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Erbschaftsteuer: Flucht ins Ausland: Günstiger erben im Steuerparadies

Wirtschaftswoche-Logo Wirtschaftswoche 07.08.2022 Gerth, Martin
Viele potenzielle Erben träumen von einem Wohnsitz in einem Steuerparadies, beispielsweise in der Südsee. Foto: dpadata-portal-copyright= © Bereitgestellt von Wirtschaftswoche Viele potenzielle Erben träumen von einem Wohnsitz in einem Steuerparadies, beispielsweise in der Südsee. Foto: dpadata-portal-copyright=

Vielen Erben drohen in Deutschland hohe Steuerzahlungen. Sie planen daher einen Umzug ins Ausland. Allerdings lässt sich die Steuerlast nur mit gründlicher Planung senken. 

Derzeit prescht die SPD mit Plänen für eine einmalige Vermögensabgabe vor. Sie soll dem Bund zusätzliche Einnahmen von 100 Milliarden Euro verschaffen, um weitere Staatsausgaben zu finanzieren. Dass eine solche Abgabe tatsächlich kommen wird, ist momentan eher unwahrscheinlich. Denn der Koalitionspartner FDP lehnt sie ab. Trotzdem wird die SPD-Forderung das Klima für die gehobene Mittelschicht in Deutschland verschärfen.

Bereits die stark gestiegenen Immobilienpreise und die damit drohende Erbschaftsteuerlast lässt viele Steuerzahler darüber nachdenken, Deutschland den Rücken zu kehren. Leben und erben in einem Steuerparadies ist für sie eine verlockende Vorstellung. Denn oft ist auch die Steuer aufs eigene Einkommen niedriger als in Deutschland. Allerdings ist der Arm des deutschen Fiskus sehr lang. Es ist alles andere als einfach, mit einem Umzug ins Ausland die Steuerlast für die Begünstigten von Erbschaften und Schenkungen zu senken. 

Solch ein Projekt verlangt jahrelange Vorbereitung. Ohne spezialisierte Steuerberater und Anwälte kann die Flucht ins Ausland schnell in einem Desaster enden. Das liegt daran, dass der deutsche Fiskus nicht nur den steuerrechtlichen Status der Begünstigten prüft, sondern auch derjenigen, die schenken oder vererben. Zudem ist Vermögen, das in Deutschland verbleibt, wie beispielsweise Immobilien, ohnehin nach deutschem Recht zu versteuern - unabhängig davon, wo die beteiligten Steuerzahler leben. 

Gerade weil das Vorhaben so komplex ist, sollten die Familien, die wegen der Erbschaftsteuer über einen Umzug ins Ausland nachdenken, zuvor eine Checkliste durchgehen. Sechs Punkte sind dabei besonders wichtig. 

1. Inventur der Vermögenswerte

Vermögen, das in Deutschland liegt, wird nach deutschem Recht besteuert. Geld und Wertpapiere sind dabei nicht das große Problem, da es sich hierbei in der Regel nicht um schädliches Inlandsvermögen handelt. Immobilien in Deutschland lassen sich dagegen nur durch Verkauf vor der Schenkung oder dem Erbfall vor dem Zugriff des deutschen Fiskus schützen. Doch Vorsicht: „Sind Häuser oder Wohnungen vermietet, beträgt die Spekulationsfrist zehn Jahre“, sagt Steuerberater Armin Pfirmann von der Kanzlei Dornbach in Saarbrücken. Ist die Frist noch nicht abgelaufen, fällt auf den Gewinn beim Verkauf Einkommensteuer an.    

Ein Verkauf ist daher nicht immer die beste Lösung. Liegt der Wert der Immobilie in Deutschland innerhalb der erbschaftsteuerlichen Freibeträge der Beschenkten oder der Erben, ist es bei vermieteten Immobilien mitunter sinnvoll, sie nicht zu verkaufen. Reichen die Freibeträge nicht aus, sollte die Familie abwägen, ob sie die Gewinnbesteuerung beim Verkauf hinnehmen will, um das Geld im Ausland zu investieren. 

2. Status der Familie abklären

In Deutschland wird nicht das geschenkte oder vererbte Vermögen besteuert, sondern der finanzielle Vorteil für den Begünstigten. Bei der Entscheidung, ob bei Erbschaften oder Schenkungen deutsches oder ausländisches Steuerrecht gilt, ist daher der Status der Beteiligten entscheidend. Das heißt, bevor eine Entscheidung über einen Umzug ins Ausland fällt, sollte die Familie prüfen, wer derzeit unter das deutsche Steuerrecht fällt und wer nicht. 

