Sie verwenden eine veraltete Browserversion. Bitte verwenden Sie eine unterstütze Versiondamit Sie MSN optimal nutzen können.

Projekt „Red Balloon“ – wie Tausende Unternehmen die Impf-Verweigerung befeuern

WELT-Logo WELT 22.11.2021 Stefan Beutelsbacher
Protest gegen Corona-Impfungen in New York: Skeptiker können es sich leisten, Jobs mit Impfzwang auszuschlagen Quelle: picture alliance / ZUMAPRESS.com © picture alliance / ZUMAPRESS.com Protest gegen Corona-Impfungen in New York: Skeptiker können es sich leisten, Jobs mit Impfzwang auszuschlagen Quelle: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Auf den ersten Blick wirken die Inserate sehr unterschiedlich. Ein Möbelhaus in Colorado sucht einen neuen Buchhalter. Eine Autowerkstatt in Indiana will einen Kfz-Mechatroniker einstellen. Eine Spedition in Maine benötigt mehrere Lastwagenfahrer. Tatsächlich aber haben all diese Angebote auf dem amerikanischen Jobportal Red Balloon etwas gemeinsam: Sie richten sich explizit an Bewerber, die keine Corona-Impfung wollen.

Red Balloon ging im August dieses Jahres online. Konzerne wie Google, Ford und General Electric meiden die Seite, aber Tausende kleine Unternehmen aus fast allen US-Bundesstaaten werben dort um Mitarbeiter. Das Portal ist zu einer Art Auffangbecken für Amerikas Impfskeptiker geworden. Zur letzten Hoffnung für jene Bürger, die Vakzine ablehnen und deshalb ihre Jobs verloren haben.

„Unsere Seite bringt Jobsuchende mit Arbeitgebern zusammen, die keinen Wert auf eine Impfung legen“, sagt der Gründer Andrew Crapuchettes. Er bezeichnet Red Balloon als moderne „Underground Railroad“. Das ist ein – milde gesagt – schiefer Vergleich: Die Underground Railroad war ein Netzwerk aus geheimen Routen, über das im 19. Jahrhundert Zehntausende Sklaven aus den Südstaaten der USA in den sicheren Norden flohen.

„Die meisten Manager befürworten Impfungen“

Die Popularität von Red Balloon ist stark gestiegen, seit US-Präsident Joe Biden im September eine Impfpflicht für alle Mitarbeiter der Bundesbehörden und des öffentlichen Gesundheitswesens erließ. Auch größere Unternehmen, verfügte Biden, müssen den Corona-Piks verlangen oder ihre Angestellten wöchentlich testen lassen. Mehrere Städte folgten Bidens Beispiel und führten ähnliche Regeln ein. Doch viele Bürger waren damit nicht einverstanden – und kündigten ihre Jobs.

In New York etwa quittierten Tausende Polizisten und Feuerwehrleute den Dienst, nachdem Bürgermeister Bill de Blasio die Impfung für alle Beschäftigten der Stadt zur Pflicht gemacht hatte. Einige von ihnen dürften mittlerweile bei Red Balloon nach einer neuen Stelle suchen.

Sechs von zehn amerikanischen Firmen wollen ihren Mitarbeitern die Impfung vorschreiben, zeigt eine Umfrage der US-Handelskammer. Vier von zehn sind sogar bereit, jene, die sich weigern, zu entlassen. „Die meisten Manager hier“, sagt Tom Sullivan, bei der Handelskammer für kleine Unternehmen zuständig, „befürworten Impfungen.“

Red Balloon sucht nach Schlupflöchern

Unter den Angestellten ist die Skepsis aber oft groß. Vakzine sind in den USA überall kostenlos verfügbar, dennoch ließen sich erst 59 Prozent der Bevölkerung immunisieren. Zum Vergleich: In Deutschland waren es bisher 68 Prozent. Derzeit liegen ungefähr so viele Amerikaner mit Covid-19 im Krankenhaus wie vor einem Jahr, als es noch keine Impfstoffe gab.

Vor allem in den südlichen Bundesstaaten ist die Zahl der Infektionen hoch. Viele republikanische Gouverneure dort halten nichts von Schutzmaßnahmen, verteufeln sie als Symbole von Kontrolle und Unterdrückung.

Auch Crapuchettes bezeichnet Bidens Maßnahmen als „Tyrannei“. Er ruft implizit zur „Rebellion“ auf. Seine Möglichkeiten sind begrenzt. Denn nur Betriebe, die weniger als 100 Mitarbeiter beschäftigen, sind von Bidens Impfregeln ausgenommen.

Doch Red Balloon sucht nach Schlupflöchern. Ein Anwalt rät auf der Internetseite zur Umstrukturierung: Unternehmen sollten erwägen, sich in mehrere Tochtergesellschaften aufzuteilen – eine jede mit weniger als 100 Beschäftigten. Die Manager, schreibt der Anwalt, könnten Angestellte auch ermutigen, ihre Arbeit künftig als Freiberufler zu erledigen. Auch so lasse sich die Personalgröße drücken und Bidens Impfzwang womöglich umgehen.

Ein dritter Rat von Red Balloon: Firmen könnten sich einfach weigern, von ihren Mitarbeitern einen Impfnachweis zu verlangen. Die amerikanischen Behörden, so der Anwalt, hätten kaum genügend Personal, um die Einhaltung der Regeln in jedem Betrieb zu kontrollieren und massenhaft Bußgelder zu verhängen.

Unternehmen fehlt Personal

Ein Portal wie Red Balloon sagt auch etwas über den Zustand des amerikanischen Arbeitsmarkts aus. Es zeigt, dass Bewerber wählerisch sein können. Dass Vakzinskeptiker es sich leisten können, Jobangebote von Firmen auszuschlagen, die eine Impfung verlangen.

Denn in den USA herrscht ein extremer Mangel an Beschäftigten. „Diese Situation“, sagt der Experte Sullivan, „bedroht die wirtschaftliche Erholung unseres Landes.“

Die Arbeitslosenquote sank im Oktober auf 4,6 Prozent. Viel tiefer dürfte sie kaum fallen. Denn etliche Amerikaner wollen oder können derzeit keiner Beschäftigung nachgehen. Mütter und Väter bleiben zu Hause, weil Kindergärten geschlossen sind. Ältere, die während der Corona-Lockdowns entlassen wurden und vorgesorgt hatten, gingen in Rente. Einige Menschen machten sich selbstständig, andere trauen sich aus Angst vor dem Virus nicht zurück ins Büro.

All das ermöglicht Impfgegnern nun den Luxus, sich auf dem Portal von Andrew Crapuchettes zu registrieren. Und nach Firmen zu suchen, die sich nicht groß um Corona kümmern.

„Alles auf Aktien“ist der tägliche Börsen-Shot aus der WELT-Wirtschaftsredaktion. Jeden Morgen ab 7 Uhr mit unseren Finanzjournalisten. Für Börsenkenner und -einsteiger. Abonnieren Sie den Podcast bei Spotify, Apple Podcast, Amazon Music und Deezer. Oder direkt per RSS-Feed.

| Anzeige
| Anzeige

Mehr von WELT

| Anzeige
image beaconimage beaconimage beacon