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Druschba-Pipeline: Verseuchtes Öl aus Russland: Jetzt schaltet sich Putin persönlich in den Skandal ein

Handelsblatt-Logo Handelsblatt 01.05.2019 Brüggmann, Mathias
„Freundschaft – Druschba“ steht auf dem Gelände der PCK-Raffinerie auf der Erdölleitung aus Russland. Die russischen Öllieferungen über die Pipeline sind gegenwärtig unterbrochen. © dpa „Freundschaft – Druschba“ steht auf dem Gelände der PCK-Raffinerie auf der Erdölleitung aus Russland. Die russischen Öllieferungen über die Pipeline sind gegenwärtig unterbrochen.

Durch die Pipeline Druschba floss verunreinigtes Öl Richtung Europa. Putin gibt sich entrüstet. Doch Medien mutmaßen, dass politisches Kalkül dahinter stecken könnte.

„Druschba“ heißt Freundschaft auf Russisch. Doch die gleichnamige Pipeline, die von den westsibirischen Ölfeldern bis zu den Raffinerien in Leuna und Schwedt in Deutschland und ins kroatische Rijeka reicht, sät derzeit vor allem Zwietracht.

Denn durch diese Leitung, eine der längsten der Welt, ist massenweise verunreinigtes Rohöl geflossen. Und jetzt schaltet sich sogar Präsident Wladimir Putin ein. Es geht um Milliarden-Schäden.

„Das war reinster Betrug und ein Verstoß gegen alle Auflagen“, verteidigte sich der Chef des staatlichen Pipeline-Monopolisten Transneft, Nikolaj Tokarjew, in einem im Fernsehen ausgestrahlten Gespräch mit Putin im Kreml. Transneft betreibt die Druschba-Pipeline. Putin gab sich entrüstet: „Es wurde betrogen und wir haben einen enormen ökonomischen und vor allem einen Imageschaden“, sagte der russische Staatschef und verlangte vom Transneft-Boss eine sofortige Änderung der Sicherheitskontrollen.

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Bisher wurde von Transneft nur alle zwölf Tage die Qualität des Rohöls in seinen Rohren kontrolliert. Erste Berechnungen ergaben laut der Moskauer Wirtschaftszeitung „Kommersant“, dass fünf Millionen Tonnen des russischen Ural-Öls, das in der Druschba-Pipeline westwärts gepumpt wurden, im Wert von 2,6 Milliarden Dollar kontaminiert worden sein sollen.

Ein weißrussischer Ölexperte sagte, dass über den durch Weißrussland führenden Druschba-Strang 850.000 Tonnen des kontaminierten Öls und über die durch die Ukraine führende Route 1,8 Millionen Tonnen gepumpt worden seien. Der Rest sei noch im russischen Teil der Ölleitung.

Auch deutsche Raffinerien betroffen

Betroffen durch den russischen Kontaminierungs-Skandal sind auch die deutschen Raffinerien in Schwedt und Leuna. Allein die 1997 in Betrieb genommene Erdölraffinerie in Leuna verarbeitet mit knapp 700 Mitarbeitern jährlich mehr als elf Millionen Tonnen Rohöl zu Methanol, Heizöl, Naphta (Rohbenzin), Propylen oder Bitumen für den Straßenbau. Und raffiniert natürlich Benzin und Diesel – zur Versorgung von rund 1.300 Tankstellen in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und darüber hinaus.

Beliefert werden nicht nur Stationen von Raffinerie-Eigner Total, sondern auch alle anderen Ketten. Für den Fall, dass Russland nicht schnell die Druschba-Trasse reinigen und die Öllieferungen wieder aufnehmen kann, prüfen die deutschen Raffineriebetreiber bereits Ölimporte über den Hafen Rostock.

In Polen wurde am vergangenen Mittwoch der Transport von russischem Rohöl aus dem Ural wegen starker Verunreinigung gestoppt. Experten fanden erhebliche Mengen von Chloriden. Diese werden bei der Ölförderung beigesetzt, vor allem bei stärker schwefelhaltigen Rohölsorten wie der russischen Ural-Sorte. Die Chloride müssen aber herausgefiltert werden, da sie die Anlagen in den Raffinerien beschädigen können.

Die Ursache für die Verunreinigung ermitteln derzeit die russische Staatsanwalt sowie der russische Geheimdienst FSB. Ob der Fall tatsächlich in Moskau aufgeklärt werden kann, ist aber fraglich. Denn es ergeben sich zwei Fragen: War menschliches Versagen Schuld an der Lieferung des verunreinigten Rohöls? Oder war es eine gezielte politische Maßnahme?

