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Rentenerhöhung wegen Inflationsfolgen? : Ökonomen für Rente ab 70 - Kühnert: "Feuchte neoliberale Träume"

Tagesspiegel-Logo Tagesspiegel 18.05.2022 Georg Ismar, Heike Jahberg, Thorsten Mumme

Mehr Arbeitskräfte durch längeres Arbeiten = weniger Inflation? Diese Rechnung von Ökonomen bringt SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert in Rage.

SPD Generalsekretär Kevin Kühnert ist klar gegen die Rente ab 70. © Foto: IMAGO/Emmanuele Contini SPD Generalsekretär Kevin Kühnert ist klar gegen die Rente ab 70.

Für Kevin Kühnert ist die Idee eine „gefühllose Entgleisung“. „Die SPD wird nicht zulassen, dass Rentner zu Inflationstreibern und volkswirtschaftlichen Risikofaktoren erklärt werden“, sagt der Generalsekretär dem Tagesspiegel mit Blick auf einen Vorstoß von Ökonomen, wegen der Inflation und des Fachkräftemangels die Rente ab 70 zu prüfen. „ Das ist respektlos. Schon jetzt erreichen viele in ihrem erlernten Beruf nicht das Renteneintrittsalter, weil sie einfach nicht mehr können, weil harte Arbeit nun einmal hart in die Knochen geht“, sagt Kühnert.

Kühnert nimmt damit Bezug auf Forderungen, die Ökonomen in der „Bild“-Zeitung formuliert hatten. Dort wurde mit folgendem Zusammenhang argumentiert: Der demografische Wandel führe dazu, dass es weniger Arbeitskräfte gibt. So verschärfte sich der Wettbewerb um Fachkräfte und damit stiegen die Gehälter, was wiederum die Inflation anheize.

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Wie Ökonomen wegen der Risiken durch die Inflation die Rente ab 70 begründen

Die Schlussfolgerung: Ein höheres Renteneintrittsalter führt zu mehr Arbeitskräften – und tritt damit der Inflation entgegen. „Der Mix aus alternder Gesellschaft, hoher Verschuldung und Energiewende wird in den nächsten Jahren zu einer steigenden Gefahr für die Preisstabilität“, wird der Vizepräsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Stefan Kooths, zitiert.

Wirtschaftsforscher Gunther Schnabl bestätigt in der „Bild“: „Deutschland hat schon heute ein riesiges Fachkräfteproblem, Hunderttausende Stellen sind unbesetzt.“ Auf Tagesspiegel-Nachfrage führt er aus: Folge man der beschriebenen Hypothese, dann könne über eine Erhöhung des Arbeitsangebots der Anstieg von Löhnen und Preisen abgemildert werden. „Das kann über die Anhebung des Renteneintrittsalters, die Kürzung der Ausbildungszeiten und die Erhöhung der Erwerbsquote erfolgen.“

Der Professor der Universität Leipzig und langjährige Kritiker der expansiven Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) will den Arbeitsmarkt aber nicht als Hauptursache für die Inflation verstanden wissen. „Einerseits wurde sehr viel Geld in den Umlauf gebracht, was die Preise nach oben treibt“, so Schnabl. „Andererseits begünstigen die niedrigen Zinsen und die Staatsanleihekäufe der EZB die Regulierung.“ Darin liegt aus seiner Sicht die derzeitige Inflation begründet.

Andere Ökonomen skeptisch

Auch andere Ökonomen sehen eine Erhöhung des Renteneintrittsalters zur Bekämpfung der Inflation skeptisch. Das sei keine zielführende Maßnahme, sagte Sebastian Dullien, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, dem Tagesspiegel.

„Die Inflation ist derzeit von hohen Energiepreisen und hohen Lebensmittelpreisen getrieben, nicht von einem übermäßigen Lohndruck“, meint er. „Gegen diese hohen Energie- und Nahrungsmittelpreise hilft eine Verlängerung des Renteneintrittsalters nichts.“ Mangel an Arbeitskräften sei weder in Deutschland noch bei den wichtigsten Ländern, aus denen die Bundesrepublik Importe bezieht, derzeit ein relevanter Inflationsfaktor.

