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Künstler im Corona-Lockdown: Haben wir bald keine Musiker mehr?

Swyrl.tv-Logo Swyrl.tv 05.05.2020 Eric Leimann

Menschen, die mit Musik ihr Geld verdienen, leiden derzeit unter einem Quasi-Berufsverbot. Darüber können kostenlos auf den Laptop gestreamte Wohnzimmer-Konzerte nicht hinwegtäuschen. In der Corona-Krise zeigt sich, was Politik und Gesellschaft Kultur wert ist. Nicht allzu viel, scheint es.

Ach ja, die Musik. Schöne Sache, aber nicht systemrelevant? Klavierunterricht oder mal wieder zu einem Konzert gehen - das fällt eben gerade aus. Weiter oben auf der Prioritätenliste hunderter Pandemie-Probleme stehen andere Dinge. Dabei verdiente die Kunst- und Kreativitätsbranche im Jahr 2018 über 100 Milliarden Euro, drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Damit übertreffen Autoren, Filmemacher, Musiker und andere Künstler, Architekten, Designer und die Entwickler von Computerspielen Branchen wie chemische Industrie, Energieversorger oder die Finanzdienstleister. Die viel beachtete Autoindustrie "verdiente" mit 167 Milliarden gerade mal zwei Drittel mehr. Die Kreativen scheinen keine wirkliche Lobby zu haben. Doch was passiert, wenn nach einem längeren Lockdown viele Instrumente und Stimmen verklungen beziehungsweise verstummt sind?

Die Sängerin und Songwriterin Anna Depenbusch klingt am Telefon ebenso aufgekratzt wie verzweifelt. "Die Krise hätte für mich zu keinem schlechteren Zeitpunkt kommen können." Am 6. März ist Depenbuschs jüngstes Album "Echtzeit" erschienen. Recht erfolgreich sogar, Platz 28 der Albumcharts. Doch erst auf ihrer Tour mit 25 Konzerten hätte die Hamburger Künstlerin jenes Geld verdienen können, das sie 2019 in ihre Kunst hineingesteckt hat. "Das gesamte letzte Jahr war eine Investition in 2020. Da habe ich mein eigenes Label gegründet, das war viel Organisationsarbeit. Dazu habe ich Songs geschrieben und ein Album aufgenommen. Alles war auf den Moment ab der Veröffentlichung hin ausgerichtet, als der Lockdown begann." Tatsächlich spielte Depenbusch vor dem Shutdown noch ein einziges Konzert ihrer Solotournee an Flügel und Mikrofon. "Es war in Fulda - und da herrschte schon eine irgendwie seltsame Stimmung. Die Menschen saßen auf weit voneinander entfernten Stühlen. Wir alle machten uns Sorgen und wussten nicht so recht, was da nun auf unser Leben zukam."

Musikunterricht über "Zoom"

Musiker wie Depenbusch, die normalerweise bescheiden bis ordentlich von ihrer Kunst leben können, gibt es viele. Fast alle haben derzeit ähnliche Probleme. Seit die Digitalisierung klassische Tonträger wie Schallplatte und CD überflüssig machte, weil man Musik bei Streaming-Diensten nun mieten oder kostenlos abrufen kann, anstatt sie zu besitzen, sind die Einnahmen für die Künstler dramatisch eingebrochen. Streaming-Dienste wie Apple Music oder Spotify zahlen nur einen Bruchteil dessen, was die Kreativen früher mit Musik aus der Konserve verdienten. Fast alles muss also durch den Live-Betrieb ausgeglichen werden.

Der jedoch liegt wohl noch für viele Monate brach, eventuell sogar bis ins Jahr 2021 hinein. Dabei ist Depenbuschs Berufsgruppe größer als man annehmen würde. Ende 2018 waren in Deutschland 17.500 angestellte Musiker gemeldet. Insgesamt, so wird geschätzt, arbeiten jedoch mehr als 100.000 hauptberufliche Musiker hierzulande. Die meisten als Freiberufler, existierend auf einem Flickenteppich an Einkünften. Das Problem: Die meisten dieser Einkünfte fließen derzeit nicht.

