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Corona-Impfungen weltweit: So laufen die Impfkampagnen in anderen Ländern

DER SPIEGEL-Logo DER SPIEGEL 21.01.2021 Nicola Abé

In Deutschland erklingt Wehklagen über verschobene Termine – in Tansania setzen sie auf Heilkräuter. Und in Indonesien kommen junge Menschen zuerst dran: Wie laufen die Impfkampagnen in Asien, Afrika und Lateinamerika?

© Satish Bate / Hindustan Times / Getty Images

Wann ein Land die Coronakrise in den Griff bekommt, wann das Sterben gestoppt werden, das Leben zurückkehren kann, hängt vor allem davon ab, wann es seine Bevölkerung gegen Covid-19 impfen kann.

Doch die weltweite Verteilung der Impfstoffe läuft extrem ungleich ab. Wo eine Lieferung landet, entscheidet sich oft danach, wer am meisten bezahlt, und nicht danach, wer die Impfstoffe am dringendsten benötigt. So ist längst die Rede von »impfnationalistischem Handeln«.

Es waren dann auch deutliche Worte, mit denen der Chef der Weltgesundheitsorganisation WHO die aktuelle Lage beschrieb: »Die Welt steht am Rande eines katastrophalen moralischen Versagens«, sagte Tedros Adhanom Ghebreyesus. »Der Preis für dieses Versagen wird mit Leben und Lebensgrundlagen in den ärmsten Ländern der Welt bezahlt werden.«

Während in mindestens 49 reicheren Ländern derzeit schon mehr als 39 Millionen Impfdosen verabreicht worden seien, habe es in einem einzigen der ärmsten Länder erst 25 Impfungen gegen Covid-19 gegeben. »Nicht 25 Millionen, nicht 25.000; nur 25 Impfungen«, betonte Tedros. Es sei nicht fair, dass viele Staaten sich vordrängelten und die Initiative »Covax« umgingen, die ja gegründet worden war, damit auch arme Staaten Impfstoff erhalten.

Wo und wann kommen die Impfdosen in der Welt an – kommen sie überhaupt an? Und wie geht es dann weiter? Ein Überblick aus Asien, Afrika und Lateinamerika.

Afrika

Der Kontinent ist bislang ein großer weißer Fleck auf der Impflandkarte: Einzig der kleine Inselstaat Seychellen hat mit dem Impfen des medizinischen Personals begonnen, in Guinea wurden einige hochrangige Politiker mit der russischen Impfung versorgt. Die meisten Länder haben bisher jedoch nichts von den Impfstoffen abbekommen. Viele Staaten haben Impfkampagnen angekündigt, doch es gibt mehr Fragen als Antworten. »Alle angekündigten Impfdosen sind bisher nur Reservierungen und existieren noch nicht. Es ist völlig ungewiss, wann es auf dem Kontinent flächendeckend losgeht«, sagt der kenianische Gesundheitsexperte Githinji Gitahi. 

Einem der reichsten Länder des Kontinents, Südafrika, wird sein vergleichsweiser Wohlstand zum Verhängnis: Es muss in die »Covax«-Initiative einzahlen, statt wie seine ärmeren Nachbarn die Impfdosen kostenlos zu erhalten. Das Land mit knapp 60 Millionen Einwohnern sicherte sich nach eigenen Angaben 12 Millionen Dosen über »Covax«. Weitere 12 Millionen sollen über eine Gemeinschaftsbestellung der Afrikanischen Union eintreffen. Wann die ersten Lieferungen kommen, steht nicht fest. Südafrika hat aber bereits angekündigt, dass trotz der aktuellen Wirtschaftskrise die Steuern erhöht werden könnten, um die Impfstoffe zu finanzieren.

In Kenia sind fast 40 Prozent der Bevölkerung unter 15 Jahre alt – für sie gibt es bislang keinen zugelassenen Impfstoff. Eine Herdenimmunität wird also ohnehin erst erreicht, wenn auch Kinder geimpft werden können. Trotzdem hat Kenia einen ambitionierten Plan und erwartet noch im Februar erste Lieferungen. Es setzt vor allem auf den AstraZeneca-Impfstoff, der keine Tiefkühlung erfordert. Insgesamt 47 Millionen Impfdosen verschiedener Hersteller seien bislang zugesagt, verkündete das kenianische Gesundheitsministerium. Heißt: Selbst, wenn alle Dosen geliefert werden, reicht das nicht einmal für die Hälfte der Bevölkerung.