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Bisher gehen die Bürger im Schnitt mit 64,2 Jahren in Rente

Wenig überraschend dürfte die Rente mit 70 auch in der Bevölkerung nur wenige Anhänger finden. Das durchschnittliche Alter, in dem die Menschen hierzulande tatsächlich in Rente gehen, liegt nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung bei 64,2 Jahren. Dabei müssten Menschen, die in diesem Jahr erstmals eine reguläre Altersrente beziehen, eigentlich 65 Jahre und elf Monate abwarten, bis sie ohne Abschläge Rente beziehen können. Bis zum Jahr 2031 soll diese Grenze auf 67 erhöht werden.

Allerdings gibt es Ausnahmen. Wer Jahrgang 1957 ist und 45 Versicherungsjahre zusammen hat, kann in diesem Jahr mit 63 Jahren und zehn Monaten ohne Abschläge in Rente gehen. Wer „nur“ auf 35 Versicherungsjahre kommt, kann zwar auch jetzt schon Rentner werden, wenn er Jahrgang 1957 ist, muss allerdings Rentenabschläge von 10,5 Prozent hinnehmen.

Ampel bisher gegen höheres Renteneintrittsalter

Im Koalitionsvertrag haben SPD, FDP und Grüne beschlossen, in dieser Legislaturperiode weder das Renteneintrittsalter weiter als bereits beschlossen zu erhöhen noch das Rentenniveau zu senken. Rentenexperten sehen das kritisch. So warnte der Wissenschaftliche Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium schon vor knapp einem Jahr vor „schockartig steigenden Finanzierungsproblemen“. „In den nächsten drei, vier Jahren gehen die geburtenstarken Jahrgänge in Rente, das heißt, es kommen mehr als drei Millionen neue Rentner dazu“, sagte Beiratsmitglied und Rentenexperte Axel Börsch-Supan im Tagesspiegel-Interview. „Wenn man alles beim alten lässt, muss das ja irgendwie finanziert werden.“ Der Beirat empfiehlt daher das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung zu koppeln. Gemäß den derzeitigen Prognosen der Lebenserwartung würde mit einer solchen Regel das Rentenalter im Jahr 2042 68 Jahre erreichen.

Kühnert sieht feuchte Träume bei Neoliberalen

Wie emotional das Ganze  ist - und ein Mobilisierungsthema für die SPD nach den jüngsten Wahlschlappen, wird schon an der Wortwahl von Kühnert deutlich. „Die SPD akzeptiert nicht, dass das Thema Inflation von den immer gleichen Leuten dafür benutzt wird, ihre feuchten neoliberalen Träume der Vergangenheit heute im Angesicht von drohenden sozialen Schieflagen Wirklichkeit werden zulassen.“ Das Problem seien doch nicht die Rentner oder die zukünftigen Rentner, „sondern das Problem sind zu geringe Löhne“, betont Kühnert. "Dafür kämpfen die Gewerkschaften in den laufenden Tarifrunden. Und dafür sorgen wir in der Bundesregierung mit einer Erhöhung des Mindestlohns auf 12 Euro und mit der Stärkung der Tariftreue, damit staatliche Aufträge an faire Löhne geknüpft werden."

Er versucht damit, diese Debatte gar nicht erst aufkommen zu lassen - auch Kanzler Olaf Scholz (SPD) ist dagegen.

"Längere Lebensarbeitszeit bedeutet für viele Menschen schlicht längere Unsicherheit. Und das ist in Zeiten der Krise das absolut falsche Signal", macht Kühnert klar. "Wer als Rentner heute die Zeitung aufschlägt und lesen muss, dass sich die operativen Gewinne der meisten DAX-Konzerne gerade massiv erhöht haben, dass man selbst aber mit seiner Rente von im Schnitt 1200 € ein Problem darstelle, der kommt sich zurecht respektlos behandelt vor."

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