Sasa Jansen ist ein typisches Beispiel. Als Pianistin und ausgebildete Sängerin betreibt sie zwei Duos: Sasa und der Bootsmann, ein Chanson-Pop-Duo mit eigenen Songs, sowie das Cover-Projekt Soulsteady, mit dem sie Firmenfeiern und andere Events aufwertet. Dazu gibt Jansen Musikunterricht und arbeitet als Chorleiterin. Alles Dinge, die derzeit verboten sind. Einzig und allein der Musikunterricht läuft - zum Teil - weiter. In der Regel über Videokonferenz-Systeme wie "Zoom", also ohne direkten Kontakt mit den Schülern. Entsprechend angestrengt sieht Jansen nach einem langen Tag mit Video-Fernunterricht über den Bildschirm aus, während sie - ebenfalls über "Zoom" - von ihrem neuen Leben erzählt. Immerhin fließen so überhaupt noch ein paar Einkünfte an Musiklehrer wie sie im Lockdown. Etwa die Hälfte der in Deutschland freiberuflich arbeitenden Musiker erteilt Unterricht, oft sind es auf mehreren Füße stehende Erwerbsmodelle mit Musikstunden und eigener Kunst.

Mehr als anderthalb Millionen Solo-Selbstständige sind bedroht

Auch Jansens Kreativ-Partner Stephan Möller-Titel von Sasa und der Bootsmann lebt von mehreren Einkommens-Modellen in der Kunst- und Unterhaltungsbranche. Der 42-Jährige singt und spielt nicht nur mit Sasa - gemeinsam haben die beiden ebenfalls gerade ein neues Album aufgenommen -, er arbeitet auch als Schauspieler. Vor allem auf der Bühne ist Möller-Titel zu Hause. Im Altonaer Theater spielte er lange Monate eine Hauptrolle in der ersten Bühnenadaption des in der Kinoversion ebenfalls dem Corona-Lockdown zum Opfer gefallenen Bestsellers "Die Känguru Chroniken". Natürlich hat auch Möller-Titel derzeit keine Bühnenengagements, denn Theater haben - wie Konzertstätten vielleicht noch sehr lange - geschlossen. Castings für Fernsehen, Werbung und Filme wurden im Zuge der Krise abgesagt. Immerhin vier Drehtage bei der ZDF-Krimiserie "SOKO Köln" sollen demnächst stattfinden.

Doch von was leben Musiker in diesem Tagen? Ja, es gibt Staatshilfen. Die Einmalzahlungen der Bundeshilfe betragen für Solo-Selbstständige in allen Ländern bis zu 9.000 Euro für drei Monate. Sie müssen nicht zurückgezahlt werden, sofern man den erhaltenen Betrag 2021 versteuert. Doch weil viele Musiker mit dem Staat und seiner Bürokratie ein wenig fremdeln, dauert es beim ein oder anderen etwas länger als in anderen, dem Buchhalterischen näheren Branchen, bis man sich mit Anträgen zu finanziellen Hilfen beschäftigt. Deutlich mehr als anderthalb Millionen Solo-Selbstständige, so schrieb die Landeswirtschaftsminister-Konferenz vor Kurzem an die Bundesregierung, seien durch Corona in ihrer beruflichen Existenz bedroht.

Solo-Selbstständige und die Scham vor Hartz 4

Hilfsgelder wurden daraufhin zwar schnell auf den Weg gebracht, doch die hat man zunächst an betriebliche Sachkosten wie Mieten, Pachten und Leasingraten gekoppelt. Eine Regelung, die leider am Markt vorbei "half". Berufs- und Privatleben lassen sich bei den meisten Solo-Selbstständigen nicht auseinanderrechnen. Auch Sasa Jansen zögerte deshalb lange mit ihrem Hilfsgeld-Antrag, bis sie immerhin die Miete für jene Räume, in denen die von ihr geleiteten Chöre proben, geltend machte. Andere Gelder, die zum eigentlichen Lebensunterhalt nötig wären, so argumentierte der Bund, könne man sich über Arbeitslosengeld II, sprich: Hartz 4, holen.

