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Erst Engpass, jetzt Vernichtung – das steckt hinter dem Grippe-Impfstoff-Paradox

WELT-Logo WELT 04.02.2021 Jan Klauth

Im Herbst startete Jens Spahn eine große Grippe-Impfkampagne. 26 Millionen Dosen wurden bestellt. Doch schnell gab es Engpässe, viele Impftermine wurden abgesagt. Nun scheint der Stoff zum Ladenhüter zu werden und Apotheker fordern Entschädigung. Wie kann das sein?

Viren haben es in Corona-Zeiten sehr schwer. Denn wegen der Hygieneregeln und Kontaktbeschränkungen können sie sich deutlich schlechter verbreiten. Das hat jetzt die Krankenkasse DAK mit verblüffenden Zahlen untermauert. Quelle: WELT/ Marcus Tychsen © WELT/ Marcus Tychsen Viren haben es in Corona-Zeiten sehr schwer. Denn wegen der Hygieneregeln und Kontaktbeschränkungen können sie sich deutlich schlechter verbreiten. Das hat jetzt die Krankenkasse DAK mit verblüffenden Zahlen untermauert. Quelle: WELT/ Marcus Tychsen

Ein Impfstoff, der in so hoher Menge in den Lagern steht, dass man gar nicht mehr weiß, wo hin damit. Würde es sich um Corona-Vakzine handeln, wäre das eine hervorragende Nachricht. Bei einem anderen Impfstoff ist derzeit genau das der Fall: nämlich dem für die Grippesaison 2020/21. Das Überangebot ist das paradox anmutende Ergebnis einer Kette von Impf-Appellen und Massenbestellungen, die ihr Ziel verfehlt haben.

Demnächst wird der Stoff in Teilen sogar vernichtet. Das zumindest befürchten viele Apotheker. „In den Apotheken zwischen Rhein und Ruhr lagern noch mehr als 100.000 Dosen im Wert von 1,2 Millionen Euro“, sagt Thomas Preis, Vorsitzender des Apothekerverbandes Nordrhein. Die Vakzine sind vom Verfall bedroht. Der Wirkstoff muss jährlich neu produziert werden, und die Influenza-Saison endet im Frühjahr.

Rechnet man die Zahlen aus NRW hoch, würde sich nach Angaben des Apothekerverbands bundesweit ein Überschuss von rund einer Millionen Dosen im Wert von mehr als 10 Millionen Euro ergeben. Einige Apothekerverbände werfen dem Bundesgesundheitsministerium nun Planungsfehler vor und wollen entschädigt werden.

„Es ist nicht akzeptabel, dass Tausende Apotheken, die in finanzielle Vorleistung gegangen sind, auf den Kosten sitzenbleiben“, so Preis. Die Situation sei auch deshalb unbefriedigend, weil der Bund die Honorare der Apotheker bei der Impfstoffversorgung extrem niedrig angesetzt habe – mit einem Euro pro Dosis.

Apotheker, Ärzte und Arbeitgeber folgten Spahns Impf-Aufruf

Was war passiert? Im Herbst rief Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zur großen Grippe-Impfkampagne auf und ließ sich öffentlichkeitswirksam vor laufenden Kameras eine Spritze verabreichen. 26 Millionen Dosen wurden insgesamt bestellt – deutlich mehr als in den Jahren zuvor.

Ein Teil der Bestellungen ging beim Pharma-Unternehmen Sanofi ein. Dort kostet die Dosis aktuell laut Kassenärztlicher Vereinigung Hamburg rund 12 Euro. Die anderen gängigen Vakzine haben ähnliche Preise: ein Einkauf in Milliardenhöhe also. Spahns Aufruf folgten Apotheker, Praxen und auch viele Arbeitgeber.

Große Firmen organisierten sogar selbst Impftermine für ihre Mitarbeiter, beispielsweise über die Betriebsärzte. So auch das Medienunternehmen Axel Springer mit seinen rund 16.000 Mitarbeitern, zum dem auch WELT gehört. Zwischen Ende Oktober und Anfang November jedoch wurden viele Termine abgesagt, denn es gab Engpässe. Priorisiert wurden damals ältere Menschen und jene mit bestimmten Vorerkrankungen.

