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Der deutsche Elektro-Boom ist in Wahrheit eine Mogelpackung

WELT-Logo WELT 14.06.2020 Florian Gehm
Die US-amerikanische Umweltbehörde EPA hat den Porsche Taycan Turbo einem Reichweitentest unterzogen und dabei einen Wert von nur 323 Kilometern festgestellt. Nichtsdestotrotz kommt das neuen Elektromodell Taycan bei den Kunden besser an als erwartet. Quelle: WELT/Christoph Hipp © WELT/Christoph Hipp Die US-amerikanische Umweltbehörde EPA hat den Porsche Taycan Turbo einem Reichweitentest unterzogen und dabei einen Wert von nur 323 Kilometern festgestellt. Nichtsdestotrotz kommt das neuen Elektromodell Taycan bei den Kunden besser an als erwartet. Quelle: WELT/Christoph Hipp

Deutschland erlebt gerade einen Elektroauto-Boom – könnte man meinen. Die Bundesregierung hat mit ihrem Konjunkturpaket eindeutig signalisiert: Die Ära der Verbrenner geht zu Ende. Praktisch alle wichtigen Fördertöpfe gelten dem neuen Antrieb. Dazu passen auch die Zahlen des aktuellen „Electromobility Reports“ ins Bild. Das Center of Automotive Management (CAM) analysiert den Markt regelmäßig und kommt in der aktuellen Untersuchung zu dem Ergebnis, dass die Elektromobilität – trotz Corona-Krise – ein deutliches Wachstum erfährt, das dauerhaft anhalten soll.

Der BMW X5 xDrive45e hat eine Mini-Batterie – und einen großen Tank © picture alliance / Photoshot Der BMW X5 xDrive45e hat eine Mini-Batterie – und einen großen Tank

„Die durch das Konjunkturpaket initiierten zusätzlichen Förderungen und Steuervorteile werden der Elektromobilität in diesem Jahr einen weiteren starken Schub verleihen“, erklärt CAM-Chef Stefan Bratzel. Er rechnet in diesem Jahr mit einer Verdopplung des Elektroauto-Absatzes auf rund 220.000 Pkw und einer weiteren deutlichen Steigerung im Jahr 2021. „Die Absatzzahlen in Deutschland zeigen, dass die deutschen Automobilhersteller bei der Elektromobilität besser sind als ihr Ruf und auch weiterhin vom Markthochlauf profitieren können.“

Der Report zeigt aber auch, dass das Bild so eindeutig gar nicht ist. Denn hinter dem vermeintlichen Elektroaufschwung bei den deutschen Herstellern verbirgt sich in Wahrheit ein Plug-in-Boom. Diese Fahrzeuge, die neben einem großen Benzin- oder Dieselmotor auch einen kleinen Batterieantrieb besitzen, verkaufen sich prächtig.

Die Neuzulassungen dieser Antriebskombination haben sich in den ersten vier Monaten in Deutschland fast verdreifacht – auf 38.792 Exemplare. Ganz weit vorne liegen dabei die deutschen Vertreter BMW, Mercedes und Audi. Vor allem BMW-Vorstandschef Oliver Zipse präsentiert sich deshalb regelmäßig als Elektrovorreiter und bezeichnet seinen Konzern gerne auch als den am besten elektrifizierten Fahrzeugbauer der Welt. Selbst Tesla könne bei der schieren Menge der E-Fahrzeuge nicht mit den Münchnern mithalten.

Das Problem: Plug-in-Hybride sind gar nicht so klimafreundlich, wie es die verbaute Batterie vermuten lässt. Tatsächlich könnten kleine Hybride für kurze Strecken, etwa zum Arbeitsplatz, vollständig elektrisch betrieben genutzt werden. Erst auf langen Strecken, etwa auf dem Weg in den Urlaub, würde dann der Verbrennungsmotor aktiviert werden. Doch die Autobranche verkauft als Plug-in-Hybride besonders gerne wuchtige SUVs und Limousinen, die für die Langstrecke oder als Dienstwagen gedacht sind – und auch so genutzt werden.

