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„In fünf Jahren haben wir diese Menschen verloren“

WELT-Logo WELT 14.06.2020 Kaja Klapsa
Videokonferenzen mit dem Chef vom Küchentisch aus, Schule übers iPad, skypen mit der Oma: Die Pandemie zwingt uns, unser Leben umzugestalten. Schon jetzt zeigt sich: In puncto Digitalisierung haben wir einen riesigen Sprung gemacht. Wirklich? Quelle: WELT/Alina Quast, Viktoria Schulte © WELT/Alina Quast, Viktoria Schulte Videokonferenzen mit dem Chef vom Küchentisch aus, Schule übers iPad, skypen mit der Oma: Die Pandemie zwingt uns, unser Leben umzugestalten. Schon jetzt zeigt sich: In puncto Digitalisierung haben wir einen riesigen Sprung gemacht. Wirklich? Quelle: WELT/Alina Quast, Viktoria Schulte

Was heute gewünscht sei, fragt Dagmar Hirche in die Kamera ihres Laptops. Auf dem Bildschirm blickt sie in die erwartungsvollen Gesichter von 22 Senioren, die sich an diesem Morgen in die Videokonferenz eingeschaltet haben, darunter Rosemarie, Ingrid, Uschi und Andreas. „YouTube hätte ich mal gerne, damit habe ich noch Schwierigkeiten“, sagt Ingrid. Einige Teilnehmer nicken. Vor Ingrids Namen stehen die Buchstaben AF – für Android, ihr Betriebssystem, und für Fortgeschrittene, ihren Wissensstand. „Oh ja, gute Idee“, sagt Hirche. „Da gibt es tolle Erklärvideos.“

© Getty Images/Westend61

„Digitale Versilberer Runden“ heißen die morgendlichen Zoom-Konferenzen, in denen Hirche montags bis freitags Senioren beibringt, wie sie mit ihren Handys Fotos machen, eine Videosprechstunde beim Arzt einrichten oder die Fernsehserie „Rote Rosen“ nachschauen können. „Versilberer“ ist die deutsche Variante für Silver Surfer, also Internetnutzer im hohen Alter. Hirche ist Gründerin des Vereins „Wege aus der Einsamkeit“, der seit mehr als zwölf Jahren ältere Menschen im Umgang mit dem Internet fit macht. Digitale Bildung, sagt Hirche, gebe es in Schulen, an Universitäten, in Unternehmen. An die Senioren denken aber nur wenige. „Deswegen nehmen wir das selbst in die Hand.“

Quelle: Dagmar Hirche © Dagmar Hirche Quelle: Dagmar Hirche

Nach Angaben des Bundesverbands Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien besitzt jeder fünfte Erwachsene über 14 Jahren kein Smartphone. In der Gruppe der über 65-Jährigen – in Deutschland 17,5 Millionen Menschen – gibt jeder Dritte an, grundsätzlich gar kein Internet zu nutzen.

„Wir wissen seit mindestens zehn Jahren, dass Millionen Menschen vom digitalen Wandel ausgenommen sind“, sagt Herbert Kubicek, der seit den 90er-Jahren zur digitalen Teilhabe älterer Menschen forscht und zum Vorstand der Stiftung Digitale Chancen gehört. „Noch nie hat sich dies aber auf so dramatische Weise gezeigt wie während der Corona-Pandemie.“

Kubicek, auch emeritierter Professor für Angewandte Informatik an der Universität Bremen, verweist auf die Bewohner in Alten- und Pflegeheimen, die während der Corona-Krise keinen Besuch empfangen konnten. Häufig hätten die Bewohner aber weder Handy noch Tablet, um mit ihrer engsten Familie zumindest digital Kontakt halten zu können. Sogar wenn sie sich ein Gerät anschafften, scheitere es oft am fehlenden WLAN in der Einrichtung.