Bamberg, Deutschland 16. November 2020: Symbolbilder - Coronavirus - 16.11.2020 Eine Hand mit Gummihandschuhen haelt eine Impfspritze in der Hand, Im Hintergrund steht Grippeimpfstoff, Feature / Symbol / Symbolfoto / charakteristisch / Detail / © picture alliance / Fotostand Bamberg, Deutschland 16. November 2020: Symbolbilder - Coronavirus - 16.11.2020 Eine Hand mit Gummihandschuhen haelt eine Impfspritze in der Hand, Im Hintergrund steht Grippeimpfstoff, Feature / Symbol / Symbolfoto / charakteristisch / Detail /

In den Praxen zeigte sich ein ähnliches Bild. Weil die Werbung des Gesundheitsministeriums wirkte und mehr Menschen eine Impfung nachfragten, als kurzfristig versorgt werden konnten, verschoben auch Ärzte Termine oder sagten sie ab. Wie viele ungenutzte Dosen deshalb bald in den Praxen vernichtet werden müssen, ist noch nicht absehbar.

Der Großteil der Vakzin-Bestellungen erfolgte im Frühjahr 2020, bei Grippeimpfstoffen wird meist Monate im Voraus bestellt, weil die Wirkstoffe erst produziert werden müssen. Wegen der Pandemie hatte sich die Bestellfrist ohnehin nach hinten verschoben. Denn um gleichzeitige Infektionen zu verhindern, wurde der Bedarf höher bemessen als in den Vorjahren – in der Hoffnung, so viele Bürger wie möglich impfen zu können.

Ende September und Anfang November wurde zwar nachbestellt. Doch laut Apotheken-Vertreter Preis dauerte es bis Dezember, bis viele Dosen eintrafen. „Bis dahin ist die Impfbereitschaft vieler Menschen gesunken, das Land steckte ja schon mitten im Lockdown und die Wahrscheinlichkeit einer Infektion war geringer.“ Offensichtlich kam dieser Umschwung unerwartet. Denn noch im Herbst hatten Apotheker händeringend versucht, Nachbestellungen der Ärzte zu bedienen.

Dass bald massenweise Impfstoff vernichtet werden muss, hätte wahrscheinlich verhindert werden können. „Nach unserem Eindruck haben die vom Gesundheitsministerium im Herbst angekündigten Reserven viel zu spät, teilweise sogar erst Anfang Dezember, die Apotheken erreicht“, sagt Preis. „Zu diesem Zeitpunkt gab es seitens der Ärzte aber keine Nachfrage mehr.“

Auf die nationale Reserve des Bundes mit etwa sechs Millionen Dosen hatten viele Apotheken gewartet. Ab Mitte November kamen diese Mengen auf den Markt – allerdings schrittweise. Aus Sicht einiger Apotheker war das zu spät. Das Gesundheitsministerium hingegen schreibt Anfrage von WELT, durch die Lieferung der beschafften Dosen konnten die Nachbestellungen der Ärzte und die erhöhte Nachfrage gedeckt werden. Diese habe sich vor allem auf den Anfangszeitraum konzentriert. Die Auslieferung durch die Hersteller erfolgte, wie in jeder Saison, chargenweise nach Produktionsverlauf und Freigaben,sagt ein Sprecher. „Es wurden keine Impfdosen zurückgehalten.“

Doch schon im Vorhinein hätten manche Praxen zu wenig bestellt, auch seien einige Nachbestellungen zurückgezogen worden – zum Nachteil der Apotheken. So lautet zumindest Preis’ Darstellung. „Das Risiko der Vorratslagerung muss von den Krankenkassen, Politik und Impfstoffherstellern mitgetragen werden“, fordert er. Auch solle die Bestellung der Praxen verbindlicher werden.

