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Peinlich, dumm oder Pech? Das seltsame Corona-Fiasko der Meyer-Werft-Chefs

WELT-Logo WELT 26.05.2020 Birger Nicolai
Nach einem Corona-Ausbruch im Zusammenhang mit einem Restaurantbesuch in Ostfriesland sind auch Mitarbeiter einer Werft in Papenburg in Quarantäne. Einen entsprechenden Bericht des NDR bestätigte ein Firmensprecher. Quelle: WELT © WELT Nach einem Corona-Ausbruch im Zusammenhang mit einem Restaurantbesuch in Ostfriesland sind auch Mitarbeiter einer Werft in Papenburg in Quarantäne. Einen entsprechenden Bericht des NDR bestätigte ein Firmensprecher. Quelle: WELT

Fast 6000 Werftarbeiter schrauben und hämmern gerade an drei großen Kreuzfahrtschiffen auf der Meyer Werft in Papenburg. Doch bei der Arbeit ist nichts wie früher. Jeder Beschäftigte kommt in Arbeitsmontur, weil die Umkleiden und Waschräume geschlossen sind. Jeder ist einem Eingangstor, einer Zone und einer Gruppe zugeordnet, die er nicht verlassen darf.

Geländepläne mit verschiedenen Farben, Zugängen und Wegführungen helfen dabei, die Arbeitstage trotz der Corona-Pandemie, soweit es geht, sicher zu gestalten. Bislang gelingt es dadurch, die Zahl der Infizierungen mit dem Virus auf dem riesigen Gelände im einstelligen Bereich zu halten.

Doch nun wird die Werft in Familienhand von einem ganz anderen Corona-Fall getroffen, dessen Schauplatz einige Kilometer von dem Werksgelände im Emsland entfernt liegt. Dort, in dem beschaulichen Ort Jheringsfehn, hat eine Gruppe von etwa 40 Frauen und Männern die Wiedereröffnung eines Restaurants gefeiert, einige von ihnen haben sich dabei mit dem Virus angesteckt. Der zuständige Landrat geht dem Verdacht nach, dass während der Feier die Schutzregeln gegen das Coronavirus missachtet worden seien.

23.05.2020, Niedersachsen, Leer: Hinweisschilder stehen vor dem Restaurant "Alte Scheune". Nach dem Besuch des Lokals im Landkreis Leer sind mehrere Menschen positiv auf das Coronavirus getestet worden. Foto: Lars-Josef Klemmer/dpa - ACHTUNG: Kontaktdaten aus rechtlichen Gründen gepixelt | Verwendung weltweit © picture alliance/dpa 23.05.2020, Niedersachsen, Leer: Hinweisschilder stehen vor dem Restaurant "Alte Scheune". Nach dem Besuch des Lokals im Landkreis Leer sind mehrere Menschen positiv auf das Coronavirus getestet worden. Foto: Lars-Josef Klemmer/dpa - ACHTUNG: Kontaktdaten aus rechtlichen Gründen gepixelt | Verwendung weltweit

Anwesend waren Mitglieder der Geschäftsführung der Meyer Werft – wie etwa die Personalchefin. Nach Informationen des Norddeutschen Rundfunks hat sie sich mit dem Virus angesteckt. Insgesamt befinden sich nach den Angaben mehr als 30 Beschäftigte aus der Chefetage und dem Betriebsrat als direkte oder indirekte Folge des Restaurantabends derzeit in Quarantäne. Die Werft selbst nennt keine Zahlen. Ein Sprecher betont lediglich, dass das Unternehmen „voll handlungsfähig“ sei.

Für die Kreuzfahrtwerft kommt dies alles trotzdem zur Unzeit, denn Meyer steht vor der größten Krise in der 225 Jahre langen Firmengeschichte. Wegen der Corona-Pandemie haben alle großen Kreuzfahrtreedereien ihre Schiffe vor Anker gelegt und sämtliche Reisen abgesagt. Wann sie wieder starten oder gar Neubauten benötigen werden, ist völlig offen.

Werftgründer Bernhard Meyer sowie seine beiden Söhne bemühen sich gerade, vom Land Niedersachsen sowie vom Bund Kredite und Hilfen über mehr als eine Milliarde Euro zu bekommen.

