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EU-Embargo und Höchstpreis für russisches Erdöl sorgen für Unruhe – Opec hält vorerst still

Neue Zürcher Zeitung Deutschland-Logo Neue Zürcher Zeitung Deutschland 04.12.2022 Christoph Eisenring
Öltanker in der Nähe des Stadtstaates Singapur: Was passiert mit dem Erdölpreis nach dem EU-Embargo für Schiffladungen aus Russland? Edgar Su / Reuters © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Deutschland Öltanker in der Nähe des Stadtstaates Singapur: Was passiert mit dem Erdölpreis nach dem EU-Embargo für Schiffladungen aus Russland? Edgar Su / Reuters

Was ist die Idee hinter der Preisobergrenze für russisches Erdöl?

Die Erlöse aus dem Verkauf von Erdöl finanzieren einen guten Teil des russischen Staatshaushaltes und damit auch die Kriegsmaschinerie Moskaus in der Ukraine. Um hier Gegensteuer zu geben, wird die EU ab Montag kein russisches Rohöl mehr einführen, das auf dem Seeweg angeliefert wird (es kann aber vorerst weiter via Pipeline fliessen).

Einen Monat später gilt das Embargo auch für Erdölprodukte wie Benzin oder Diesel. Darüber hinaus wollte die EU einen zusätzlichen Hebel benutzen: Über die Hälfte aller Öltanker auf der Welt bezieht Versicherungs- und Finanzdienstleistungen von europäischen Firmen. Ein Verbot, solche Dienste zu erbringen, hätte deshalb den Handel mit russischem Erdöl weltweit stark erschwert.

Nun fürchteten aber vor allem die USA, dass dadurch das Angebot an Erdöl sich reduzieren und spiegelbildlich deutlich teurer würde. Deshalb kam die Gruppe der führenden Industrieländer (G-7) auf die Idee eines Höchstpreises für russisches Rohöl: Solange dieser von Drittstaaten eingehalten wird, dürfen europäische (und andere) Reeder russisches Erdöl dorthin liefern und können die entsprechenden Dienstleistungen von europäischen Firmen bezogen werden. Am Freitagabend einigten sich die EU-Staaten auf eine Preisobergrenze von 60 Dollar pro Fass. Diesem Entscheid schlossen sich die G-7-Länder (USA, Kanada, Grossbritannien, Deutschland, Frankreich, Italien, Japan) und Australien an.

Welche Wirkung hat die Preisobergrenze?

Laut Analysefirmen wird die russische Sorte Urals derzeit mit rund 50 Dollar pro Fass gehandelt. Damit wäre der Höchstpreis kaum bindend. Polen und andere Länder wie Estland hatten sich denn auch für einen tieferen Höchstpreis eingesetzt, der Russland stärker schmerzen würde. Die Ukraine forderte sogar ein Maximum von 30 Dollar. Laut der Deutschen Presse-Agentur sagte die estnische Regierungschefin Kaja Kallas, dass jeder Dollar weniger pro Fass die russischen Einnahmen um 2 Milliarden Dollar pro Jahr verringern würde.

Die Amerikaner dagegen argumentieren, dass bereits die Aussicht auf eine Obergrenze den Preis für russisches Öl gedrückt habe. Als Zugeständnis an Länder wie Polen ist zu werten, dass der Höchstpreis alle zwei Monate überprüft wird und mindestens 5 Prozent unter einem von der Internationalen Energieagentur ermittelten Durchschnittspreis liegen soll.

Wie reagiert Russland darauf?

Das Land hat bereits erklärt, dass es an kein Land mehr Erdöl verkaufen werde, das sich an die von der EU und der G-7 verfügte Preisobergrenze halte. Gemäss «Financial Times» kauft Moskau derzeit eine «Schattenflotte» von Öltankern zusammen, um den Sanktionen auszuweichen. Die Rede ist von über hundert Tankern, die Russland heimlich allein im laufenden Jahr übernommen habe.

Mit dieser Flotte dürfte Moskau versuchen, grosse Abnehmerländer wie Indien, China und die Türkei weiter zu beliefern. Indien zum Beispiel hat im November Tag für Tag 900 000 Fass Erdöl aus Russland importiert – dies entspricht mehr als einer Verneunfachung gegenüber Anfang Jahr. Es ist jedenfalls kaum zu erwarten, dass die erwähnten Schwellenländer das Regime der G-7/EU übernehmen werden. Aber die USA setzen darauf, dass der Höchstpreis zumindest ihre Verhandlungsmacht gegenüber Russland verbessert, was auf die Erdölerlöse des Kremls drücken soll.

Was macht die Opec?

Die Organisation der erdölexportierenden Länder (Opec) plus eine von Russland angeführte Gruppe haben am Sonntag entschieden, vorerst keine weitere Änderung des Förderregimes vorzunehmen. Das eigentliche Meeting der Minister dauerte gerade einmal zwanzig Minuten. Dies dürfte damit zu tun haben, dass die Situation derzeit mit Embargo und Preisobergrenze ohnehin unübersichtlich ist und die Opec deshalb abwartet, wie diese wirken.

Dazu kommt, dass die Opec+ erst Anfang Oktober erklärt hatte, die Förderung bis Ende Jahr um 2 Millionen Fass pro Tag zu reduzieren. Diese massgeblich von Saudiarabien geprägte Kürzung, die überraschend stark ausgefallen war, hatte die USA erzürnt. Washington warf Riad vor, dadurch Russlands Krieg gegen die Ukraine zu unterstützen.

Es dauert jedoch, bis die Opec-Mitglieder die Vorgaben umgesetzt haben. Marktbeobachter gehen davon aus, dass von der Kürzung um 1,27 Millionen Fass, die auf die Opec-Mitglieder im engeren Sinne entfallen, erst ein Teil umgesetzt wurde.

Was heisst das für die Preise?

Russland hat im Oktober 9,9 Millionen Fass Erdöl pro Tag produziert. Durch das Embargo der EU und weitere Sanktionen könne die Produktion um 1,4 Millionen Fass fallen, sagt die Internationale Energieagentur voraus. Russland fehlen noch rund siebzig Tanker, um sein Erdöl aufzunehmen und Sanktionen zu umgehen. Zum Vergleich: 2021 wurden weltweit täglich im Schnitt 90 Millionen Fass Erdöl gefördert.

Der Preis für Erdöl der Marke Brent ist nach dem Kürzungsentscheid der Opec+ vom Oktober vorübergehend um 10 Prozent auf fast 100 Dollar pro Fass geklettert. Doch am Freitag lag der Preis wieder bei 85 Dollar. Am Höhepunkt dieses Jahres, kurz nach Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine im März, war er gar auf 130 Dollar gestiegen.

Von dieser Preisspitze hat er sich also entfernt. Da der Höchstpreis von EU und G-7 für die russische Sorte Urals derzeit kaum bindend ist, könnte die Preisreaktion zunächst gedämpft ausfallen. Allerdings hat Putin in der Vergangenheit auch immer wieder mit Nadelstichen überrascht. So könnte er etwa den Fluss von Erdöl nach Europa durch die Pipelines unterbrechen, die von den Sanktionen ausgenommen sind.

Länder wie Italien haben zudem noch möglichst viel russisches Rohöl gekauft, bevor das Embargo der EU am Montag in Kraft tritt. Entscheidend wird sein, wie rasch Europa das russische Rohöl durch solches aus dem Nahen Osten ersetzen kann. Russland dagegen wird den Rohstoff noch stärker als bisher an China, Indien, die Türkei und andere asiatische Staaten verschiffen.

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