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"Für viele ist das noch kein Alarmsignal"

t-online-Logo t-online 09.12.2022 T - Online

Welt droht Massensterben

"Für viele ist das noch kein Alarmsignal"

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Die Tiere verschwinden, in den Gärten wird es still – beinahe unbemerkt. Bundesumweltministerin Steffi Lemke spricht im Interview über die Wurzeln des größten Massensterbens seit 66 Millionen Jahren.

Das Schicksal der Dinosaurier droht sich zu wiederholen: Eine Million Tier- und Pflanzenarten sind weltweit vom Aussterben bedroht. Statt eines Meteoriteneinschlags ist es dieses Mal jedoch der Mensch, der die Lebewesen von der Erdoberfläche tilgt.

Zwischen Alpen, Nord- und Ostsee sind zwei Drittel aller Schmetterlinge gefährdet, außerdem jede zweite Wildbienenart, die Hälfte aller Amphibien, Brutvögel und Süßwasserfische. Dazu kommt knapp ein Drittel unserer heimischen Säugetiere, die für immer aussterben könnten. Feldhamster, Luchs, Fledermäuse und sogar die Hausratte stehen bereits am Abgrund.

Um das Massensterben aufzuhalten, verhandeln derzeit knapp 200 Länder bei der Weltnaturschuztkonferenz in Montreal über ein globales Artenschutzabkommen. Vor ihrer Reise nach Kanada hat Bundesumweltministerin Steffi Lemke mit t-online darüber gesprochen, weshalb kaum jemand bemerkt, wie die Natur sich leert, was die Krise am stärksten befeuert und wo ihre Koalitionskollegen von der FDP die Rettungsversuche untergraben.

t-online: Frau Lemke, jeden Tag verschwinden 150 Tier- und Pflanzenarten für immer von der Erdoberfläche. Wieso interessiert das anscheinend niemanden?

Steffi Lemke: Ich gebe Ihnen vollkommen recht, dass das schwer verständlich ist. Im Gegensatz zur Klimakrise merken wir das Artenaussterben bisher nicht so direkt. Die Erderhitzung hat in Deutschland inzwischen spürbare Konsequenzen: Seen oder Flüsse aus Kindheitstagen trocknen aus, Waldbrände hinterlassen verkohlte Landschaften, und Hitzewellen setzen vor allem älteren Menschen schwer zu. Dass immer mehr Lebewesen verschwinden, merkt man hingegen im Alltag kaum. Vielleicht am Rande, weil es weniger Vögel in den Wäldern und weniger Insekten im Garten gibt. Aber das ist für viele noch kein Alarmsignal.

Für Sie schon.

Natürlich. Das weltweite Artenaussterben bedroht die Existenz der Menschheit. Und das ebenso stark wie die Klimakrise. Die Sichtbarkeit und direkte Betroffenheit setzt aber erst später ein. Gleichzeitig gibt es auch bei uns viele Menschen, die sich große Sorgen um die schleichende Naturzerstörung machen und dafür auf die Straße gehen.

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Umweltverbände und Wissenschaftler sprechen vom größten Massensterben seit dem Ende der Dinosaurier. Wäre es nicht Ihre Aufgabe, dem Artenschutz mit so klaren Worten mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen?

Das mache ich jeden Tag. Aber der Glaube, wir könnten die Natur weiter so ausbeuten wie in den letzten Jahrzehnten, sitzt bei manchen offensichtlich sehr tief. Die persönliche Wahrnehmung und die reale Bedrohung durch die Naturzerstörung klaffen sehr weit auseinander. Vor den Dürresommern der vergangenen Jahre und der Hochwasserkatastrophe im Ahrtal gab es auch noch nicht die Aufmerksamkeit für die Klimakrise, die wir jetzt haben. Es wäre schlimm, wenn es auch beim Naturschutz erst so weit kommen muss, dass uns die Zerstörung der Natur hier in Deutschland massiv trifft.

Was könnte das sein?