Tansania geht einen ganz eigenen Weg und hat bislang zumindest offiziell keinerlei Ambitionen gezeigt, eine Impfkampagne zu starten. Stattdessen teste man Heilkräuter, teilte die tansanische Regierung im Dezember mit. Denn seit dem Frühjahr ist das Land offiziell Covid-frei – auch wenn dieser Behauptung nur wenige wirklich glauben. 

Wie mehrere nordafrikanische Länder setzt Ägypten derzeit vor allem auf den chinesischen Impfstoff Sinopharm. Die ersten 50.000 Dosen sind laut Medienberichten bereits im Land, weitere könnten bald folgen. Die Einwohner sollen sich online für die bevorstehenden Impfungen registrieren, die Impfkampagne laut Regierung am 1. Februar beginnen. So könnte Ägypten zu einem der ersten Länder Afrikas werden, die zumindest einen Teil der Bevölkerung impfen.

Lateinamerika

Lateinamerika gilt als der Kontinent mit der größten Ungleichheit – und wird seinem Ruf auch bei den Corona-Impfungen gerecht. Während die mächtigeren Staaten der Region wie Chile oder Mexiko schnell durch bilaterale Abkommen mit Pharmaunternehmen Millionen an Dosen bestellten und bereits seit Wochen impfen, sind die ärmsten Staaten wie Bolivien, Nicaragua, Guatemala und Honduras abhängig vom supranationalen Verteilungsmechanismus »Covax« – und müssen warten.

Ein spezieller Fall ist das im regionalen Vergleich wirtschaftsstarke BrasilienDort haben die Impfungen am 18. Januar begonnen. Das Land ist besonders stark von der Pandemie betroffen, mehr als 210.000 Menschen sind laut offiziellen Angaben bereits an einer Covid-Erkrankung gestorben. 

Probleme bei der Impfkampagne liegen vor allem an politischen Machtkämpfen und Inkompetenz. Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro, der gegen das Impfen wettert und behauptet, man könne sich dadurch in ein Krokodil verwandeln, soll es im Sommer abgelehnt haben, den Impfstoff von Pfizer/Biontech zu bestellen und setzte stattdessen auf den in Indien produzierten Impfstoff von AstraZeneca. Als der Deal zum Export der Impfung aus Indien Mitte Januar plötzlich platzte, wurden die Rufe nach seinem Abtritt lauter.

Nun wird erst mal weniger geimpft als geplant, und zwar mit dem chinesischen Impfstoff Coronavac, der im Staat São Paulo in Zusammenarbeit mit dem Forschungsinstitut Butantan hergestellt wird. Zudem lästerte Bolsonaro über dieses Produkt – vor allem deshalb, weil am Produktionsstandort sein politischer Konkurrent, Gouverneur João Doria, regiert. 

Argentinien ist von der Pandemie ebenfalls sehr schwer getroffen. Zudem schlitterte das Land durch einen besonders harten Lockdown in eine schwere Wirtschaftskrise. Inzwischen leben mehr als 40 Prozent der Argentinier unterhalb der Armutsgrenze. 

Als »Testlabor« für den russischen Impfstoff Sputnik V bezeichnete das »Wall Street Journal« das Land. Tatsächlich ist Sputnik V – der Impfstoff ist von der WHO bisher nicht autorisiert – in Argentinien seit dem 29. Dezember 2020 im Einsatz, bis Ende Februar sollen 10 Millionen der rund 45 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner geimpft sein.

