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Heimat: Hier fühlen wir uns Zuhause

mylife-Logo mylife 23.06.2020 Redaktion - mylife
Heimat: Hier fühlen wir uns Zuhause © Joris Visser Heimat: Hier fühlen wir uns Zuhause

Es geht im Leben nicht nur ums Weiterkommen, sondern darum, endlich anzukommen. Nur wo? Warum Heimat kein Ort, sondern ein Gefühl ist, das es außerhalb unserer Herzen nicht gibt. Wir verraten, was Heimat ausmacht.

Heimat ist: Mit Freunden entspannt im Lieblingscafum die Ecke sitzen.

Heimat ist...

Mitten in München gibt es eine Kneipe, die Kultstatus hat: das Johannis-Caf Es ist absolut hässlich. Eine Beleuchtung wie im Bahnhof, viel Resopal und als Krönung eine anscheinend denkmalgeschützte Wand – denn seit einem geschätzten halben Jahrhundert klebt diese Fototapete mit dem rauschenden Gebirgsbach vor dramatischen Bergen an dieser Stelle.

Das Johannis-Cafist pures Retro, die Einrichtung ist aus den 50er-Jahren, das Etablissement noch älter – aber seit bald einem Jahrhundert wird es von seiner Kundschaft geliebt und gegen Angriffe jedweder Art verteidigt. Wehe dem, der irgendetwas an dieser Institution verändern will. Das Johannis-Cafist Heimat!

Jede größere Stadt hat solche Anker der Vertrautheit, an die sich auch diejenigen klammern können, die gerade erst gestrandet sind in der Fremde: Studierende, die es an eine neue Uni verschlagen hat, Jobsuchende und Praktikanten, Migranten oder Menschen, die auf andere Weise mobil sind – weil für sie München nur eine Stufe auf dem Sprung in eine weitere Metropole der globalen Welt ist.

Nostalgie ist ein Anker der Vertrautheit. Alexander Schimmeck © Alexander Schimmeck Nostalgie ist ein Anker der Vertrautheit. Alexander Schimmeck

Was ist Heimat?

„Der Begriff ‚Heimat‘ verweist zumeist auf eine Beziehung zwischen Mensch und Raum“, schreibt Wikipedia, und wie auch beim Johannis-Cafreicht manchmal schon ein einziger, konkreter Raum aus, um „vertraute Lebenswelt“ und „soziale Zugehörigkeit“ zu schaffen. Heimat hat also mehr mit Identität zu tun, als mit Standorten, in die man hineingeboren wird.

Das war schon in der Romantik so, als Schriftsteller wie Joseph von Eichendorff und Maler wie Caspar David Friedrich sich darüber Gedanken machten, welchen Bezug das Innere des Menschen zu den Orten habe, wo er sich aufhalte. Der romantische Wanderer, ein Motiv, das damals viele Kunstwerke bestimmte, ist zwischen Fern- und Heimweh hin- und hergerissen. Heimat, ganz typisch, wird eigentlich erst dann zum Thema, wenn etwas verloren gegangen ist – Heimweh schmerzt. Zum ersten Mal beschrieben wurde dieses eigenartige Phänomen im Barock.

Urlaubsreisen und mobile Gesellschaft waren noch lange nicht erfunden, die Einzigen, die wirklich herumkamen, waren die Söldner, und so ließ auch der Papst seine Leibwache aus der fernen Schweiz holen. Die stärksten Kerle aber brachen in Tränen aus, wenn einer unter ihnen den volkstümlichen „Kuhreihen“ anstimmte, ein Hirtenlied aus der Heimat.

Entkräftung und Fieber konnten die Folge dieses „Morbus Helvetica“ sein, über dessen Wurzeln die Zeitgenossen erfolglos grübelten. War es der fehlende Anblick der Berge oder gab es – das Barometer war bereits in Gebrauch – eine physikalische Erklärung, den Luftdruck zum Beispiel?

Die Folgen von Heimatlosigkeit

Heute beschäftigt sich die Transkulturelle Psychiatrie mit den gesundheitlichen Folgen der Migration. Nicht nur in Nordafrika fliehen Menschen vor Krieg und Zerstörung: 2017 gab es 68,5 Millionen heimatlose Migranten auf der Welt. Über 100 Ethnien leben außerdem ohne eigenes Land über den ganzen Erdball verstreut und kämpfen um ihre Rechte und ihre Kultur.

Fremd zu sein, wissen die Psychiater, ist ein Krankheitsrisiko. Während viele Ankömmlinge im neuen Land im Schnitt gesünder sind als die angestammten Einwohner – sie sind bereits eine Auslese besonders widerstandsfähiger Menschen –, kehrt sich das nach etwa drei Jahren um: Viele Migranten werden depressiv, leiden häufiger unter Psychosen oder Schizophrenien und haben ein deutlich erhöhtes Suizidrisiko.

