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Die Türkei steht vor der nächsten Währungskrise

WELT-Logo WELT 14.02.2020 Frank Stocker
Recep Tayyip Erdogan stammt aus einer armen Einwandererfamilie. 2001 gründet der konservativ-religiöse Politiker die AKP. Ein Jahr später wird sie Wahlsieger. Durch mehrere Verfassungsänderungen schafft Erdogan den Aufstieg zum Staatpräsidenten. Ein Porträt. Quelle: WELT © WELT Recep Tayyip Erdogan stammt aus einer armen Einwandererfamilie. 2001 gründet der konservativ-religiöse Politiker die AKP. Ein Jahr später wird sie Wahlsieger. Durch mehrere Verfassungsänderungen schafft Erdogan den Aufstieg zum Staatpräsidenten. Ein Porträt. Quelle: WELT

Die Währung des Landes am Bosporus hat eine wichtige Schwelle durchbrochen. Doch die Notenbank reagiert den Vorgaben des Präsidenten Erdogan entsprechend, was die Lage noch verschlimmert – und fatale Folgen hat.

Vor rund einem Jahr klappte es bereits einmal. Warum es also jetzt nicht wieder versuchen, dachten sich offensichtlich die Währungshüter der türkischen Zentralbank. Und so beschnitten sie am vergangenen Wochenende die Summe, mit der die Banken des Landes Währungsabsicherungsgeschäfte machen dürfen. Damit wollten sie es Investoren erschweren, auf einen sinkenden Lirakurs zu setzen. Kurz zuvor war der Wert der Währung erstmals seit Mai vergangenen Jahres wieder unter die wichtige Schwelle von sechs Lira je Dollar gesunken. Und tatsächlich: Die Lira erholte sich, ließ die Schwelle von sechs Lira wieder hinter sich. Für wenige Stunden.

Der türkische Präsident Erdogan vertritt eine ziemlich eigenwillige Zinstheorie © AP Der türkische Präsident Erdogan vertritt eine ziemlich eigenwillige Zinstheorie

Inzwischen kostet ein Dollar schon 6,05 Lira, ein Euro 6,58 Lira. Die Maßnahmen der Währungshüter vom Wochenende sind wirkungslos verpufft. Mehr noch: Sie bewirken eine neuerliche Flucht ausländischer Investoren. Zumal gleichzeitig die Inflation wieder kräftig anzieht und die Notenbank nicht gegensteuert, sondern diese Entwicklung noch befeuert. Dadurch fürchten viele Investoren einen neuerlichen Absturz der Lira, die alten Tiefs aus dem Sommer 2018 bei 6,92 Lira je Dollar geraten wieder in den Blick.

Für Ulrich Leuchtmann, Devisenexperte der Commerzbank, zeigt die jüngste Aktion der Notenbank des Landes, dass diese vor allem auf Populismus setzt und nicht auf eine effektive Währungspolitik. „Kurzfristig wirkt dieses Instrument immer ganz prima“, sagt er. „Letztendlich ist das aber ein Pyrrhussieg.“ Man werde dann wieder die alte Leier hören, dass man den „bösen Spekulanten“ das Handwerk legen wolle. Nur seien diese aber nichts anderes als die Boten, die die allgemeine Sicht zur türkischen Wirtschaft und Politik überbringen. „Den Boten zu erschießen löst aber kein Problem.“

Quelle: Infografik WELT © Infografik WELT Quelle: Infografik WELT

Zudem seien es eben nicht nur die Spekulanten, die sich der Währungsabsicherungsgeschäfte bedienen. Es seien vor allem viele Ausländer, die Kapital in die Türkei gebracht haben, dort beispielsweise Fabriken und Arbeitsplätze schaffen, sich aber nicht den ständigen Schwankungen der Währung aussetzen wollen. Sie wollen in der Türkei investieren, aber nicht auf die Lira wetten. Und dazu sichern sie sich über solche Geschäfte bei den Banken ab. Das geht jedoch nun kaum noch. „Wenn aber nur noch diejenigen in der Türkei investieren, die auch bereit sind, das Währungsrisiko zu tragen, dann wird’s dünn“, sagt Leuchtmann.

Das gelte vor allem angesichts der Risiken, die dieselben Politiker geschaffen haben und deren Konsequenzen sie nun per Dekret verbieten wollen. Denn es ist die türkische Notenbank, die mit ihren Zinssenkungen der vergangenen Monate die Lira schwächte.

