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Konjunktur: „Die guten Zeiten sind vorbei“ – Exportflaute dämpft das deutsche Wachstum

Handelsblatt-Logo Handelsblatt 10.01.2019 Häring, Norbert Riedel, Donata Sommer, Ulf Specht, Frank
Konsum wird zur Hoffnung der Konjunktur. © ullstein bild - CARO / Andreas B Konsum wird zur Hoffnung der Konjunktur.

Ökonomen sind uneins, ob die Binnenkonjunktur die Schwäche der Außenwirtschaft auffangen kann. Der Konsum wird zum Hoffnungsträger der Konjunktur.

Bei den deutschen Exporteuren herrscht „Moll-Stimmung“. So fasst DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier die Lage zusammen, nachdem am Mittwoch das Statistische Bundesamt die Novemberzahlen zum Auslandsgeschäft veröffentlicht hat. 0,4 Prozent weniger als im Vormonat exportierte die Industrie. Die Importe verringerten sich gar um 1,6 Prozent. „Die guten Zeiten sind vorbei“, sagte BDI-Präsident Dieter Kempf. Der BDI senkte seine Wachstumsprognose für 2018 von zwei auf 1,5 Prozent.

In Amerika, Asien und vor allem Europa schwächt sich nach jahrelangem Boom die Wirtschaft ab. Angesichts vorangegangener hoher Nachfrage hatten die Unternehmen ihre Kapazitäten ausgebaut. Jetzt sinkt die Nachfrage, und deshalb fallen die Weltmarktpreise für viele produzierte Waren, etwa für chemische Grundprodukte. Darunter leidet die exportstarke deutsche Chemiebranche, wie sinkende Gewinne bei BASF und Covestro zeigten.

Darüber hinaus belastet der weltweite Handelskonflikt. Betroffen sind vor allem die Autobauer und ihre vielen Zulieferer. So verteuern sich für BMW und Daimler in den USA produzierte und von dort nach China exportierte Geländewagen angesichts immer neuer Zölle und Gegenzölle. Beide Autobauer haben ihre Aktionäre mit Ertragswarnungen auf schwierigere Zeiten eingestimmt.

Der schwache Außenhandel gilt DIW-Konjunkturchef Claus Michelsen als Ursache für die am Vortag von den amtlichen Statistikern gemeldeten rückläufigen Produktionszahlen: Sie waren im November um 1,9 Prozent gegenüber Oktober gesunken.

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Er ist deshalb in das Lager jener Ökonomen gewechselt, die nach einem Wachstumsrückgang im dritten Quartal auch im Schlussquartal 2018 allenfalls mit Stagnation, womöglich sogar mit einer erneut schrumpfenden Wirtschaft rechnen.

Doch während das Auslandsgeschäft schwächelt, gibt es seitens der heimischen Nachfrage Grund für Optimismus. „Ich erwarte einen deutlichen Konjunkturimpuls aus den Arbeitnehmerentlastungen“, sagte Michelsen. Er beziffert ihn mit 0,3 bis 0,4 Prozent des BIP Gustav Horn, Chef des Gewerkschaftsinstituts IMK, kalkuliert, dass die staatliche Finanzpolitik 2019 das Bruttoinlandsprodukt um 0,5 Prozent nach oben treiben wird.

Dass der Anteil der Binnenwirtschaft am Wirtschaftsgeschehen zunimmt und damit die Exportabhängigkeit mildert, zeigt sich im Jahresvergleich der Außenhandelszahlen: Während die Exporte saison- und kalenderbereinigt im November auf Vorjahresniveau verharrten, stiegen die Importe um 3,8 Prozent. Das deutet auf eine höhere Inlandsnachfrage hin.

Auch im laufenden Jahr dürfte es so weitergehen. „Die Lohnsumme wird in diesem Jahr kräftig steigen“, begründet Horn seinen Optimismus. Mit einer Wachstumsprognose von 1,7 Prozent für dieses Jahr bewegt sich das IMK am oberen Rand der Vorausschätzungen, die durchschnittlich bei 1,5 Prozent liegen.

Für die Industriekonzerne allerdings vermag der Binnenmarkt die Schwächen aus dem Ausland nicht zu kompensieren. Mehr als zwei Drittel ihrer Umsätze erwirtschaften die 100 größten börsennotierten Unternehmen in der Fremde, im Mittelstand liegt der Anteil bei 50 Prozent.

Stefan Kooths, Konjunkturchef des IfW in Kiel, ist optimistisch, dass eine Kompensation kaum nötig sein wird. Er sieht nur eine leichte Abschwächung der Weltkonjunktur voraus. Sie könnte dadurch mehr als ausgeglichen werden, dass Sonderfaktoren, die den deutschen Export gebremst haben, auslaufen.

Aus Sicht der Gewerkschaften und über alle Branchen betrachtet trägt der Binnenkonsum erheblich zur Stabilisierung der Konjunktur bei. „Die deutsche Wirtschaft wird in erster Linie vom Binnenmarkt getragen, der von der Kaufkraft der Beschäftigten abhängt. Wer die Kaufkraft schwächt, schwächt die Wirtschaft“, sagte Verdi-Chef Frank Bsirske im Vorfeld der am 21. Januar beginnenden Tarifverhandlungen für eine Million Tarifbeschäftigte der Länder. 2018 sind die Tariflöhne nach der Bilanz des gewerkschaftsnahen WSI-Forschungsinstituts um drei Prozent gestiegen.

Weil viele der 2018 abgeschlossenen Verträge mehrere Stufen vorsehen, sind auch für 2019 weitere Erhöhungen absehbar, die sich laut WSI zwischen 2,0 und 3,6 Prozent bewegen. So bekommen die fast 3,5 Millionen Beschäftigten der industriellen Schlüsselbranche Metall und Elektro im Juli 27,5 Prozent eines Monatsentgelts und zusätzlich 400 Euro obendrauf. Für die gut 1,2 Millionen Arbeitnehmer beim Bund und bei den Kommunen greift im April eine zweite Stufenerhöhung um knapp 3,1 Prozent. Die 700.000 Bau-Beschäftigten bekommen hohe Einmalzahlungen. Neu verhandelt werden in diesem Jahr Tariflöhne und -gehälter für 7,3 Millionen Beschäftigte.

Ökonomen sind sich jedenfalls im Rückblick auf 2018 uneins, ob es eine kleine Rezession gegeben hat. Am kommenden Dienstag erwarten sie Klarheit aus den Jahreszahlen zum Wirtschaftswachstum des Statistischen Bundesamts. Ralph Wiechers, Chefökonom des Maschinenbauverbands VDMA, etwa rechnet nach dem schwachen dritten Quartal durchaus mit Wachstum im Schlussquartal. Seine Branche zeigte am Mittwoch ein gemischtes Bild: Die Auslandsaufträge legten im November um zwei Prozent zu, die Inlandsaufträge nahmen um drei Prozent ab.

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