Der Druck nimmt noch zu, wenn Menschen sich schon deshalb nicht leicht anpassen können, weil sie sichtbar „anders“ sind: In England fühlen sich die schwarzen Einwanderer aus Afrika fremder als die hellhäutigeren der West Indies. Und in Israel sind die dunkelhäutigen äthiopischen Juden die „Underdogs“ der Gesellschaft und die einzige Gruppe, bei der sich verstärkt Psychosen äußern. Diskriminierung scheint dabei eine entscheidende Rolle zu spielen.

In Bayern reicht es schon aus, eine Sprachfärbung aus dem Ruhrgebiet oder Hannover zu besitzen, um – mal neckisch, mal ernster – pauschal unter „Preiß“ subsumiert zu werden. Die echten Preußen, seit ihrer Vormacht im Deutschen Bund von den Bayern zu Unsympathen stilisiert, hält das nicht davon ab, Bauernhochzeiten in Tracht am Tegern- oder Schliersee zu feiern oder zumindest das Oktoberfest im Dirndl- und Lederhosen-Look zu absolvieren. Jedes vierte Dirndl übrigens wird inzwischen in China hergestellt.

Ist Heimat nur ein Gefühl?

Was hat das aber alles mit Heimat zu tun? Und wieso scheint Heimat etwas typisch Deutsches zu sein, das sich nicht wirklich übersetzen lässt, ähnlich wie die Gemütlichkeit? Vermutlich ist es gerade die historische Zersplitterung des deutschen Kulturraums, das Fehlen übergreifender Symbole, das uns so verhaftet lässt, einem Ideal, das real vermutlich nie existiert hat. So wird in der BR-Erfolgs-Soap „Dahoam is Dahoam“ ein Kunstdialekt gesprochen – damit ihn auch die „Zuagroasten“, die „Preißn“ also, verstehen.

Vergessen wir alles Rückwärtsgewandte, die Gebirgsbach-Tapete, die Landschaften in Öl und die rustikalen Bauernmöbel, und halten wir Ausschau nach dem, was in der globalisierten Welt noch Heimat sein kann. Ist heute das Zuhause, wo sich das WLAN automatisch verbindet? „Berlin ist Heimat, aber das Internet auch“, beschreibt die Politologin und Internet- Expertin Geraldine de Bastion ihr Leben als digitale Nomadin.

Braucht man für das Heimaterlebnis wirklich noch das Sofakissen auf dem Fensterbrett, um auf die Straße zu schauen? Nein, antwortet die Lyrikerin Nora Bossong auf einer Veranstaltung des Goethe-Instituts. Heimat sei niemals ein sicherer Fixpunkt gewesen, sondern lediglich Fiktion, eine Verbindlichkeit, nach der man sich ein Leben lang sehne. „Etwas“, hatte der Physiker und Philosoph Ernst Bloch auf seine poetische Art geschrieben, „was uns von der Kindheit her scheint und worin noch niemand war.“

Als Jude musste er es ja wissen. Die Vertreibung aus dem gelobten Land und die Suche nach ihrer Heimat sind kollektive Themen von rund 15 Millionen Juden, die weltweit verstreut sind. Davon leben etwas mehr als sechs Millionen in Israel, im ständigen Konflikt mit der arabischen Bevölkerung, die auch seit Hunderten von Jahren in der Region lebt und sie ihre Heimat nennt: An den Eingängen der Flüchtlingslager der Palästinenser hängen symbolische Schlüssel für das Zuhause, das es nicht mehr gibt.

Wir haben haben eine Vielzahl von Menschen gefragt, was bei ihnen Heimatgefühle auslöst. Die Antworten konnten unterschiedlicher kaum sein. my life © my life Wir haben haben eine Vielzahl von Menschen gefragt, was bei ihnen Heimatgefühle auslöst. Die Antworten konnten unterschiedlicher kaum sein. my life

Heimat in der Moderne

Was ihre Mobilität angeht, so scheinen die Deutschen immer noch wie in der Romantik hin- und hergerissen zwischen Fernweh und Heimweh. Zwar fliegen viele an ferne Strände oder erkunden in Kreuzfahrten die Meere, aber Hygiene, Sicherheit und Mahlzeiten sollen unterwegs gefälligst die heimischen Standards erfüllen, und wirklich leben an einem neuen Ort wollen die wenigsten.

