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Coronavirus: "Digitale Werkzeuge können den viralen Feind früher sichtbar machen"

DER SPIEGEL-Logo DER SPIEGEL 23.03.2020 Hilmar Schmundt

Risikokarten aus Fitnesstrackerdaten, Video-Sprechstunden, ein Corona-Chatbot: Der Leiter des Health Innovation Hub im Gesundheitsministerium erklärt, wie digitale Helfer in der Pandemie Leben retten können.

© Health Innovation Hub

Jörg Debatin, 58, leitet in Berlin den Health Innovation Hub, einen Think Tank des Bundesgesundheitsministeriums, der Startups bei der Umsetzung neuer Ideen im Gesundheitsbereich unterstützt.

SPIEGEL: Herr Debatin, derzeit ist es mühsam und langsam, eine Infektionskette nachzuvollziehen. Wäre es sinnvoll, das über Tracking-Apps zu machen?

Jörg Debatin: Im Prinzip sind Geotracking-Apps absolut sinnvoll: Die Einzelnen können sehen, ob sie mit Infizierten in Kontakt waren. Allerdings ist es nicht leicht, das datenschutzkonform zu gestalten.

SPIEGEL: Diverse Ärzteteams entwickeln derzeit auf eigene Faust Apps, beklagen sich aber über mangelnde Unterstützung. Könnten Sie denen bei der Finanzierung helfen?

Debatin: Wir sind keine Förderinstitution und vergeben keine finanziellen Mittel. Aber wir unterstützen Projekte und Startups durch den Kontakt zu Providern und offiziellen Stellen. Wer seine Software mit Corona-Bezug in einen Appstore bringen will, braucht die Legitimation durch eine offizelle Stelle, dabei können wir helfen.

SPIEGEL: Welche Projekte verfolgen Sie derzeit?

Debatin: Wir unterstützen die rasch anwachsende Nutzung von Tele-Plattformen für Video-Sprechstunden. Patienten müssen auf diese Weise nicht mehr ihr zu Hause verlassen, um mit dem Arzt ihres Vertrauens zu sprechen. Auch haben wir die Entwicklung eines Corona-Bots befördert, der jetzt online ist. Der Bot bietet eine einfache Möglichkeit für Nutzer, sich anhand der Beantwortung relevanter Fragen zu Aufenthaltsorten, Kontakten und Symptomen eine personifizierte Handlungsanleitung erstellen zu lassen. Beruhend auf den individuellen Informationen errechnet der Bot entsprechend der veröffentlichten Richtlinien des Robert-Koch-Instituts eine individuelle Empfehlung von "Wahrscheinlich haben Sie kein Corona" oder "Bleiben Sie in Quarantäne", oder "Kontaktieren Sie einen Arzt unter der Telefonnummer 116117".

SPIEGEL: Kann der Corona-Bot auch Krankenhäusern oder Politikern bei der Planung helfen?

Debatin: Werkzeuge wie ein Corona-Bot helfen bei der gesundheitlichen Aufklärung der Bevölkerung. Das ist hilfreich, damit die Hilfe und Ressourcen zu genau den Menschen kommen, die sie am dringendsten brauchen.

Spiegel: Was wäre der Vorteil gegenüber den bislang verwendeten Befragungsmethoden?

Debatin: Derzeit laufen wir dem aktuellen Infektionsgeschehen mit einer Verzögerung von mindestens einer Woche hinterher. Digitale Werkzeuge können den viralen Feind früher sichtbar machen. Das Ziel ist es, mit postleitzahlenbezogenen Heatmaps genauer einzugrenzen, wo besonders viele Nutzer krank sind, um dann Ressourcen zielgenauer einsetzen zu können. Derartige Heatmaps könnten realistischerweise Anfang April am Start sein.

SPIEGEL: Würden diese Risikokarten nur auf Selbstaussagen der Nutzer basieren?

Debatin: Eine Möglichkeit bestünde darin, Gesundheitsdaten von Puls- und Aktivitätsmessern wie etwa dem Fitbit zu verwenden. Ist jemand krank, steigt die Pulsfrequenz und der Aktivitätslevel fällt. Rund zehn Prozent der Deutschen nutzt derlei Fitnesstracker aktiv. Wenn nur zehn Prozent von denen bereit wären, ihre Daten anonymisiert zu spenden, könnte daraus eine wertvolle Corona-Risikokarte generiert werden.

SPIEGEL: Länder wie China oder Südkorea nutzen das Smartphone-Tracking von Corona-Infizierten. Ließen sich die dort eingesetzten Apps nicht einfach für Deutschland anpassen?

Debatin: In China oder Südkorea gibt es ganz andere Möglichkeiten im Umgang mit Nutzer- und Gesundheitsdaten. Wir sollten hierzulande den Datenschutz respektieren und trotz aller Not nicht unsere gesellschaftlichen Werte über Bord werfen. Ich glaube, dass wir viel weiter kommen, wenn wir auf Freiwilligkeit setzen.

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