Doch nicht nur die Scham vor diesem Schritt und die damit verbundene Bürokratie hindern viele Musiker am Gang zum Amt. Wer beispielsweise verheiratet ist, muss sich auch die Einkünfte des Partners anrechnen lassen - selbst wenn die Gesamteinkünfte des Paares, das vielleicht auch noch Kinder hat, dramatisch geschrumpft sein könnten. 95 Prozent der Solo-Selbstständigen, schätzt die Gewerkschaft Verdi, hat keine großen betrieblichen Ausgaben. Oft ist es ein Zimmer der eigenen Wohnung, das während der Arbeitszeit als Raum für Proben, Unterricht, kreative Prozesse oder bei Physiotherapeuten und Yoga-Lehrern für ihre Arbeit am Körper genutzt wird.

Verschiedene Hilfsmodelle

Einige Länder haben nun gegen den Bundes-Fauxpas der Betriebskosten-Regelung mobil gemacht und zahlen wie Baden-Württemberg auch monatlich 1.180 Euro für Lebenshaltungskosten. Zusätzlich kann man Betriebsausgaben geltend machen. Ein Modell, dass die Gewerkschaft ausdrücklich lobt. Deren Webseite www.selbständige.verdi.de bemüht sich um einen regelmäßig aktualisierten Überblick der in Corona-Zeiten sich täglich veränderten Hilfsmodelle. Noch andere Gelder neben der Bundeshilfe, die über die Länder beantragt und verteilt wird, stehen für manche Musiker bereit.

So kann man sich bei der GEMA, der Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und Vervielfältigungsrechte, als Mitglied einen Vorschuss auszahlen lassen. 40 Millionen Euro befanden sich in diesem Topf. Auch die GVL, welche die Rechte aufführender Künstler vertritt, hilft mit einem kleinen Betrag von 250 Euro weiter. Dazu kommt der ein oder andere lokale Hilfsfonds. Natürlich hat auch die Branche selbst Ideen entwickelt. Man verkauft Geistertickets für Veranstaltungen, die nicht stattfinden, oder appelliert daran, nicht nutzbare Konzerttickets in Gutscheine für zum Teil noch unklare, spätere Termine umzuwandeln.

Viele Musiker lebten schon vorher in prekären Verhältnissen

Musikerin Anna Depenbusch, von vielen als deutsche Chanson-Pop-Queen gefeiert, ging eine Verlegung ihrer Konzerte in eine ungewisse Zukunft zu weit. Ihre Tour ist nun neu auf Anfang September bis Dezember terminiert. Ob das nicht ein bisschen gewagt ist? "Nein, ich brauchte das als Perspektive für mich und die Fans. Schließlich mache ich Kunst, um sie mit den Menschen zu teilen. Die besondere Energie des Austauschs in einem Konzertraum ist wichtig, damit Musik wirklich funktioniert. Deshalb bin ich auch kein großer Fan von im Internet gestreamten Konzerten. Das funktioniert für mich nur sehr bedingt."

Fast schon tragikomisch ist für Depenbusch, dass sich ihr neues, sehr hörenswertes Solowerk "Echtzeit" auch über den Online-Handel, vor allem den Branchenriesen Amazon, gut verkaufte. Bis dessen erste Lieferung von Depenbusch-Alben schnell ausverkauft war und der Online-Händler nicht mehr nachbestellte, weil Lager- und Logistik-Kapazitäten in Corona-Zeiten für Masken und andere "dringendere" Güter als CDs verwendet werden mussten.

Sollte der musikalische Shutdown noch deutlich über den Sommer hinweg anhalten, könnten viele selbständige Musiker ihre Lebensgrundlage längst verloren haben. Aufgrund der genannten Probleme mit den Hilfsgeldern und der Tatsache, dass viele in der Branche schon vor der Pandemie in prekären Einkommensverhältnissen lebten. Wenn kein Corona-Entspannungswunder geschieht oder die Politik vor allem bei künstlerischen Kleinverdienern deutlich nachbessert, könnte die deutsche Musiklandschaft 2021 eine ziemlich verwüstete sein.

Sasa & der Bootsmann - Hol tief Luft

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Copyright: Sasa & der Bootsmann / Bosun77

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