Unbeschränkte Steuerpflicht

Ist entweder der Erblasser oder Erbe Inländer, dann gilt die unbeschränkte Steuerpflicht in Deutschland. Dies ist insbesondere der Fall, wenn die Betroffenen einen Wohnsitz oder ihren gewöhnlichen Aufenthaltsort im Inland haben. Unbeschränkt heißt, dass das gesamte vererbte oder geschenkte Vermögen nach deutschen Steuerregeln beim Begünstigten erfasst wird. Auch Deutsche, die nach Aufgabe des deutschen Wohnsitzes nicht länger als fünf Jahre dauerhaft im Ausland leben, sind für den deutschen Fiskus Inländer.

Beschränkte Steuerpflicht

Sind sowohl die Familienmitglieder, die vererben oder schenken, als auch die Begünstigten erbschaftsteuerlich keine Inländer, dann gilt die beschränkte Steuerpflicht. Beschränkt heißt sie deshalb, weil sich das Besteuerungsrecht Deutschlands nur noch auf das Inlandsvermögen beschränkt. Es umfasst nicht mehr das weltweit vorhandene Vermögen des Steuerzahlers. Somit lässt sich das Inlandsvermögen nicht dem Zugriff des deutschen Fiskus entziehen. Es ist weiterhin in der ehemaligen Heimat zu versteuern. 

3. Umzugsoptionen prüfen

Um das Erbschaftsteuerrecht zu wechseln, muss also die gesamte Familie ins Ausland ziehen. Einfacher ist es natürlich, wenn diejenigen, die vererben oder schenken wollen, bereits im Ausland leben. Dann müssen nur noch die Begünstigten den Wohnsitz wechseln. Allerdings sollten sie früh damit beginnen. Denn die beschränkte Steuerpflicht gilt nur, wenn die begünstigten deutschen Staatsbürger im Fall einer Schenkung oder Erbschaft schon mindestens fünf Jahre lang keine Inländer mehr sind. 


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„Bleiben die Familienmitglieder im Ausland deutsche Staatsbürger, dann sollten sie auch keinen Zugriff mehr auf deutschen Wohnraum haben, da ansonsten die Fünf-Jahres-Frist für den Auslandsaufenthalt nicht anläuft“, sagt Steuerberater Pfirmann. Sollten sie noch einen Wohnsitz in Deutschland haben, stuft sie der Fiskus steuerrechtlich weiter als Inländer ein. Dabei ist es unerheblich, ob sie den Wohnraum in Deutschland tatsächlich nutzen. Es reicht schon, dass sie die Möglichkeit haben, dort zu wohnen. 

4. Besteuerung im Ausland analysieren

Mit der Familie ins Ausland zu ziehen, kann die Erbschaftsteuerlast mindern. Die Betonung liegt auf 'kann'. Denn es hängt immer vom jeweiligen Zielland und dem rechtlichen Verhältnis zur alten Heimat Deutschland ab, ob die Rechnung aufgeht. 

Die größte Rechtssicherheit besteht bei Ländern, mit denen Deutschland ein Doppelbesteuerungsabkommen für die Erbschaftsteuer abgeschlossen hat. Solche Abkommen gibt es für Erbschaften und Schenkungen nur mit wenigen Staaten wie beispielsweise Schweiz oder USA. Sie sorgen dafür, dass bestimmte Vermögenswerte nicht in beiden Ländern besteuert werden.

Stiftungsoase Österreich

Für einige Nachbarländer wie Österreich sind solche Abkommen nicht nötig, weil das Land die Erbschaftsteuer abgeschafft hat. Geldvermögen bleibt bei der Übertragung auf die nächste Generation grundsätzlich steuerfrei. Allerdings gibt es eine Grunderwerbsteuer auf Immobilien, die vererbt oder geschenkt werden. Dabei wird ein Stufentarif mit drei Steuersätzen von 0,5, 2 und 3,5 Prozent je nach Wert der übertragenen Immobilie angesetzt. Freibeträge gibt es nicht.

