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Der 10.000-Euro-Schein soll den deutschen Sparer retten

WELT-Logo WELT 06.11.2019 Frank Stocker

Wegen der Minuszinsen horten immer mehr Menschen ihr Erspartes in bar. Ökonomen verlangen nun, dies durch Ausgabe besonders wertvoller Scheine zu erleichtern. So abwegig ist die Idee nicht, denn es gibt prominente Beispiele.

Bargeld wird bei Minuszinsen zum Wertaufbewahrugsmittel. Leichter wäre es, wenn es größere Scheine gäbe, sagen Ökonomen Quelle: picture alliance/dpa © picture alliance/dpa Bargeld wird bei Minuszinsen zum Wertaufbewahrugsmittel. Leichter wäre es, wenn es größere Scheine gäbe, sagen Ökonomen Quelle: picture alliance/dpa

Bargeld scheint auf dem Rückzug. Immer häufiger zücken selbst die Verbraucher die Giro- oder Kreditkarte, oder sie zahlen gleich mit dem Handy. Zwar ist Deutschland im internationalen Vergleich immer noch eine Hochburg des Bargelds, doch auch hier ist der Trend eindeutig.

Im Frühjahr stellte das Handelsforschungsinstitut EHI fest, dass hierzulande der Anteil von Bargeld am Umsatz auf 48,3 Prozent gesunken ist. Dieser Wert liegt erstmals unter 50 Prozent.

Vor diesem Hintergrund mutet es seltsam an, dass Ökonomen nun die Einführung neuer Geldscheine in der Euro-Zone fordern, und zwar solche mit weit höherem Wert als jene, die derzeit in Umlauf sind. Die Europäische Zentralbank solle Banknoten zu 1000, 5000 und 10.000 Euro drucken. Doch dahinter verbirgt sich ein durchaus nachvollziehbares Konzept, das Sparer vor den Auswirkungen der Negativzinsen schützen soll.

Bargeld verliere tatsächlich zunehmend seine Funktion als Transaktionsmedium, stellen Aloys Prinz, Direktor des Instituts für Finanzwirtschaft an der Universität Münster, und Hanno Beck, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule Pforzheim, in einer gemeinsamen Stellungnahme fest.

Es wird also immer weniger fürs Bezahlen eingesetzt. Gleichzeitig könne man aber feststellen, dass es seit einigen Jahren immer häufiger für einen anderen Zweck genutzt werde: als Wertaufbewahrungsmittel.

„Die Gründe dafür sind einerseits die unkonventionelle Geldpolitik mit Null- oder Negativzinsen und andererseits die gestiegene Unsicherheit hinsichtlich der Stabilität des Finanzsystems und das damit einhergehende Misstrauen gegenüber Banken, Geld- und Finanzpolitik“, so die Ökonomen.

Vor allem die Negativzinsen trieben Sparer zunehmend dazu, ihr Vermögen in Bargeld zu horten. Denn immer mehr Banken verlangen inzwischen für Einlagen über 100.000 Euro Minuszinsen, und es erscheint zunehmend wahrscheinlich, dass diese Schwelle auf ein Niveau abgesenkt wird, bei dem auch Kleinsparer betroffen wären.

Bargeld wandele sich in einem solchen Umfeld vom einstigen Unsicherheitsmedium, das von Inflation bedroht wird, zum Absicherungsmedium. „Bargeld wird zum Rettungsanker“, so Prinz und Beck.

Eine Reaktion darauf könnte natürlich sein, Bargeld komplett abzuschaffen und den Menschen auf diese Weise das Ausweichen vor den Negativzinsen unmöglich zu machen. Schließlich soll der Minuszins bewirken, dass die Konsumenten mehr Geld ausgeben und weniger auf die hohe Kante legen, um so die Wirtschaft anzukurbeln.

Doch Prinz und Beck argumentieren, dass ein solches Vorgehen nicht durchsetzbar wäre. „Eine Abschaffung oder Besteuerung des Bargeldes dürfte vor allem in Deutschland massive Widerstände hervorrufen, und selbst die Akzeptanz des Euro könnte darunter leiden“, argumentieren sie. 

Bargeld lockt Kriminelle

Zudem würden Menschen dann andere Wege finden, sie könnten beispielsweise auf Kryptowährungen ausweichen. „Es ist sogar vorstellbar, dass sich ausländische Währungen oder Gutscheine von Online-Kaufhäusern als Ersatzwährungen etablieren – mit entsprechendem Kontrollverlust für die Geldpolitik und entsprechenden Kosten.“

Daher plädieren die beiden Ökonomen, stattdessen die Sicherheitsbedürfnisse der Bevölkerung zu akzeptieren und diese zu unterstützen, indem die EZB den Sparern neue Geldscheine mit höherem Wert zur Verfügung stellt, beispielsweise 1000-, 5000- und 10.000-Euro-Banknoten. Der Clou: Diese Scheine sollten nur zur Wertaufbewahrung dienen.

Für Transaktionszwecke sollten diese dagegen nicht zugelassen werden. Damit würde verhindert, dass sie zur Geldwäsche oder für kriminelle Zwecke eingesetzt werden. Denn wer das Geld zur Bezahlung nutzen möchte, müsste die großen Scheine zunächst in kleinere umtauschen, und zwar bei einer Bank. Und an dieser Stelle kann die legale Herkunft überprüft werden.

Die Idee klingt ungewöhnlich, ist es aber eigentlich gar nicht. Denn in Großbritannien gibt es beispielsweise auch heute noch Banknoten zu einer Million Pfund und sogar zu 100 Millionen Pfund. Doch diese sind eben nicht für den Zahlungsverkehr gedacht, und kaum jemand hat sie je gesehen.

Vielmehr werden sie von den privaten Banken in Schottland und Nordirland genutzt, die eigene Pfund-Noten herausgeben. Für jede gedruckte Note müssen sie den entsprechenden Betrag in Pfund Sterling bei der Bank of England hinterlegen, und dies tun sie über diese speziellen Banknoten.

Auch in den USA wurden bis 1945 Banknoten zu 500, 1000, 5000 und 10.000 Dollar gedruckt. Zudem gab es ein Gold-Zertifikat im Wert von 100.000 Dollar. Doch auch diese Scheine wurden praktisch ausschließlich für Transaktionen zwischen Finanzinstitutionen genutzt. Sie sind sogar nach wie vor offizielles Zahlungsmittel, allerdings existieren nur noch wenige Exemplare, sodass ihr Sammlerwert inzwischen weit höher ist als der aufgedruckte Betrag.

Dass die EZB diesen Vorbildern folgt und nun entsprechende Scheine druckt, erscheint allerdings höchst unwahrscheinlich. Denn erst im Frühjahr dieses Jahres war endgültig die Ausgabe des 500-Euro-Scheins eingestellt worden. Begründet worden war dies mit der Nutzung der Banknote für vorwiegend illegale Zwecke. Vor diesem Hintergrund wäre es eine Kehrtwende um 180 Grad, wenn die EZB nun dem Vorschlag für eine 10.000-Euro-Banknote folgen würde.

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