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Der Euro wird zur Weichwährung – mit üblen Folgen

WELT-Logo WELT 27.08.2021 Thomas Mayer
"Die lateineuropäische Wirtschaftskultur legt mehr Gewicht auf Ermessensentscheidungen als auf die Durchsetzung von Regeln", stellt Thomas Mayer fest Quelle: Getty Images/SimpleImages, Marc Comes/Flossbach von Storch/dpa © Getty Images/SimpleImages, Marc Comes/Flossbach von Storch/dpa "Die lateineuropäische Wirtschaftskultur legt mehr Gewicht auf Ermessensentscheidungen als auf die Durchsetzung von Regeln", stellt Thomas Mayer fest Quelle: Getty Images/SimpleImages, Marc Comes/Flossbach von Storch/dpa

Die geistigen Erben Ludwig Erhards hatten sich viel Mühe gegeben, in den EU-Verträgen mit der politischen Unabhängigkeit der EZB sowie dem Verbot der monetären Staatsfinanzierung, der „Rettung“ insolventer Staaten und der Vergemeinschaftung von Schulden die Prinzipien der Ordnungspolitik zu verankern.

Solides Geld und ein finanziell solventer Staat sollten die Grundlagen für marktwirtschaftlichen Wettbewerb schaffen. Diese Ordnung hatte dem Westdeutschland der Nachkriegszeit zu wirtschaftlicher Blüte und einer international begehrten Währung verholfen.

Seit der Euro-Krise wurden die in den EU-Verträgen festgeschriebenen ordnungspolitischen Prinzipien jedoch sukzessive aufgehoben. Illiquide und insolvente Staaten wurden trotz „Bail-out-Verbots“ gestützt, die EZB übernahm entgegen dem Verbot der monetären Staatsfinanzierung die monetäre Finanzierung der Euro-Staaten mit Anleihekaufprogrammen von SMP zu PEPP, und der Europäische Rat und die Kommission beschlossen entgegen dem Verschuldungsverbot der EU eine gemeinsame Kreditaufnahme im „Next Generation EU“-Fonds.

Damit hat sich die lateineuropäische Wirtschaftskultur in der Euro-Zone in vollem Umfang gegen die deutsche Kultur der Ordnungspolitik durchgesetzt.


Video: Die Spieler mit der größten Marktwertsteigerung nach der EURO 2020 (glomex)

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Die lateineuropäische Wirtschaftskultur legt mehr Gewicht auf Ermessensentscheidungen als auf die Durchsetzung von Regeln. Der Staat greift planerisch in die Privatwirtschaft ein, und die Zentralbank spielt eine unterstützende Rolle für die Haushaltspolitik des Staates. Sie wird von der Fiskalpolitik dominiert, sodass sowohl der öffentliche als auch der private Sektor steigende Kosten auf die Preise überwälzen und sich immer tiefer verschulden können.

Der Euro mutiert zur Weichwährung

Die Folgen waren in den großen lateineuropäischen Ländern Frankreich und Italien seit dem Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems, mit dem die Wechselkursbeschränkung für die nationale Geldpolitik fiel: Inflation, Wachstumsschwäche und Währungsverfall. Zwischen 1971 und dem Beitritt zur EWU wertete die italienische Lira gegenüber der D-Mark um 82 Prozent ab, der französische Franc verlor 52 Prozent.

Wie die Erfahrung in Italien zeigt, dürften die Folgen für den Euro-Raum sein, dass es keine wirksamen Grenzen für die öffentliche und private Verschuldung mehr gibt, der Euro zu einer Weichwährung (einer neuen Lira) mutiert, die Inflation steigt, das Produktivitätswachstum und die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft sinken.

Deutschland wird sich dem nicht entziehen können und durch seine ambitionierte Klimapolitik und die Nettozahlungen an die EU zusätzlich belastet werden. Große Unternehmen können sich den Belastungen vielleicht teilweise entziehen, indem sie ihre Geschäfte nach Asien und Amerika verlagern, während der Mittelstand voll getroffen wird.

Für Anleger wird es wichtig sein, ihre Aktienportfolios in Richtung Asien und Amerika umzuschichten und nur inländische Aktien von Unternehmen zu halten, die ihr Geschäft aus Europa abziehen können.

Olaf Scholz verglich die Vergemeinschaftung der Schulden im NGEU-Fonds mit dem „Hamilton-Moment“ in der Gründungsgeschichte der USA. Tatsächlich handelte es sich jedoch um die finale Preisgabe der deutschen Wirtschaftskultur, die seine Vorgänger in den EU-Verträgen verankern wollten.

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