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Schwangerschaftsabbruch: "Ich habe keinen Eid auf einen Zellklumpen geschworen"

ZEIT ONLINE-Logo ZEIT ONLINE 06.08.2022 Johanna Roth

Im US-Bundesstaat Tennessee sind Schwangerschaftsabbrüche bald weitgehend verboten. Die Ärztin Katrina Green über die Folgen für ihre Arbeit und warum sie weitermacht

Mehrere US-Bundesstaaten haben nach der Aufhebung von © Gina Ferazzi/​Los Angeles Times/​Getty Images Mehrere US-Bundesstaaten haben nach der Aufhebung von

Nachdem der Supreme Court die Grundsatzentscheidung Roe versus Wade zum Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch wieder aufgehoben hatte, haben mehrere US-Bundesstaaten ihre Rechtslage entsprechend verschärft. In Tennessee gilt schon seit Ende Juni ein sogenanntes "heartbeat law", ein Verbot von Abbrüchen, nachdem ein embryonaler Herzschlag feststellbar ist. Ab Ende August tritt dann der "Tennessee Human Life Protection Act" in Kraft, ein Gesetz, das Schwangerschaftsabbrüche selbst in diesen ersten sechs Wochen verbietet. Es sieht auch keine Ausnahmen etwa für Schwangerschaften nach Vergewaltigungen vor, wie sie in anderen Bundesstaaten üblich sind.

Warum das Verbot das Leben zahlreicher Schwangerer und auch anderer Frauen gefährdet, erklärt Dr. Katrina Green. Sie arbeitet als Notfallmedizinerin an einem Krankenhaus in Nashville.

ZEIT ONLINE: Dr. Green, Sie sind keine Gynäkologin, sondern Notärztin. Welche Rolle spielt die Behandlung von Schwangeren bei Ihrer Arbeit?

Katrina Green: Als Notaufnahme sind wir die Drehtür für die große Mehrheit aller Patientinnen, die in ein Krankenhaus kommen. Es gibt eine Menge Situationen, die mit Gynäkologie und Geburtshilfe zu tun haben. Frauen, die eine Fehlgeburt erleiden, landen ganz überwiegend zuerst bei uns. Ich behandele aber auch viele Frauen, die nicht oder nur unzureichend versichert sind und deshalb nicht einfach so zum Arzt gehen, wenn sie Beschwerden wie Blutungen oder Unterleibsschmerzen haben. Eileiterschwangerschaften sind selten, aber auch die gibt es, und sie gehören gemeinsam mit Fehlgeburten zu den Dingen, die uns hier gerade besonders Sorgen bereiten.

ZEIT ONLINE: Wie kommt das? 

Green: Ich kann Ihnen nicht sagen, wie viele Frauen ich schon behandelt habe, die dachten, sie seien in der 12. Schwangerschaftswoche, und dann zeigte der Ultraschall, dass der Embryo sich nicht über die sechste Woche hinaus entwickelt hatte. Je länger dieses tote Gewebe im Körper bleibt, desto wahrscheinlicher ist es, dass sich eine Infektion entwickelt – eine potenziell lebensbedrohliche Situation. Üblicherweise würden wir deshalb so rasch wie möglich diesen Spontanabort – so heißen Fehlgeburten medizinisch gesprochen – vollenden. Aber mit der neuen Rechtslage stehen wir plötzlich vor der Aussicht, damit eine Straftat zu begehen.

ZEIT ONLINE: Wie läuft so eine Behandlung dann künftig ab?

Green: Da kommen wir zu einem weiteren Problem: Das weiß ich nicht. Ich habe bis heute keine Anweisung oder Hilfestellung meines Arbeitgebers bekommen. Was aber schon jetzt klar ist: Über Ausnahmen bei Lebensgefahr für die schwangere Frau wird erst im Nachhinein entschieden. Das neue Gesetz folgt dem juristischen Grundsatz der "affirmative defense". Das heißt, ich als Ärztin werde zunächst angeklagt und habe erst dann die Möglichkeit, zu belegen, dass ich das Recht hatte, eine medizinisch notwendige Maßnahme zu ergreifen und die Schwangerschaft zu beenden, um das Leben der Frau zu retten.


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ZEIT ONLINE: Nimmt man das Risiko im Zweifelsfall in Kauf, wenn es schnell gehen muss?

Green: Nicht nur ich bin dabei involviert, sondern auch ein Krankenhaus, das nicht gerade wild darauf ist, verklagt zu werden. Ich werde also vor dem weiteren Verlauf der Behandlung Anwälte der Klinik kontaktieren müssen oder meinen Vorgesetzten fragen, ob er sich zuständig fühlt. Und wenn nicht, wen ich sonst anrufen soll. Anstatt, dass wir unseren Job machen, müssen wir also mit der Verwaltung diskutieren, was wir tun können und wie schlecht es unseren Patientinnen dafür gehen muss. Die Verzögerung, die dabei entsteht, bedeutet nicht nur Gefahr für die Frau.

ZEIT ONLINE: Können Sie ein Beispiel nennen?

