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Die Helden der Luftbrücke

dw.com-Logo dw.com 02.04.2020 Andreas Spaeth

Ein Großteil der im Ausland gestrandeten Deutschen ist wieder zu Hause. Jetzt geht es um schwierigere Fälle - zum Beispiel Neuseeland. Piloten und Besatzungen leisten Außergewöhnliches.

Passagiere beim Einsteigen in Windhuk, Namibia © Lufthansa Passagiere beim Einsteigen in Windhuk, Namibia

Zuerst die gute Nachricht: Es kommt Bewegung in die aus einigen wichtigen Ländern ins Stocken geratene Rückholung von Deutschen, die wegen des Coronavirus noch immer festsitzen. Vor allem aus Neuseeland, wo etwa 12.000 Bundesbürger auf Rücktransport warten, sowie aus Südafrika und Namibia, von wo bis zu 9000 Urlauber zurück wollen.

Neuseeland hat sich jetzt, nach zwischenzeitlichem Ausreiseverbot für Ausländer, bereit erklärt, dies nun wieder zuzulassen. Ab Freitag sollen die ersten Rückholflüge der Lufthansa in Auckland und Christchurch landen. Auch Air New Zealand wird Flüge nach Europa auflegen. Südafrika hatte vor einer Woche seinen gesamten Luftraum und alle Flughäfen mit nur kurzer Vorwarnungszeit komplett geschlossen. "Wir wurden komplett auf dem falschen Fuß erwischt", berichtet ein Flughafenbetreiber am Kap. Doch für das Wochenende gibt es Hoffnung - South African Airways soll Sonderflüge nach Frankfurt und München organisieren, um Deutsche heimzufliegen.

Air New Zealand zeigt Herz: Am Flughafen von Auckland © Air New Zealand Air New Zealand zeigt Herz: Am Flughafen von Auckland

Wenn plötzlich alles anders ist

Die große Frage ist aber: Kommen Mitarbeiter, Besatzungen und Passagiere in dem strikten Ausgehverbot im Land überhaupt rechtzeitig zu den derzeit geschlossenen Flughäfen? "Da müssen wir immer drei Schritte vorausdenken, auch weil es überall Straßenkontrollen gibt", sagt André Schulz in Johannesburg, dort Lufthansa-Vertriebsleiter im südlichen Afrika. "Vor dem Beginn der dreiwöchigen Ausgangssperre sind am Abend des 26. März noch 120 Passagiere, die ohne feste Buchung und auf gut Glück zum Flughafen gekommen waren, nicht mehr auf unseren letzten Linienflügen mitgekommen, das war für einige schon tragisch und dramatisch", weiß der Lufthansa-Manager.

Eine Lufthansa-Boeing 747 wartet auf dem Flugahfen von Auckland © Lufthansa Eine Lufthansa-Boeing 747 wartet auf dem Flugahfen von Auckland

Unterdessen hat die Lufthansa seit dem vergangenen Wochenende eine Art Luftbrücke nach Windhuk eingerichtet und wird zunächst bis Samstag weiter Namibia täglich anfliegen. Hier hatte der Präsident bereits am 14. März überraschend und mit sofortiger Wirkung ein Verbot für alle Langstreckenflüge erlassen, bis heute saßen daher viele vor allem deutsche Touristen in dem Land fest.

Rund 200.000 Deutsche waren durch die zum Teil ohne Vorankündigung in aller Welt umgesetzten Reisebeschränkungen, die heute mehr oder weniger strikt auf dem ganzen Globus gelten, überrascht worden und kamen nicht mehr mit Linienflügen nach Hause. Das Auswärtige Amt organisierte daraufhin mit einem Etat von 50 Millionen Euro die größte Luftbrücke der jüngeren deutschen Geschichte. Inzwischen ist ein Großteil der Reisenden vor allem durch jeweils vom Außenamt gecharterte Flugzeuge von Condor und Lufthansa wieder daheim.

Logistische Meisterleistungen

Vielen gestrandeten Kreuzfahrern wurde auch von ihrem Veranstalter der Heimflug organisiert - wie etwa von Phoenix Reisen für über 800 Passagiere des Kreuzfahrtschiffes Artania am vergangenen Wochenende. Diese mussten aus Perth in Westaustralien abgeholt werden. Condor schickte dafür gleich vier Boeing 767 in einer Kolonne via Phuket nach Australien. Auf der thailändischen Ferieninsel waren eigens hundert Condor-Mitarbeiter stationiert worden, um den reibungslosen Ablauf der beispiellosen Rückholaktion zu gewährleisten beim nötigen Zwischenstopp.

