Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Schluss mit Easyjet-Trips und Amazon?: Mit den Lockerungen vergessen wir die guten Vorsätze

Tagesspiegel-Logo Tagesspiegel 06.06.2020 Pascale Hugues

Während des Lockdowns träumten wir von einer besseren Welt. Doch der Elan zur Veränderung lässt bereits nach. Eine Kolumne.

Eines der guten Vorsätze: mehr Ausflüge mit dem Fahrrad machen. © imago images / Westend61 Eines der guten Vorsätze: mehr Ausflüge mit dem Fahrrad machen.

Gestern Abend auf meinem Balkon erblickte ich über den Dächern auf einmal den Kondensstreifen eines Flugzeugs. „Ein Flugzeug! Wir haben schon ewig kein Flugzeug mehr am Berliner Himmel gesehen!“, riefen die Nachbarn auf ihrem Balkon entzückt und klangen wie meine 1901 geborene Großmutter, die sofort ans Fenster stürzte, wenn sie das Brummen eines Triebwerks vernahm.

Heute ist ein Flugzeug am Himmel wieder ein Ereignis, auch wenn wir gestern noch gegen Fluglärm auf die Straße gingen. Ein Zeichen, dass wir trotz der Lockerungen im Eilverfahren noch lange nicht zur vielbeschworenen Normalität zurückgekehrt sind. Wenn man zurzeit durch Berlins Straßen spaziert, hat man das Gefühl, mit einem Ruck aus einem sehr schlechten kollektiven Traum erwacht zu sein.

Die Caféterrassen sind voll, jeder Quadratmeter Gras ist von Sonnenanbetern besetzt, es gibt wieder Stau auf den Straßen, die Masken fallen. Es fehlt nicht viel, und man fängt wieder an, sich mit Küsschen zu begrüßen.

Es kommt mir vor, als würden wir Gesten neu erlernen, die früher einmal einfach nur banal waren. Die erste Zugreise nach Wochen fühlt sich wie ein Abenteuer an. Ein Espresso an einem Cafétisch am Morgen schmeckt so intensiv wie ein verbotenes Vergnügen.

[Wenn Sie alle aktuellen Entwicklungen zur Coronavirus-Krise live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere runderneuerte App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Und während gegen die Virologen, an deren Lippen wir vor Kurzem noch hingen, eine Schmutzkampagne geführt wird und das RKI weiterhin die Zahl der Neuinfektionen veröffentlicht, die plötzlich niemanden mehr zu interessieren scheinen, kehrt der Alltag erstaunlich schnell in unser Leben zurück. Als wäre nichts gewesen.

Schluss mit Easyjet-Wochenend-Trips und Amazon!

Dabei hatten wir so gute Vorsätze gefasst, als wir zu Hause festsaßen und uns einmal pro Stunde die Hände schrubbten! Wenn diese Hölle hier vorbei ist kommen statt Avocados aus Chile Teltower Rübchen auf den Tisch, statt der sexy Jeans made in Taiwan trage ich nur noch brave vegane Hosen und selbstgestrickte Pullis. Ich pflanze sogar Petersilie auf meinem Balkon an, wenn es sein muss.

Ich gebe weniger Geld für Blödsinn aus, und vor allem bestelle ich nie wieder bei Amazon. Schluss mit den Easyjet-Wochenend-Trips nach Venedig, stattdessen Radausflüge nach Neu-Venedig, der Serenissima am Müggelsee. Was ist schon der Unterschied!

Die Schrebergärten werden meine Palazzi sein, die Schlauchboote meine Gondeln. Und vor allem schwöre ich: Wenn ich heil aus dieser Sache herauskomme, werde ich jede Sekunde meiner neu gewonnenen Freiheit auskosten. Ich werde nie wieder meckern. Werde den Augenblick genießen.

Ja, gleich ein ganz neues Gesellschaftsmodell hatten wir uns vorgestellt, ohne neoliberale Dogmen und zügellose Globalisierung, eine Welt nach menschlichen Maßstäben, in der wir das Klima retten, die Verlangsamung des verrückten Tempos, das unsere Tage bestimmt, die Rückkehr zu den wahren Werten, zu den wirklich wichtigen Dingen und Menschen.

Sind wir weiser geworden?

Was für schöne Utopien hatten wir entworfen! Die Welt von morgen wäre gerechter, solidarischer. Aus jeder Krise erwächst eine Erneuerung, dachten wir. Dank eines hässlichen Virus waren wir weiser geworden, fast schon stoisch. Sind all diese guten Absichten innerhalb weniger Lockerungstage wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen?

Wird die Welt danach genau die gleiche sein wie die vorherige, und auch wir werden uns nicht wirklich verändert haben? Je mehr die apokalyptischen Bilder der Krankenhäuser von Bergamo in die Ferne rücken, desto unwirklicher erscheint uns dieses Virus, das sich noch immer verbreitet.

Aus dem Französischen übersetzt von Odile Kennel.

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von Tagesspiegel

| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon