durch die Freigabe von staatlichen Fleischreserven zum Neujahrsfest ziehen die Preise nun angesichts der Knappheit wieder deutlicher an.

Auch die deutschen Exporte seien von den eingeschränkten logistischen Möglichkeiten in China betroffen, sagte AMI-Experte Koch. Die Ausfuhren an Schweinefleisch seien wegen begrenzter Entladekapazitäten in den Häfen und Schwierigkeiten beim Weitertransport nicht so hoch, wie sie bei reibungslosen Abläufen sein könnten. Trotzdem läuft das Geschäft offenbar. Allein im Dezember wurde nach letzten verfügbaren Zahlen des Statistischen Bundesamts Schweinefleisch für 148 Millionen Euro aus Deutschland nach China gebracht. Im November hatten die Ausfuhren einen historischen Höchststand von gut 161 Millionen Euro erreicht. Zum Vergleich: Im November 2019 lag diese Ziffer bei ganzen 28 Millionen Euro. Gleichzeitig verdoppelten sich die Preise pro Tonne auch im Export nahezu.

China kauft derzeit jedes Kilo Schweinefleisch auf, das der Weltmarkt hergibt. Schon vor den Schwierigkeiten im Zuge der Coronavirus-Bekämpfung war der Markt schwer angeschlagen. Die Afrikanische Schweinepest hatte beim weltweit größten Erzeuger und Verbraucher von Schweinefleisch 40 bis 50 Prozent des Tierbestands dahingerafft. Das entspricht bis zu einem Viertel des weltweiten Bestands.

Die Jahresproduktion sank nach Angaben des Nationalen Statistikbüros 2019 um 21 Prozent auf den niedrigsten Stand seit 16 Jahren. Eine schnelle Erholung ist schon wegen der notwendigen Zeiten der Nachzucht nicht zu erwarten. Auch im laufenden Jahr dürfte die Produktion deshalb nochmals um bis zu 15 Prozent geringer ausfallen, schätzt die niederländische Rabobank.

Wie lange die deutschen Schweinezüchter von den boomenden Ausfuhren nach China profitieren, ist allerdings fraglich. Denn der Schweinepest-Erreger nähert sich auch Deutschland scheinbar unaufhaltsam. Infizierte Tiere sind in Polen nur wenige Kilometer entfernt von der deutschen Grenze gefunden worden. Sollte die Tierkrankheit auch hier auftreten, ist unverzüglich mit Ausfuhreinschränkungen zu rechnen.

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