Womöglich haben sich sogar mehr Menschen impfen lassen

Dass am Ende der Influenza-Saison ein gewisser Rest Impfstoff vernichtet wird, ist nicht außergewöhnlich. Naturgemäß wird vielerorts etwas über Bedarf bestellt und niemand kann voraussagen, wie viele Menschen sich tatsächlich impfen lassen. Allerdings sei die überschüssige Menge kaum je so hoch gewesen wie jetzt, sagt Apotheker Preis und spricht von einer Verdopplung.

Ist die große Impfkampagne nun gescheitert? Haben sich ausgerechnet in der Saison, in der Covid-19 eine zusätzliche gesundheitliche Gefahr ist, weniger Menschen impfen lassen als bisher? Das ist, Stand jetzt, schwer zu sagen. Belastbare Zahlen hierzu gibt es noch nicht. Es könnten trotz des Überschusses sogar deutlich mehr Menschen gewesen sein als in den Jahren zuvor – davon geht auch, Stand heute, das BMG aus. Und ein Ziel wurde schon erreicht: Durch die Steigerung der Grippeimpfungen sollte die Zahl der Hospitalisierungen niedrig gehalten werden – um das Gesundheitssystem zu entlasteten und Kapazitäten zur Behandlung von Covid-19-Erkrankten freizuhalten. „Dies ist bislang gelungen“, schreibt das Ministerium.

„Die Abrechnungsdaten liegen uns leider erst mit einer großen Verzögerung vor, mit Blick auf die Grippesaison erst im Sommer“, sagt etwa eine Sprecherin der Techniker Krankenkasse (TK). Vermutlich habe die Nachfrage nach der Impfung sogar zugenommen, sagt Roland Stahl von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Sicher könne man das aber noch nicht sagen. Die Aufrufe des Gesundheitsministeriums könnten jedenfalls geholfen haben. Denn: „Die Grippeimpfung wurde jahrelang zu wenig wahrgenommen“, findet Stahl.

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Die zuletzt erfassten Zahlen der TK, die deutschlandweit am meisten Menschen versichert, belegen das: 2019 haben lediglich 11 Prozent aller rund 10,7 Millionen TK-Versicherten eine Grippeimpfung erhalten, bei den über 60-Jährigen waren es immerhin 32 Prozent. Die Zahlen für die Gesamtbevölkerung sind schwer zu ermitteln, Jens Spahn sagte im vergangenen Jahr, dass 2019/2020 rund 14 Millionen Dosen verimpft worden seien. Das entspräche knapp 17 Prozent der Bevölkerung.

Die Zahlen der aktuellen Saison sind auch deshalb schwer zu ermitteln, weil auch im Februar eine Grippeimpfung noch sinnvoll sein kann. Die Grippewelle endet in Mitteleuropa meist im März oder gar April. Aktuelle Werte zeigen jedenfalls, dass sie bislang sehr milde ausfällt: Wie WELT berichtete, sind beispielsweise die Krankmeldungen der Barmer-Versicherten, die an Grippe erkrankten um bis zu 60 Prozent im Vergleich zum Vorjahr eingebrochen.

Das liegt sicherlich an den Einschränkungen im Zuge der Pandemiebekämpfung und den drastischen Kontaktverboten. Andererseits könnte auch die Impfkampagne des Bundes Wirkung gezeigt haben. Und erfasst werden in den Statistiken nur die bestätigten Fälle – die Testraten sind im Vergleich zu Corona-Abstrichen verschwindend gering.

So oder so: Alle 26 Millionen Dosen werden mutmaßlich nicht verimpft werden. Trotz einer anfangs hohen Nachfrage droht ein Teil der Vakzine zum Ladenhüter zu werden. Auf eine Entschädigung haben Apotheken aus Sicht des BMG aber keinen Anspruch. „Es liegt in ihrer wirtschaftlichen Verantwortung, bei ihrem Bestellverhalten das Marktgeschehen auch unter dem Aspekt ihres Bestellzeitpunktes zu berücksichtigen“, sagt ein Sprecher. Bald bleibt also nur noch die Vernichtung der übriggebliebenen Dosen.

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