Deutsche leben gern zu Hause

„Der deutsche Jugendliche studiert da, wo die Waschmaschine seiner Mutter steht“, kritisiert Wolfgang Herrmann, Präsident der Technischen Universität München, die mangelnde Bereitschaft seiner Studenten, Auslandssemester zu absolvieren oder sich für eines der vielen Stipendien in Asien oder den USA zu interessieren.

Erst im höheren Alter ändert sich das. 280 000 Menschen haben im Jahr 2016 das Land verlassen – überwiegend aus Karrieregründen, das Bildungsniveau der Emigranten ist hoch. Nach der Schweiz sind die Traumziele die USA und Österreich, gefolgt von anderen EU-Ländern – die Sehnsucht nach Exotik hält sich also in Grenzen.

Überdurchschnittlich zufrieden waren die Auswanderer, der Statistik zufolge, mit der Schweiz, den skandinavischen Ländern und Kanada. Rund ein Drittel, sagt die Migrationsforschung, zieht jedoch eine Rückkehr in Betracht – meistens mit Gewinn, anderen Erfahrungen, neuen Ideen.

Lassen sich Heimat und kulturelle Vielfalt vereinen?

Während Donald Trump versucht, die USA zur Heimat nur der weißen Einwanderer zu erklären, wirbt das Nachbarland Kanada bewusst um Zuzug aus aller Herren Länder. In der Metro Montreals drängen sich Studentinnen, geschminkt in hautengen Jeans und mit High Heels, aber im islamischen Hidschab. Daneben steht ein junger Mann mit fast hüftlangen blauschwarzen Haaren und hohen Wangenknochen – ein Inuit? Der grüne Turban eines Sikhs steht in leuchtendem Gegensatz zu seinem grauen Business-Dress. Und an der Rolltreppe legt ein schwarzer Mann einem weißen arbeitslosen Bettler Geld in den Hut.

Doch auch hier wächst die Angst vor dem Fremden, die Furcht einer Entwertung der abendländischen Kultur, vor neuen Glaubenskriegen und politischer Radikalisierung. Das Ideal der Multikulti-Gesellschaft verblasst vor der Realität der Anstrengung, der Unterschiedlichkeit der Menschen gerecht zu werden.

Wie kann ein Land Heimat werden für so viele fremde Kulturen und Religionen? Diese Frage wird zum politischen Streitthema in vielen Ländern der Welt.

Angst vor dem Fremden - eine Folge der Wende

In Ostdeutschland, wo die Proteste gegen die Aufnahme von Flüchtlingen besonders laut sind, hatte der Zusammenbruch der DDR zum Heimatverlust geführt. Denn nicht nur die von vielen gehasste Mauer ist verschwunden, sondern mit ihr verschwand fast alles, was früher den Alltag der Menschen bestimmt hatte und worauf man stolz war.

Die Industrien, auf den Export an die Sowjetunion ausgelegt, hatten keine Märkte mehr, die Facharbeiter waren ohne Arbeit, über Nacht verschwanden viele Produkte aus den Läden. Alles veränderte sich: der spezielle Geruch der Farben aus Leuna, die Geräusche der Zweitakter, die Schulbücher, die Kleidung, die Medien – ein Identitätsschock auch für diejenigen im Osten, die der DDR stets kritisch gegenüberstanden.

Der Protest gegen alles Fremde ist auch eine verspätete Reaktion auf den Identitätsverlust durch die Wende.

"Der moderne Mensch ist weltlos"

Besonders eigenartig fühlt sich Heimat an, wenn man sie verlassen hat und dann irgendwann zurückkehrt. Man hat sich so danach gesehnt, doch nichts sieht mehr so aus, wie es mal war. Das eigene Heimatgefühl liegt wie Nebel über den Straßen und weigert sich, der Realität Platz zu machen. Aber es kann sich auch nicht mehr verankern.

Der moderne Mensch hat nicht nur keine Heimat mehr, sondern ist „weltlos“ geworden, schrieb Hannah Arendt, auch als Aufforderung, sich mit diesem Phänomen auseinanderzusetzen. „Ich will verstehen“, sagte die aus Nazi-Deutschland geflohene Philosophin 1964 in ihrem berühmten Fernsehinterview mit dem Publizisten Günter Gaus: „Und wenn andere Menschen verstehen – im selben Sinne, wie ich verstanden habe –, dann gibt mir das eine Befriedigung wie ein Heimatgefühl.“

Was macht uns aus?

„Wer hätte gedacht, dass Heimat in unserer Gesellschaft noch einmal zu einem zentralen Thema gesellschaftspolitischer Debatten avancieren würde?“, fragen die katholischen Theologen Ulrich Hemel und Jürgen Manemann. In einem Reader, den die beiden herausgegeben haben, wird deutlich, wie doppeldeutig dieser Mix aus Tracht und Tradition ist: Heimat steht für Sicherheit und Geborgenheit, aber auch für Enge und Exklusion. Es steht für Stolz, aber auch für den Schrecken, der Teil jeder deutschen Biografie ist.

