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Die trügerischen Schlangen vor Ikea und Media Markt

WELT-Logo WELT 07.05.2020 Michael Gassmann
Warteschlange bei Ikea in Köln Quelle: Severin Tatarczyk (severint.net) © Severin Tatarczyk (severint.net) Warteschlange bei Ikea in Köln Quelle: Severin Tatarczyk (severint.net)

Seitdem die Geschäfte wieder öffnen dürfen, bilden sich vielerorts Menschenschlangen vor den Geschäften und Kaufhäusern. Doch diese Bilder täuschen, sie signalisieren keinen wirklichen Aufschwung. Die Besucherzahlen liegen stark unter Normalniveau.

In Berlin belagern Kaufwillige das KaDeWe, den klassischen Konsumtempel der Hauptstadt. In München werden Menschenschlangen vor der Buchhandlung Hugendubel gesichtet. Vor dem Media Markt an der Düsseldorfer Einkaufsstraße Kö steht ein Herr mit Blümchenstoff-Maske in einer langen Reihe, immer schön mit Abstand. „Eine Viertelstunde warte ich schon, aber das geht eigentlich noch“, sagt er. Seine Stimmung ist gut, gleich darf er rein. Mehr Geduld brauchen Ikea-Kunden. Schon vor den Parkplätzen der Möbelhäuser stauten sich in den vergangenen Tagen die Autos, von Wartezeiten bis zu zwei Stunden war die Rede.

Auch wenn in einigen Bundesländern noch die Beschränkung auf 800 Quadratmeter Verkaufsfläche gilt, auch wenn die Bayern erst Anfang dieser Woche überhaupt Lockerungen für den Einzelhandel in Kraft setzten: Deutschlands Städte vermitteln den Eindruck, dass mit der Rückkehr des Einkaufens nach der Corona-Lähmung das Leben wieder Einzug hält.

Die Freude ist greifbar – bei Kunden und Händlern. „Im Herzen nah – trotz 1,5 Metern Abstand“, dichtet das Verkaufsteam von H&M. In großen, bunten Lettern verkündet der Bekleidungsfilialist Anthropologie: „Willkommen zurück!“

Der Kaufhof an der Kö hat seine Flächen mit rot-weißem Flatterband von 21.000 auf die vorgeschriebenen 800 Quadratmeter zurückgestutzt – nur die Beschäftigten dürfen zum Beispiel in die Bekleidungsabteilungen. Doch das Personal ist hoch motiviert. „Wenn Sie ungefähr wissen, was Sie wollen, sagen Sie es“, spricht eine Verkäuferin den Kunden an. „Wir kriegen das hin.“

Die Atmosphäre ist gut, wenn Passanten wieder über sonnenbeschienene Einkaufsmeilen flanieren, doch sie hat etwas Trügerisches. Die Schlangen vor den Geschäften rühren schließlich nicht von gesteigerter Kauflust her, sondern von der Bestimmung, Abstand zu halten. „Aufgrund der aktuellen Situation limitieren wir den Zutritt zu unserem Store auf vier Personen“, verkünden Geschäfte.

Allgegenwärtig sind Aushänge, die an die Maskenpflicht und das Abstandsgebot erinnern. Mindestens zehn, in einigen Bundesländern auch 20 Quadratmeter Ladenfläche müssen jedem Kunden zur Verfügung stehen. Vielleicht am ernüchterndsten ist das Fehlen der Gastronomie. Wenn sich in Einkaufszentren Restaurantgestühl auf leeren Tischen stapelt, wenn Cafés mit Vorhängeschlössern abgesperrt sind, fühlen sich viele Konsumenten einfach heimatlos in ihrer eigenen Stadt.

Die wenigen Kunden sind zum Kauf entschlossen

Nüchterne Zahlen bestätigen den Eindruck. Am vergangenen Samstag wurden auf der Neuhauser Straße in München 4494 Passanten pro Stunde gezählt, glatte 70 Prozent weniger als zu Vor-Corona-Zeiten, wie der Immobilien-Dachverband ZIP ermittelte. Da waren die Läden der bayerischen Hauptstadt zwar noch zu, abgesehen von Supermärkten. Doch selbst auf der Kölner Schildergasse war das Minus mit 65 Prozent und knapp 4400 Passanten pro Stunde kaum geringer – und das fast zwei Wochen nach der Wiedereröffnung kleinerer Geschäfte in Nordrhein-Westfalen.

