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Koffer packen, fertig, los? Das vorsichtige Reiseverhalten der Deutschen

dw.com-Logo dw.com 13.06.2020 Andreas Kirchhoff

Am 15.6. endet die weltweite Reisewarnung der Bundesregierung für die meisten Länder Europas. Der Sommerurlaub kann beginnen. Wie bereiten Veranstalter und Reisebüros den Neustart vor? Wie reisewillig sind die Deutschen?

Wohin im Sommer 2020? Viele Deutsche werden wohl im eigenen Land bleiben, etwa an die Ostsee reisen © picture-alliance/dpa/D. Inderlied Wohin im Sommer 2020? Viele Deutsche werden wohl im eigenen Land bleiben, etwa an die Ostsee reisen

Zu tun gab es in den letzten drei Monaten genug für Heike Werner und Stefan Burkhart in ihrem Reisebüro im City-Zentrum von Berlin. Abwickeln, Stornieren und Rückführungen organisieren, für Kunden, die im Ausland gestrandet waren. Nur Einnahmen konnten sie damit nicht erzielen.

Seit 15 Jahren betreiben die beiden ihr Reisebüro Phileas Reisen. Der Name, nach dem exzentrischen und abenteuerlustigen Engländer Phileas Fogg, dem Helden des Jules Verne Romans "In 80 Tagen um die Welt", ist Programm. Sie haben sich spezialisiert auf Kreuzfahrten und zahlungskräftige Kunden.

Noch haben Reisebüros mehr mit Stornierungen zu tun als mit Neubuchungen © DW/A. Kirchhoff Noch haben Reisebüros mehr mit Stornierungen zu tun als mit Neubuchungen

Eine Mitarbeiterin mussten sie entlassen, eine weitere in Kurzarbeit schicken. Zwar konnten die laufenden Kosten eines Büros in bester City-Lage um fast die Hälfte reduziert werden, doch jetzt ist ihre Hausbank gefragt. Sie muss einen Kredit genehmigen, damit das Reisebüro auch die nächsten Wochen und Monate übersteht.

Nach der Aufhebung der Reisebeschränkungen für Deutschland und Europa beobachten sie bei ihren Stammkunden weiter eine große Zurückhaltung. Laufkundschaft haben sie kaum. Ihr Geschäft öffnen sie nur für Kunden, die sich telefonisch angemeldet haben.

Dabei schätzen sie sich glücklich, dass sie die Zeit des Lockdowns genutzt haben, ihre Kundenbindung zu pflegen. Viele, die auf den Service ihres Reisebüros nicht verzichten wollen, beauftragen sie mit Reisewünschen, die sie sonst auch ohne ihre Hilfe organisiert haben.

Mallorca statt Malediven

Heike Werner erzählt von einer Kundin, die für ein paar Tage auf die Nordsee-Insel Sylt wollte, in ein Hotel, das sie schon im letzten Jahr besucht hatte. Normalerweise würde diese Kundin solche Reisen selber buchen, im Hotel anrufen könne ja jeder. Aber weil sie weiß, dass es dem Reisebüro in diesen Tagen an Aufträgen mangelt, habe sie den Urlaub über ihr Reisebüro buchen wollen. Und eine erste Europareise habe sie auch über das Reisebüro abgewickelt, es geht in ein Luxushotel nach Mallorca.

Insgesamt sei das Buchungsverhalten aber noch sehr verhalten, ergänzt Stefan Burkhart. Nach der letzten GfK-Studie über das Verhalten der Konsumenten in Deutschland wollen 26 Prozent der Befragten auf den geplanten Urlaub verzichten. Schlechte Aussichten auch für die großen Reiseveranstalter. Die versuchen zu retten, was zu retten ist.

Palma de Mallorca wartet auf Touristen - am 15. Juni dürfen die ersten auf die Insel © picture-alliance/AP Photo/I. Bu Palma de Mallorca wartet auf Touristen - am 15. Juni dürfen die ersten auf die Insel


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"Der Wunsch an Europas Strände zu reisen ist in den letzten Tagen kontinuierlich gestiegen. Jetzt legen wir nach und zünden den Turbo. Damit jeder die Möglichkeit hat, seinen Sommerurlaub nachzuholen oder zu buchen", sagt Herbert Kluge, Geschäftsführer von der TUI, dem weltgrößten Reiseanbieter. Fast 11.000 Deutsche sollen ab dem 15. Juni, noch vor Aufhebung der Reisebeschränkungen in Spanien, auf die Balearen geflogen werden.