„Menschen lagen im Sterben und konnten sich nicht von ihren Angehörigen verabschieden, weil es keine Internetverbindung gab“, sagt Kubicek. „So etwas darf nicht passieren.“ Der 73-Jährige wünscht sich mehr Initiativen wie die der Landesregierung in Hessen, die vergangene Woche entschieden hat, 10.000 Tablets für Pflege-, Alten- und Behinderteneinrichtungen kostenlos zu verteilen.

Unterstützung bekommt er von der Senioren-Union der CDU, die ebenfalls Zugang zu WLAN in den Einrichtungen fordert. Zudem müsse es für Bewohner und Patienten vor Ort möglich sein, sich entsprechende Geräte auszuleihen, fordert der Vorsitzende Otto Wulff. Die Industrie könne sich „verdient machen“, indem sie „einfache Smartphones“ entwickele, die ohne Vertragsbindung Notrufe, Ortungen, Warnmeldungen und zum Beispiel die Nutzung einer Corona-App kostenfrei ermöglichten, so Wulff.

Die Alterslücke bei der Digitalisierung erschwert nicht nur den Kontakt zu den Liebsten – sondern könnte auch bei der Bekämpfung der Pandemie hinderlich sein. Die Warn-App, die die Bundesregierung am Dienstag vorstellen will, soll bei der Kontaktnachverfolgung helfen. Über Bluetooth-Signale wird gemessen, ob andere Nutzer in der Nähe sind. Wird ein Nutzer positiv auf das Coronavirus getestet, kann er seinen Status in der App eingeben und so andere Anwender warnen.

Ältere Menschen ohne Smartphone sind von dieser über Monate entwickelten App folgerichtig ausgenommen. Hinzu kommen diejenigen, die ein älteres Handymodell haben, auf dem die Anwendung nicht funktioniert. Dabei wird der Erfolg der App hierzulande stark davon abhängen, wie viele Menschen sie installieren. 60 Prozent der erwachsenen Bevölkerung müssten diese laut einer Studie der Universität Oxford nutzen, um die Reproduktionszahl unter dem Wert eins zu halten und damit die Ausbreitung des Virus einzudämmen.

„Brauchen einen Digitalpakt für Senioren“

Im Bundesgesundheitsministerium weiß man, dass diese Zielmarke nicht realistisch ist. „Wenn wir in den kommenden Wochen einige Millionen Bürger von der App überzeugen, dann bin ich schon zufrieden“, sagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU).

Kubicek stört das Achselzucken der Politik – er wünscht sich ein Sofortprogramm für die Kommunen: „Wir haben einen Digitalpakt für Schüler, jetzt brauchen wir einen Digitalpakt für Senioren.“ Dass ein Teil der Bevölkerung ausgeschlossen ist, dürfe nicht „einfach hingenommen“ werden. In Kooperation mit Technikgeschäften könnten etwa Gutscheine für vergünstigte Smartphones ausgegeben werden. Zudem müssten die Pflegekassen ihre Leistungskataloge anpassen. Derzeit könnten Pflegedienste zwar die Begleitung von Besuchen beim Arzt oder beim Amt abrechnen, nicht aber Digitalassistenz zu Hause, etwa bei einer Videosprechstunde.

Die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen, Maria Klein-Schmeink, fordert eine frühere Einbindung der Zielgruppen bei der Entwicklung von digitalen Anwendungen. „Bisher müssen leider allzu häufig diejenigen einstecken, die am meisten von digitalen Angeboten profitieren können, und das sind nun einmal ältere und chronisch kranke Menschen“, sagte Klein-Schmeink WELT. Bei der Corona-App brauche es die Möglichkeit, die Anwendung unverbindlich auszuprobieren und als Mitarbeiter etwa im Pflegebereich an entsprechenden Schulungen teilzunehmen.

Achim Kessler, gesundheitspolitischer Sprecher der Linken, sieht die App grundsätzlich skeptisch, unter anderem angesichts der sensiblen Gesundheitsdaten und einer fehlenden gesetzlichen Grundlage. Um interessierte Senioren trotzdem einbinden zu können, plädiert er für eine Anpassung des Informationsangebots hin zu „verständlichen Verhaltensempfehlungen“, lokalen Testangeboten und persönlichen Beratungen beim Gesundheitsamt. Auch seien „barrierefreie Alternativen“ notwendig, etwa ein mit der Bluetooth-Technologie ausgestattetes Armband, welches das Smartphone ersetzen kann.