Mexiko hat wenig unternommen, um die Pandemie etwa durch Einschränkungen der Kontakte oder der Bewegungsfreiheit der Bevölkerung einzudämmen. Auch hier ist die Impfung die letzte Möglichkeit, die Pandemie unter Kontrolle zu bringen. Mit bis zu 20.000 Ansteckungen pro Tag befindet sich das Land in einer der schwierigsten Phasen der Pandemie. Mexikos Regierung hat es zwar nicht versäumt, rechtzeitig bei Biontech/Pfizer (34,4 Millionen Dosen) und AstraZeneca (77,4 Millionen Dosen) zu bestellen.

Doch vorerst gibt es wohl nicht mehr genug Lieferungen von Biontech/Pfizer, unter anderem weil die Vereinten Nationen darauf drängen, zeitnah auch wirtschaftlich schwächere Staaten zu versorgen. Nun ist man in Mexiko besorgt, dass die zweiten Dosen, die die Pfizer-Impfung erst richtig wirksam machen, nicht rechtzeitig verabreicht werden können. Das Land wendet sich – wie viele lateinamerikanische Staaten – inzwischen China und Russland zu, um schneller an mehr Impfdosen zu kommen, die Regierung setzt somit auf Sputnik V und Coronavac.

Asien

In Asien sind es die Länder mit den leistungsfähigen Impfstoffproduktionsstätten, die bereits groß angelegte Impfkampagnen gestartet haben: China und Indien. Die meisten Länder der Region müssen sich in Geduld üben. Kambodscha etwa, Laos, Myanmar, Thailand oder Vietnam. Das gilt auch für den Industriestaat Japan. Dort wurde der Corona-Notstand bis in den Februar verlängert, Impfstoffzulassungen liefen schleppend an. Erste Impfungen könnte es Ende Februar geben.

China hatte – über Notzulassungen – schon im Sommer 2020 mit dem Impfen ausgewählter Personen angefangen. Ende 2020 dann wurde offiziell grünes Licht für den Impfstoff des Unternehmens Sinopharm gegeben und die Kampagne gestartet. Wer in China wann an der Reihe ist, richtet sich danach, zu welcher der drei Gruppen man gehört: Zuerst jene, die einem besonders hohen Infektionsrisiko ausgesetzt sind, dann Alte und Menschen mit Vorerkrankungen, dann die restliche Bevölkerung. Laut der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua haben Anfang Januar allein in Peking eine Million Menschen die erste Impfung erhalten.

Indien ist hinter den USA das Land mit den meisten Coronafällen weltweit. Mitte Januar begannen dort die Impfungen, sie sind kostenlos; die Regierung will bis zum Sommer 300 Millionen Menschen geimpft haben. Eine logistische Megaaufgabe für das 1,4-Milliarden-Einwohner-Land. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Serum Institute of India (SII), der größte Impfstoffhersteller der Welt. Die Firma aus der Stadt Pune produziert den vom internationalen Pharmakonzern AstraZeneca und der Universität Oxford entwickelten Covid-19-Impfstoff. Am Donnerstag brach in der Fabrik ein Brand aus – dem indischen Fernsehsender NDTV zufolge sei es aber unwahrscheinlich, dass das Feuer die Produktion des Corona-Impfstoffs beeinträchtigt.

Ein Teil des Impfstoffs ist für den Export in Entwicklungsländer bestimmt – nach Südamerika, Asien und Afrika. Allerdings machte der CEO des Instituts klar, dass sich sein Unternehmen zunächst auf die Produktion für Indien konzentrieren wird, bevor die Impfstoffe in andere Länder geschickt werden.

In Indonesien war Präsident Joko Widodo der Erste, der sich Mitte Januar eine Impfung in den Oberarm drücken ließ. Es handelte sich um den chinesischen Impfstoff Coronavac – und um ein Zeichen an die Bevölkerung, dass dieser Impfstoff sicher sei. Der viertbevölkerungsreichste Staat der Welt ist einer der Ersten, in denen der chinesische Impfstoff außerhalb Chinas großflächig zum Einsatz kommt.

Interessant ist dabei Indonesiens Impfstrategie: Zuerst soll die arbeitende Bevölkerung geimpft werden, 18- bis 59-Jährige, erst später Risikogruppen und Alte. Das Land hofft, so die Wirtschaft wieder anzukurbeln, die in der Pandemie stark gelitten hat.

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