„Getarnte Verbrenner-SUV mit Elektrohilfsmotor“

Der klimafreundliche Einsatz wird damit zur Wunschvorstellung, bestätigt auch CAM-Studienleiter Bratzel: „Plug-in-Hybride, die vielfach als Dienstwagen verkauft werden, leisten häufig keinen positiven Klimabeitrag aufgrund der großen Diskrepanz zwischen den Norm- und Realverbräuchen.“ Das heißt: Die Strecken, die mit den Fahrzeugen zurückgelegt werden, sind so lang, dass die Batterie nur für einen Bruchteil der Strecke als Energieversorger taugt – wenn sie überhaupt geladen wird: Bei vielen Dienstfahrzeugen liegt das Ladekabel auch nach Monaten noch immer originalverpackt im Kofferraum.

Mitarbeiter von Firmen bekommen meist eine Tankkarte, mit der sie kostenlos Benzin und Diesel auftanken können. Die Batterie über Nacht am privaten Hausstrom zu laden, müssen sie hingegen aus eigener Tasche bezahlen. Die Deutsche Umwelthilfe griff die Förderung von Plug-in-Hybriden deshalb zuletzt scharf an – als „getarnte Verbrenner-SUV mit Elektrohilfsmotor“. Der BMW X5 xDrive45e etwa kommt nur auf eine maximale Ladeleistung von 3,7 kW. Bis die Batterie wieder voll ist, dauert das an einer Ladesäule oder Wallbox über sieben Stunden. Der Benzintank fasst hingegen 69 Liter.

Das offenbart das schiefe Bild, mit dem viele deutsche Hersteller ihren elektromobilen Fortschritt belegen wollen. Während Strompionier Tesla ausschließlich vollelektrische Fahrzeuge verkauft, hat etwa BMW davon praktisch gar keine im Angebot. Nur 2,6 Prozent aller neu zugelassenen BMW sind echte E-Mobile. Auch bei den anderen beiden der großen drei Premiumhersteller zeigt sich das gleiche Problem: Audi kommt auf 3,3 Prozent, Mercedes sogar nur auf 0,4 Prozent.

Vor Jahren angekündigte reine E-Modelle lassen noch immer auf sich warten. Was bisher auf den Markt kommt, fällt bei Experten und Kunden meist durch – wie der lang ersehnte Elektro SUV EQC von Mercedes. Schmale 350 Fahrzeuge wurden laut Kraftfahrt-Bundesamt in diesem Jahr zugelassen.

Quelle: Infografik WELT © Infografik WELT Quelle: Infografik WELT

Doch einem deutschen Premiumhersteller scheint es nun doch zu gelingen, echte Elektroerfolge zu feiern. Laut CAM-Analyse ist bereits jeder zehnte hierzulande verkaufte Porsche ein E-Auto. Hintergrund ist die gelungenen Einführung des rein elektrischen Modells Taycan. Allein im Mai wurde 185 Stück von diesen Sportwagen zugelassen. Wie viel das ist, zeigt ein Vergleich zum unmittelbar konkurrierenden Model S von Tesla. Davon wurden im Mai lediglich 34 Stück zugelassen. Die Zuffenhausener sind dabei, das zu schaffen, wovon Mercedes, BMW und Volkswagen noch weit entfernt sind – eine echte Alternative zum Technologieführer Tesla zu werden.

Von der aktuellen Prämien-Euphorie wird Porsche allerdings nicht profitieren. Dafür sind die Fahrzeuge schlichtweg zu teuer. Die wahren Gewinner der staatlichen Zuschüsse dürften vor allem aus dem Ausland stammen. Denn Hersteller wie Renault und Nissan eröffnen gerade einen Preiskampf mit dem deutsche Hersteller nicht mithalten werden: Nissan etwa erlässt seinen Kunden aktuell die Mehrwertsteuer, Renault erhöht seinen Elektrobonus so sehr, dass der Zoe mit gemieteter Batterie künftig für unter 12.000 Euro zu haben ist. Ohnehin sind ausländische Hersteller für deutsche Autokunden bereits die erste Adresse, wenn es um Batterieantrieb geht. Der Absatzanteil von reinen Elektrofahrzeugen im Jahr 2020 lag bei Renault bei 15,1 Prozent, bei Nissan bei 8,7 Prozent und bei Hyundai bei 7,0 Prozent.

Wenn man also überhaupt von einem bevorstehenden deutschen Elektroboom sprechen kann, wird der in den nächsten Monaten an den meisten deutschen Herstellern vorbeigehen.

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