Sie sind die wahren Helden der Luftbrücke - Piloten, Flugbegleiter, Bodenpersonal, alle, die diese oft ungewöhnlichen und extremen Flüge möglich machen. Kurz bevor wohl fast allen in der Fliegerei Beschäftigen in Kürze fast jegliche Arbeit ausgehen wird wegen des fast flächendeckenden Groundings der meisten Flugzeuge weltweit, geben sie nochmal alles. Am Ende landen sie dann manchmal selbst in heimischer Quarantäne, wie jene Flugbegleiterin, die noch vor kurzem an Bord eines Rückholflugs nach Barbardos gearbeitet hatte. "Wir waren wohl etwas unvernünftig und in Barbados auch noch ganz normal zusammen essen, alles war noch offen", erzählt die junge Frau. "Nach dem Flug musste die ganze Crew in häusliche Quarantäne, nachdem ein Kollege sich infiziert hatte. Ich musste dann erst mal vier Tage auf den Test warten." Jetzt kam ihr Ergebnis - negativ.

Nebenbei Rekordflüge

Vor allem Piloten wird derzeit einiges abverlangt, wenn sie kurz hintereinander zu manchmal extremem Zielen aufbrechen. Manfred Samhaber, einer der dienstältesten Flugkapitäne der Lufthansa-Tochter Austrian Airlines, hat am vergangenen Wochenende sogar einen Rekordflug absolviert: Nonstop mit einer bis auf 17 Besatzungsmitglieder leeren Boeing 777 von Wien nach Sydney in einer reinen Flugzeit von 17 Stunden und 46 Minuten, eine echte Premiere.

Flugkapitän Manfred Samhaber und seine Crew in Sydney © Austrian Airlines Flugkapitän Manfred Samhaber und seine Crew in Sydney

"Wir hatten zwei Cockpitbesatzungen, die sich das Fliegen in gleichmäßige Schichten aufgeteilt haben", berichtet Samhaber. Nach rund 24 Stunden Ruhezeit für die Besatzung startete die vom österreichischen Außenministerium gecharterte Boeing vollbeladen mit 292 Passagieren, neben Österreichern auch Deutsche und andere EU-Bürger, zum Rückflug nach Wien mit Zwischenlandung auf der Insel Penang in Malaysia. "Wir sind stolz Teil dieser großartigen Rückholaktion zu sein", sagt Manfred Samhaber.

"Vielleicht besteht hier auch für uns ein höheres Ansteckungsrisiko als wenn man längere Zeit in der Wohnung verbringt", ist sich der 63jährige bewusst, "aber vom Unternehmen her wurden alle nötigen Vorkehrungen getroffen - inklusive der Pflicht zum Tragen von Gesichtsmasken am Boden und in der Kabine." Lufthansa-Kapitän Holger Feldberg hatte diese Sorge weniger, als er am vergangenen Wochenende ebenfalls sehr viel weiter entfernt unterwegs war als üblich: Er steuerte eine Boeing 747-400 auf dem zweiten Streckenabschnitt von Tokio nach Auckland in Neuseeland, um Touristen abzuholen. "Ich persönlich habe mir keine großen Sorgen um meine Gesundheit gemacht, weil die Zahl der infizierten in Neuseeland zu der Zeit bei nur 350 Fällen lag", sagt Feldberg.

Check-in von Hand

Es musste alles improvisiert werden vor Ort, da Lufthansa Auckland regulär nicht anfliegt. Der Check-in der Passagiere erfolgte von Hand, nicht am Computer, und Feldberg persönlich war drei Stunden zusammen mit einem Mitarbeiter der deutschen Botschaft dabei, um zu entscheiden, welche Härtefälle unter den Passagieren auf verbleibenden Plätzen noch mitgenommen wurden. Die Registrierung zur Mitreise und die Abwicklung dieser Flüge im Ausland läuft grundsätzlich über die Botschaften.

Auf geht's nach Hause: Die Boeing 777 beim Start in Sydney © Austrian Airlines Auf geht's nach Hause: Die Boeing 777 beim Start in Sydney

Die Passagiere müssen sich vorab verpflichten, nach Rückkehr für ihr Ticket zu bezahlen, auch wenn der Preis vorher nicht genau feststeht. Feldberg sorgte dafür dass sogar die sogenannten Jumpseats in der Kabine, wo sonst Flugbegleiter sitzen, mit Passagieren belegt wurden, am Ende waren mit Besatzung insgesamt 406 Menschen an Bord beim Rückflug via Tokio nach Frankfurt.

"Es war eine Genugtuung, Gäste zu fliegen, die das wertschätzen und wo man ein Gefühl hat, nicht einfach Leute oder Güter zu befördern, sondern etwas Gutes getan zu haben", sagt Feldberg. "Das war eine tolle Erfahrung zu sehen wie das ist, wenn alle an einem Strang ziehen und das Gefühl haben, gemeinsam etwas Gutes zu tun."

Autor: Andreas Spaeth

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