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Klima-Demonstration in Berlin: Warum die Bewegung nun ein grundsätzliches Problem hat

Neue Zürcher Zeitung Deutschland-Logo Neue Zürcher Zeitung Deutschland 23.09.2022 Beatrice Achterberg, Berlin
Zehntausende Menschen versammelten sich in Berlin und anderen deutschen Städten zum «Globalen Klimastreik». ; Christian Mang / Reuters © Bereitgestellt von Neue Zürcher Zeitung Deutschland Zehntausende Menschen versammelten sich in Berlin und anderen deutschen Städten zum «Globalen Klimastreik». ; Christian Mang / Reuters

Der «Globale Klimastreik» bringt nach wie vor viele junge Menschen auf die Strasse. In Berlin versammelten sich am Freitag laut der Polizei rund 30 000 Teilnehmer. Luisa Neubauer, Galionsfigur der deutschen Fridays-for-Future-Bewegung, spricht sogar von 36 000 Menschen. In etwa 200 Städten bundesweit und in einigen Staaten wie Japan, Grossbritannien, Italien und Bangladesh traf man sich unter dem Motto #PeopleNotProfit. Eine zentrale Forderung der deutschen Demonstranten ist – in Anlehnung an die Sonderzahlung für die Bundeswehr – ein Sondervermögen von 100 Milliarden Euro für Klimaschutz.

Die Stimmung beim Protest ist gut, viele freundschaftliche Begrüssungen lassen sich beobachten. Es ist ein bisschen wie bei einem Hippie-Festival – nur ohne Drogen. Selbst Zigaretten sind selten. Statt Nikotinschwaden nimmt man hier und da strengen Körpergeruch wahr. Die Mehrzahl der Teilnehmer ist unter vierzig. Gäbe es eine Uniform, wären es schwarze Kapuzenpullis, Jeans und sportliche Schuhe. Einige Rucksäcke und Taschen sind mit Regenbogenflaggen verziert.

«Klima-Proteste sind wie unregelmässige Verben, man muss sie oft wiederholen, damit sie im Gedächtnis bleiben», sagt der linke Bestsellerautor Marc-Uwe Kling auf der Bühne am Invalidenplatz in Berlin. Das Publikum klatscht und lacht. Später werden Aktivisten auf der Bühne Parolen rufen, zum Beispiel: «Brecht die Macht der Banken!» Zwischendurch wird gegen die FDP und deren Finanzminister Christian Lindner als umweltverschmutzenden Porschefahrer Stimmung gemacht.

Kapitalismuskritik ist der gemeinsame Nenner, auf den sich hier alle einigen können. Sonst sind es aber schwierige Zeiten für eine Bewegung, die sich einem abstrakten Problem wie dem Klimawandel widmet. Hochschiessende Energiekosten und zunehmende Geldentwertung: Die akuten Nöte dürften vielen Bürgern mehr Sorge bereiten als die Erderwärmung. Die Aktivisten von Fridays for Future sind sich dessen bewusst und wiederholen immer wieder, die Krisen dürften nicht gegeneinander ausgespielt werden. «Wir denken die Krisen zusammen», sagt Neubauer in einem Fernsehinterview live vom Protest. Nur, wie lässt sich das Energieproblem lösen angesichts der gescheiterten deutschen Energiewende?

Wie hältst Du’s mit dem Atomausstieg?

«Ich sage es nicht öffentlich, aber ich bin für eine Verlängerung», antwortet eine junge Frau, die zu Greenpeace gehört, auf die Frage nach der Stilllegung der deutschen Atomkraftwerke. Auch andere Aktivisten hinter Ständen mit allerlei Flyern und Stickern kommen ins Grübeln, wenn man fragt, wie sie zur Atomkraft stehen. «Es ist das geringste Übel», sagt ausgerechnet ein lockenhaariger Junge in Warnweste von der «Letzten Generation». Die radikalen Klimaschützer kleben sich gerne mal auf die Strasse oder kündigen an, Pipelines abzudrehen.

Oft wird Atomkraft reflexhaft abgelehnt, doch selbst die Unterstützer von WWF, Greenpeace und der Bürgerinitiative Klimaneustart Berlin fangen an zu stottern oder zu schweigen, wenn man fragt, wie die Stromgrundlast ohne Kernenergie bewältigt werden solle.

Trotzdem stehen auf meterlangen Plakaten Sätze wie «End the fossil nightmare!» (Beendet den fossilen Albtraum!) oder «Der Ausstieg ist erneuerbar». Wie eine Industrienation ausschliesslich mit erneuerbaren Energien funktionieren soll, kann bei der Demonstration in Berlin aber niemand schlüssig beantworten.

Auch das Verhältnis zu den deutschen Grünen ist gespalten. Obwohl deren Repräsentanten Fridays for Future von Anfang an unterstützt haben, sehen viele Teilnehmer des «Klimastreiks» die Politik der Grünen kritisch. Einige von ihnen fürchten, dass der grüne Wirtschaftsminister Robert Habeck dem öffentlichen Druck nachgibt und den Atomausstieg teilweise rückgängig macht.

Auf Twitter antwortete Fridays for Future Germany einem Aufruf der Grünen, am deutschlandweiten Klimastreik teilzunehmen, wie folgt: «Wir demonstrieren am Freitag auch gegen eure Politik.» Politisch anschlussfähig sind viele der Forderungen vonseiten der Demonstranten somit nicht. Nur Kleinstparteien wie die Klimaliste setzen sich derart radikal für Klimaschutzmassnahmen ein, wie Teile der Bewegung es fordern.

Brüche in der Bewegung

Die gutbesuchten Protestzüge durch die teilweise gesperrte Berliner Innenstadt dürften Luisa Neubauer und Klimaaktivisten entzücken. Man habe mit lediglich 8000 Teilnehmern in Berlin gerechnet, sagt Neubauer. Die Masse vermag aber nicht darüber hinwegzutäuschen, dass die Klimabewegung nach der Corona-Pandemie und im Krisenjahr 2022 an Zulauf verloren hat. Im Jahr 2019 versammelten sich

60 000 Menschen zu einer Klima-Grossdemonstration vor dem Brandenburger Tor.

Doch es ist nicht nur die abnehmende Teilnehmerzahl, die die Schwierigkeiten der Bewegung aufzeigt. Sosehr es Neubauer versucht; es mangelt an Empathie mit krisengeplagten Bürgern. Wer seine Energiekosten kaum bezahlen kann, wird sich für die von Fridays for Future geforderten 100 Milliarden Euro fürs Klima kaum begeistern können. Da kann Neubauer noch so oft predigen, dass soziale Krise und Klimakrise zusammen bewältigt werden müssten.

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