Zudem müssen Verhandlungen darüber geführt werden, wie die geringere Auslastung der Werft umgesetzt werden kann. Die Rede ist davon, dass rund 40 Prozent der Kapazitäten heruntergefahren werden müssen. Aber persönliche Treffen mit Politikern, Arbeitnehmervertretern oder auch Kunden zu all diesen Themen sind derzeit nun nicht möglich.

Vier Tage nach der Restaurantfeier fand auf der Werft eine groß angelegte Sitzung zwischen der Geschäftsleitung und dem Betriebsrat statt, die unter anderem von der Personalchefin geleitet wurde. „Wir haben in dem großen Raum zwar Abstand gehalten, aber ein Mundschutz war keine Pflicht“, sagte Betriebsratschef Nico Bloem WELT.

Konferenz nach der Corona-Feier

Wenig später wurden die Fälle aus dem Restaurant bekannt. Und wiederum kurze Zeit danach schickten die Gesundheitsbehörden sämtliche Teilnehmer der Konferenzrunde in Zwangsquarantäne. Insgesamt sind mittlerweile 118 Personen von den Auflagen betroffen. Mit dabei ist nahezu das gesamte Betriebsratsgremium wie auch der Meyer-Juniorchef.

Die Arbeitnehmervertreter fragen sich, warum die Geschäftsführung der Werft bei einer Feier ein Risiko eingegangen sei. „Wenn sich der Verdacht bestätigt, dass dabei gegen Schutzbestimmungen verstoßen worden ist, wäre das ein starkes Stück und unverantwortlich“, sagte Betriebsratschef Bloem. Schließlich werde auf dem Werftgelände von jedem Beschäftigten erwartet, dass er sich strikt an die Auflagen halte.

Was genau sich in dem Restaurant abgespielt hat und wie es zu der hohen Zahl an Infektionen kommen konnte, das wollen die Behörden des Landkreises Leer gerade herausfinden. Vermutet wird, dass es in dem Lokal Verstöße gegen Auflagen gegeben hat.

Eine Befragung der Gäste hätte dafür Indizien geliefert, heißt es. Danach hätten sich Besucher der geschlossenen Feier die Hände gereicht, Abstände nicht eingehalten und keinen Mund-Nasen-Schutz getragen.

Der Betreiber des Restaurants wiederum bestreitet dies. Der zuständige Landrat Matthias Groote aus Leer hat dennoch gegen ihn ein Ordnungswidrigkeitenverfahren eingeleitet. Laut dem Bußgeldkatalog des Landes drohen Geldstrafen von bis zu 25.000 Euro.

Dabei stehen in diesen Tagen Gespräche auf der Werft in den Leitungsgremien an. Neben dem Wirtschaftsausschuss betrifft dies die Fortsetzung der Kurzarbeit. „Diese Themen pausieren nicht“, sagte Betriebsratschef Bloem. Derzeit arbeiten die Beschäftigten fünf Wochenstunden weniger. Diese Regelung läuft Ende Juni aus.

Strittig ist zudem, wie viele der rund 4000 Fremdarbeiter auf der Werft in Zukunft noch benötigt und beschäftigt werden. Rund zwei Drittel der Arbeit an den Schiffen lässt Meyer von Fremdfirmen erledigen, die zu deutlich geringeren Stundenlöhnen arbeiten und zum Großteil aus Ländern wie Rumänien, Polen oder den baltischen Staaten kommen.

Betriebsrat und Gewerkschaft IG Metall wollen erreichen, dass die Stammbelegschaft so weit wie möglich ihre Arbeit behält und Fremdarbeit abgebaut wird.

Werfteigentümer und Geschäftsführer Bernard Meyer hat zuletzt in einem Video an die Belegschaft die Auswirkungen der Lage im Kreuzfahrtmarkt auf sein Unternehmen als sehr dramatisch beschrieben.

Meyer rechnet bis zum Jahr 2023/24 mit keinen Bestellungen für Neubauten. „Die Folge wäre eine deutlich geringere Arbeitslast, die letztlich dazu führt, dass wir auch über einen Personalabbau nachdenken müssen“, sagte Meyer. Bei den Konferenzen darüber hat die Geschäftsleitung inzwischen das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes vorgeschrieben.

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