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Dieser Aufschwung reißt Europa aus der Krise

DIE WELT-Logo DIE WELT vor 4 Tagen
Hamburger Hafen: Von hier aus werden Exportgüter „made in Germany“ weltweit verschifft: Dieser Aufschwung reißt Europa aus der Krise © dpa Dieser Aufschwung reißt Europa aus der Krise

Die deutsche Wirtschaft hat im Sommer erneut alle Erwartungen übertroffen. Inzwischen reden selbst skeptische Ökonomen nicht mehr von möglichen Risiken – sondern geraten regelrecht ins Schwärmen.

Wenn selbst Experten, die sonst jede Entwicklung der Wirtschaft kritisch beäugen, nur noch jubeln – sollte das erst recht ein Grund sein, misstrauisch zu werden? Wohl kaum. Angesichts der jüngsten Wachstumszahlen reden Konjunkturexperten hierzulande von einem Aufschwung, der sich selbst speist, gar von einer goldenen Dekade – und kaum noch von möglichen Risiken für den derzeitigen Boom.

Tatsächlich hat die deutsche Wirtschaft erneut alle – ohnehin schon angehobenen – Erwartungen übertroffen: Die Wirtschaftsleistung ist zwischen Juli und September um außerordentlich starke 0,8 Prozent gewachsen. Ökonomen hatten nur ein Plus von 0,6 Prozent erwartet.

Im Vergleich zum Sommer 2016 hat die deutsche Wirtschaft sogar um kräftige 2,8 Prozent zugelegt. Solch einen starken Anstieg hatte es zuletzt zum Jahresbeginn 2014 gegeben. Davor muss man bis zum Nachkrisenboom ins Jahr 2011 zurückgehen, um ähnliche Wachstumszahlen zu finden.

Und die Entwicklung ist kein Strohfeuer: Der Aufschwung steht aktuell auf breitem Fundament, und ein Ende scheint nicht absehbar. Nachdem in den vergangenen Jahren vor allem die ausgabefreudigen Verbraucher das Wachstum getrieben hatten, ist es inzwischen vor allem die starke Nachfrage aus dem Ausland nach Waren "made in Germany", die das Wachstum treibt.

Stimmung in den Chefetagen auf Allzeithoch

Selbst die hiesigen Unternehmen, die sich viele Jahre mit neuen Investitionen zurückgehalten hatten, stecken wieder mehr Geld in Maschinen, Software und Fabriken. "Die Stimmung in den deutschen Chefetagen hat ein neues Allzeithoch erreicht", sagte Clemens Fuest, der Präsident des Münchener Instituts für Wirtschaftsforschung jüngst bei der Präsentation des Ifo-Index, der das Klima in der Wirtschaft misst.

Das außerordentlich kräftige Wachstum im dritten Quartal hat auf einen Schlag die wichtigsten Konjunkturprognosen obsolet gemacht: Selbst wenn die Wirtschaft im gegenwärtigen vierten Quartal stagnieren sollte, was unwahrscheinlich ist, wäre sie im gesamten Jahr immer noch um 2,4 Prozent gewachsen, hat Carsten Brzeski, Chefvolkswirt bei der ING-Diba ausgerechnet. Zum Vergleich: Die Wirtschaftsweisen hatten erst in der vergangenen Woche ihre nach oben korrigierte Konjunkturerwartung für das laufende Jahr präsentiert und dabei ein Plus von 2,0 Prozent für dieses Jahr angekündigt.

Dass dem Aufschwung, der abgesehen von zwei kurzen Verschnaufpausen seit 2010 läuft, immer noch nicht die Puste ausgeht und dass er sogar noch an Fahrt gewinnt, lässt selbst Ökonomen, die sonst regelmäßig vor Konjunkturrisiken warnen, verstummen. Nur noch geopolitische Risiken nennen die Ökonomen als Gefahren für den Aufschwung.

Allerdings: Wenn selbst ein EU-Austritt Großbritanniens eine nicht enden wollende Serie von terroristischen Anschlägen oder die Angst vor einem bewaffneten Konflikt auf der koreanischen Halbinsel die Zuversicht der Unternehmen und Verbraucher nicht erschüttern kann – was dann?

Viele Unternehmen arbeiten bereits am Anschlag

Selbst ein Scheitern der Koalitionsverhandlungen dürfte in dieser Situation kaum für Schaden sorgen, denn die Volkswirtschaft befindet sich gegenwärtig in einem positiven Kreislauf: Die Zinsen sind – noch – niedrig, die Beschäftigung und die Löhne legen weiter zu, und diese Entwicklung wird den Konsum auch in den kommenden Monaten antreiben.

Längerfristig muss das Wachstum allerdings schwächer werden, denn viele Unternehmen arbeiten bereits am Anschlag: In einigen Branchen und Industriezweigen stoßen die Firmen schon an ihre inzwischen weit gedehnten Kapazitätsgrenzen. Das gilt für die Auslastung von Maschinen und Produktionsanlagen, aber noch viel stärker für die Mitarbeiter. Den Personalchefs fällt es zunehmend schwer, offene Stellen zu besetzen und qualifizierte Mitarbeiter zu finden.

Die Bauwirtschaft beispielsweise ist nach einer aktuellen Berechnung bereits zu 150 Prozent ausgelastet. Bis allerdings die Gesamtwirtschaft an ihre Wachstumsgrenzen stößt, wird es noch eine Weile dauern.

Wachstum erreicht auch Osteuropa und Übersee

Bis dahin wird die größte Volkswirtschaft der Euro-Zone einer der Wachstumsmotoren in Europa bleiben. Diese Rolle hatte die deutsche Wirtschaft schon in den vergangenen Jahren; inzwischen allerdings ziehen die europäischen Nachbarn nach: Die Euro-Zone wuchs nach ersten Hochrechnungen im vergangenen Quartal um 0,6 Prozent und die EU-Kommission rechnet damit, dass die Währungsgemeinschaft in diesem Jahr so stark zulegen wird wie seit einem Jahrzehnt nicht mehr.

Tatsächlich bewegen sich die Euro-Länder wirtschaftlich weitgehend im Gleichschritt; die Wachstumsraten der sehr unterschiedlich aufgestellten Ländern liegen so nah beieinander wie noch nie seit Bestehen des Währungsraums. Ökonomen haben in den vergangenen Wochen schon von einem goldenen Zeitalter für Europas Wirtschaft geschwärmt. Der Währungsblock stehe vor einer langen Periode hohen Wachstums und niedriger Inflation. Die deutsche Wirtschaft profitiert davon zusätzlich, schließlich sind die anderen Länder der Euro-Zone zusammengenommen ihr größter Handelspartner.

Inzwischen strahlt das Wachstum bis weit über die Grenzen der Währungsunion hinaus: Die Volkswirtschaften in Osteuropa werden von der starken Konjunktur in den Euro-Ländern mitgerissen, und die Effekte sind auch in größerer Entfernung und in Übersee spürbar. Der Krisenkontinent hat sich zur Konjunkturlokomotive der Welt gemausert. Zuletzt hatte der Internationale Währungsfonds seine Prognose für die Weltwirtschaft nach oben revidiert – und mit der guten Performance Europas begründet.

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