Im Sommer 2018 hatte sie der galoppierenden Inflation und dem rasanten Währungsverfall ein Ende bereitet, indem sie die Zinsen drastisch erhöhte. Das war die einzig richtige Reaktion – so verknappte sie das Geld, die Inflationsrate wurde in kurzer Zeit mehr als halbiert, und die Lira erholte sich. Der Nebeneffekt war jedoch eine schwere Rezession.

Quelle: Infografik WELT © Infografik WELT Quelle: Infografik WELT

Wohl als Reaktion darauf hat Präsident Erdogan im Sommer vergangenen Jahres den Notenbankchef ausgetauscht. Und dessen Nachfolger macht nun Währungspolitik, wie Erdogan sie sich vorstellt. So hat die Notenbank seit Juli vergangenen Jahres den Leitzins wieder drastisch gesenkt, von 19,75 auf 11,25 Prozent. Gerade der letzte Zinsschritt Mitte Januar rief bei vielen Ökonomen aber nur noch Kopfschütteln hervor. Denn zuletzt war die Inflationsrate wieder deutlich gestiegen, von 8,6 Prozent im Oktober auf mittlerweile 12,1 Prozent.

Damit liegt die Teuerungsrate nicht nur weit von dem Ziel entfernt, das die Notenbank selbst vorgegeben hat – sie rechnet für dieses Jahr nach wie vor nur mit 8,2 Prozent, für 2021 sogar mit 5,4 Prozent. Gleichzeitig liegt damit der Leitzins sogar unter der aktuellen Inflationsrate, er ist also real negativ.

Und damit nicht genug. Vor einer Woche verkündete Finanzminister Albayrak, der gleichzeitig der Schwiegersohn von Präsident Erdogan ist, dass die Leitzinsen weiter sinken könnten. Er sprach damit nur aus, was Erdogan selbst zuvor vorgegeben hatte. Er will, dass der Zins noch in diesem Jahr wieder unter zehn Prozent fällt, getreu seiner eigenen ökonomischen Theorie, wonach niedrigere Zinsen zu niedrigerer Inflation führen.

Quelle: Infografik WELT © Infografik WELT Quelle: Infografik WELT

Murat Unur, Ökonom bei Goldman Sachs, erwartet daher, dass die Notenbank den Leitzins bis zum Ende des dritten Quartals auf 9,75 Prozent senkt. Das jedoch erhöhe das Risiko einer neuerlichen Liravolatilität, wie er das vorsichtig ausdrückt. Wolfgang Kiener, Devisenexperte der BayernLB, drückt es etwas unverblümter aus: „Die türkische Lira nimmt Kurs auf Rekordtiefs.“

Und das kann die nächste Wirtschaftskrise auslösen. Denn zwar habe sich die Konjunktur in der Türkei in letzter Zeit etwas erholt und die Leistungsbilanz ist weit ausgeglichener als vor der Währungskrise von 2018, so Kiener. „Das Problem von Fremdwährungsschulden, gerade auch in Dollar, deren Bedienung bei einer abwertenden Lira schwieriger wird, besteht jedoch nach wie vor“, warnt er. Denn viele türkische Unternehmen sind nach wie vor in starkem Maße in Dollar oder Euro verschuldet. Sinkt der Kurs der eigenen Währung, wird es für sie teuer, und das kann bis zur Pleite führen.

Das könnte die türkische Wirtschaft allerdings überhaupt nicht gebrauchen. Und erst recht nicht der türkische Staat. Das Haushaltsdefizit betrug zwar im vergangenen Jahr nur 2,8 Prozent der Wirtschaftsleistung. Das war aber zum einen schon deutlich schlechter als 2018, als es nur 2,0 Prozent betragen hatte.

Zum anderen konnte sich der türkische Fiskus 2019 über üppige einmalige Einnahmen freuen, die in diesem Jahr nicht erneut fällig werden. Rechnet man diese einmaligen Einnahmen heraus, lag das Defizit im vergangenen Jahr bei fünf Prozent – und das ist alles andere als nachhaltig oder stabil.

Entscheidend wird nun die nächste Notenbanksitzung am kommenden Mittwoch. Noch besteht die Hoffnung, dass sie dann signalisiert, die Zinsen vorerst auf dem derzeitigen Niveau zu belassen und nicht weiter zu senken. Tue sie das jedoch nicht, fürchtet Wolfgang Kiener, dass es mit dem Kurs der Lira weiter abwärts geht. Dann könne sie schon bald ihre einstigen Rekordtiefs ins Visier nehmen.

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