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Künstlerin in Berlin ohne Arbeit: "Für viele ist es das Ende ihrer alten Existenz"

Tagesspiegel-Logo Tagesspiegel 23.03.2020 Robert Ide

Tausende Künstlerinnen und Künstler in Berlin sind wegen der Coronakrise ohne Job. Eine Chorsängerin hat online eine Community für Betroffene gegründet.

Auch in der Staatsoper Unter den Linden bleiben die Ränge wegen des Coronavirus leer. © Foto: imago/Future Image Auch in der Staatsoper Unter den Linden bleiben die Ränge wegen des Coronavirus leer.

Sarah Krispin ist freischaffende Sängerin in einem Berliner Spitzenchor. Die 35-Jährige aus Prenzlauer Berg steht wie Tausende Künstlerinnen und Künstler in Berlin jetzt ohne Aufträge da. Krispin hat für sie eine Beratungsgruppe im Internet aufgebaut.

Frau Krispin, wie würde ein normaler Tag bei Ihnen aussehen?

Morgens würde ich zur Probe fahren, die sich bis in den Nachmittag zieht, abends fänden regelmäßig Konzerte statt. Ich bin bei einem professionellen Chor tätig. Dort singe ich als Sopran, bin aber nicht wie viele andere dort fest angestellt. 

Ich arbeite seit acht Jahren als freischaffende Sängerin, vorher habe ich klassischen Gesang an der Universität der Künste studiert. Es war ein langer Weg voller Disziplin, um in einem der besten Chöre der Welt mitzusingen. Nun aber weiß ich plötzlich nicht mehr wie es weitergeht. Es ist wie eine Sackgasse.

Nun mussten alle Orchester und Chöre auch in Berlin ihre Veranstaltungen absagen.

Das heißt für mich und viele andere: Wir haben derzeit kein Geld. Die wenigsten Sängerinnen und Sänger haben Rücklagen bilden können, denn die Gagen sind nicht gerade hoch. Das durchschnittliche Jahreseinkommen bei Sängerinnen und Sängern liegt nur bei 13.000 Euro netto. Das meiste Geld geht für die Wohnungsmiete drauf. Da bleibt nichts übrig.

Wie sieht Ihr Alltag jetzt in der Chorona-Krise aus?

Ich habe im Moment eine neue Aufgabe gefunden. Es ist allerdings kein beruflicher Ersatz, sondern eher eine Art Bedürfnis, auch anderen in dieser schwierigen Situation zu helfen. Ich habe ein Portal bei Facebook gegründet, es heißt „Corona-Krise: Informationen für freischaffende professionelle Musiker*innen“; wir bieten Beratung für Leute wie mich. 

In der Community posten Betroffene Erfahrungsberichte oder staatliche Hilfsangebote. Inzwischen musste ich die Gruppe schließen, weil wir schon 3000 Mitglieder sind und noch die Übersicht und auch die Qualität behalten wollen. Letzte Nacht habe ich bis morgens um acht die Kommentare von zwei Trollen gelöscht, die bei uns hineingeraten waren.

In Berlin soll es etwa 10.000 freischaffende Künstlerinnen und Künstler geben. Was möchten Sie mit Ihrer Aktion erreichen?

Wir sind keine Jobbörse und kein Werbeportal. Es geht um Lebenshilfe für Künstlerinnen und Künstler, denen gerade die Existenz wegbricht. Was muss man jetzt bei der Künstlersozialkasse ändern? Welche Hilfen sind in welchen Bundesländern in Aussicht gestellt worden? Es werden natürlich auch viele Petitionen geteilt, um auf unsere Lage aufmerksam zu machen.

Wie geht es jetzt für Sie weiter?

Wenn ich das wüsste. Alle Aufträge sind storniert. Mein Kalender war voll, bis Ende Mai ist alles abgesagt – und wahrscheinlich werden wir länger nicht mehr singen können. Immerhin gibt es bei manchen Auftraggebern ein Ausfallhonorar. Ansonsten hoffen wir auf staatliche Hilfe, aber das ist alles noch undurchsichtig. Die Politik muss sich natürlich erst mal sortieren.

In New York hat die renommierte Metropolitan Opera bereits alle Arbeitsverträge aufgelöst. Wie wird sich die Kulturlandschaft in Berlin verändert haben, wenn die Krise vorbei ist?

Ich fürchte, dass es im Kulturbetrieb dann noch mehr Prekariat gibt als sowieso schon. Dass Menschen, die gerne singen oder inszenieren, noch weniger Geld bekommen. In den Orchestern und Chören werden die Freischaffenden die ersten sein, die aussortiert werden. 

In unserer Gruppe gibt es viele Autorinnen, Regisseurinnen und DJs, die das Gleiche befürchten. Die ganzen Ausfälle werden wir alle nicht wieder einspielen können. Für viele von uns wird das das Ende ihrer alten Existenz sein.

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Immer mehr Künstler streamen nun Konzerte und Lesungen. Kann dies ein Ausweg sein?

Es ist toll, wie viele neue künstlerische Formate gerade online entstehen. Aber von Wohnzimmerkonzerten kann natürlich niemand leben. Ich selbst versuche jetzt, neue Wege zum Geldverdienen zu finden und vielleicht online Gesangsstunden zu geben. 

Ansonsten schreibe ich auch gerne, kann damit aber nicht sofort Geld verdienen. Es ist nicht gerade leicht, sich von heute auf morgen beruflich komplett neu aufzustellen in einer Situation, in der alles still steht. Ich wünsche mir, dass uns Bund und Senat jetzt nicht ganz hängen lassen und wir uns irgendwie über Wasser halten können. Denn Kultur ist ja Teil einer Stadtgesellschaft.

Was gibt Ihnen Hoffnung?

Naja, was einem immer Hoffnung macht als Mensch: dass das Leben nicht auf Geld beschränkt ist, dass die Sonne scheint, dass es auch in unserer Gruppe Mitmenschlichkeit und Hilfe gibt. Und die Musik macht mir natürlich Hoffnung. Ich hoffe, dass ich irgendwann bald wieder singen kann.

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