Green: Vielleicht kennen Sie die Folge aus der Serie Emergency Room, wo eine Schwangere mit Eklampsie in der Notaufnahme einen epileptischen Anfall hat. Die medizinische Antwort auf so einen Notfall ist: Der Fötus muss entbunden werden, egal in welchem Entwicklungsstadium. Man versucht also schnellstens, den Anfall medikamentös in den Griff zu bekommen, und dann geht es sofort in den OP. Wenn ich erst Rücksprache halten und mich erklären muss, habe ich womöglich am Ende zwei Tote. In jedem Fall werden wir mehr Mütter sehen, die sterben. Aber die Auswirkungen dieser ganzen Politik treffen schon jetzt nicht nur schwangere Frauen.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Green: Gerade erst hat mir jemand eine Nachricht geschickt, weil er kein Methotrexat mehr bekam. Das ist ein Medikament, mit der wir Eileiterschwangerschaften behandeln, wenn sie noch nicht zu weit fortgeschritten sind. Es wird aber auch bei Autoimmunerkrankungen verschrieben. Meine Mutter nimmt es gegen ihre rheumatoide Arthritis, andere nehmen es gegen Lupus, es kommt auch gegen Krebs zum Einsatz. Nun aber weigern sich Apotheken hier in Tennessee und in anderen Bundesstaaten, Frauen im gebärfähigen Alter dieses Medikament auszuhändigen, weil sie sagen: Woher wissen wir, dass Sie nicht abtreiben? Ich sehe in meiner Notaufnahme oft, was passiert, wenn so schwere Erkrankungen außer Kontrolle geraten: Nierenversagen, Blutgerinnsel oder ähnlich Lebensbedrohliches. Ich frage mich, ob die Gesetzgeber sich eigentlich klarmachen, was dieses Verbot für tödliche Folgen hat.

ZEIT ONLINE: Wie bereiten Sie sich mental auf die neue Realität vor?

Green: Die Situation ist heute zum Glück eine andere als vor 50 Jahren, als die Frauen noch auf Kleiderbügel oder Saugrohre zurückgreifen mussten. Aber auch mit den im Internet bestellbaren Medikamenten für einen Schwangerschaftsabbruch kann es schwere Komplikationen geben. Was mache ich also, wenn ich eine Notaufnahme voller Frauen mit Blutungen oder Infektionen habe, noch dazu inmitten einer neuen Covid-Welle? Soll ich dann ein Antibiotikum verschreiben und das Beste hoffen? Ich weiß aus der Pandemie, wie es ist, Menschen nach Hause schicken zu müssen, die ich unter anderen Umständen eigentlich da behalten hätte. Mein Studium hat mich auf diese Situation nicht vorbereitet. Zum Glück bin ich mit vielen gleichgesinnten Ärzten vernetzt. Wir tun, was wir können.

ZEIT ONLINE: Was gehört dazu?

Green: Tennessee ist einer der Staaten, in dem die staatliche Gesundheitsfürsorge Medicaid nicht ausgeweitet wurde. Tausende Frauen haben deshalb keinen Zugang zu Verhütungsmitteln. Ich kann zumindest dazu beitragen, ungewollte Schwangerschaften zu verhindern und das Risiko für Komplikationen bei bestehenden Schwangerschaften zu senken, indem ich die Rolle übernehme, die eigentlich ein Hausarzt haben sollte: aufklären und entsprechende Medikamente verschreiben, ob das nun die Pille ist oder ein Folsäurepräparat. Wir wollen auch Patientinnen darüber informieren, wo Abbrüche noch möglich sind und welche Hilfe sie dabei bekommen können. Bisher zumindest ist das nicht verboten. Für viele Kollegen wird die neue Rechtslage trotzdem ein Grund sein, hier wegzuziehen.

ZEIT ONLINE: Ist das für Sie eine Option?

Green: Der Gedanke ist mir schon gekommen, zumal ich mit meinem Profil vermutlich überall einen Job finden könnte. Ich lebe gern in Tennessee, meine Familie ist hier, und ich werde dafür kämpfen, meinen Job weiter tun zu können. Ich bin auch bereit, mich dafür vor Gericht zu verteidigen. Aber ich werde mir überlegen müssen, wie viele Anklagen ich mir leisten kann. Meine Berufshaftpflicht deckt das nicht ab, es handelt sich ja nicht um einen Kunstfehler, wo zivilrechtlich verhandelt würde. Ich bräuchte eine Strafverteidigung, die ich selbst bezahlen müsste.  

ZEIT ONLINE: Wie fühlen Sie sich, wenn Sie daran denken, warum Sie Ärztin geworden sind?

Green: Ich habe keinen Eid auf einen Zellklumpen geschworen, der in einem Uterus wächst. Sondern auf die atmende, sprechende, fühlende Patientin vor mir. Mein Herz bricht mit jeder Frau in Amerika, die nicht mehr die Möglichkeit hat, darüber zu bestimmen, was mit ihrem Körper geschieht. Wenn man Frauen etwa dazu zwingt, das Baby ihres Vergewaltigers zu bekommen, dann sind sie dazu verdammt, ihn für immer in ihrem Leben zu haben. Ich behandle Vergewaltigungsopfer in meinem Alltag und es ist schwer, nicht mit ihnen zu weinen. 

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