Auch der Mitbewerber DER Touristik hat mit der spanischen Regierung eine Ausnahmegenehmigung verhandelt, um zu testen, "wie die neuen Vorschriften zum Schutz der Gäste umgesetzt werden". DER ist überzeugt davon, "dass sowohl die deutschen Flughäfen, als auch der Flughafen Mallorca, die Busunternehmen, die Hoteliers, die Gastronomie und die Reiseleitungen vor Ort diese Herausforderungen meistern. Sobald alle Kriterien erfüllt sind, startet die Sommersaison 2020", so Ingo Burmester, Chef von DER Touristik Zentraleuropa.

Bravi tedeschi! Mutig, die Deutschen! Kommt nach Venedig!

"Wir sind wieder geöffnet", hatte Venedigs Bürgermeister Luigi Brugnaro verkündet, nachdem zuerst die Italiener im eigenen Land wieder reisen durften. Eine "beruhigende Botschaft" an die Welt sei das. Nach der Öffnung auch der europäischen Grenzen könne der für Venedig besonders wichtige internationale Tourismus wieder beginnen. Schließlich kommen die meisten Besucher aus den USA, aus China, Großbritannien und Deutschland.

Auch Venedig hofft auf die Rückkehr der Touristen nach der Aufhebung von Reisebeschränkungen in Europa © picture-alliance/dpa/K.H.Spremberg Auch Venedig hofft auf die Rückkehr der Touristen nach der Aufhebung von Reisebeschränkungen in Europa

Im letzten Jahr kam die Welterbe-Stadt auf rund 13 Millionen Übernachtungen. Solche Zahlen werden so schnell nicht wieder zu erreichen sein. Eigentlich wollte die Stadt wegen des Massenandrangs der letzten Jahre ab 1. Juli eine umstrittene "Eintrittssteuer" verlangen. Dann kam Covid-19. Die Steuer wird auf nächstes Jahr verschoben. Und die Politiker flehen auf einmal um Touristen.

Bürgermeister Luigi Brugnaro hatte bereits am 31. Mai, noch bevor die italienischen Grenzen aufgingen, viele deutsche Touristen gezählt. "Zusammen mit einem Haufen anderer Leute sind unglaublicherweise auch 200 Deutsche angekommen. Fragt mich nicht, wie sie das geschafft haben, aber sie sind hier. Die Deutschen hält keiner auf. Bravi Tedeschi! Kommt, wir lieben euch!", sagte er dem italienischen Fernsehsender RAI.

Reisen mit Kurzarbeitergeld? Wohl kaum!

Ob die sonst so reisefreudigen Deutschen sehr bald im gewohnten Umfang wieder unterwegs sein werden, das bezweifeln die Geschäftsführer von Phileas Reisen in Berlin. Exzentriker und Menschen, die es sich leisten können, werden auf das Reisen nicht verzichten. "Wir haben auch einen Kunden, der glaubt, er müsse trotz der Reisewarnung jetzt unbedingt in die USA fliegen und uns fragt, ob wir das nicht irgendwie möglich machen können", sagt Stefan Burkhart. Zumindest das Wunschziel Nordkorea habe er ihm schon ausreden können.

Toskana statt Miami Beach: Die sogenannten Geschlechtertürme sind das Wahrzeichen von San Gimignano © picture-alliance/dpa/Gernhoefer Toskana statt Miami Beach: Die sogenannten Geschlechtertürme sind das Wahrzeichen von San Gimignano

Aber viele andere werden auf Urlaubsreisen in der nächsten Zeit verzichten müssen. "Familien zum Beispiel, in der einer durch die Krise arbeitslos geworden ist oder sich mit Kurzarbeitergeld über Wasser halten muss, die werden in nächster Zeit nicht verreisen können", ergänzt Heike Werner.

Die nächsten Ziele der beiden Reiseprofis sind ebenfalls noch bestimmt von Einschränkungen, welche die ehemals so selbstverständliche Reisefreiheit behindern. Stefan Burkhart wird als nächstes nicht nach Florida reisen, sondern er fliegt für drei Tage nach Barcelona. Und Heike Werner wird die nächste Kreuzfahrt auf unbestimmte Zeit verschieben. Sie verreist stattdessen mit dem Auto in die Toscana.

Autor: Andreas Kirchhoff

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