Da Immobilien, die in Deutschland stehen, dem deutschen Steuerrecht unterliegen, lässt sich deren Wert nur mit einem Trick übertragen. Beide Beteiligten, also Schenker und Begünstigte, müssen bereits in Österreich wohnen. Die Übertragung des Vermögens läuft dann in zwei Schritten. Zunächst verkauft der Eigentümer dem Begünstigten die Immobilie in Deutschland und beachtet dabei die Spekulationsfrist. Es kann dabei deutsche Grunderwerbsteuer anfallen. Den Verkaufserlös schenkt der Verkäufer dann an den Käufer nach österreichischem Recht. Diese Schenkung bleibt steuerfrei. 

Wegen der geringen Steuerbelastung von Erbschaften ist Österreich bei deutschen Superreichen beliebt. Der Drogeriekönig Erwin Müller beispielsweise hat 2017 die Erwin-Müller-Privatstiftung in Linz gegründet. Sie soll einen Teil der Firmenanteile verwalten und der Stiftungsvorstand das Unternehmen nach dem Tod des Patriarchen steuern. Müllers Sohn Reinhard hat seine Firmenanteile der Stiftung übertragen und sich auszahlen lassen. „Solche Stiftungen steuerlich wasserfest zu machen, ist allerdings mit einem erheblichen Aufwand verbunden und lohnt sich in der Regel nur für größere Vermögen“, sagt Steuerexperte Pfirmann.

Fluchtpunkt Schweiz

Über das Erbschaft- und Schenkungssteuerrecht entscheiden in der Schweiz die Kantone. Die Einnahmen gehen ausschließlich an die regionalen Gebietskörperschaften. Der Bund geht leer aus. Nur für Personen mit Wohnsitz in der Schweiz, die in Deutschland steuerrechtlich nicht als Inländer gelten, greift das Steuerrecht der Schweizer Kantone.

Wer ins Nachbarland zieht, sollte sich daher über die Vorschriften im jeweiligen Kanton informieren. Nur in den Kantonen Schwyz und Obwalden fällt keine Steuer auf Erbschaften und Schenkungen an. In allen übrigen Kantonen lässt sich Vermögen steuerfrei an den Ehepartner übertragen. Bei Kindern halten es die Regionen in der Schweiz ganz unterschiedlich. Einige besteuern gar nicht, andere verlangen einen Steuersatz von bis zu 3,5 Prozent. 

Lesen Sie auch: Wer erbt eigentlich was?

Wer Immobilien in der Schweiz besitzt, sollte beachten, dass das Steuerrecht des Kantons greift, wo das Haus steht. Dies gilt unabhängig davon, wo der Steuerpflichtige seinen Wohnsitz hat. Bei deutschen Steuerzahlern, die in die Schweiz gezogen sind, aber noch Häuser und Wohnungen in Deutschland besitzen, gilt für dieses Grundeigentum nach wie vor deutsches Steuerrecht. 

5. Testament und Verträge anpassen

Testamente und Schenkungsverträge sind bei Bezug zu Deutschland in der Regel nach deutschem Recht verfasst. Sie sind auf die hiesigen Steuerregeln zugeschnitten. Im Ausland sind sie dagegen nicht immer optimal, da unter Umständen ausländisches Erbrecht anzuwenden ist und die deutschen Regelungen ins Leere laufen. Ein Beispiel: Viele Familien vereinbaren eine Schenkung an die Kinder, bei der die Eltern das Nutzungsrecht am Vermögenswert behalten (Nießbrauch). Fällt der Nießbrauch mit dem Tod der Eltern weg, kann das in den USA zu einer Nachbesteuerung führen. Es lohnt sich also, die Dokumente für Erbschaften und Schenkungen von einem Rechtsanwalt und einem Steuerberater, die sich auf Erbfälle spezialisiert haben, vor einem Umzug prüfen zu lassen. 

6. Zeithorizont beachten

Damit die Steuerstrategie der Familie aufgeht, sind eine Reihe von Fristen zu beachten. Da ist zum einen die Fünf-Jahres-Frist für den Auslandsaufenthalt von deutschen Staatsbürgern, wenn sie beschränkt steuerpflichtig sein wollen. Bei vermieteten Immobilien in Deutschland ist die Spekulationsfrist von zehn Jahren zu beachten. 

Das Leben lässt sich jedoch nicht in allen Details so lange im Voraus planen. Unvorhergesehene Ereignisse können die Steuerstrategie torpedieren. Es sollte daher noch genügend Zeit bleiben, um den Plan notfalls zu ändern. Das heißt, dass beispielsweise die Eltern, die Vermögen an ihre Kinder schenken oder vererben wollen, möglichst noch unter 60 Jahren alt sein sollten.

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