Als studierte Agrarwirtin sorge ich mich zum Beispiel um das Verschwinden der Arten in den Böden, auf denen unsere Lebensmittel wachsen. Wenn es immer weniger Würmer, Käfer und andere Bodenlebewesen gibt, verlieren unsere Böden ihre Fruchtbarkeit. Bauern würden noch größere Probleme haben, über die Runden zu kommen. Das würden wir auf dem Teller merken. Wir müssen das Ruder rumreißen, bevor es zu spät ist. Wir dürfen aber nicht nur auf das Verschwinden von Tier- und Pflanzenarten schauen, sondern müssen auch die dahinterliegende Zerstörung von Lebensräumen und Ökosystemen sehen. Und die hat weltweit so dramatische Folgen, dass selbst das Weltwirtschaftsforum in Davos die Naturkrise als eines der größten Risiken für die Wirtschaft einstuft.

Sie wollen ein "Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz" auflegen, um gleichzeitig Artensterben und Klimakrise aufzuhalten. Dafür gibt es vier Milliarden Euro – verglichen mit dem 100 Milliarden schweren Sonderetat für die Bundeswehr fast nichts. Wie sehr schmerzt Sie diese Priorisierung?

Das Wichtigste ist: So viel Geld gab es für den Naturschutz in Deutschland noch nie. Mit den vier Milliarden Euro bis 2026 wollen wir die vorhandene Natur besser schützen und geschädigte Ökosysteme wiederherstellen. Außerdem stellen wir jährlich 1,5 Milliarden Euro für den internationalen Naturschutz zur Verfügung.

Artensterben und biologische Vielfalt

Einige Arten sind ausgestorben, andere neu hinzugekommen – so war es schon immer. Doch die aktuelle Aussterberate ist bis zu 1.000 Mal höher als natürlicherweise. Am deutlichsten zeigt sich dies in Mittel- und Südamerika, wo die Vielfalt der Tiere und Pflanzen seit 1970 um 94 Prozent zurückgegangen ist. Andernorts sieht es kaum besser aus. Forscherinnen und Forscher sprechen vom sechsten großen Massenaussterben der Erdgeschichte – dem größten seit Verschwinden der Dinosaurier. Wird der Artenschwund nicht gestoppt, setzt er Wäldern, Meeren und anderen Ökosystemen so stark zu, dass diese zusammenbrechen.

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Mit dieser Zahl im Gepäck reisen Sie kommende Woche selbst zur Weltnaturschutzkonferenz nach Montreal. Ist das Deutschlands ganzer Beitrag zur Rettung der Natur weltweit?

Wir verdoppeln die Mittel für die internationale Biodiversität bis 2025, das ist ein starkes Zeichen. Ob wir noch mehr Geld mobilisieren können, hängt auch davon ab, ob wir in den kommenden zwei Wochen bei der Konferenz ein ambitioniertes globales Abkommen hinbekommen. Mit Geld allein ist es aber nicht getan. Es kommt auch auf die Qualität der vereinbarten Ziele und Umsetzungsmechanismen an.

Das heißt?

Beispielsweise soll bis 2030 knapp ein Drittel aller Land- und Meeresflächen auf der Welt unter Schutz stehen. Dafür braucht es aber auch verbindliche Kriterien – Nationalparks, die nur auf dem Papier existieren, reichen nicht.

Dass die UN-Klimaziele einigermaßen ambitioniert sind, liegt auch daran, dass es viel Anschub von Staats- und Regierungschefs gab. Zur Weltnaturschutzkonferenz reist kein einziger an. Ist der Artenschutz dem Bundeskanzler nicht sexy genug?

Olaf Scholz wäre bereit gewesen, nach Kanada zu fliegen. Es wird jedoch kein Treffen von Staatschefs geben, da die chinesische Präsidentschaft es mit den wenigen Monaten Vorlauf nicht für machbar hielt, eine solche Runde zu organisieren. Sie haben aber durchaus recht, dass es noch immer Akteure gibt, die Artenschutz für Gedöns halten.

Zehn Jahre hätte die Welt gehabt, um die jüngst ausgelaufenen globalen Artenschutzziele zu erreichen. Geklappt hat das bei null von 20 Zielen. Wieso sollte ein neues Abkommen erfolgreicher sein?

Erst mal müssen wir es schaffen, überhaupt eine Vereinbarung auf die Beine zu stellen. Die Zeiten für globale Abkommen sind denkbar schlecht aufgrund des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine. Andererseits ist der Problemdruck riesengroß. Die Zerstörung der Natur bedroht weltweit unsere Lebensgrundlagen. Ich weiß von vielen Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern, die deshalb ebenfalls mit Wut über die verlorene Zeit und mit sehr großem Willen, es anders zu machen, zur Konferenz reisen.