Bundesgesundheitsminister Spahn hat bereits vergangene Woche angekündigt, die Bundesregierung werde für die App „in einer breit angelegten Kampagne werben“. Aus Regierungskreisen hieß es, man rechne im Betrieb der App mit Kosten von 2,5 bis 3,5 Millionen Euro pro Monat. Ein Großteil davon werde für Hotlines ausgegeben, die unter anderem Anrufern bei der Installation helfen sollen.

Optimistischere Töne kommen aus der FDP. „Wir sollten uns vor einer Altersdiskriminierung hüten und älteren Bürgerinnen und Bürgern nicht die Fähigkeit der Smartphone-Nutzung absprechen“, sagte Christine Aschenberg-Dugnus, Sprecherin für Gesundheitspolitik, WELT. Sie sei davon überzeugt, dass gerade ältere Menschen die aktuellen Ereignisse „genauestens“ verfolgten und von der App ebenfalls profitieren möchten. Zudem seien Smartphones „kein Hexenwerk mehr“, die Bedienungsfreundlichkeit sei in den vergangenen Jahren an die jeweiligen Bedürfnisse angepasst worden.

Das Bundesfamilienministerium, das auch für Senioren zuständig ist, teilt auf Anfrage mit, es unternehme „verschiedene Anstrengungen“, um in Corona-Zeiten die Nutzung digitaler Angebote zu erleichtern. Dazu gehörten etwa digitale Servicestellen, das mobile Einsatzteam „Digitaler Engel“ und bundesweit 534 Mehrgenerationenhäuser, in denen Freiwillige Hilfe im Umgang mit Computer, Smartphones und Tablets anböten. Für „konkrete, dauerhafte“ Angebote seien allerdings vor Ort die Länder und Kommunen zuständig, hieß es.

Kubicek versucht derweil auf eigene Faust, für die Corona-App zu werben. Vor ein paar Tagen verschickte er eine Rundmail an die Volkshochschule, Träger von Alten- und Pflegeheimen sowie Begegnungsstätten und Seniorentreffen in Bremen. In der Mail wies er darauf hin, dass der Erfolg der App ähnlich wie der des Mund-Nasen-Schutzes von einer möglichst breiten Verwendung abhänge – und damit von gegenseitiger Solidarität. Er bat, dies den Bewohnern und Besuchern zu erklären. Ältere Leute reagierten bei der Digitalisierung nicht auf Flyer vom Ministerium oder von Telefonanbietern, sondern auf Menschen, denen sie vertrauten. „Also auf Betreuer, mit denen sie sonst Kaffee trinken oder töpfern.“

Dagmar Hirche spürt während ihrer Zoom-Konferenzen mit den Senioren eine große Aufgeschlossenheit, was die Corona-App angeht. „Viele fragen mich, wann die denn endlich kommt und wann wir mit der Schulung anfangen.“ In Zusammenarbeit mit Facebook wolle sie bald ein Lernvideo für YouTube aufnehmen, in dem sie genau erklärt, wie die App funktioniert.

Hirche hofft, dass die Corona-Pandemie mehr Aufmerksamkeit für Projekte wie ihre schafft. Jede Woche meldeten sich neue Teilnehmer an, langsam komme sie nicht mehr hinterher. „Videosprechstunde, digitale Patientenakte, Online-Banking: Wir dürfen nicht vergessen, wie rasant sich die Dinge entwickeln.“ Die Senioren müssten jetzt geschult werden, bevor es zu spät ist. „In fünf Jahren haben wir diese Menschen verloren.“

Dagmar Hirche Quelle: Dagmar Hirche © Dagmar Hirche Dagmar Hirche Quelle: Dagmar Hirche
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