Anderswo sieht die Samstagsfrequenz der Fußgänger kaum besser aus: minus 52 Prozent auf der Spitaler Straße in Hamburg, minus 50 Prozent auf der Frankfurter Zeil, minus 51 Prozent auf Stuttgarts Königstraße. Ähnlich schwach sind laut ZIP die Besucherzahlen der großen Einkaufszentren, von der Ernst-August-Galerie in Hannover bis zum „Limbecker Platz“ in Essen.

Die Unternehmen spüren den Trend schmerzhaft. „Die Besucher sind neugierig, doch die Besucherzahlen in den Innenstädten und Einkaufszentren liegen deutlich unter dem Niveau vor der Corona-Krise“, sagt Mark Langer, der Chef von Hugo Boss. Das Bekleidungsunternehmen hat derzeit mehr als 75 Prozent seiner 1000 Filialen weltweit geschlossen. Allerdings seien Kunden, die in die Geschäfte kommen, meist zum Kauf entschlossen. „Wir hoffen auf eine langsame Erholung“, so Langer.

Je nach Warengruppe ergibt sich ein gemischtes Bild. „Wir sind zufrieden“, sagt beispielsweise eine Sprecherin von Media Saturn: „Das Interesse ist besonders groß an allem, was mit Homeoffice zu tun hat.“ Selbst dort, wo noch die 800-Quadratmeter-Regel gelte, seien etwa Webcams, Laptops, Tablets oder Druckerpatronen extrem gefragt.

Doch ob und wie schnell es insgesamt wieder aufwärts geht mit dem Einzelhandel, lässt sich schwer absehen. Die Verunsicherung der Verbraucher über die Krisenfolgen ist viel zu groß, als dass Spendierlaune aufkommen könnte. Das Konsumbarometer des Handelsverbandes Deutschland (HDE) ist im Mai im zweiten Monat in Folge auf einen absoluten Tiefstwert gefallen. „Noch nie musste binnen eines Monats ein so großer Rückgang wie jetzt von April bis Mai konstatiert werden“, heißt es in der Auswertung.

Quelle: Infografik WELT © Infografik WELT Quelle: Infografik WELT

Selbst wenn in einigen Wochen die Einschränkungen größtenteils aufgehoben sein sollten, werde der private Konsum noch „eine sehr lange Zeit durch Zurückhaltung geprägt“ sein. Die Kennziffer war seit vier Jahren bei leicht sinkender Tendenzen um die Marke von 102 bis 100 Punkten gependelt, um nun abrupt auf 90,53 Indexpunkte abzustürzen.

Unter Beobachtern mehren sich Stimmen, die davon ausgehen, dass die Corona-Krise eine dauerhafte Verlagerung des Einkaufens weg von den Städten und realen Geschäften ins Internet ausgelöst hat.

„Menschen, die sich mit E-Commerce und anderen digitalen Technologien nicht so wohlfühlten, wurden dazu veranlasst, ihre Zögerlichkeit zu überwinden“, fasst die Beratung Accenture die Ergebnisse einer internationalen Umfrage zusammen. Überraschend seien sowohl Ausmaß als auch Tempo des Umbruchs: „Veränderungen, die sonst wahrscheinlich Jahre gedauert hätten, reduzieren sich auf wenige Wochen.“

Selbst wenn die Rezessionsängste abflauen, dürfte die Kaufstimmung ohne Restaurants, Cafés und Kneipen am Boden bleiben. „Wir benötigen jetzt bundesweit dringend eine Öffnungsperspektive“, sagt Ingrid Hartges, die Chefin des Branchenverbandes Dehoga, gegenüber WELT.

Doch nach acht Wochen kompletter Schließung könne die Branche nicht wieder umstandslos auf die Beine kommen. Die bisherigen Liquiditätshilfen und Kredite von Bund und Ländern reichten bei Weitem nicht aus. „Die Betriebe brauchen jetzt einen Rettungsfonds mit direkten Finanzhilfen – einfach, schnell und unbürokratisch“, fordert Hartges mit Blick auf die Konferenz der Länder mit der Kanzlerin am Mittwoch.

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