Für verpasste Ziele muss man gar nicht aus Deutschland weg. Zwei Prozent der Landesfläche sollten hier längst als "Wildnisgebiete" besonders geschützt sein. Aktuell sind es 0,6 Prozent.

Es ist ja wohl nicht zu viel verlangt, zwei Prozent unserer Flächen der Wildnis als Überlebens- und Regenerationsräume zu überlassen, in die wir nicht eingreifen. Deshalb werden wir mit den Bundesländern gemeinsam nach besseren Wegen suchen, als sie die Vorgängerregierung gefunden hat. Das ist zu schaffen.

Auch in Bayern? Da gab es bisher besonders heftigen Widerstand gegen solche Schutzgebiete.

Bayern will nicht als Bremsklotz beim Naturschutz dastehen, da bin ich mir fast sicher. Nicht zuletzt, da der Artenschutz sicher auch Thema bei den anstehenden Landtagswahlkämpfen sein wird. Gerade in Bayern hat das Volksbegehren für mehr Artenvielfalt gezeigt, dass es wirklich sehr vielen Menschen wichtig ist, die Natur für unsere Kinder und Enkel zu bewahren.

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Ein Zuwachs an Schutzgebieten bedeutet aber auch, dass stärker abgewogen werden muss, wo neue Stromtrassen oder Windkraftanlagen entstehen können. Wie wollen Sie den Konflikt zwischen Artenschutz und Energiewende ausräumen?

Die beiden existenziellen ökologischen Krisen – Klimakrise und Krise des Artenaussterbens – sind so eng miteinander verbunden, dass wir sie gleichzeitig lösen müssen. Und wir müssen klar vermitteln: Nicht der Ausbau der erneuerbaren Energien treibt das massenhafte Aussterben und Abwandern von Tieren und Pflanzen an, sondern der Autobahn- und Flughafenbau, die Versiegelung der Böden und Zersiedelung der Landschaft, und auch die intensive Agrarwirtschaft. Gerade die Subventionen in der Landwirtschaft haben jahrzehntelang genau die falschen Anreize gesetzt. Landwirtschaftsminister Cem Özdemir und ich brechen dieses System jetzt Stück für Stück auf.

Das stärkste Steuerungsinstrument für die deutsche Landwirtschaft ist der EU-Fördertopf für "Gemeinsame Agrarpolitik". Ab 2023 sind fast alle Gelder an Umweltschutzmaßnahmen gekoppelt. Einige Kritiker sprechen von einem "Bauernvernichtungsprogramm". Ist das unfair?

Wir graben uns doch selbst das Wasser ab, wenn wir so weitermachen wie bisher, insbesondere in der Landwirtschaft. Da ist es doch logisch, dass der Pestizideinsatz runter und die Zahl der Rückzugsräume für gefährdete Arten hoch muss, dass es statt Monokulturen eine Anbaudiversifizierung braucht. Die Zukunftskommission Landwirtschaft hat eine Vision für zukunftsfähige artenfreundliche Landwirtschaft entwickelt, die das finanzielle Auskommen der Bauern langfristig sichern kann. Dies umzusetzen, packen wir jetzt an, in Deutschland und auf EU-Ebene.

Wie wollen Sie die Landwirte dafür gewinnen?

Die Bauern sind jahrzehntelang durch ökonomische Zwänge in ein System gepresst worden, das vielfach auf Maximierung getrimmt war. Wer finanziell überleben wollte, musste sich anpassen. Diese Intensivierung der Landwirtschaft droht der Artenvielfalt in den Agrarlandschaften jetzt das Genick zu brechen. Wir diskutieren intensiv mit den Landwirten, wie wir dieses System gemeinsam ändern. Aber es braucht verdammt viel Kraft, um so tief eingefahrene Fahrwege zu verlassen.

Trotz Inflation sind die Lebensmittelpreise in Deutschland so niedrig wie sonst in kaum einem anderen EU-Land. Müssten Landwirte für ihre Produkte auch mehr Geld verlangen?

Es geht nicht darum, Dinge teurer zu machen, sondern darum, landwirtschaftliche Fördergelder sinnvoller einzusetzen.

Steffi Lemke (54)

Seit Dezember 2021 ist Steffi Lemke (Bündnis 90/Die Grünen) Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz. Zuvor war sie viele Jahre Parlamentarische Geschäftsführerin ihrer Partei und Sprecherin für Naturschutz der Bundestagsfraktion. Lemke stammt aus Dessau und lebt dort sowie in Berlin.

