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„Ich würde es jederzeit wieder machen“: Ein Gründer erklärt, warum er seinen Job als Coca-Cola-Manager aufgab und eine Eisdiele eröffnete

Business Insider Deutschland-Logo Business Insider Deutschland 08.09.2020 Nathalie Gaulhiac
Gründer und Eismacher Ralf Sander. © Bereitgestellt von Business Insider Deutschland Gründer und Eismacher Ralf Sander. Sandra Juto

Es ist heiß in Berlin Charlottenburg. Um 12 Uhr mittags sind es bereits 28 Grad Celsius. Die Sonne knallt auf den Asphalt der Wundtstraße. Die Luft ist schwül — heute braut sich noch ein Gewitter zusammen.

Vor der Eisdiele in der Wundtstraße steht eine lange Schlange. Ein Mann mit dunklem, kinnlangem Haar rennt aus dem Laden, mit einem Becher Eiscreme in der Hand. Er überreicht ihn einem Kunden, rennt wieder hinein, kommt mit einem weiteren Becher raus. Es ist Ralf Sander, Gründer und Besitzer der Eismanufaktur „Gimme Gelato“.

Sander hat viel zu tun. „Wir hatten heute morgen zwei Vorstellungsgespräche, dann hatten wir die Anlieferung vom Frischedienst, die Einrichtung von der Kaffeemaschine, zwischendrin haben wir noch den Potsdamer Platz beliefert und dann kommt später der DJ vorbei“, erklärt der gebürtige Frankfurter und wischt sich den Schweiß von der Stirn.

Den Schritt in die Selbstständigkeit hat Sander vor zwei Jahren gewagt. Erfahrungen in der Lebensmittelindustrie hat er jedoch schon seit mehr als 20 Jahren. Erst machte er eine Ausbildung zum Brauer und Mälzer, studierte und machte einen Abschluss als Diplommeister. Nach dem Studium nahm er an einem Trainee-Programm im Bereich Marketing und Sales bei der Brauerei Henninger-Bräu teil, sammelte weitere Erfahrungen im Marketing-Bereich, reiste unter anderem nach Brasilien, England, Zürich, Istanbul und Kairo und arbeitete für große Namen wie Coca Cola und Nestlé.

Ich mache jetzt erstmal nur noch Sachen, die mir richtig Spaß machen

„Bei Coca Cola gab es 2016 ein Freiwilligenprogramm, auf das man sich bewerben konnte, wenn man bereit war, das Unternehmen zu verlassen“, erinnert sich Sander. „Ich habe meinen Hut in den Ring geworfen. Im Paket gab eine lange Freistellung oder Kohle. Ich habe mich für die lange Freistellung entschieden.“ Nach seiner Freistellung zog er mit seinem Wohnwagen nach Caputh im Landkreis Potsdam-Mittelmark, direkt an den See. „Ich habe dort Standup Paddling gemacht und habe überlegt, was ich mache. Ich habe mir vorgenommen: Ich mache jetzt erstmal nur noch Sachen, die mir richtig Spaß machen. Die Arbeit in Konzernen machte mir auch Spaß, aber ich wollte schon immer etwas Eigenes auf die Beine stellen.“

Die zündende Idee hatte er aber nicht sofort. Seine Leidenschaft für die Eisherstellung entdeckte er erst während eines Wochenendkurses. „Ich hatte bis zu der Zeit nie eine Eismaschine in echt gesehen und noch nie das Wort Eislabor gehört", sagt Sander. "Ich war schon am ersten Tag so begeistert! Wir haben Erdbeereis gemacht und es hat so cremig geschmeckt. Da hab ich gedacht, wenn es so leicht ist, gutes Eis zu machen, möchte ich mir das genauer anschauen.“ Er recherchierte und ging nach Italien zur Gelato University, eine Schule, die Trainings und Kurse zur Herstellung von Speiseeis anbietet.

In seiner Zeit bei der Gelato University entdeckte Sander auf dem Instagram-Profil der Schule den User-Kommentar "Gimme some!". Es war dieser Kommentar, der letzten Endes dazu führte, dass er seinem Geschäft, das er 2018 mit seinem Geschäftspartner Volker Beck gründete, den Namen "Gimme Gelato" gab.

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Craft Beer statt Pils, Golden Milk statt Filterkaffe, handwerklich hergestelltes Eis statt Industrieeis

Golden Milk statt Filterkaffee, Craft Beer statt Pils — schaut man sich die Trends in der Lebensmittelbranche an, gibt es eine starke Neigung in Richtung Transparenz, Regionalität, Saisonalität und Nachhaltigkeit. Diese Trends macht sich Sander zunutze. „Was wir anders als typische Eisdielen machen wollen, ist, dass wir im Laden nur nachhaltige Verpackungen haben — wir haben zum Beispiel Metalllöffel, Glastrinkhalme und kompostierbare Servietten.“

Während italienische Eisdielen hinter verschlossenen Türen arbeiten, können Passanten bei Sander direkt in das Eislabor hineinschauen, ohne dafür die Eisdiele betreten zu müssen. Das Eis, das im Labor entsteht, besteht aus natürlichen Zutaten, hat keine Farb- und Aromastoffe und keine Geschmacksverstärker. Im Sortiment gibt es Eis am Stiel, klassisches Gelato-Eis und Softeis.