Die Energieexpertin Jekaterina Gruschewenko von der Moskauer Managementhochschule Skolkowo weist darauf hin, dass die Verunreinigung des russischen Rohöls ausgerechnet zu einem Zeitpunkt auftrete, an dem die Beziehungen zwischen Russland und Weißrussland „angespannt“ seien. Auch der „Kommersant“ und die Wirtschaftsnachrichtenagentur RBK hatten berichtet, dass Russland mit dem verunreinigten Öl Weißrussland und die Ukraine unter Druck setzen wolle.

Russlands Regierung hat dem kleineren Nachbarland einen Vorschlag zur Vereinigung vorgelegt, der weißrussische Präsident hat das abgelehnt und sucht demonstrativ die Nähe zur EU. Als Druckmittel setzt Moskau seit Monaten deutliche höhere Ölpreise für Minsk ein, das vom Export raffinierter Ölprodukte – also der Verarbeitung billigen russischen Rohöls – lebt.

Neue Eskalation mit der Ukraine

Parallel dazu hat sich auch nach der Wahl des Komikers Wolodimir Selenski zum ukrainischen Präsidenten das Verhältnis zwischen Russland und der Ukraine weiter verschärft. Der neue Präsident galt als russlandfreundlicher, doch diese Vermutung hat sich bislang nicht bestätigt.

Laut „Kommersant“ sei das Ziel, den ukrainischen Ölmarkt zu destabilisieren. Russland hat vor kurzen Öl- und Kohleexporte in die Ukraine verboten. Trotz des Krieges importierte die Ukraine bisher 80 Prozent ihrer Kohle aus Russland. Obwohl das Land aufgrund des Krieges mit von Russland geführten Separatisten in der Ostukraine die Produktion seiner zur Verstromung nötigen Kohle im Donbass verloren hat.

Zudem hat Russland gerade eine von Medien bereits „Passkrieg“ genannte neuerliche Eskalation begonnen: Ukrainischen Bürgern wird nun sehr lax ein russischer Pass angeboten.

Am Mittwoch soll mit den Reinigungsarbeiten begonnen werden und der Nordstrang der Druschba-Pipeline soll nach weißrussischen Angaben am 10. oder 11. Mai wieder zu einem Großteil funktionsfähig sein.

In Russland rückt derweil das angeblich in obskurem Besitz befindliche Samara-Transneft-Terminal an der Wolga in den Mittelpunkt des medialen Interesses. Vier kleine Ölförderer sollen laut „Kommersant“ und dem Wirtschaftsportal RBC.ru tonnenweise stark verunreinigtes Rohöl geliefert haben.

Dass die Verunreinigung so spät bemerkt wurde, habe damit zu tun, dass Transneft nur alle zwölf Tage die Qualität des Öls in seinen Pipelines prüfe – vor allem den Wasser- und Schwefelgehalt betreffend.

Russlands wachsendes Qualitätsproblem

Seit Russland große Mengen Rohöl nach China exportiere, werde die nach Europa gelieferte Rohölmenge immer geringer und schlechter, sagt Ölexpertin Gruschewenko. China verlangt Rohöl mit höchstens einem Prozent Schwefelanteil und bekommt deshalb das leichtere Rohöl aus Sibirien.

Im Gegenzug wird immer mehr schweres, also stärker schwefelhaltiges Öl in die Lieferungen für Europa gemischt. Das dorthin verkaufte Ural-Öl habe laut Gruschewenko oft mehr als die maximal zulässigen 1,8 Prozent Schwefel. In der Folge der Qualitätsverschlechterung seien die russischen Ölexporte über die Druschba-Trasse von 52 Millionen Tonnen 2016 bereits auf 49,5 Millionen Tonnen 2017 gefallen.

Das Problem für viele Raffinerien ist: Sie können zumeist nur schweres oder leichtes Rohöl verarbeiten. Der von den USA inszenierte Boykott gegenüber Öl aus dem Iran nützt indes Russland: Iranisches Öl ist wie russisches relativ stark schwefelhaltig und kann nicht überall durch deutlich leichteres saudisches oder US-Öl ersetzt werden. Zudem dürften die Restriktionen zu weiter steigenden Ölpreisen führen.

Auch deshalb investiert der saudische Staatsölkonzern Saudi Aramco derzeit massiv in Raffinerien in Indien, China und Südkorea – den bisherigen Großkunden Teherans. Schon die Ankündigung der Verschärfung der US-Sanktionen gegen Iran hatte den Ölpreis deutlich in den Bereich von 75 Dollar pro Barrel (je 159 Liter) anziehen lassen.

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