Individualität, Vielfalt und Unterschiedlichkeit, die unser globales Lebensgefühl prägen, hatten uns scheinbar aus dieser Zwickmühle befreit. Doch je mehr die Welt zusammenrückt, beginnen wir uns wieder zu fragen, was uns eigentlich ausmacht. Vielleicht ist das Einzige, was sich definitiv zur Heimat sagen lässt, dass es sie außerhalb unserer Herzen nicht gibt. Schon gar nicht als Zerrbild irgendwelcher Politiker. Höchstens um die Ecke, als Fototapete.

Ob aus familiären Gründen, wegen des Studiums oder wegen eines Jobs - die meisten von uns sind schon einmal umgezogen. Wir haben Tipps gesammelt, wie wir am besten in einer neuen Stadt ankommen können. Ob aus familiären Gründen, wegen des Studiums oder wegen eines Jobs - die meisten von uns sind schon einmal umgezogen. Wir haben Tipps gesammelt, wie wir am besten in einer neuen Stadt ankommen können.

Heimat sind Wurzeln: Interview mit dem Heimkehrer Notker Wolf

Notker Wolf OSB zählt zu den bekanntesten Würdenträgern der katholischen Kirche in Deutschland. Von 2000 bis 2016 war er der neunte Abtprimas der benediktinischen Konföderation. Bis heute prägt er in verschiedenen Ämtern die kirchliche und weltliche Gesellschaft und ist als Autor aktiv. In seinem Buch Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein schreibt er darüber, was Heimat ausmacht.

Sie waren 16 Jahre für Ihren Orden in Rom und in der Welt unterwegs. Hatten Sie Heimweh?

Weniger nach dem Ort St. Ottilien, als nach der dortigen Gemeinschaft im Kloster, die ich bei meiner Wahl zum Abtprimas zurücklassen musste. Einer unserer Grundsätze als Benediktiner ist die stabilitas loci, die Ortsgebundenheit. Das heißt aber nicht, dass man „festgemauert in der Erden“ lebt. Die Zugehörigkeit trägt man mit sich, wie die zu einer Familie.

Als Sie zurückgekehrt sind, hatte sich da nicht vieles verändert?

Selbstverständlich. Heimat ist nichts Statisches. So habe ich auch zu meinem Nachfolger gesagt, dass er alle meine „Heiligen Kühe“ schlachten darf, wenn er das für richtig hält. Heimat muss sich weiterentwickeln, auch wenn sie ein Orden ist. Auch dort, wo ich geboren wurde, im Allgäu, hat sich sehr vieles verändert.

Früher war das eine sehr arme Gegend, die vom Flachsanbau lebte, wo die Leute hungerten und auswanderten. Bis ein unternehmerischer Landwirt aufgrund seiner Auslandserfahrungen dort die Milchwirtschaft einführte, die heute das „heimische“ Gepräge gibt.

Wie würden Sie dann Heimat definieren?

Als Wurzeln. Die liegen zum Beispiel in der europäischen Kultur, der Vielfalt der Sprachen, der geschichtlichen Entwicklung, unserer Art zu denken, die ihre Ursprünge in der griechischen Philosophie hat. Sie ist, ohne das zu werten, anders als die Kultur des Arabischen, aber auch des Anglo-Amerikanischen.

Doch Bildung allein macht unsere Identität nicht aus. Es geht auch um die Zugehörigkeit zu Menschen. Ein Bild einer geliebten Person kann ein Stück Heimat sein, ein Rosenkranz.

Was kann man Menschen geben, die ihre Heimat verloren haben, den Flüchtlingen zum Beispiel? Sie kommen aus einer fremden Kultur.

Für sie kann Freundschaft und Zuwendung ein Stück neue Heimat sein. Und wir sollten ihren Glauben respektieren. Identität ist nämlich nicht nur anthropologisch zu erklären, sie hat auch transzendente Aspekte. Wir diskutieren meist nur über unterschiedliche „Weltanschauungen“ und darüber, dass sie von Religionen geprägt sind.

Der Glaube aber reicht tiefer, er ist Teil der inneren Heimat. Wir haben das nicht berücksichtigt, als zum Beispiel die türkischen „Gastarbeiter“ zu uns kamen. Und jetzt wundern wir uns, wenn sie Erdogan wählen. Der Grund aber ist, dass sie in Deutschland keine Heimat für ihren Glauben finden konnten.

Vielen Dank für das Interview, Herr Wolf.

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