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Dabei fordern Sie doch explizit, Fleisch über eine "Tierwohl-Abgabe" teurer zu machen.

Ein Schweineschnitzel, das im Sonderangebot 99 Cent kostet, deckt nicht die Kosten des Erzeugers und reflektiert nicht die Schäden in der Natur, die durch die Produktion entstehen. Fleisch darf nicht mehr verramscht werden. Die ökonomischen Rahmenbedingungen, die es ermöglichen, die Preise so zu drücken – von importiertem Eiweißfutter über Massenproduktion für den weltweiten Export – funktionieren mit Blick auf Klimakrise und Biodiversität einfach nicht mehr.

Gegenwind bekommen Sie auch aus anderer Richtung: Die "Letzte Generation" macht Stimmung für ein Tempolimit, für das Weiterführen des 9-Euro-Tickets und gegen Lebensmittelverschwendung. Alles gut für Ökosysteme und Artenschutz. Wieso also nicht?

Ich bin auch frustriert davon, dass die Weichen für eine klimaneutrale Industrie, die Verkehrswende und eine zukunftsfeste Landwirtschaft nicht schon längst gestellt worden sind. Insofern sind Proteste grundsätzlich legitim und inhaltlich nachvollziehbar. Aber ich lehne Aktionen klar ab, die Menschenleben gefährden könnten.

Also Ablehnung der Form, Zustimmung in der Sache?

Viele der Forderungen der "Letzten Generation" sind berechtigt. Aber insbesondere das Tempolimit wird leider von einem Koalitionspartner, der FDP, konsequent abgelehnt – gegen alle inhaltlichen Argumente, die es dafür gibt. Das wurde einerseits in den Koalitionsverhandlungen so akzeptiert, aber wir haben andererseits inzwischen den Umstieg auf das E-Auto beschlossen.

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Die FDP weicht aber zum Beispiel mit ihren Rufen nach der Ausbeutung von Öl- und Gasvorkommen in Deutschland selbst klar vom Koalitionsvertrag ab.

Sie haben recht, die FDP stellt an einigen Stellen Forderungen, die dem Koalitionsvertrag widersprechen. Dazu gehört auch der beschleunigte Ausbau von Autobahnen oder Flughäfen. Meine Aufgabe ist es, gemeinsam mit meinen Grünen-Kabinettskollegen hier die Stimme der Vernunft zu sein und nicht zuzulassen, dass es falsche Weichenstellungen gibt. Es würde unseren Klimazielen diametral widersprechen, jetzt noch mehr und schneller in solche Infrastruktur zu investieren, die nicht zukunftsfähig ist.

Ein Ort, an dem Ihnen kein widerspenstiger Koalitionspartner in die Quere kommt, ist Ihr Garten. Wie artenfreundlich sieht es da aus?

Seitdem ich Ministerin geworden bin, sieht es dort vor allem etwas verwildert aus. Aber es war und bleibt ein Biogarten: Apfelbäume, Küchenkräuter, Wildblumen und vor allem keine Pestizide.

Wäre das in allen 17 Millionen Gärten in Deutschland so, hätte der Artenschutz schon viel gewonnen. Der Trend geht aber zu Schotter, Platten und Kübelpflanzen. Wie hilfreich finden Sie die Schottergärten-Verbote, die einige Gemeinden bereits erlassen haben?

Ich finde Schottergärten komplett verzichtbar. Da gehen uns wertvolle Flächen für vielfältiges Grün verloren, die auch für die Anpassung an die Klimakrise wichtig sind, zum Beispiel, weil sie im Sommer für kühlere Luft sorgen. Außerdem sind Schottergärten nicht einmal pflegeleicht. Wer es ums Haus besonders pflegeleicht mag, kann das gut mit trockenresistenten Pflanzen machen. Ich werbe für eine naturnahe Gestaltung der Gärten mit heimischen Stauden und Gehölzen. Jeder Einzelne kann etwas in seinem direkten Umfeld verändern. Aber diese Diskussion sollte nicht davon ablenken, dass die größte Bedrohung für Tiere und Pflanzen die intensive Landwirtschaft, der Flächenfraß und die Klimakrise sind. Da müssen wir ran.

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