„Wir haben ein modernes und zeitgemäßes Design, mobile Lösungen und legen den Fokus auf mobile Endgeräte“, erzählt Sander. Während er spricht, taucht auf dem Tablet eine Push-Benachrichtigung von YouTube auf — für ein Otter-Video. „Ich bin ein großer Fan“, gibt er zu. Seine Liebe für die kleinen Tiere ist so groß, dass der Otter fester Bestandteil der Markenidentität von "Gimme Gelato" und auf dem Firmenlogo abgebildet ist.

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Der Slogan, der ursprünglich „Tastes like no other“ lauten sollte, wurde zu "Tastes like no otter" geändert. "Das war, nachdem mir eine Freundin eine Mütze schenkte, auf der ‚I’m otter than you‘ stand, weil ich mir immer diese Ottervideos angeguckt habe.“

„Die langen Schlangen vor dem Laden sind nur ein Teil der Wahrheit“

Das Konzept scheint gut anzukommen — geht man an der Eisdiele vorbei, fällt vor allem die Schlange vor dem Geschäft auf. „Die langen Schlangen vor dem Laden sind aber nur ein Teil der Wahrheit“, sagt Sander. „Wir hatten einen sehr starken Plan für dieses Jahr, der eigentlich vorgesehen hat, dass wir 60 bis 70 Prozent unseres Geschäfts über Catering und mobile Lösungen machen.“ Während er im vergangenen Jahr Kooperationen mit Essie und Jolie, 25 Hours Hotels, Mercedes Benz und Dean & David organisieren konnte, steht der Catering-Bereich nun aufgrund der Corona-Pandemie komplett auf Null. „Das ist extrem schmerzhaft", sagt Sander.

Als der offizielle Lockdown losging, hatte er den Laden bereits geschlossen. „Ich hatte mich mit ein paar Ärzten unterhalten und die waren so besorgt, dass ich gesagt habe: Ich kann so nicht weitermachen. Dann habe ich mich eine Woche eingeschlossen und überlegt, wie man das ganze Ding retten kann.“ Er eröffnete einen Webshop, baute mit einer Tischlerin einen Kiosk, fing an, Becher abzufüllen und stieg von einer Kasse auf Paypal um, sodass er kontaktlos Eis über die Kiosk-Theke verkaufen konnte. „Das hat sehr gut funktioniert, wir haben tolle Unterstützung bekommen und waren total überwältigt von diesem ganzen Zuspruch.“ Betritt man heute den Laden, sieht man: Ein Teil des Geschäfts ist durch Tische und Kühlregale abgetrennt, sodass die Ladenfläche so klein ist, dass maximal ein Kunde sie betreten kann.

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Bis jetzt seien sie im Vergleich zu anderen Branchen wie Clubs oder die Luftfahrtindustrie gut durch die Krise gekommen, sagt Sander. „Wir waren nicht zum Nichtstun verurteilt und konnten uns immer wieder auf die neue Situation einstellen.“ Dank der Soforthilfe konnten laufende Rechnungen bezahlt werden — und das, obwohl sie gerade erst eine viermonatige Winterpause hinter sich hatten. „Trotzdem war das eine extrem fordernde und kräftezehrende Zeit. Wie die Perspektive jetzt aussieht? Da kann ich nur sagen: Keine Ahnung.“

„Ich würde es jederzeit wieder machen“

Viel Zeit, um Pausen einzulegen, hat Sander nicht. „Meine Pause sieht so aus: Ich schmeiße abends meine Wäsche in die Waschmaschine und morgens in den Trockner. Seit dem dreiundzwanzigsten Februar, an dem wir in diesem Jahr gestartet sind, war ich vielleicht einmal mit Freunden essen.“

Trotzdem würde er es jederzeit wieder tun, sagt er. „Mir würde auch nicht viel einfallen, was ich anders machen würde. Es war viel Learning by Doing: Man sieht die Schlange am Verkaufswagen und denkt, dass es bestimmt richtig gut funktioniert. Was man in dem Moment aber nicht weiß, ist, dass man die Verkaufsfahrzeuge jeden Abend leer räumen muss, die Vitrine abtauen muss, sie jeden Morgen reinigen, desinfizieren und neu auffüllen muss.“ Genau das sei Teil des Erfolgskonzepts von „Gimme Gelato“: Ausprobieren, sich ständig jeden Bereich ansehen und neu hinterfragen, wie man es besser machen kann. „Für uns ist 2020 das Jahr, in dem wir viel lernen und viele Sachen ausprobieren — egal, ob mit Corona oder ohne. Und nächstes Jahr geben wir Vollgas.“

Sander schaut in den Himmel, der mittlerweile mit grauen Wolken dicht behangen ist. Ein Tropfen platzt auf dem Tisch auf. Noch einer. Das Gewitter geht los. Für Sander bedeutet das: weniger Kunden. Zeit zum Durchatmen hat er trotzdem nicht. Es gibt viel zu tun — morgen wird wieder ein heißer Tag.

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GimmeGelato_Ralf Sander © Sandra Juto GimmeGelato_Ralf Sander

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